ginkgo : 2.15 – Etwas Seltsames ist geschehen. Bin gestern Abend im Garten eingeschlafen, obwohl ich in einem äußerst spannenden Buch geblättert hatte. Vielleicht war’s die schwere, warme Luft oder eine schlaflose Nacht der vergangenen Jahre, die rasch noch nachgeholt werden musste. So oder so schlief ich eine Stunde tief und fest im Gras und wäre vermutlich bis zum frühen Morgen hin in dieser Weise anwesend und abwesend zur gleichen Zeit auf dem Boden gelegen, wenn ich nicht sanft von einer nachtwandelnden Ameise geweckt worden wäre. Kaum hatte ich die Augen geöffnet, war ich schon mit einer Frage beschäftigt, die ich erst wenige Stunden zuvor entdeckt hatte, mit der Frage nämlich, wie Tiefseeelefanten hören, was sie miteinander sprechen, da doch die Sprechgeräusche ihrer Rüssel sehr weit von ihren Ohren entfernt jenseits der Wasseroberfläche zur Welt kommen und rasch in alle Himmelsrichtungen verschwinden. Eine diffizile Frage, eine Frage, auf die ich bisher vielleicht deshalb keine Antwort gefunden habe, weil ich eine Antwort nur im Schlaf finden kann, wenn mein Gehirn machen darf, was es will. – Fangen wir an. – stop – Drei Uhr und zwölf Minuten in Isfahan, Iran. – stop
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Aus der Wörtersammlung: geschehen
hologramm
echo : 12.01 — Immer wieder eine Erscheinung auf Position 50°6’N 8°38’W, ein Wesen, eine Frau, die einem Inferno entkommen oder eine Erfindung sein könnte. Graues, staubiges, öliges Haar. Ihr von Leid gezeichnetes Gesicht. Ihre von Schmutz starrenden und doch feingliedrigen Hände. Plastiktüten, die sie in gebückter Haltung geräuschvoll durch die Abteile der Abendzüge zerrt. Ihr Blick, der berührt, der mich wahrzunehmen scheint, unendlich traurig, unendlich müde. Sie bettelt nicht. Sie isst nicht. Sie trinkt nicht. Sie fährt nur Zug oder sitzt irgendwo in den Wartehallen des Flughafens herum und verbindet ihre entzündeten Füße. Nie habe ich ihre Stimme gehört, nie sie schlafend oder betrunken vorgefunden, auch nachts um drei Uhr nicht vor den Schaltern der Lufthansa. Sie wird geduldet. Sie könnte eine Mutter sein. Wen erwartet sie? Wohin will sie fliegen? Was ist geschehen? — stop
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sonar
echo : 0.50 — Walter Kempowski bemerkt in einem Gespräch, dass die wichtigen Dinge im Leben in Sekundenzeit geschehen. Er habe vor sehr langer Zeit einmal von einem fahrenden Zug aus, in einem Fenster oder in einer Tür eines gleichfalls fahrenden, eines entgegenkommenden Zuges, die Gesichter dreier Lagerhäftlinge gesehen. Das dauerte nur eine Zehntelsekunde: Nie vergessen! — Sein großes Werk vom Lauschen, Fragen, Sammeln, Sortieren, Konfigurieren: Echolot. — stop
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tian’anmen
olimambo : 23.32 — Das Gespräch am späten Abend mit Din. Ihre leise, singende Stimme. Sie sei, als die Panzer kamen, in eine Seitenstraße geflüchtet. Wie sie ihre Augen schließt, wie sie sagt, sie habe keine Menschen mehr gesehen nach kurzer Zeit, einige Freunde nur, die sich an die Wände der Häuser drückten. Die Hand ihrer großen Schwester. Die Luft, die auf ihrem kleinen Körper bebte. Aber Menschenstille. Wie sie nach Wörtern sucht, nach Wörtern in deutscher Sprache, die geeignet wären, zu beschreiben, was sie in dem Moment, da ich auf die Fortsetzung ihrer Erzählung warte, hört in ihrem Kopf. Das feine, das seltsame Lächeln auf ihrem Gesicht, als sie am Ausdruck meiner Augen bemerkt, dass ich wahrgenommen haben könnte, dass die Bilder, die ich wusste, tatsächlich geschehen waren, das Massaker auf dem großen Platz, stolpernde Menschen, Menschen auf Bahren, zermalmte Fahrräder, der Mann mit Einkaufstüten in seinen Händen auf der Paradestraße vor einem Panzer stehend. Dann die Flucht ins häusliche Leben zurück wie in ein Versteck, das stumme Verschwinden junger Leben für immer. Staub. Du solltest mit Stäbchen essen, sagt Din, das machst Du so, schau! — stop
