geräuschstempel

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15.01 – Welches Geräusch erzeugen zwei Millionen Amei­sen­beine sobald sie in rasender Bewe­gung einen Baum erobern? Exis­tiert viel­leicht ein india­ni­sches Wort für dieses spezi­elle Geräusch? Wie könnte ich dieses Wort finden? Oder eine Geste, die eine drohende Amei­sen­flut bedeutet? – stop

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herzschlag

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2.18 – Von Zeit zu Zeit, wenn ich in einem bota­ni­schen Garten sitze beispiels­weise, wenn ich mir wünsche, eine der chine­si­schen Nach­ti­gallen möge von den Bäumen herun­ter­kommen und sich zu mir setzen, halte ich die Luft so gründ­lich an, dass ich zu einer laut­losen Erschei­nung werde unter scheuen Vögeln. – Stunden des Arbei­tens, des Wartens. – Das kaum noch wahr­nehm­bare Brausen einer Stadt jenseits der Bäume, jenseits der Mauern. – Trop­fendes Wasser. – Meine Hände, die die Tastatur der Notier­ma­schine so behutsam berühren, als würden sie Amei­sen­rü­cken beschriften. – Weit nach Mitter­nacht. Es ist so still, dass ich glaube, von fern meinen Herz­schlag zu hören. – stop

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sonar

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2.15 – Manchmal denke ich mir ein Geräusch aus und dann denke ich das Geräusch solange, bis ich mich an das Geräusch erin­nern kann. – stop

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popcorn

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22.38 – Die Vorstel­lung, man könnte einmal Käfer in Tüten kaufen, so wie man Popcorn in Tüten kaufen kann. Käfer in grünen Panzern, die nach Pista­zien schme­cken, und Käfer in roten Panzern, sie schme­cken nach Johan­nis­beeren, und Käfer in gelben Panzern, sie schme­cken nach Melisse. Sobald man eine Tüte öffnet, fliegen sie los. Sie sausen ein paar Runden durch die Luft, verdrehen einem den Kopf, um sich unver­züg­lich in jeden Mund zu stürzen, der sich vor ihnen öffnet. Dort dann zerplatzen sie mit einem zarten Geräusch in einem voll­endeten Aromas­tern. – Wong Kar War’s wunder­barer Nacht­vogel ohne Füße, der niemals landet. – stop

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trompetenkäfer

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2.25 – Folgendes. Ein Trom­pe­ten­käfer ist in der Mitte, zwischen Kopf und Brust auf der einen, und seinem gepan­zerten Ende auf der anderen Seite, mehr­fach gefaltet. Das sind Falten einer Haut, die sofort an sehr feines Repti­li­en­leder erin­nert. Sobald nun der Käfer einen Ton zu erzeugen wünscht, schreitet er mit Kopf und Brust voran, während er sich mit seinen Hinter­beinen gegen die Lauf­rich­tung stemmt, so dass sich beide Segmente rasch vonein­ander entfernen und einen Raum eröffnen, der jene Luft mit Leder umman­telt, die durch Mund oder Kiemen in den Käfer­körper bereits vorge­drungen ist. Im Moment seiner größten Entfal­tung wird der Käfer seine Bewe­gung kurz unter­bre­chen, und während sich nun die Beine seines Brust­seg­mentes in den Boden schlagen, arbeiten sich die hinteren Läufe solange voran, bis wieder alles schön gefaltet ist in der Mitte und alle Luft geräusch­voll am Mund­stück wieder ausge­treten. – Milde Luft heut Nacht. – stop

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ilse aichinger

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5.38 – Es soll jetzt Tonfilme geben. – Das war ein rätsel­hafter Satz. Und es war einer von den ganz wenigen rätsel­haften Sätzen der Erwach­senen, die mich nicht losließen. Einige Jahre später, ich ging schon zur Schule, sagte die jüngste Schwester meiner Mutter, wenn wir an den Sonn­tagen zu meiner Groß­mutter gingen, bei der sie lebte, fast regel­mäßig am späten Nach­mittag: > Ich glaub, ich geh jetzt ins Kino. < Sie war Pianistin, unter­rich­tete für kurze Zeit an der Musik­aka­demie in Wien und übte lang und leiden­schaft­lich, aber sie unter­brach alles, um in ihr Kino zu gehn. Ihr Kino war das Fasan­kino. Es war fast immer das Fasan­kino, in das sie ging. Sie kam frös­telnd nach Hause und erklärte meis­tens, es hätte gezogen und man könne sich den Tod holen. Aber sie ließ ihr Fasan­kino nicht, und sie holte sich dort nicht den Tod. Den holte sie sich, und der holte sie gemeinsam mit meiner Groß­mutter im Vernich­tungs­lager Minsk, in das sie depor­tiert wurden. Es wäre besser gewesen, sie hätte ihn sich im Fasan­kino geholt, denn sie liebte es. Aber man hat keine Wahl, was ich nicht nur bezüg­lich des Todes, sondern auch bezüg­lich der Auswahl der Filme zuweilen bedauere, wenn meine liebsten Filme plötz­lich aus den Kino­pro­grammen verschwinden. Obwohl ich es gerne wäre, bin ich leider keine Cine­astin, sondern gehe sechs oder siebenmal in denselben Film, wenn in diesem Film Schnee fällt oder wenn die Land­schaften von England oder Neueng­land auftau­chen oder die von Frank­reich, denen ich fast ebenso zuge­neigt bin. Ilse Aichinger : Mitschrift

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