Aus der Wörtersammlung: stop

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letzter winter

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echo : 8.02 UTC — Joseph pro­phe­zeit, dass ich bald mein Leben ver­lie­ren wer­de. Du tust mir leid, sagt Joseph, Du hät­test Dich nicht imp­fen sol­len. Alle wer­den ster­ben. Alle, die sich geimpft haben, wer­den in die­sem Win­ter tot gewor­den sein. Viel­leicht hast Du noch eine Chan­ce, wenn Du die Imp­fung ver­wei­gerst. Soll­test Du die 3. Imp­fung nicht ver­wei­gern, wirst Du tot sein, da kann Dir nie­mand hel­fen, Ihr wer­det ster­ben wie die Flie­gen, sagt Joseph. Er spricht am Tele­fon, aber jetzt will er nicht wei­ter spre­chen, ich habe eini­ge Fra­gen, aber er möch­te par­tout nicht wei­ter­spre­chen. Joseph legt auf. Ich glau­be, er will mit einem Toten nicht spre­chen. Es ist etwas ande­res, wenn man nicht genau weiß, wann ein Bekann­ter ster­ben wird, viel­leicht in zehn Jah­ren. Aber wenn man weiß, dass ein Bekann­ter tot sein wird, ehe noch der nächs­te Früh­ling gekom­men sein wird, da ist das doch so, als wür­de man gera­de schon mit einer Per­son spre­chen, die im Grun­de bereits tot ist. — stop

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geräusche

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gink­go : 17.15 UTC — Es ist Nach­mit­tag. Ich sit­ze vor dem Fens­ter nach Süden, ich sit­ze der­art vor dem Fens­ter auf dem war­men Boden, dass ich den Him­mel sehe, Wol­ken, nichts wei­ter, nicht, was dar­un­ter sich ver­sam­melt, Häu­ser, Tür­me, Kro­nen zahl­rei­cher Bäu­me, Eich­hörn­chen, Auto­mo­bi­le, Men­schen. Ich höre eine Stra­ßen­bahn kom­men, ich höre, wie sie anhält, ich höre Stim­men, ich höre, wie sich die Stra­ßen­bahn lang­sam in Bewe­gung setzt, wie sie beschleu­nigt, wie sie eine Wei­che nimmt. Die Stra­ßen­bahn schep­pert und ächzt. Unge­zähl­te Male schep­per­te und ächz­te eine Stra­ßen­bahn an die­sem Ort. Kin­der­ru­fen. Eine Hupe, ein Mar­tins­horn. Ich höre nicht sicht­ba­ren Ereig­nis­sen zu. Vögel sin­gen in die­sem Augen­blick, sin­gen in mei­ner Vor­stel­lung, das ist denk­bar. Ich hat­te vor, spa­zie­ren zu gehen. Es ist Nach­mit­tag. Ein Tele­fon klin­gelt. — stop
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nachmittag

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marim­ba : 15.22 UTC — Eine Flie­ge auf dem Fens­ter­brett mei­nes Fens­ters nach Süden lun­ger­te dort her­um ohne sich auch nur ein­mal zu bewe­gen. Als ich mich näher­te, mach­te sie ein paar Schritt­chen vor­wärts, sodass ich bald den Ein­druck hat­te, ich dür­fe mich ihr mit einem Fin­ger nähern. Ich ver­moch­te die Flie­ge mit einer sanf­ten Ges­te zu berüh­ren. Sie blieb ganz still sit­zen. Bald such­te ich nach einem Pin­sel, den die Flie­ge zu betrach­ten schien. Sie mach­te ein paar Schritt­chen auf den Pin­sel zu. Dann blieb sie vor dem Pin­sel sit­zen. Als ich ver­such­te, sie mit dem Pin­sel selbst zu berüh­ren, rann­te sie davon. Es war ver­mut­lich die ers­te Flie­ge, der ich begeg­net war, die das Flie­gen voll­stän­dig ver­lernt zu haben schien. — stop

