ludwig wittgenstein

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5.27 – Bemerke immer wieder, dass ich nicht spüren kann, wo genau im Kopf ich denke. Da sind durch Worte gehemmte [ Ludwig Witt­gen­stein ] Gedanken, präzise vernehm­bare Geräu­sche, die in blauen, in roten, in gelben Farb­tönen erscheinen. – Einmal CNN. | stop | Nacht­fern­sehen. | stop | New Orleans. | stop | Alte Menschen, die aus Fens­tern, von Balkonen ihrer Wohnungen her in Boote steigen. | stop | Junge Männer in Uniformen der Natio­nal­garde, die ihnen die Hände reichen. | stop | Gesten, als wären sie Gondo­liere. | stop | Das Gesicht eines Mannes, – erschöpft, leer, ausge­zehrt, geschlossen. | stop | Ja, ein geschlos­senes, licht­loses Gesicht. | stop | Nichts mehr darf hinein. | stop | Nichts kann heraus. | stop | Viel­leicht die Ahnung, dass er nicht wieder zurück­kehren wird? | stop | Viel­leicht reicht mein Blick, mein Kame­ra­blick, nicht ausrei­chend tief in die Wohnung? | stop | Ich könnte ein Ohr fest auf den Boden legen und dem Meer lauschen, wie es in der Wohnung unter meiner Wohnung mit den Möbeln spielt. | stop | In Schiffen, in Städten, auf Bäumen wohnen arme Menschen tief oder an steilen Erdse­gel­hängen. | stop |

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harold and maude

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2.05 – Ich habe mir einen kleinen Luxus gestattet. Ich habe mich mit einer Schachtel Pista­zieneis auf mein Sofa gesetzt und einen Film betrachtet, den ich vor zwanzig Jahren zuletzt gesehen und seither nie wieder vergessen habe : Harold and Maude. Ein großes Vergnügen. Wie weit entfernt in der Zeit doch Harold erscheint. Unlängst noch ist er vertraut und nah gewesen. Aber Maude ist in meinen Augen sehr viel jünger geworden. Für einen kurzen Moment habe ich über­legt, in welcher Art und Weise ich mein Leben gestalten sollte, um Maude einmal als junges Mädchen wahr­nehmen zu können. – Zwei Stunden nach Mitter­nacht, also später Nach­mittag. Nichts zu tun in dieser Nacht, als mit Dorothy Parkers New Yorker Geschichten durch die Zeit zu segeln.

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haltung

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4.12 – Das Schreiben im Stehen, weil das Stehen sich in der Nähe des Gehens befindet, das Sitzen aber in der Nähe des Liegens, also des Schla­fens.

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karusell

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0.24 – Ein seit langer Zeit arbeits­loser Mann sei in einen Wald gefahren, habe sich auf einen Hoch­stand für Jäger gelegt und zu Tode gehun­gert. Sein lang­sames Sterben, so schreibt man, habe der Mann in ein Schul­heft doku­men­tiert. Er habe notiert, wie sich sein Körper nach und nach aufzu­lösen begann, wie seine Organe versagten, wie der eigene Tod näher rückte. Er wünschte in einer letzten Notiz, dass seine Aufzeich­nungen seiner Tochter über­geben werden. Wie verzwei­felt muss dieser Mensch gewesen sein, um sich wie ein todkrankes Tier zurück­zu­ziehen und nach 24 Tagen zu sterben, wie verbit­tert, um diese furcht­bare Gewalt seiner Tochter anzutun! Oder aber dieser Mann ahnte, dass auf dem Markt seltener Papiere, ein hoher Preis für sein horri­bles Doku­ment erzielt werden könnte. – Eine Wert­stei­ge­rung. – Was ist geschehen?

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luftgeräuschworte

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2.15 – Gestern Abend gegen zehn Uhr wusste ich in einem Text nicht weiter, weil ich mich nicht erin­nern konnte welche Geräu­sche die Flügel einer Eintags­fliege in der Luft erzeugen. Ich hatte ein sehr helles Propel­ler­ge­räusch im Ohr, aber immer dann, wenn ich dieses Geräusch summieren wollte zu einem Geräusch hundert­tau­sender Flie­gen­tiere, der Verdacht, dass mit meiner Erin­ne­rung etwas nicht ganz in Ordnung sein könnte. Ein Schwarm der Ordnung Ephe­mer­op­tera ist in der Luft kaum zu vernehmen. Habe fünf oder sechs Schwar­mer­schei­nungen beob­achtet, sie sind lautlos, wirbelnder Schnee. Und doch war da ein Ton, sobald eine Fliege dicht an meinem Ohr vorüber gekommen oder in nächster Nähe auf mir gelandet ist. – Ein zartes Klap­pern viel­leicht? – Luft­ge­räuschworte erfinden.

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denken

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5.18 – Ich bemerke vom Prozess des Denkens immer nur das Ergebnis, wenn ange­halten wird, eine Sekunde, ein Bild, einen Satz. Oft geglaubt, dass ich nicht eigent­lich denke, dass, wenn mir etwas einfällt, etwas von Außen herein­fällt, nicht von Innen heraus.

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kolibri

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3.01 – Ich wurde, noch nicht lang her, gefragt, worin denn die Vorzüge eines Lebens auf Bäumen zu sehen seien. Hört zu, habe ich geant­wortet, keine Zeitung, kein TV. Ruhe. Fast Stille. Etwas Pfeifen, etwas Schnat­tern. Käfer. Amei­sen­tiere. Und Affen, größere Gruppen frecher Affen. Tama­rine. Die Kerle drohen mit längst vergo­renen Früchten, die sie für Geschenke halten. Moskitos. Fauchende Schaben. Kein Besteck, keine Waffen, keine Tele­fone. Abend­segler. Leich­tere Fliegen. Fliegen in Blau, in Rot, in Schwarz. Schnelle Spinnen. Abwar­tende Spinnen. Regen. Warmes Wasser. Die Stämme der Bäume, die so hoch aufragen, dass man ihre Kronen nicht mit Blicken errei­chen kann, auf und ab, auf und ab, Schiffs­masten im Hafen vor Sturm. Deshalb Seekrank­heit, deshalb Höhen­angst. Aber Vögel, sehr kleine Vögel. Flügel. Unschärfen der Luft. Öffnet man vorsichtig den Mund, wird man für eine Blüte gehalten.

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dubrowka – theater

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22.15 – Im Cafe eine Unter­hal­tung mit einem Ermitt­lungs­be­amten Orga­ni­sierte Krimi­na­lität. Wir kommen auf eine Geisel­nahme im Moskauer Dubrowka – Theater am 23. Oktober 2002 zu spre­chen. 132 Menschen waren ums Leben gekommen. Folgendes > b : Wenn Du zwei Geiseln nimmst und verhan­delst, hast Du gute Über­le­bens­chancen. Wenn Du damit drohst eine Geisel zu erschießen, wird’s gefähr­lich. Wenn Du eine Geisel erschießt, bist Du ein toter Mann. – louis : Und wenn ich schlafe, wenn Ihr kommt? – b : Betäubt? – louis : Betäubt. – b : Bombe? – louis : Bombe! b : Dann bist Du tot. Du bist eine Bombe, Du schläfst und Du bist tot.

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