india : 15.01 UTC — Ein Programmabteil meiner Schreibmaschine zählt Wörter, Zeichen, Absätze eines Textes, welchen ich notierte. Das ist eine feine Sache. Nun erzählt sie außerdem, dass ich, wenn ich diesen notierten Text nachlesen würde, 1 Stunde und 22 Minuten Zeit vergehen wird, ehe ich sein Ende erreicht haben werde. Das ist eine seltsam optimistische Darstellung der Lage. Ich vermag nicht zu lesen, ohne zu ändern, zu ergänzen, zu streichen. Weitere Texte, die unbeweglich sind, weil sie von Menschen publiziert wurden, die ich nicht persönlich kenne, sind Texte, die ich hinnehmen muss, oder hinnehmen will, wer würde wagen, an einen Uwe Johnson Hand anzulegen? — stop
Aus der Wörtersammlung: uwe johnson
gelb
nordpol : 0.12 — Wie gut, dass digitale Suchmaschinen existieren, die in der Lage sind, diesen Ort : particles : zu durchsuchen, sobald ich eine Frage an ihn richte, zum Beispiel, wie oft ich das Wort Blau verwendet habe in den vergangenen Jahren ( : 53 Mal ), oder das Wort Rot ( : 35 Mal ), das Wort Orange ( : 10 Mal, eher selten ), auch mit dem Wort Gelb war ich sparsam gewesen ( : 18 Mal ). Als ich das Wort Gelb, die Häufigkeit seines Vorkommens prüfte, erinnerte ich mich an einen wunderbaren Text, Uwe Johnsons Brief aus New York, in dem das Wort Gelb eine hervorragende Rolle spielt. Der Text beginnt so: Über was hier anders ist / in New York im Staat New York / weißt du es ist eine von jenen Städten in die die westberliner Zeitungsverleger kleine Klingeln aus Porzellan schicken an Familien denen ein Angehöriger umgebracht wurde bei dem Versuch Angehörige anderer Familien umzubringen / in Vietnam das ist noch hinter der Türkei / ein Brief über was hier anders ist über einen Unterschied / Ende der Überschrift // Gelb, zum Beispiel / Gelb ist hier anderswo / ich meine die ganze Farbenfamilie / was noch gelb ist oder so nahe an Gelb wie Ocker oder Kanarienvogel oder überhaupt alles im Bereich zwischen Rot und Grün / nicht nur any of the colors normally seen when the portion of the physical spectrum of wave lengths 571,5 to 578,5 millimicrons employed as a stimulus wie Webster sagt / sondern auch was mal gelb war / Gelb ist hier anderswo / nicht nur im Ei in den Mongolen in der Gelbsucht in Schwämmen Schmetterlingen Butterblumen / nie so viel Gelb gesehen wie hier … / — stop. Ich habe diesen Text in dem Buch Eine Literarische Landkarte entdeckt, das von Hans Magnus Enzensberger im Jahr 1999 herausgegeben wurde. Gleich werd ich mich an meinen Schreibtisch setzen und mit Bleistift ausgerüstet, das Wort Gelb zu zählen beginnen. — stop
south ferry
delta : 5.15 — Heute Nacht vor dem Fenster wieder eine Stille, dass ich für einen Moment fürchtete, mein Gehör verloren zu haben. Dann leichter Regen. Man sieht es den Bäumen nicht an, aber sie schlafen. Gegen fünf Uhr erinnere ich mich an Uwe Johnsons Jahrestage. Es ist ein schweres Buch, das ich aus dem Regal hebe, 1702 Seiten feines Papier, seine Buchstaben sind von Jahr zu Jahr kleiner geworden, höchste Zeit, den Roman in eine Lesemaschine zu laden. Ich stellte mir vor, wie Louis einmal Uwe Johnsons Werk, indem er liest, in großformatige Notizbücher übertragen könnte. Oder eine Brille: Sonnabend ist der Tag der South Ferry. Der Tag der South Ferry gilt als wahrgenommen, wenn Marie mittags die Abfahrt zur Battery ankündigt. Die Fähren zwischen der Südspitze von Manhattan und Staten Island sah sie zum ersten Mal vom Touristendeck der ›France‹ aus, da musste sie noch über die Reling gehoben werden. Sie starrte feindselig auf den Hochhauskaktus Manhattans, der zu Riesenmaßen wuchs, statt zu menschlichen abzunehmen; mit Neugier betrachtete sie die Fährboote, die neben dem Überseeschiff das New Yorker Hafenbecken ausmaßen, mehrstöckige Häuser von blau abgesetztem Orange, rasch laufend wie die Feuerwehr. Sie nickte benommen, als Gesine ihr die Fahrzeuge nicht erklären konnte; bei einem Ausflug erkannte sie den Typ auf den zweiten Blick, obwohl die Fährportale ihr das Äußere mit Scheuklappen zugehängt hatten. Die South Ferry war ihr erster Wunsch an New York. — stop
upper west side : broadway
delta : 8.05 — Das Haus am Riverside Drive, in dem Uwe Johnson lebte und arbeitete. Pfade, die Uwe Johnson spaziert haben könnte. Eine Subway Station, 96. Straße, uralte, dunkle Bäume. Das Regenlicht über dem Hudson. Wassertanks, die auf Dächern wachsen. Auf dem Broadway torkelt eine Ampel. Kleine, schwarze, schweigsame Männer in grünen Uniformen der Freiheitsstatue verteilen Einladungen zur Schifffahrt. Eine Kutsche weißer Pferde, dampfende Nüstern, klappert in Richtung Central Park. Es ist Montag, oder Dienstag oder Sonntag. Eine Frau, sie telefoniert in einer Sprache, die ich noch nie zuvor hörte. Ein Mann mit Kühlschrank wartet am Straßenrand. Schnelle, scheue Blicke. — stop
ventilatorpocken
nordpol : 9.16 — Dämmerung des Morgens. In den blaugrauen Schatten der Häuserspitzen, die sich über Kreuzungen bewegen, scheint die Zeit schneller zu werden. Ein Waschbär hastet Richtung Central Park geduckt der Bordsteinkante entlang. Am siamesischen Hydranten hält er kurz an, trinkt, dreht sich immer wieder nach mir um, unsicher vielleicht, weil er bemerkte, dass ich ihm folge durch die Seewindluft, die noch kühl ist von der Nacht. Das Rauschen der Ventilatorpocken an den Häuserwänden, sanft. Vereinzeltes Hupen. Eine Minutengeschichte im Warten auf Uwe Johnsons Wörterlicht, die Sohle der Lexington Avenue noch verschattet. — stop
uwe johnson
3.05 — Ich weiß nicht weshalb, heute Nacht finde ich mich mit Zollstock vor Uwe Johnsons Jahrestagen wieder. Ich beobachte meine Hände, wie sie das Maß einer Zeile messen, wie sie mit einem wandernden Finger die Linien einer Seite zählen, wie sie das Buch mit Luft durchfächern, wie sie Ziffern notieren auf ein Blatt Papier. Kurz darauf liegen linke, als auch rechte Hand ruhig auf dem Tisch, während das Gehirn, das ihnen zugeordnet ist, lautlos rechnend vor sich hin arbeitet. Ich notiere: Die gesammelten Zeichen der Jahrestage in ihrer Frankfurter Sonderausgabe würden eine lesbare Kette von 6.4 Kilometern Länge bilden, wenn sie in genau jener Reihenfolge dem Buch entkommen würden, wie von Uwe Johnson einmal ausgedacht. — stop