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nordpol : 8.08 — Hibiscilli? Cucurrucu! Cucurrucu!

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nordpol : 8.05 — Ich muss eine bemerkenswerte Erscheinung gewesen sein. Stand vor dem Schreibtisch, hatte meinen rechten Arm senkrecht in die Luft gestreckt, übte mit dem Zeigefinger die kreisende Bewegung eines Propellers. Beobachtete das subkutane Spiel der Muskeln, bemerkte weitere Bewegung unter dem Hemd, krempelte das Hemd bis zum Ellenbogen hoch. stop. Die kleine uralte Narbe am Daumen. stop. Spur einer großen Geschichte. stop. Der Geschmack von Honig im Mund. Das Summen der Bienen. Die nackten Beine eines Mädchens. Ihre heiße Hand, die meinen schwellenden Daumen untersucht. Atem, der kühl ist. Eine helle Stimme, so viele Jahre alt. Sommerblumen. Wolken. Schlaf. Das schmelzende Eis auf meiner Stirn. — stop

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~ : geraldine
to : louis
subject : EIN WUNDER GESCHIEHT
Als es noch dunkel war, bin ich wach geworden, weil das Schiff unter mir schlingerte. Wasser schlug gegen das Bullauge über meinem Bett. Ich setzte mich auf und spürte, dass ich an diesem Tag Kraft haben würde. Ich hatte so viel Kraft, dass ich mühelos meinen Bademantel und meine Jacke anziehen konnte. Nur als ich mir die Schuhe binden wollte, wurde mir schwindelig und ich wäre um ein Haar umgefallen. Wissen Sie, Mr. Louis, dass ich plante, ganz allein für mich das Hauptdeck zu erklimmen. Verrückt, finden Sie nicht auch? Ich konnte mich kaum auf den Beinen halten, weil der Seegang mich schaukelte, aber ich schaffte eine Treppe und noch eine Zweite, dann ging ich in die Knie. Ein älterer Herr weckte mich, seine Haut war schwarz und sein Haar schlohweiß. Er half mir aufzustehen, und ich sagte ihm, dass ich das Hauptdeck erreichen wollte, aber anstatt mich vor das Meer zu setzen, setzte er mich in ein Café und hörte mir zu und wunderte sich, dass ich so blass war. Ich habe ihm nichts von meinen schweren Gedanken erzählt, aber davon, dass ich Seepostbriefe an meine Schwester Yanuk schreibe, die ich sehr liebe, meine Zwillingsschwester, die ein Kind erwartet, ein Kind, das vielleicht einmal wie seine Mutter Yanuk heißen wird. Ich glaube, er freute sich, und dann erzählte er eine feine Geschichte. Er sagte, dass er vor vielen Jahren sehr verliebt gewesen sei. Die Frau, die er liebte, war eine weiße Frau gewesen, die in einer der besseren Gegenden der Stadt wohnte, während er selbst in einem ärmlichen Viertel in einem Backsteinhaus lebte. Anfangs schrieb sie ihm Briefe, sagte der Mann, aber er hatte diese Briefe zunächst nicht erhalten, weil der Briefkasten seines Hauses verschwunden war. Sie besuchte ihn und fragte, warum er ihr nicht antworten würde, und er erzählte, dass nicht nur der Briefkasten verloren gegangen sei, sondern das ganze Haus sich in Auflösung befinden würde. Dann geschah ein Wunder. Am übernächsten Tag kam ein Postauto mit einem Postmann, der einen feuerroten Briefkasten an das Haus schraubte, während der alte Mann, der damals noch jung gewesen war, zugesehen hatte. Auf den Briefkasten war die Adresse seines Hauses und sein Name geschrieben und er war mit einem Dutzend großartiger Briefmarken beklebt. Natürlich hatte sich der alte Mann sehr gefreut. Und als er am nächsten Tag wieder zum Briefkasten ging, lag ein Brief für ihn darin. Ich musste weinen, Mr. Louis, als ich diese Geschichte hörte. Dann trug mich der alte Mann mit einem Steward in meine Kajüte, und da sitze ich nun auf meinem Bett und schreibe an Sie, während die Gischt über meinem Bett mit meinem Bullaugenfenster spricht. — Ihre Geraldine auf hoher See.
