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14.23 — a u g e n k a m m e r

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14.23 — a u g e n k a m m e r

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5.38 — Es soll jetzt Tonfilme geben. — Das war ein rätselhafter Satz. Und es war einer von den ganz wenigen rätselhaften Sätzen der Erwachsenen, die mich nicht losließen. Einige Jahre später, ich ging schon zur Schule, sagte die jüngste Schwester meiner Mutter, wenn wir an den Sonntagen zu meiner Großmutter gingen, bei der sie lebte, fast regelmäßig am späten Nachmittag: > Ich glaub, ich geh jetzt ins Kino. < Sie war Pianistin, unterrichtete für kurze Zeit an der Musikakademie in Wien und übte lang und leidenschaftlich, aber sie unterbrach alles, um in ihr Kino zu gehn. Ihr Kino war das Fasankino. Es war fast immer das Fasankino, in das sie ging. Sie kam fröstelnd nach Hause und erklärte meistens, es hätte gezogen und man könne sich den Tod holen. Aber sie ließ ihr Fasankino nicht, und sie holte sich dort nicht den Tod. Den holte sie sich, und der holte sie gemeinsam mit meiner Großmutter im Vernichtungslager Minsk, in das sie deportiert wurden. Es wäre besser gewesen, sie hätte ihn sich im Fasankino geholt, denn sie liebte es. Aber man hat keine Wahl, was ich nicht nur bezüglich des Todes, sondern auch bezüglich der Auswahl der Filme zuweilen bedauere, wenn meine liebsten Filme plötzlich aus den Kinoprogrammen verschwinden. Obwohl ich es gerne wäre, bin ich leider keine Cineastin, sondern gehe sechs oder siebenmal in denselben Film, wenn in diesem Film Schnee fällt oder wenn die Landschaften von England oder Neuengland auftauchen oder die von Frankreich, denen ich fast ebenso zugeneigt bin. Ilse Aichinger : Mitschrift
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8.07 — o l i m a m b o ? — :)

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1.55 — Seit ich gestern, gegen den Morgen zu, erfahren habe, dass Buckelwale zur Paarungszeit über eine Sprache verfügen, die einfachen menschlichen Sprachen ähnlich ist, immer wieder die Frage, was ich unter einer einfachen menschlichen Sprache verstehen sollte, die atemlose Sprache der Lust vielleicht oder die Sprache der Chaträume? Ob eine dieser menschlichen Sprachen vielleicht geeignet wäre, sich mittels einer Prozedur der Übersetzung von Wal zu Mensch zu verständigen? Wir könnten uns vom Land und von der Tiefsee erzählen. Eine grandiose Vorstellung, auf hoher See Luft perlend vor einem Wal zu schweben und zu warten und zu wissen, dass er gleich, nach ein wenig Denkzeit, zu mir sprechen wird. Etwas also sagen oder singen, das nur für mich bestimmt ist. Vielleicht eine Frage: Wie heißt Du, mein Freund? Oder : Ich hörte von Bäumen! - Es ist 2 Uhr 10 und ich bin sehr gut gelaunt, weil ich etwas Lichtenberg gelesen habe. Er schreibt um das Jahr 1774 herum: Eine Fledermaus könnte als eine nach Ovids Art verwandelte Maus angesehen werden, die, von einer unzüchtigen Maus verfolgt, die Götter um Flügel bittet, die ihr auch gewährt werden. – Wie aber sollte ich einem Walfreund Abu-Ghraib, Grosny, Darfur, Simbabwe, Tibet und Burma erklären, das Foltern, das Okkupieren, das offene und das heimliche Töten von Menschenhand? Und wie den Hunger? Und wie das Schweigen? — stop

