15.35 – Körperzeit kennt nur eine Richtung. Die elektrische Wahrnehmung der Wirklichkeit, der gegenwärtigen wie der vergangenen Wirklichkeit, scheint dagegen niemals linear zu sein. Vielleicht deshalb, weil sich die Substanzen der Erinnerung wie Flüssigkeiten verhalten. Eine Ordnung hineinzudenken fordert Arbeit, ein Vorher und Nachher zu identifizieren, Konsequenz. Nie kann ich sicher sein, ob ich meine vergangene Zeit gerade wiederfinde oder ob ich eine ganz andere, nie dagewesene Zeit erfinde. — Habe einen Katalog jener Erscheinungen erstellt, die ich in der Google Earth Pixelwelt aufsuchen werde, beispielsweise Kamelkolonnen auf einer Wüstenoberfläche oder die Spuren des Krieges in der Stadt Grosny, Ground Zero, Goldgräbersiedlungen am Amazonas, meine alten Spazierwege in Paris, Eisverkäufer im Central Park, die kleine Stadt Petuschki und ihre Eisenbahn, Elephantisland, Menschenkarawanen auf dem Chomolungma, Soveto, Lampedusa, Alcatraz. — Null Uhr siebzehn in Lhasa, Tibet. — stop
Aus der Wörtersammlung: welt
strichzeichnung
8.27 — Strichzeichnung eines Mannes, der Schritt für Schritt die Küsten dieser Welt spaziert. Er schläft vor den Meeren und ernährt sich aus den Meeren. Er sammelt Dinge, die Meere an Land geworfen haben. Wenn er etwas sieht, das aus einem Meer gekommen ist, dreht und wendet er es mit der einen Hand in der anderen Hand. Dann beschreibt er seinen Fund, notiert Uhrzeit und Position, isst ihn auf oder legt ihn zurück auf den Boden. Der Mann, an den ich denke, schläft in einem Zelt, wenn es kalt ist oder wenn es regnet. Er trägt gute, feste Schuhe, ist ausgerüstet, wie Menschen ausgerüstet sind, die in den Bergen schwierige Wände durchklettern. Sobald er sich bewegt, kann man ein Klimpern hören. Manchmal passiert der Mann eine große Stadt. Dann beschleunigt er seine Schritte. Der Mann weiß aus Erfahrung, dass er immer wieder zurückkommen wird an den Ausgangsort seiner Küstenreise. Heute, in den frühen Morgenstunden, habe ich diesem Mann einen Namen gegeben und ein Alter und eine Statur, eine präzise Angabe, in welcher Höhe über dem Boden sich seine Augen befinden, wenn der Mann aufrecht steht. — stop
malcolm lowry
3.18 — Ich erinnerte mich an eine Geschichte, die von Malcolm Lowry erzählt, genau genommen von seiner Art und Weise zu schreiben, nachdrücklicher noch von der Methode zu verlieren, was gerade eben noch notiert worden war. Malcolm, so der Erzähler der Geschichte, soll Gedanken auf jedes Stück Papier geschrieben haben, das in seine Reichweite gekommen war, auf Rechnungen, Speisekarten, Billetts beispielsweise, sofern er in einem Café oder in einer Bar Platz genommen hatte, um so lange notierend zu arbeiten, bis er ausreichend betrunken war damit aufzuhören. Wie viele Wörter und Sätze sind wohl vom Wind in Wüsten oder auf Meere hinausgetragen worden, wie viele Bücher haben sich in Luft aufgelöst? Ich stelle mir immer wieder leidenschaftlich gerne vor, wie Malcolm Lowry in unserer Zeit seine Zeichenketten für die Welt abgelegt haben könnte. Sagen wir so: Lowry arbeitet nie wieder mit einem Bleistift. Er notiert seine Gedanken in eine federleichte elektrische Maschine, die am Gürtel seiner Hose fest verankert wird. Sorgfältig von seiner Ehefrau Margerie Bonner programmiert, verbindet Malcolms persönliches Notizgerät unverzüglich Tastatur mit digitaler Sphäre, sobald sich der Autor, gleich welcher geistigen Verfassung, mit der einen oder der anderen Hand nähert. Nun schreibt der Autor. Er arbeitet, vielleicht stehend, vielleicht sitzend, vielleicht liegend. Und während er so arbeitet, wird Zeichen für Zeichen unverzüglich an einen geheimen Ort der Speicherung gesendet. Dort, Dropzone, könnte man sitzen und warten und betrachten, wie der Text, um den Bruchteil einer Atomsekunde in der Zeit verrückt, vollzogen wird. — stop
