Aus der Wörtersammlung: geschehen

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istanbul

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nord­pol : 2.55 — Beob­ach­te­te nach­mit­tags auf mei­nem Fern­seh­bild­schirm einen Blitz, der einen Abend zuvor von einer Han­dy­ka­me­ra auf­ge­nom­men wor­den war. Die­ser Blitz ereig­ne­te sich in Istan­bul zu einem Zeit­punkt, als ich gera­de über­leg­te, ob ich in einem Buch lesen soll­te oder bes­ser noch etwas notie­ren über die Kirsch­holzwan­gen einer japa­ni­schen Frau, die ich gera­de erfin­de. Aber mein Kopf war in der feucht­war­men Luft doch sehr lang­sam gewor­den, also stell­te ich mich für zwei Minu­ten unter kal­tes Was­ser und als ich zurück­kam und mein Fern­seh­ge­rät ein­schal­te­te, konn­te ich sehen, was der Blitz, den ich erst einen Tag spä­ter mit eige­nen Augen sehen wür­de, ange­rich­tet hat­te. Men­schen lagen bewe­gungs­los auf einer Stra­ße her­um und ande­re Men­schen, die sich beweg­ten, ver­such­ten jene Men­schen, die lagen und sich nicht mehr beweg­ten, zu über­re­den, es ihnen gleich­zu­tun, also zu atmen und wei­ter­zu­le­ben, als sei der Blitz nie gesche­hen. Da war das Geräusch von Ambu­lan­zen, ein jau­len­der Ton, von dem ich häu­fig träu­me, und da war die Stim­me einer ame­ri­ka­ni­schen Frau, die die Explo­si­on zwei­er Bom­ben mel­de­te, einer klei­ne­ren, locken­den Bom­be und einer grö­ße­ren, mor­den­den Bom­be. Als ich ges­tern Nach­mit­tag dann auf mei­nem Fern­seh­bild­schirm jenen Blitz beob­ach­te­te, der so vie­le Men­schen töte­te, dass zwei Hän­de nicht aus­rei­chen, sie mit den Fin­gern zu zäh­len, habe ich über­legt, ob ich nicht bald ein­mal wagen soll­te, einen Atten­tä­ter zu erfin­den, also mich in einen Atten­tä­ter zu ver­wan­deln auf dem Papier, mich hin­ein­zu­ver­set­zen in eine Figur, die Bom­ben legt, um Men­schen zu töten. Ist es mög­lich, fra­ge ich, mich in einen Atten­tä­ter so lan­ge hin­ein­zu­den­ken, wie ich mich in eine japa­ni­sche Frau hin­ein­den­ke, eine japa­ni­sche Frau mit einem kirsch­höl­zer­nen Gesicht, ohne Scha­den zu neh­men? — stopping

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nachtzeppelin

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whis­key : 5.25 — Selt­sa­me Luft­er­schei­nung heu­te Nacht. Warm war’s bis 1 Uhr, dann plötz­lich kühl bis 2, dann wie­der warm. Arbei­te­te bei geöff­ne­ten Fens­tern, hör­te Duke Elling­ton, über­leg­te einen Brief an Dai­sy Hil­ton. Viel­leicht ist ein küh­les Objekt laut­los über die Stadt geflo­gen, ein Nacht­zep­pe­lin, oder ein Schwarm sehr kal­ter Fal­ter­tie­re, voll­kom­men unbe­kann­te Wesen, oder aber alle Eis­spin­nen der Stadt, so wie sie im Gehei­men in jedem Kühl­schrank exis­tie­ren, haben ihre Boxen ver­las­sen und sich zum Plau­dern drau­ßen vor den Fens­tern getrof­fen. Wer könn­te schon sagen, was genau gesche­hen ist in die­ser Stun­de mit ihrer selt­sa­men Luft? Haben doch fast alle Men­schen geschla­fen. — Es ist 7 Uhr mor­gens. Ich leg mich jetzt nie­der. Gute Nacht. — stop

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die sonne ist rund

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india : 5.08 — Wie in schwie­ri­ger Zeit im Schlaf die Welt nach und nach neu geord­net wird, kein Stein bleibt auf dem ande­ren. Jeder begin­nen­de Tag, ein Tag vor unbe­kann­ter Land­schaft. Jede erleb­te Geschich­te erzählt sich, als wäre sie nie gesche­hen. Die Son­ne ist rund.

