Aus der Wörtersammlung: delta

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im wartesaal

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del­ta : 11.16 UTC — Alle Welt scheint zu war­ten auf bes­se­res Wet­ter, auf E‑Mail, auf Brie­fe, Anru­fe, Begeg­nun­gen, Kin­der, eine Bit­te, eine Ent­schei­dung, einen Dank, eine Nach­richt, eine Rück­kehr, ein Lebens­zei­chen, eine Imp­fung, auf das Ende der Nacht, der Tage, des Lebens. Viel Zeit ver­geht. — stop
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am telefon abends

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del­ta : 0.25 UTC — Vor lan­ger Zeit habe ich eine lus­ti­ge Geschich­te erlebt. In die­ser Geschich­te kom­men ein Mäd­chen vor, die Mut­ter des Mäd­chens, die mei­ne Schwes­ter ist, ein Tele­fon, ein Foto­ap­pa­rat, außer­dem ein Fahr­rad, das pink ist und ich. Die Geschich­te ereig­ne­te sich abends. Das Mäd­chen rief mich an. Sie sag­te ihren Namen und dann erzähl­te sie ein­fach dar­auf los, zum Bei­spiel, dass sie ein Fahr­rad besit­ze, das pink­far­ben ist, und dass sie mit dem Fahr­rad schon allei­ne her­um­fah­ren kön­ne, ohne umzu­fal­len, und zwar durch den Wald. Plötz­lich spricht sie nicht mehr, es ist still, aber ich höre sie atmen. Ich den­ke noch: Vor weni­gen Mona­ten konn­te sie nicht so gut erzäh­len, wie rasend schnell das geht, dass sich die Wör­ter for­mie­ren. Das Mäd­chen erzähl­te jetzt in gan­zen Sät­zen, es scheint so zu sein, dass sie nun, da sie über gan­ze Sät­ze ver­fü­gen kann, end­lich alle ihre Geschich­ten sofort erzäh­len möch­te. Eine hel­le, fröh­li­che Stim­me. Aber dann doch die­se selt­sa­me Stil­le am Tele­fon, nur ihr Atem. Ich fra­ge: Bist Du noch dran? Hal­lo! Kannst Du mich hören? Aber das Mäd­chen ant­wor­tet nicht. Immer noch ihr Atmen. Nach einer Minu­te plötz­lich wie­der ihre Stim­me. Ich erfah­re, dass ihre Mut­ter sie gera­de foto­gra­fiert, wie sie mit mir tele­fo­niert. Ich sage: Das freut mich. Wun­der­bar, wir wer­den foto­gra­fiert, Du und ich, ich bin in dem Tele­fon. Wie­der Stil­le. Eine Pau­se. Eine sehr kur­ze Pau­se. Sagt das Mäd­chen: Quatsch mit Soße. — Ges­tern, es war Abend, als mich ein Freund anrief. Er sag­te: Du klingst sehr nah an mei­nem Ohr. Trägst Du eine Mas­ke? Wir soll­ten einen Schritt zurück­tre­ten! — stop
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lampen

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del­ta : 22.16 UTC — Im Spa­zie­ren den Blick gegen den Boden rich­ten, suchen­de Lam­pe. Kin­der­zeich­nun­gen von Krei­de, Son­nen­ster­ne, Flug­dra­chen, Bäu­me, Lini­en, mit frei­er Hand da und dort­hin gezo­gen, über Lini­en vor­an­ge­gan­ge­ner Tage geschich­tet, Krei­de­schat­ten nach Regen, Krei­de­flüs­se. Vor den Läden Punk­te und Strei­fen, dort soll­te man ste­hen, wenn man ein Mensch ist. Aber doch ist es so gewor­den, dass Per­so­nen­ab­stän­de im Gehen gerin­ger wer­den, man muss, wenn man geht, auf die Stra­ße tre­ten, aus­wei­chen, sobald sich Sorg­lo­se nähern, muss man Räu­me berech­nen, das Gehen gedan­ken­los nur am Abend durch den Park, oder nachts in den Stun­den, da man Igeln begeg­net und Mäu­sen mit rot glü­hen­den Augen im Licht einer Taschen­lam­pe. Ein­mal träum­te ich von Viren­tie­ren, die leuch­ten. Wie es mir in die­sem Traum selbst gold­far­ben von den Lip­pen staub­te, wach­te ich auf. — stop
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von zeichenfühlern