notiert im Jahre 1962
an Bord der Queen Mary
aufgefangen am 03.12.2008
22.08 MEZ

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~ : geraldine
to : louis
subject : WALFISCHE
Ich habe das Mittagessen verschlafen. Vormittags war ich schon auf dem Hauptdeck, schönstes Wetter, keine Wolke am Himmel, das Meer ganz ruhig. Papa hat mich hochgetragen, es ist anstrengend für ihn, obwohl er nicht sehr alt ist, aber ich bin kein leichtes Mädchen. Papa sagte, man habe ihm von Walen erzählt, die auf dem Radarschirm sichtbar gewesen seien. Es ist also möglich, dass ich heute Wale sehen werde. Merkwürdig, ich sage immer Wale, aber ich denke Walfische. Und so wartete ich auf die Walfische und während ich wartete, bin ich eingeschlafen. Es war sehr warm geworden unter der Decke, die Papa über mich gebreitet hatte. Als ich aufwachte, war das Mittagessen längst vorbei und der junge Mann, der Stewart, von dem ich Ihnen schon geschrieben habe, saß neben meiner Liege auf dem Boden. Er hatte ein Fernglas dabei. Ich glaube, er hatte das Fernglas für mich mitgebracht. Ich habe zuerst noch so getan, als würde ich schlafen, und habe ihn mir angeschaut, Sie verstehen, Mr. Louis, Sehschlitzaugen. Er ist hübsch. Er mag die Sonne. Er mag die Sonne sehr. Und fast bin ich mir sicher, dass er mich wie die Sonne mag. Oft ist er in meiner Nähe. Wenn er nur nicht immer so traurig schauen würde. Mal sieht er mich verliebt an, dann wieder, als würde es regnen in seinem Herzen. Vielleicht weiß er, dass ich sehr krank bin, ja, vielleicht weiß er das, und trotzdem ist er verliebt. Das wär schön, wenn er sich in mich verlieben könnte, obwohl er weiß, dass ich sehr krank bin. Ich habe mir oft gedacht, dass ich alleine bin, einsam, weil die jungen Männer mit einem kranken Mädchen keine Liebe haben wollen, obwohl ich ein schönes Mädchen bin. Oh, wie glücklich wäre ich, wenn er alles von mir wüsste. Ich müsste nichts verbergen. Wale haben wir bislang keine gesehen. Vielleicht später, vielleicht am Abend. – Ihre Geraldine auf hoher See
notiert im Jahre 1962
an Bord der Queen Mary
aufgefangen am 16.11.2008
22.27 MEZ
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nordpol : 0.12 — Kurz nach Mitternacht. Notierte folgenden Text: „Das Meer ruhig. Nichts zu hören, nur das Blasen der Wale. Kühles Geräusch von Wasser, von Luft. Sie liegen um die Rettungsinsel herum. Habe den Eindruck, sie warten. 12 Tiere. Gewaltige, weiße Körper. Helle Augen, schwarz gezeichnete Flossen. Auch das Heck, schwarz. Längs, über den Rücken hin, eine handbreite Zeichnung, orangefarben und exakt, als sei sie von einer Maschine aufgetragen. Sie werden ein oder zwei Stunden unter Wasser gewesen sein, vielleicht waren es fünf, vielleicht sechs, vielleicht sieben Stunden. Die Luft riecht nach Metall, nach Salz, nach Tang. Von Zeit zu Zeit tauchen sie ab, kreuzen unter der Insel, ohne uns zu berühren, ohne das Wasser zu bewegen, als wollten sie uns schonen. Auch Mrs. Anderson, unbewegt. Keine Raubfische. Warte auf Rettung. Joe Ellis hier — Joe Ellis — Rufe London.“ — In diesen Tagen, da ich einen atlantischen Text vertiefe, immer wieder das Staunen darüber, dass ich in einer Art und Weise über Wale schreibe, als hätte ich Jahre an ihrer Seite schwimmend zugebracht. – stop
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nordpol : 9.15 — Man stelle sich einmal vor, Papiertierchen existierten in unserer Welt. Nicht etwa Tierchen, die aus Papier gemacht sind oder vergleichbarer Ware, sondern tatsächliche Lebewesen, die so ausgedacht sind, dass sie sich zu Formen versammeln, die einer Papierseite ähnlich sind. Weil diese Lebewesen, wie ich sie mir gerade male, sehr klein sein sollten, sagen wir in der Fläche so groß wie die Spitze einer Nadel, würde ein Maschinenbogen von nicht weniger als zwei Millionen Individuen nachgebildet sein. Jedes Papiertierchen, sichtbar ganz für sich nur im Licht eines sehr