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eisenbahn

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nord­pol : 15.02 — Als ich ges­tern Nach­mit­tag mit einer Such­ma­schi­ne in Sam­mel­ord­nern des Jah­res 2003 nach Notiz­tex­ten forsch­te, die ich in den Tagen des Irak­krie­ges notiert haben könn­te, ent­deck­te ich eine Pas­sa­ge, die von einem Loch in mei­nem Per­ser­tep­pich erzählt. Ich konn­te das Loch damals von mei­ner Posi­ti­on aus als Beob­ach­ter auf dem Sofa vor dem Fern­seh­bild­schirm gut erken­nen. Ich erin­ne­re mich, dass ich mich wun­der­te, die­ses Loch nun plötz­lich zu betrach­ten, obwohl ich vie­le Jah­re die Ver­let­zung des Tep­pichs, eine Schar­te von der Brei­te einer Hand, nicht wahr­ge­nom­men hat­te. Ich glau­be, ich hat­te die Geschich­te, die davon erzählt, wie das Loch in den Tep­pich gekom­men war, ganz ein­fach ver­ges­sen. Aber dann war sie plötz­lich gegen­wär­tig, weil ein ame­ri­ka­ni­scher Pan­zer wäh­rend einer Live­auf­nah­me in Bag­dad ein Hotel beschos­sen hat­te, in dem sich Jour­na­lis­ten befan­den. Die Gra­na­te des Pan­zers traf einen Bal­kon und auf die­sem Bal­kon einen Kame­ra­mann, des­sen Kör­per, der noch hef­tig blu­te­te, mit dem Auf­zug ins Foy­er gefah­ren wur­de. Eine Stim­me auf dem Bild­schirm kom­men­tier­te das Gesche­hen mit dem Satz, der Jour­na­list habe sich im fal­schen Moment am fal­schen Ort befun­den. Und da war nun jene Geschich­te von einer Sekun­de zur ande­ren Sekun­de wie­der in mein Bewusst­sein zurück­ge­kehrt, die Geschich­te, die vom Loch in mei­nem Per­ser­tep­pich erzähl­te. Ich saß auf dem Sofa und notier­te, dass ich mich wun­de­re, und ich betrach­te­te den Tep­pich und das Loch, das von dem Split­ter einer bri­ti­schen Gra­na­te im Jahr 1942 in das Gewe­be geris­sen wor­den war, und für einen Augen­blick sah ich mei­nen Vater, ein Kind, wie er auf die­sem Tep­pich, der sein Tep­pich gewe­sen war, spiel­te, viel­leicht mit einer Eisen­bahn aus Bunt­me­tall, die er gera­de noch recht­zei­tig auf­ge­ho­ben haben könn­te und mit­ge­nom­men in den Luft­schutz­kel­ler. — stop

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karusell

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0.24 — Ein seit lan­ger Zeit arbeits­lo­ser Mann sei in einen Wald gefah­ren, habe sich auf einen Hoch­stand für Jäger gelegt und zu Tode gehun­gert. Sein lang­sa­mes Ster­ben, so schreibt man, habe der Mann in einem Schul­heft doku­men­tiert. Er habe notiert, wie sich sein Kör­per nach und nach auf­zu­lö­sen begann, wie sei­ne Orga­ne ver­sag­ten, wie der eige­ne Tod näher rück­te. Er wünsch­te in einer letz­ten Notiz, dass sei­ne Auf­zeich­nun­gen sei­ner Toch­ter über­ge­ben wer­den. Wie ver­zwei­felt muss die­ser Mensch gewe­sen sein, um sich wie ein tod­kran­kes Tier zurück­zu­zie­hen und nach 24 Tagen zu ster­ben, wie ver­bit­tert, um die­se furcht­ba­re Gewalt sei­ner Toch­ter anzu­tun! Oder aber die­ser Mann ahn­te, dass auf dem Markt sel­te­ner Papie­re ein hoher Preis für sein fürch­ter­li­ches Doku­ment erzielt wer­den könn­te. — Eine Wert­stei­ge­rung. — Was ist gesche­hen? — stop

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propellerfliege

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1.02 – Heu­te Nacht ist etwas Selt­sa­mes gesche­hen. Ich habe einer Flie­ge beim Flie­gen zuge­hört. Viel­leicht könn­te ich sagen, dass Flie­gen­tie­re Pro­pel­ler­flug­zeu­gen in ihrer akus­ti­schen Erschei­nung ähn­lich sind. Sie sind bereits zu hören, wenn sie noch zu weit ent­fernt sind, um sie mit den Augen wahr­neh­men zu kön­nen. Das Geräusch einer flie­gen­den Flie­ge lässt mich an feuch­tes Holz den­ken und an geöl­te Zahn­rä­der und an Schrau­ben, die aus Elfen­bein gemacht sind. Wie ist die­se leben­de Flie­ge in mei­nem Win­ter­zim­mer mög­lich gewe­sen? — stop
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