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3.08 — Eine Stunde genau ist vergangen, seit ein sehr kleiner Gegenstand den Luftraum über der Tastatur meiner Schreibmaschine durchquerte. Er kam von links, also von Westen, und flog nach rechts, also gegen Osten, und weil nicht das geringste Geräusch zu hören war, das Geräusch eines Aufpralls in etwa, war ich zunächst überzeugt, mich geirrt zu haben. Aber dann konnte ich im Licht der Tischlampe einen sehr feinen Faden erkennen, der sich über die Tasten gelegt hatte. Ich erinnerte mich sofort an eine Spinne, die ich im Frühjahr zuletzt auf meinem Schreibtisch gesehen habe, ein hübsches, geräuschloses Wesen. — Es ist jetzt kurz nach halb fünf Uhr und ich bin zufrieden. Ich habe eine Stunde lang nichts getan, als mit einem feinen Pinsel bewaffnet auf der Schreibtischplatte unter dem Licht des Elektromondes einen Kampf gegen eine Springspinne zu fechten, die kaum größer ist als ein Stecknadelkopf, schwarz und weiß getigert, und so verspielt wie eine junge Katze. — Habe ich diesem Text nicht bereits vor langer Zeit einmal nachgedacht? — stop

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0.15 — Ich schreibe diesen Text heut Nacht nur aus einem Grund: Ich wünsche, wach zu bleiben. Vor den Fenstern: Dunkel. Das Licht einer Straßenlaterne ist ausgefallen und der Himmel bedeckt. Jetzt stehe ich auf. Laufe hin und her und pfeife. Sobald ich am Schreibtisch vorüberkomme, setzte ich mich und schreibe ein paar Wörter und dann stehe ich wieder auf und gehe pfeifend weiter. Nichts weist darauf hin, dass dieser Text tatsächlich von einem laufenden Menschen gedacht und geschrieben wurde, von einer Person, die je nur ein oder zwei Worte notierte, um sogleich weiterzugehen. Alles könnte nur behauptet sein. — Weshalb höre ich auf zu pfeifen, sobald ich schreibe? Ist die Zeit, die ich damit verbringe, auf ein Wort zu warten, als Arbeitszeit anzusehen? Ist der Zustand konzentrierter Aufmerksamkeit für sich schon eine Leistung? — stop

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8.15 — Ich hörte, vor sehr langer Zeit habe der Kaiser von China in der verbotenen Stadt ein Ohr auf den Boden gelegt, um herauszufinden, was in der Welt vor den verschlossenen Toren geschieht. Was wird er vernommen haben? — stop

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2.02 — Seit Tagen sitze ich immer wieder einmal vor einer Fotografie, die den Schimpansen Ham zeigt. Zu einer Zeit, als ich noch nicht geboren war, wurde dieser berühmte, nordamerikanische Affe durch den Weltraum geschossen. Sein merkwürdiger Ausdruck kurz nach der Landung, ein Blick nach innen, vielleicht der nachträumende Blick aller Raumfahrer dieser Welt. — stop
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4.37 — Man stelle sich einmal ein Zimmer vor, ein freundliches, helles Zimmer von allerfeinster Quallenhaut, ein Zimmer von Wasser, ein Zimmer von Salz, ein Zimmer von Licht. Man könnte dieses Zimmer und alles, was sich im Zimmer befindet, das Quallenbett, die Quallenuhr, und all die Quallenbücher und auch die Schreibmaschinen von Quallenhaut, trocknen und falten und sich 10 Gramm schwer in die Hosentasche stecken. Und dann geht man mit dem Zimmer durch die Stadt spazieren. Oder man geht kurz mal um die Ecke und setzt sich in ein Kaffeehaus und wartet. Man sitzt also ganz still und zufrieden unter einer Ventilatormaschine an einem Tisch, trinkt eine Tasse Kakao und lächelt und ist geduldig und sehr zufrieden, weil niemand weiß, dass man ein Zimmer in der Hosentasche mit sich führt, ein Zimmer, das man jederzeit auspacken und mit etwas Wasser, Salz und Licht, zur schönsten Entfaltung bringen könnte. – Null Uhr acht : Haben wir noch alle Tassen im Schrank? — stop

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20.01 — Nehmen wir einmal an, ich würde in dieser Sekunde die Lesung meines ureigenen Textes beginnen, würde nicht schlafen ehe ich zu einem letzten A, C, G oder T gekommen bin, würde Tag und Nacht, Zeichen um Zeichen, Sekunde um Sekunde, meinen Text zur Sprache bringen, dann buchstabierte ich 833.333 Stunden durch die Zeit. Das sind 34.722 Tage oder 95 Jahre. Im Jahr 2102, an einem Sonntag im September, würde ich vielleicht von vorn beginnen. — stop