guten Mikroskops, ist nun von dem Wunsch beseelt, sich mit jeweils vier weiteren Tierchen, die es schon immer kennt, mittels feinster Tentakeln zu verbinden oder zu befreunden, und zwar nur mit diesen, sodass man von eindeutiger Ordnung sprechen könnte, nicht von einer beliebigen Anordnung. Ja, jedes der kleinen Wesen für sich spricht von einem ureigenen Ort, den es niemals vergisst. Sobald alles schön zu einer Seite geordnet ist, werden mit Licht, mit einem Lichtstift genauer, Zeichen gesetzt auf das lebende Papier, indem man leichter Hand wie mit einem Füller schreibt. Wird ein schneeweißes Tierchen berührt vom notierenden Licht, nimmt es sogleich die schwarze Farbe an und verbleibt von diesem Schwarz, bis es von weiterem Licht berührt werden könnte, einem Licht natürlich, das sehr stark sein muss, weil doch der Tag oder jede Lampe das Zeichen der Nacht sofort über die Landschaft der filigranen Körper schreiben würde. Ich hatte, während ich diesem Gedanken noch auf einer gewöhnlichen Computerschreibmaschine folgte, die Idee, dass sie vielleicht alle sehr schreckhaft sind, also zunächst unvollkommen oder wild, dass sie, zum Beispiel, wenn ein Feuerwehrauto in ihrer Nähe vorüber kommen sollte, sofort auseinander fliegen in Panik, sich verstecken, um jedes für sich oder in größeren Gruppen an den Wänden meiner Zimmer zu sitzen. Vielleicht lungern sie auch auf Kaffeetassen herum oder in den Haarblättern eines Elefantenfußbaumes, ja, das ist sehr gut denkbar. Ich werde dann warten, ruhig und gelassen warten, bis sie sich wieder beruhigt haben werden und zurückkommen, sagen wir nach einer Stunde oder zwei. Dann weiter schreiben oder lesen oder denken. Und jetzt hab ich einen Knoten im Kopf. — stop

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nordpol : 22.05 — Lag nachmittags unter Sonne vor Ameisenstadt. Beobachtete, wie Bewohner, nein, Konstrukteure der knisternden Metropole, Käfer, Spinnen, Fliegen, Raupen, Rosenblätter, auch menschliche Papiere ins Wohngehäuse transportierten. Was, fragte ich mich, wird mit einer getöteten oder einer gelähmten Fliege, mit schlafenden Käfern und schlafenden Spinnen geschehen hinter der Fichtennadelhaut? Vielleicht einmal mit einer sehr kleinen Kamera eintauchen und schauen. Ich würde wohl auf eine Halle treffen, auf einen Ort der Zerlegung, des Tranchierens am laufenden Band. Hier also werden Prachtfliegen zerteilt und dort noch lebende Spinnen fein sortiert. In tiefer gelegenen Arsenalen dann die Kammer der Fluggeräte, die Kammer der Fliegen‑, der Libellenflügel, bitter duftende Luft, leichtes Flugglas bis unter die Decke geschichtet. In einer weiteren Höhlung sind je nach Länge und Stärke Spinnenbeine sortiert und aufeinandergelegt, Baumstämme, haarig, noch immer in zitternder Bewegung. Stunden werde ich in Magazinen schillernder Augen verweilen, ein begeisterter Zeuge in Fabriken gefangener Spinnen. Man hat ihnen die Beine abgenommen, aber sie leben und singen feinste Seide. Werden sie müde, werden sie an Soldaten verfüttert. — Kurz nach elf Uhr. Abend. Gerade eben hörte ich vom Tod des russischen Schriftstellers Alexander Solschenizyn. — stop

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nordpol : 2.55 — Beobachtete nachmittags auf meinem Fernsehbildschirm einen Blitz, der einen Abend zuvor von einer Handykamera aufgenommen worden war. Dieser Blitz ereignete sich in Istanbul zu einem Zeitpunkt, als ich gerade überlegte, ob ich in einem Buch lesen sollte oder besser noch etwas notieren über die Kirschholzwangen einer japanischen Frau, die ich gerade erfinde. Aber mein Kopf war in der feuchtwarmen Luft doch sehr langsam geworden, also stellte ich mich für zwei Minuten unter kaltes Wasser und als ich zurückkam und mein Fernsehgerät einschaltete, konnte ich sehen, was der Blitz, den ich erst einen Tag später mit eigenen Augen sehen würde, angerichtet hatte. Menschen lagen bewegungslos