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perugia
MELDUNG. Seltsame Dinge geschehen in den winterlichen Gärten zu Perugia. 722 Segelfalter der Gattung Iphiclides 5K haben sich zu Gruppen versammelt, fliegen in Formationen, bilden Kugeln, Quader und weitere geometrische Körper. Bei Regen, so heute Morgen geschehen, stellt man exakt gezirkelte Türme in die Luft. Die Stadt wird unter Quarantäne gestellt. — stop

lichtspiel
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romeo : 0.08 — Gestern Abend gegen 22.00 Uhr ist etwas Merkwürdiges geschehen. Ich hatte drei Stunden vertieft an einem Text gearbeitet, da wurde ich von einer Sekunde zur anderen Sekunde von einem heftigen Glücksgefühl angesprungen, von einem Katzentier, das vielleicht schon einige Wochen in nächster Nähe gewartet hatte, um sich nun, – geschmeidiges, schnurrendes Wesen -, wärmend um meinen Hals zu legen. stop. Was frisst dieses Tier, was trinkt es, kann es schreiben? stop. Gute Nacht. — stop.

yanuk : fröhliche weihnachten
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~ : yanuk le to : louis
subject : FRÖHLICHE WEIHNACHTEN
date : dez 23 08 6.55 a.m.
In diesen Minuten, Mr. Louis, will ich sehr leise und behutsam von einer aufregenden Beobachtung berichten. Du musst wissen, heute Morgen, als ich auf Höhe 385 schlaftrunken mein Zelt verließ, hatte ich sofort bemerkt, dass während der Nacht irgendetwas geschehen sein musste, etwas Seltsames, etwas, das meine kleinen Affenfreunde beunruhigte. Sie lagen nicht, wie üblich, vor sich hin dämmernd lose auf dem hölzernen Boden herum, sondern dicht aneinander gedrängt und bebten, als würden sie frieren. Alle sahen sie mit ihren zitronengelben Augen in ein und dieselbe Richtung, starrten zum Stamm eines benachbarten Baumes hin, ein Bündel furchtsamer oder vielleicht staunender Blicke, das den schmalen, vollkommen unbekleideten Körper eines Mädchens betastete, der nur wenige Meter von uns entfernt über der Tiefe hing. Ich hatte natürlich zunächst den Gedanken, dass das vor mir baumelnde Mädchen nur eine Erscheinung gewesen war, vielleicht ein Traum oder die Spur eines Traumes, die in einen wirklichen Tag hinüberreichte. Beunruhigt wie meine Freunde, begann ich deshalb zunächst mit einer Kurbel Strom für meine Schreibmaschine zu erzeugen. Eine kontemplative Bewegung, eine, die ich auch im Schlaf verrichten könnte. Während ich so arbeitete, hörte ich bald ein menschliches Lachen. Ja, Sie lesen ganz richtig, Mr. Louis, das Mädchen lachte, ein feines, helles Lachen war zu hören, und die Affen fauchten und wurden so flach, als wollten sie spurlos verschwinden im warmen Holz oder sonst wohin, ganz unsichtbar werden. Wie sich doch alle vertrauten Geräusche verändern, sobald unerwartete Dinge geschehen. Ich hörte meine eigene Stimme, wie sie sagte, das ist unglaublich, das ist ganz unglaublich, und ich hörte auf zu kurbeln und sah dem Mädchen in die Augen, und sofort klappte sie ihre Augen zu. Ich glaube, sie schläft jetzt, während ich diese Sätze so behutsam schreibe, wie ich nur kann, um das Mädchen nicht zu wecken. Ja, stellen Sie sich vor, Mr. Louis, sie scheint tatsächlich tief und fest zu schlafen, während sie den Ast, der sie trägt, mit ihrer linken Hand umfasst. Die rechte Hand