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eine raupe im mai

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romeo : 10.28 UTC — Es war Mai, ich ging, Blick auf den Boden gerich­tet, spa­zie­ren. Man möch­te viel­leicht mei­nen, dass ich nur den Boden, nichts ande­res sehen woll­te, in Gedan­ken ver­sun­ken in Krei­sen. So gehe ich eine hal­be Stun­de dahin. Bald begeg­ne­te ich einer Rau­pe, die den Weg, auf dem ich ging, über­quer­te. Es war eine san­di­ge Stel­le. Ich blieb ste­hen, ging in die Knie, beob­ach­te­te, wie sich die Rau­pe bemüh­te, san­di­ge Kör­ner von ihren Bei­nen zu schüt­teln. Ein­mal rollt sie sich seit­wärts ab, eine Idee, die dazu führ­te, dass auch das kräf­ti­ge Haar ihres Rückens von Sand bedeckt wor­den war. Die­se ers­te Rau­pe, der ich an die­sem Tag begeg­ne­te, war von einem leuch­ten­den Gelb. Seit­lich, ihren Kör­per ent­lang, waren hell­ro­te Punk­te zu erken­nen. Ihr Kopf war von einem leuch­ten­den Blau. — stop
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am hugli

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nord­pol : 15.22 UTC — Ein­mal, es war Dezem­ber, hör­te ich zu, wie ich mir erzähl­te, ich wür­de im Auf­trag einer Geschich­te in dem kom­men­den Jahr nach Kal­kut­ta rei­sen. Ich dach­te, tat­säch­lich schei­nen Geschich­ten, sobald sie sich ver­wirk­li­chen, Per­sön­lich­kei­ten zu wer­den, die Wei­sun­gen ertei­len. Noch in der­sel­ben Nacht träum­te ich von einer indi­schen Brief­mar­ke, auf wel­cher Kie­men­men­schen, eine Dame und ein Herr, in Was­ser schwe­ben. — stop

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das bein

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bamako : 6.32 UTC — Ein­mal, das war vor zehn Jah­ren gewe­sen, stürz­te eine Flie­ge aus gro­ßer Höhe vor mir auf den Tisch. Die Vor­stel­lung zunächst, das Tier könn­te, noch im Flug befind­lich, aus dem Leben geschie­den sein, dann aber war Bewe­gung im lie­gen­den Kör­per zu erken­nen, zwei der vor­de­ren Flie­gen­bein­chen beweg­ten sich bebend, bald zuck­ten zwei Flü­gel. Die Flie­ge schien benom­men, jedoch nicht tot gewe­sen zu sein, wes­we­gen sie bald dar­auf erwach­te, eine äußerst schnel­le Bewe­gung und schon hat­te die Flie­ge auf ihren Bei­nen Platz genom­men, das heißt genau­er, auf fünf ihrer sechs Bei­ne Platz genom­men, das lin­ke hin­te­re Bein streck­te die Flie­ge steif von sich. Kei­ne Bewe­gung der Flucht in die­sem Zeit­raum mei­ner Beob­ach­tung. Auch dann, als ich mich mit dem Kopf näher­te, kei­ne Anzei­chen von Beun­ru­hi­gung. Die Flie­ge schien mit sich selbst beschäf­tigt zu sein, tas­te­te mit einem ihrer Hin­ter­bein­chen nach der gestreck­ten Extre­mi­tät, die ver­letzt zu sein schien, gebro­chen, viel­leicht oder gestaucht. Natür­lich stell­te sich sofort die Fra­ge, ob es mög­lich ist, das Bein einer Flie­ge medi­zi­nisch erfolg­reich zu ver­sor­gen, Bewe­gungs­still­stand zu errei­chen, sagen wir, um eine Ope­ra­ti­on zum Bei­spiel, die drin­gend gebo­ten sein könn­te, vor­zu­be­rei­ten. Ich mach­te ein paar Noti­zen von eige­ner Hand, ich notier­te in etwa so: For­schen nach Mikro­skop, Pin­zet­ten, Skal­pel­len, ana­to­mi­schen Auf­zeich­nun­gen, Schrau­ben, Nar­ko­ti­ka und Ver­bands­ma­te­ria­li­en für Ope­ra­ti­on an geöff­ne­ter Cal­li­pho­ra vici­na. — stop
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von fliegentieren

