sierra : 15.02 – Rollläden von rostigem Metall. Zerbrochene Leuchtschriftzeichen. Der Fußboden vor dem Laden mit schwarzer Farbe beschmiert. Das Büro der Libyen Air, trostlose Aussicht, als hätte ein ganzes Land seine Fernaugen für immer geschlossen. Gleich links und rechts des eisernen Lids sitzen junge Menschen in Cafés. Dienstag, früher Vormittag, Taxifahrer lungern in der St Pius Street. Ich folge einer Katze, die ihrerseits Gerüchen, Geräuschen, Bewegungen und weiteren unsichtbaren Spuren und Wünschen folgt. Prächtiges Tier, schwarzes, zerzaustes Fell, breiter Kopf, gelbe Augen. Sie scheint ihren Beobachter angenommen zu haben, dreht sich immer wieder einmal nach mir um, als würde sie mich in der Verfolgung ermuntern. Von der Republik Street in die Windmill Street, dann nordwärts die Merchant Street entlang. Schulkinder in Uniformen, ein paar ältere Menschen, Frauen, Männer, in dunkler, feiner Kleidung, kleinere Läden, Süßstoffe im Halbdunkel. Mein Blick einmal zur Katze hin, dann wieder hinauf zu den hängenden Wintergärten an den Fassaden der alten Häuser, die schmal sind, ohne Zwischenräume. In der Old Hospital Street eine verwitterte Tür, die sich im Wind leicht bewegt. Dort verschwindet die Katze. Wildnis ohne Dach. Zitronenbäume entkommen dem Boden. An einer Wand, von Flechten besetzt, ein Ofen. Im Regal gleich darüber, eine Tasse von Porzellan. — stop
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Aus der Wörtersammlung: nordpol
malta : fallschirmregen
nordpol : 16.22 – Aus heiterem Himmel setzt sich vor der Nationalbibliothek eine uralte britische Lady zu mir in den Schatten. Helle, faltige Haut, die sich mit dem Seewind über ihren dürren Körper hinzubewegen scheint. Sie trägt einen grünen Sonnenhut, gelbe Ledersandalen und einen langen beigefarbenen Rock; hellblaue Augen, Stecknadelpupillen, die mich fixieren, kein Lidschlag. Wo ich herkomme, will sie wissen, was ich da notiere, ob ich mit dem Internet verbunden sei. Indem sie mir zuhört, lehnt sie sich in ihren Stuhl zurück, um sich sofort wieder zu nähern, wenn sie selbst zu sprechen beginnt. Dass es ein Wunder sei, wie schnell die Deutschen nach dem Krieg wieder wohlhabend geworden sind. Ja, die Deutschen, sagt sie mit ihrer hellen Stimme, alles, was die Deutschen tun, machen sie gründlich. Einmal, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war, regneten eines frühen Morgens Fallschirme auf die Ebenen Maltas herab. Sie hatten es nicht leicht mit der Landung, da waren überall steinerne Wälle zum Schutz vor dem Wind. Kurz darauf fielen Bomben auf den kleinen Ort Mosta. Wenn Sie Zeit haben, besuchen Sie Mosta, das müssen Sie unbedingt tun! Eine Bombe traf die Kirche, dorthin hatten sich hunderte Menschen geflüchtet, aber die Wände, das Gewölbe waren unbesiegbar gewesen. Eine weitere Bombe traf den Marktplatz und tötete ein Dutzend Hühner. Die alte Frau spricht jetzt langsam und präzise, als erwartete sie, dass ich ihre Erzählung Wort für Wort im Kopf mitschreiben würde. Eine ihrer Schwestern sei verwundet worden, ein Splitter habe den Onkel, der sich auf sie geworfen habe, glatt durchschlagen. Ihr Vater habe dann ein Zelt im Haus für die Familie errichtet, weil das Haus sein Dach verloren hatte durch den Luftdruck, als ein benachbartes Grundstück einen Volltreffer erhielt. Es ist schon ein Wunder, sagt sie und lächelt, es ist schon ein Wunder. - stop
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zero silence
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nordpol : 16.10 — Eine Ahnung. Nicht NULL. Nicht Nichts. Ein Vakuum. Ein Geräusch. — stop

bengasi
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nordpol : 2.17 — Was in der lybischen Stadt Bengasi an der südlichen Grenze Europas demonstrierenden Menschen in diesen Stunden geschieht, wissen wir nicht. — stop

kairobildschirm
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nordpol : 16.15 — Die Welt der großen Koffer, die Welt der grundsätzlichen Diskurse kommt in Bewegung. Das Vermögen, lesen und schreiben zu können, die Freiheit des Denkens, Sprechens, Glaubens, Brot und Zuckerpreise, Korruption, Selbstbestimmung, die Glaubwürdigkeit westlicher Politik, westlicher Kultur. Auf dem Tahrir-Platz wird getanzt, man betet, man feiert Hochzeit, man reicht Wasser, versorgt Wunden, bewacht den Schlaf der Schlafenden. Bedeutendes geschieht. stop. Eine Welle. stop. Zuhören. stop. Lernen. — stop

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nordpol : 18.16 — k n i e k e h l e
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gehen und sitzen
nordpol : 22.15 — Habe schon viel nachgedacht und viel vergessen, während ich ging. Sobald ich spaziere, kommen Gedanken scheinbar aus der Luft. Wenn ich dann sitze auf einem Stuhl vor meiner Schreibmaschine, springen Gedanken aus den Händen, als ob jeder Finger über ein kleines Gehirn für sich verfügte. — stop
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manhattan : eine frau verschwindet und kehrt wieder
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nordpol : 7.05 — Gestern Abend folgte ich mittels der Google-Earthmaschine einer besonderen Route durch das südliche Manhattan. Ich kannte diese Strecke, war dort im Spätsommer des vergangenen Jahres auf eigenen Füßen spaziert, war Malcolm Lowry auf der Spur gewesen, seinen enger und enger werdenden Kreisen, die den Schriftsteller ein halbes Jahrhundert zuvor in das Bellevue Hospital führten, wo er sich, in höchster Not befindlich, vom Schmerzmantel des Alkohols zu befreien suchte. Immer wieder hatte ich damals jene Gegend nahe des East River aufgesucht, sodass ich eine beinahe vertraute Umgebung in digitaler Weise berührte. Gegen Mitternacht dann, ich hatte die Third Avenue gekreuzt, bog ich nach Norden ab, erreichte 30 Minuten später die 70th Straße. Da war an einer Ecke ein kleiner Laden, an den ich mich erinnerte. Versuchte ihm näherzukommen, zoomte heran, aber dann überquerte ich im Sprung die Straße mittels einer zarten Bewegung der Mouse, bewegte mich im Kreis und bemerkte in diesem Augenblick, dass eine Frau mit Hund, die gerade noch die Straße in nächster Nähe überquert hatte, verschwunden war, indem ich die Kreuzung von Osten her betrachtete. Auch war die Straße dunkler geworden, als wäre kurz zuvor Regen gefallen oder die Dämmerung des Abends eingetroffen. Um ein paar weitere Meter gedreht, war die Frau dann wieder da gewesen und ihr Hund, den Schwanz erhoben, und die Straße trocken. Eine Kreuzung, so mein Eindruck, gefalteter Zeit. Ich muss das beobachten. — stop