liegt flach auf ihrem Bauch, einem muskulösen Bauch von hellem Schein, opak, als würde ein Teil des Sonnenlichts sich im Körper des Mädchens verfangen und weiter leuchten, von innen heraus weiter leuchten. Wenn sie nur nicht loslassen wird in dieser Höhe! Kein Haar auf dem Körper des Mädchens zu sehen. Das ist natürlich seltsam und ich weiß noch nicht genau, warum das so ist. Ich will Dir, Mr. Louis, an dieser Stelle meine herzlichen Weihnachtsgrüße übermitteln aus meinen tropischen Räumen. Und so mache ich das jetzt, ehe ich einen ersten Versuch unternehmen werde, mit dem Mädchen ein Gespräch zu führen. Vielleicht werde ich ihr meine Blütenzeichnungen zeigen, die ich während der vergangenen Tage sammelte. Fröhliche Weihnachten! Cucurrucu – Yanuk
eingefangen 6.58 UTC 2882 Zeichen
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walfischspaziergang
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himalaya : 8.05 — Wie ich morgens erwache und anstatt in einem Zimmer zu liegen, mich unter einem schönen freien Himmel wiederfinde. Das ist eigentlich noch keine große Sache. Ich würde zunächst die Augen schließen und denken, das kenne ich doch, wie oft schon bin ich von einem Traum in den nächsten gewandert. Ganz still würde ich warten, um kurz darauf meine Augen erneut zu öffnen, und schon wieder oder noch immer wäre dieser schöne Himmel über mir, ein leichter Wind würde wehen und die Luft duften nach Salz und Tang. Wie ich mich aufsetze und schaue, hurra, Wasser in allen Richtungen, Wasser hin bis zum Horizont. Was für ein seltener Anblick, was für eine merkwürdige Erfahrung! So plötzlich auf hoher See, und der Boden, auf dem ich sitze, zittert, nein bebt, nein pulst, und ich würde denken, wie kostbar dieses Leben doch ist und dass ich mich nicht erinnern kann, wie ich hierher auf den Rücken eines Wales gekommen bin. – Es ist jetzt zwei Stunden nach Mitternacht, die Luft riecht nach Schnee und die Welt ist still. Alles schläft. Auch Sie werden schlafen, während ich diesen Text notiere. Aber nun ist etwas Zeit vergangen, und da Sie wach geworden sind, werden Sie vielleicht fragen, wie ich zu dieser Überlegung einer nächtlichen Meereslandung gekommen bin. Nun, das ist ganz einfach. Vor wenigen Tagen hörte ich, eine Frau habe sich gewünscht, einmal in ihrem Leben auf dem Rücken eines Wales zu stehen. Sie würde sich, sagte man, ihrer Schuhe entledigen und auf dem Rücken des Wales spazieren wie auf einem Unterseeboot. Natürlich habe ich darüber nachgedacht, was geschehen würde, wenn dieser Wal, von dem hier tatsächlich die Rede ist, sich nicht in der Nähe einer Küste, sondern auf dem offenen Meer, auf hoher See, befinden würde. Ja, und was würde geschehen, wenn der Wal zu tauchen wünschte, vielleicht weil er hungrig geworden ist, obwohl er doch die Schritte einer Menschenfrau auf seinem Rücken spürte. Stellen Sie sich vor, ich weiß, wie er das macht. Der Wal wird langsam und geräuschlos sinken, jawohl. Aber noch ehe vollständig in die Tiefe abgetaucht werden wird, wird er noch einmal zurückkehren und ruhig neben der schwimmenden Frau im Wasser liegen, wird etwas Luftschaum blasen und ihr sein Auge zeigen. Ja, so genau wird der Wal das machen, und dann wird er in der Tiefe verschwunden sein, und vielleicht, nein, sehr sicher, wird die schwimmende Frau einen feinen Gesang aus der Tiefe vernehmen, die Geschichte einer Begegnung von einem Wal den Walen erzählt, eine Kurzgeschichte, mehr Zeit ist nicht. — stop

yanuk : stille
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~ : yanuk le
to : louis
subject : STILLE
date : sept 7 08 10.15 p.m.