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del­ta : 7.16 UTC — Ich träum­te einen Mann, der in einer stau­bi­gen Stadt auf einem Sche­mel vor einer Schreib­ma­schi­ne hock­te. Der Mann schien zu war­ten, mit geschlos­se­nen Augen oder schlief. Sobald sich jemand näher­te und sich vor den Mann hin auf einen wei­te­ren Sche­mel setz­te, hob der Mann die Schreib­ma­schi­ne vom Boden auf und set­ze sie auf sei­nen Ober­schen­kel ab, dann lausch­te er. Nach weni­gen Sekun­den hob er eine Hand, um eine Sprech­pau­se zu bewir­ken. Es war eine mäch­ti­ge Ges­te, die Vögel hör­ten auf zu sin­gen, und der Wind und die Auto­mo­bi­le schwie­gen. In die­ser Stil­le, die ihm per­sön­lich zu gehö­ren schien, begann er unver­züg­lich die Tas­ten sei­ner Schreib­ma­schi­ne mit win­zi­gen, run­den Papie­ren zu bekle­ben, zeich­ne­te sodann mit roter Far­be Zei­chen auf die Papie­re, um kurz dar­auf mit einer zar­ten Hand­be­we­gung, den vor ihm War­ten­den zu ermun­tern, wei­ter­zu­spre­chen. Vor­sich­tig tipp­te er nun Zei­chen um Zei­chen in die Tas­ten, sie waren von zahl­lo­sen Papie­ren der­art erhöht, dass sie wie Füh­ler eines Schreib­ma­schi­nen­tie­res wirk­ten, die mit jeder Berüh­rung einer der Tas­ten federnd sich hin und her und auf und ab beweg­ten. — stop

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nachts

 

sier­ra : 3.02 — Lou­is bat mich, eine Geschich­te zu erzäh­len vom Glück, als ich noch ein Kind gewe­sen war. Ich muss­te nicht lan­ge über­le­gen. Ich sag­te, dass ich abends, sobald das Licht in mei­nem Zim­mer aus­ge­schal­tet wur­de, heim­lich in mei­nen Büchern gele­sen habe. Zu die­sem Zweck hat­te ich eine Taschen­lam­pe unter mei­nem Kopf­kis­sen ver­steckt. Ich las immer im Sit­zen, die Bei­ne ver­schränkt, Jules Ver­ne zum Bei­spiel. Auf­re­gend, nicht nur die Bücher, son­dern das ver­bo­te­ne Lesen zur Nacht­zeit selbst. Wäh­rend ich Lou­is von mei­nem Glück berich­te­te, erin­ner­te ich mich, wie mein Bru­der, der in dem­sel­ben Zim­mer geschla­fen hat­te, ein­mal erzähl­te, ich, der Älte­re, habe zur Som­mer­zeit wie ein leuch­ten­der Berg aus­ge­se­hen, der sich manch­mal beweg­te. Hin und wie­der, ich erin­ne­re mich, fla­cker­te das Licht, weil die Kraft der Bat­te­rien in der klei­nen Lam­pe zur Nei­ge ging. Ich muss­te dann immer ein wenig war­ten, bis sich die Bat­te­rien wie­der erhol­ten. Oft war ich in die­ser Zeit des War­tens noch im Sit­zen ein­ge­schla­fen. Da lach­te Lou­is, ver­mut­lich, weil er sich erin­ner­te.- stop

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coccinellidae

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del­ta : 12.08 UTC — Freu­de am Abend ges­tern wie Kind, als aus dem Dun­kel vor dem geöff­ne­ten Fens­ter ein Flug­we­sen tauch­te. In dem Augen­blick, da es erschien, leg­te ich gera­de eben ein Buch zur Sei­te, als hät­te ich geahnt, dass etwas Außer­ge­wöhn­li­ches gesche­hen wird. Ein Mari­en­kä­fer saß kurz dar­auf an der Wand, wur­de von war­mem Atem begrüßt und mit­tels einer Lupe betrach­tet. Der Käfer duck­te sich, ein Jung­tier oder halb ver­hun­gert. — 8:28 Uhr, noch 32° Cel­si­us im Zim­mer unter dem Dach. Nichts wei­ter. — stop
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lichtgeister

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del­ta : 22.18 UTC — Im Vor­spann des Films Tracks erscheint in der ers­ten Minu­te der Hin­weis für jene Zuschau­er, die Abori­gi­nes oder Tor­res-Strait-Insu­la­ner sind: Bit­te beach­ten Sie, dass die­ser Film mög­li­cher­wei­se Bil­der oder Stim­men Ver­stor­be­ner ent­hält. Wie zart, wie ernst die­ser Hin­weis auf die Sterb­lich­keit der im Film auf­tre­ten­den Per­sön­lich­kei­ten. — stop



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