apollo
3.15 — Zwei Stunden vor Computermaschine. Ich beobachtete Astronauten einer Apollomission, wie sie sich Fischen gleich durch ihre Kapsel oder durch den Weltraum bewegen. Indem ich verfolge, wie sie vor einer Kamera an Spielobjekten die Wirkungen der Schwerelosigkeit demonstrieren, indem ich ihre beschädigten Stimmen höre, der Gedanke, dieses Scheppern, Pfeifen, Knistern, Krächzen könnte entstanden sein, weil ihren Stimminstrumenten das Gewicht der Welt entzogen wurde. – Weit nach Mitternacht. Wollte mich erheben, da versagte mein linkes Bein den Dienst. Hatte gedankenverloren auf ihm Platz genommen und wäre um ein Haar umgefallen. Ein seltsames, ein irritierendes Gefühl der Leere. Dann die sichtbare Gegenwart eines Körperteils, ohne die Anwesenheit dieses Körperteils von innen heraus bestätigen zu können. — stop
schneelicht
15.27 — Heute Schneelicht. — Wie weit wir in den Weltraum leuchten. — stop
nachtsammlung
2.24 — Habe 628 Optionen gezählt, das Wort Nacht fortzusetzen. Zum Beispiel: Nachtigallenaffe Nachtgewölbe Nachtduft Nachtdurchschwärmer Nachteulenton Nachtgefieder Nachtwolf. Oder aber Nachtpapagei : das ist der merkwürdigste aller papageien, der kakapo von neuseeland [ strigops habroptilus ], den man mit demselben rechte, mit welchen man die eulen im gegensatz mit den falken einer besonderen familie unterbringt, als einen vertreter einer eigenen familie betrachten muss. [ nach Grimmsches Wörterbuch N – Q ] — Drei Uhr zwölf. In meinen Zimmern amerikanische Stimmen. Funkgeräusche. Geräusche meiner Kindheit. Weltraumgeräusche. Geräusche, wie sie auch in Guantanamo zu hören sind. Den Schlaf raubende Geräusche. — stop
ein kaiser und sein ohr
8.15 — Ich hörte, vor sehr langer Zeit habe der Kaiser von China in der verbotenen Stadt ein Ohr auf den Boden gelegt, um herauszufinden, was in der Welt vor den verschlossenen Toren geschieht. Was wird er vernommen haben? — stop
ham
2.02 — Seit Tagen sitze ich immer wieder einmal vor einer Fotografie, die den Schimpansen Ham zeigt. Zu einer Zeit, als ich noch nicht geboren war, wurde dieser berühmte, nordamerikanische Affe durch den Weltraum geschossen. Sein merkwürdiger Ausdruck kurz nach der Landung, ein Blick nach innen, vielleicht der nachträumende Blick aller Raumfahrer dieser Welt. — stop
kinderwelten
9.55 — Ich hatte ein Kinderbuch, das ich zufällig in einer Kiste entdeckte, vor mir auf den Schreibtisch gelegt, illustrierte Erzählungen aus Tausend und einer Nacht. Ich konnte mich an beinahe jedes Detail der Zeichnungen, die sich in dem Buch befanden, erinnern, das heißt, ich erkannte die Zeichnungen wieder, auch den Geruch des Papiers, einen Tintenfleck, meine kindliche Schrift, die eine der Erzählungen kommentierte. Heute, angesichts zweier Buben, — sie kämpften in einer U‑Bahn mittels handlicher Konsolen verbissen gegeneinander -, die Vorstellung, wie in Zukunft uralte Menschen nicht Büchern, sondern ihren Spielzeugmaschinen aus Kindertagen begegnen, virtuellen Welten von ungeheurer Rechenleistung. — stop
eugene ionesco
3.45 — Nehmen wir einmal an, alles Papier dieser Welt würde in ebendieser Minute zu Staub zerfallen. Wäre es denkbar, Eugène Ionescos Kosmos in der Elektrosphäre zu rekonstruieren? Wie viele Varianten Ionescos könnten wir dort finden? Würden wir Ionesco wiedererkennen? — stop