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india : 20.02 UTC — Flie­gen exis­tie­ren, die sich im Moment der Dun­kel­heit an eine Wand set­zen, auf ein Buch, auf den Boden, auf das vom Tag­licht erwärm­te Holz mei­nes Schreib­ti­sches. Dort ver­wei­len sie still, bis es wie­der hell wird, sie sind die Schlä­fer unter den Flie­gen, Nacht­schlä­fer. Indes­sen sind wei­te­re Flie­gen zu beob­ach­ten, die kaum sicht­bar sind, solan­ge Licht ist in mei­nen Zim­mern, sie schei­nen sich mit­tels Bewe­gungs­lo­sig­keit zu ver­ste­cken. Ich höre sie nicht, ich sehe sie nicht, ich ver­ges­se, dass sie anwe­send sind oder ihre Anwe­sen­heit mög­lich sein könn­te. Und dann ist also Dun­kel. Unver­züg­lich flie­gen sie los, Spu­ren der Duft­mo­le­kü­le fol­gend lan­den sie auf Wan­gen, Stirn oder einer Schul­ter, die frei­legt, die schläft, die in die­sem Augen­blick der Lan­dung erwacht. Man könn­te sagen, die Nacht­flie­ger unter den Flie­gen, bewir­ken Licht. Kaum ste­he ich schlaf­trun­ken neben dem Bett, haben sie sich bereits wie­der ver­steckt.  Sie wis­sen um den Zorn. Und sie wis­sen, dass bald wie­der Dun­kel wer­den wird. — stop

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vögel

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india : 18.55 UTC — Im Traum ste­he ich im Park vor einer Volie­re, die an einem Bind­fa­den hängt. Die­ser Bind­fa­den muss irgend­wo in gro­ßer Höhe am Him­mel befes­tigt sein. In der Volie­re schwe­ben Vögel. Sie sind nicht sehr viel grö­ßer als ein Dau­men, ihr Gefie­der von präch­ti­gen Far­ben, die sich lang­sam flie­ßend ver­än­dern. Ich sit­ze auf einem Stuhl, habe Brot­zeit mit­ge­bracht, Kür­bis­kern­bröt­chen, Schin­ken, 1 Schnitt­lauch­sträuß­chen, Cham­pi­gnon­pas­te­te, Him­beer­brau­se, eine Kan­ne Kaf­fee. Ich beob­ach­te das Vogel­haus, das über kei­ner­lei Tür ver­fügt. Tage­lang, es wur­de immer wie­der dun­kel, saß ich auf mei­nem Stuhl. Wenn es dun­kel gewor­den war, leuch­te­te ich mit einer Taschen­lam­pe zu den Vögeln hin. Sie moch­ten das Licht, ihre Augen glüh­ten wie Dioden in blau, oran­ge, grün und rot. Auch waren sie stumm. Sie schie­nen auf­merk­sam zu sein. Viel­leicht wun­der­ten sie sich über die­sen Mann, der gedul­dig war­te­te, ob sie bald ein­mal lan­den wür­den. — stop
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lärm

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zou­lou : 18.55 UTC — Im Park haben, von Bam­bus­wäl­dern aus, Bie­nen­schwär­me Angrif­fe auf Park­be­su­cher geflo­gen. Die Bie­nen sind unsicht­bar, aber ihr hel­les dröh­nen­des Tau­send­fach gesetz­tes Sum­men, lässt Besu­cher zurück­wei­chen, sie müs­sen sich nicht ein­mal zei­gen, das geht sofort unter die Haut, läu­tet ein urtüm­li­ches Gedächt­nis­ge­räusch Gefahr, das den spa­zie­ren­den Men­schen als Art ver­traut zu sein schneit. Auch die Vögel, die den Park bewoh­nen sind dort stumm. Wale, die den nahen­den Teich bewoh­nen, sin­gen pünkt­lich ein­mal zum Ende der Stun­den aus Laut­spre­cher­bo­xen, die unsicht­bar sind wie die Bie­nen. — stop
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