auf einer Straße herum und andere Menschen, die sich bewegten, versuchten jene Menschen, die lagen und sich nicht mehr bewegten, zu überreden, es ihnen gleichzutun, also zu atmen und weiterzuleben, als sei der Blitz nie geschehen. Da war das Geräusch von Ambulanzen, ein jaulender Ton, von dem ich häufig träume, und da war die Stimme einer amerikanischen Frau, die die Explosion zweier Bomben meldete, einer kleineren, lockenden Bombe und einer größeren, mordenden Bombe. Als ich gestern Nachmittag dann auf meinem Fernsehbildschirm jenen Blitz beobachtete, der so viele Menschen tötete, dass zwei Hände nicht ausreichen, sie mit den Fingern zu zählen, habe ich überlegt, ob ich nicht bald einmal wagen sollte, einen Attentäter zu erfinden, also mich in einen Attentäter zu verwandeln auf dem Papier, mich hineinzuversetzen in eine Figur, die Bomben legt, um Menschen zu töten. Ist es möglich, frage ich, mich in einen Attentäter so lange hineinzudenken, wie ich mich in eine japanische Frau hineindenke, eine japanische Frau mit einem kirschhölzernen Gesicht, ohne Schaden zu nehmen? — stop
nordpol : 15.02 — Als ich gestern Nachmittag mit einer Suchmaschine in Sammelordnern des Jahres 2003 nach Notiztexten forschte, die ich in den Tagen des Irakkrieges notiert haben könnte, entdeckte ich eine Passage, die von einem Loch in meinem Perserteppich erzählt. Ich konnte das Loch damals von meiner Position aus als Beobachter auf dem Sofa vor dem Fernsehbildschirm gut erkennen. Ich erinnere mich, dass ich mich wunderte, dieses Loch nun plötzlich zu betrachten, obwohl ich viele Jahre die Verletzung des Teppichs, eine Scharte von der Breite einer Hand, nicht wahrgenommen hatte. Ich glaube, ich hatte die Geschichte, die davon erzählt, wie das Loch in den Teppich gekommen war, ganz einfach vergessen. Aber dann war sie plötzlich gegenwärtig, weil ein amerikanischer Panzer während einer Liveaufnahme in Bagdad ein Hotel beschossen hatte, in dem sich Journalisten befanden. Die Granate des Panzers traf einen Balkon und auf diesem Balkon einen Kameramann, dessen Körper, der noch heftig blutete, mit dem Aufzug ins Foyer gefahren wurde. Eine Stimme auf dem Bildschirm kommentierte das Geschehen mit dem Satz, der Journalist habe sich im falschen Moment am falschen Ort befunden. Und da war nun jene Geschichte von einer Sekunde zur anderen Sekunde wieder in mein Bewusstsein zurückgekehrt, die Geschichte, die vom Loch in meinem Perserteppich erzählte. Ich saß auf dem Sofa und notierte, dass ich mich wundere, und ich betrachtete den Teppich und das Loch, das von dem Splitter einer britischen Granate im Jahr 1942 in das Gewebe gerissen worden war, und für einen Augenblick sah ich meinen Vater, ein Kind, wie er auf diesem Teppich, der sein Teppich gewesen war, spielte, vielleicht mit einer Eisenbahn aus Buntmetall, die er gerade noch rechtzeitig aufgehoben haben könnte und mitgenommen in den Luftschutzkeller. — stop

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nordpol : 0.05 — In Bagdad spricht ein Reporter vor einer Fernsehkamera. Menschen, Passanten, schauen ihm über die Schulter, sie machen Victoryhandzeichen in Richtung der Kamera und lachen. Im Hintergrund kreuzt ein Cruise-Missile eine Straße. Der Flugkörper kommt von rechts und fliegt nach links, er fliegt genau in Ampelhöhe und gerade so schnell, dass er nicht zu Boden fällt. Er fliegt in einer Art und Weise, als würde er sich an Verkehrsregeln halten. Kurze Zeit später eine Detonation, kaum hörbar, aber sichtbar, eine Erschütterung des Bodens, eine Erschütterung der Luft, eine Erschütterung, die auf den Körper des Kameramannes einwirkt, die sich durch den Körper des Kameramannes fortsetzt bis zur Kamera hin und die Stabilität des Bildes beeinflusst. Auch Horizont und Himmel sind erschüttert, wie die Menschen und ihre Victoryhandzeichen. stop. Würden SIE eine 500-Pfund-Bombe nach einem Menschen werfen? — stop