Lieber Mr. Louis, in der vergangenen Nacht sind seltsame Dinge geschehen. Ich hatte auf Höhe 258 mein Zelt aufgeschlagen, weil es geregnet, nein, weil es sehr stark geregnet hatte gestern Nachmittag. Die Bäume tropften und ich ahnte, dass nachts noch einmal Regen fallen würde, so feucht war die Luft geworden. Ich legte mich also in mein Zelt, hörte dem Singen der Nachtaffen zu und irgendwann schlief ich ein. Als ich erwachte, war es noch immer dunkel. Ich konnte nichts hören, keinen Laut, es war so still, als hätte ich meine Ohren verloren. Ja, für einen Moment dachte ich, dass das Hörvermögen der Lebewesen vielleicht nur eine Idee gewesen war, eine poetische Eigenschaft ohne die Möglichkeit einer Verwirklichung, und doch hörte ich Stille, ich hörte, dass ich nichts hörte, nichts von Außen her, also Stille von Außen, aber ein rhythmisches Geräusch von Innen, vermutlich die Bewegung meines Blutes. Ich verließ das Zelt und hörte noch immer nichts als mein Herz, das etwas schneller schlug. Eine Wolke kleinster Fliegen tanzte um meine Kletterlaterne, zwei Geckos saßen an einem Stamm in ihrer Nähe und angelten sich die schönsten Exemplare heraus. Ich hatte ihnen gestern bereits bei ihrer bequemen Arbeit zugesehen, und ich erinnerte mich, dass der Dschungel um mich herum geknistert hatte und die Affen ein unentwegtes Gespräch führten über große Distanz. Jetzt, wie zur Prüfung, berührte ich meine Ohren, sie waren noch da, beide Muscheln. Indem ich an der linken Muschel zog, drehte sich etwas herum in meinem Ohr, es krachte und ich hatte den festen Eindruck, besucht worden zu sein. Und auch rechts drehte man sich in meinem Ohr, sobald ich daran zog, zur Seite, aber dann wieder Stille beiderseits. Ich legte mich ins Zelt zurück und überlegte, ob ich vielleicht in Gefahr sein könnte, ob man vielleicht mein Gehirn betreten wollte, und weil es so schön still war, bin ich eingeschlafen. Ich schlief sehr lange, war schon hell, als ich erwachte, und der Dschungel knisterte und wisperte um mich her, und ich hörte die Affen des Tages und das Rufen der Nashornvögel und lag eine Weile so da, froh wieder hören zu können. Wie jeden Morgen saßen prachtvolle Käfer und Falter und Fliegen an den Wänden meines Zeltes. Und alle taten sie so, als hätten sie mit meinen Ohren nicht das Mindeste zu tun. stop. Yanuk
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0.52 UTC
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flugglas
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nordpol : 22.05 — Lag nachmittags unter Sonne vor Ameisenstadt. Beobachtete, wie Bewohner, nein, Konstrukteure der knisternden Metropole, Käfer, Spinnen, Fliegen, Raupen, Rosenblätter, auch menschliche Papiere ins Wohngehäuse transportierten. Was, fragte ich mich, wird mit einer getöteten oder einer gelähmten Fliege, mit schlafenden Käfern und schlafenden Spinnen geschehen hinter der Fichtennadelhaut? Vielleicht einmal mit einer sehr kleinen Kamera eintauchen und schauen. Ich würde wohl auf eine Halle treffen, auf einen Ort der Zerlegung, des Tranchierens am laufenden Band. Hier also werden Prachtfliegen zerteilt und dort noch lebende Spinnen fein sortiert. In tiefer gelegenen Arsenalen dann die Kammer der Fluggeräte, die Kammer der Fliegen‑, der Libellenflügel, bitter duftende Luft, leichtes Flugglas bis unter die Decke geschichtet. In einer weiteren Höhlung sind je nach Länge und Stärke Spinnenbeine sortiert und aufeinandergelegt, Baumstämme, haarig, noch immer in zitternder Bewegung. Stunden werde ich in Magazinen schillernder Augen verweilen, ein begeisterter Zeuge in Fabriken gefangener Spinnen. Man hat ihnen die Beine abgenommen, aber sie leben und singen feinste Seide. Werden sie müde, werden sie an Soldaten verfüttert. — Kurz nach elf Uhr. Abend. Gerade eben hörte ich vom Tod des russischen Schriftstellers Alexander Solschenizyn. — stop



