edmond jabès

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tango : 0.05 – Als würde Regen fallen, so mächtig die Küsse der Fliegen ins Wasser. Irr auch die Falter, die Weißen und die Roten und die Blauen. Und auch die Libellen am Himmel, alle irr von der Liebe. – Wenn der Stein durch­sichtig wird oder – genauer – wenn die Durch­sich­tig­keit Stein wird, lassen sich alle Träume der Erde lesen. Edmond Jabès

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sonnenphoton

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ulysses : 0.18 – Oft schon über das Licht nach­ge­dacht. Woher das Licht kommt und was geschieht, wenn das Licht auf einen Gegen­stand oder auf die Ober­fläche eines Lebe­we­sens trifft. Was wäre, wenn ich ganz ohne das Licht auskommen müsste, wenn ich nur noch hörend oder mit meinem Tast­sinn die Welt erfahren könnte? – Einmal habe ich versucht, den Moment wahr­zu­nehmen, da die Morgen­däm­me­rung einsetzte, aber ich konnte nicht bestimmen, wann genau das erste Sonnen­photon mein Auge berührte. stop

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bagdad

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nordpol : 0.05 – In Bagdad spricht ein Reporter vor einer Fern­seh­ka­mera. Menschen, Passanten, schauen ihm über die Schulter, sie machen Victo­ry­hand­zei­chen in Rich­tung der Kamera und lachen. Im Hinter­grund kreuzt ein Cruise Missile eine Straße. Der Flug­körper kommt von rechts und fliegt nach links, er fliegt genau in Ampel­höhe und gerade so schnell, dass er nicht zu Boden fällt. Er fliegt in einer Art und Weise, als würde er sich an Verkehrs­re­geln halten. Kurze Zeit später eine Deto­na­tion, kaum hörbar, aber gut sichtbar, eine Erschüt­te­rung des Bodens, eine Erschüt­te­rung der Luft, eine Erschüt­te­rung, die auf den Körper des Kame­ra­mannes einwirkt, die sich durch den Körper des Kame­ra­mannes fort­setzt bis zur Kamera hin und die Stabi­lität des Bildes beein­flusst. Auch Hori­zont und Himmel sind erschüt­tert, wie die Menschen und ihre Victo­ry­zei­chen. stop. Würden SIE eine 500-Pfund-Bombe nach einem Menschen werfen?

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flaubert

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marimba

~ : louis
to : Mr. gustave flau­bert
subject : MEMPHIS

Verehrter Mr. Flau­bert, gestern, am späten Nach­mittag, knis­terte ein feiner Regen ans Dach­fenster meines Zimmers und ich habe mich auf den Rücken gelegt und ihr ägyp­ti­sches Reise­ta­ge­buch geöffnet, eine sehr feine Arbeit, detail­liert, das Abschied­nehmen, ihre voraus­rei­senden Koffer. Während Sie gerade an Bord der Canja Memphis passierten, bin ich einge­schlafen, viel­leicht weil ich müde war von einer viel zu kurzen Nacht. Als ich wieder wach wurde, knis­terte der Regen noch immer gegen das Fenster, und ich erin­nerte mich, ihnen erzählen zu wollen, dass ich seit vorges­tern, 15 Uhr mittel­eu­ro­päi­scher Sommer­zeit, Augen­paare sammle, die meine elek­tri­sche Seite besu­chen. Vermut­lich werden Sie mich für einen selt­samen Vogel halten, weil ich Augen paar­weise zähle, ihre Exis­tenz und woher sie kommen und welche Brillen sie tragen und die Zeit messe, die sie mit meinen Wörtern verbrachten. Gestern Abend um 22 Uhr 17 Minuten und 11 Sekunden hatte ich Besuch aus Shanghai. In großer Entfer­nung lurten also ein paar Augen, verweilten, kaum zu glauben, sechs Sekunden auf meinen Zeilen, dann waren sie wieder weg. Ich habe mir gedacht, dass diese hastigen Augen viel­leicht meine Schrift­zei­chen nicht entzif­fern konnten, dass sie deshalb nur zwei oder drei Atem­züge lang bei mir verweilten. Ja, lieber Flau­bert, das könnte sein, nein, ich hoffe, dass es so gewesen ist. Später Abend schon wieder. Werde jetzt weiter lesen in Ihrer ägyp­ti­schen Reise, während die Augen­zähl­ma­schine arbeitet, ohne dass ich mich auch nur einmal für sie bewegen müsste. Ihr Louis, mit aller­besten Grüßen.

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doppelhelix

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nordpol : 0.01 – Eine Foto­grafie, die James Watson und Francis Crick vor ihrem Modell einer DNA-Doppel­helix zeigt. Der Eindruck, Watson würde einen an der Zimmer­decke lungernden Trom­pe­ten­käfer betrachten, dessen Gattung zum Zeit­punkt der Aufnahme sich bereits abzu­zeichnen beginnt.

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Viel­leicht sollte ich sagen, dass Trom­pe­ten­käfer rein pneu­ma­ti­sche Arbeiter sind, während Posau­nen­käfer sowohl pneu­ma­ti­sche als auch mecha­ni­sche Verfahren der Toner­zeu­gung in sich verei­nigen. Drummer knallen elek­trisch. Bassisten verfügen über einen Körper von unge­wöhn­li­cher Länge, über ein Gehäuse, welches von feinsten Lamel­len­kno­chen ausge­bildet sein wird. Gerade diese wohl­klin­genden Wesen werden eines Tages mit Zigarren leicht zu verwech­seln sein. Das Erstaun­liche an musi­zie­renden Käfer­wesen ist, dass sie den Musiker sowohl, als auch ein Instru­ment, das von Menschen erfunden wurde, mit sich führen, dass sie also symbio­ti­sche Wesen sind.
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polarlicht

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hima­laya : 0.02 – In einem Reise­be­richt notiert Ludwig Hohl : 8 Uhr 30. Meer. – Meer leer. stop. Beob­ach­tungs­zeit = Belich­tungs­zeit. stop. In der vergan­genen Nacht wieder den Traum vom Mann gemacht, der vor einem Aqua­rium sitzt und einen Schwarm dunkel­blauer Fische betrachtet. Als ich hinzu­trat, hörte ich, dass der Mann mit leiser Stimme Zahlen flüs­terte. Ich fragte ihn, was er denn berechnen würde, und der Mann antwor­tete, dass er die Fische zähle, dass er sich nicht sicher sei, ob es sich bei dem Schwarm blauer Fische, um einen Schwarm aus 1556 oder aus 1557 Einzel­per­sonen handele. stop. Ist das wilde Spiel der Polar­lichter am Himmel aus einer Tiefe von 70 Metern unter der Meeres­ober­fläche vor Neufund­land noch zu erkennen?

gedankenechse

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echo : 0.25 – Seit Jahren, mit Vergnügen, beob­achte ich einen Gedanken, der sich nicht bewegt, kein Buch­sta­ben­zei­chen des Gedan­kens rührt sich von der Stelle. Manchmal denke ich, der Gedanke bewegt sich heim­lich, während ich andere Gedanken denke

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marlene

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ulysses : 8.15 – Drei Wochen zurück schrieb ich einen Brief an Y. Ich schrieb folgenden Satz : Hast Du schon einmal Deine Hände aus der Luft betrachtet? Heute erreicht mich seine Antwort : Apollo. Apollo. stop. Begeis­tert etwas Zeit in Sidney Lumets Verdict verbracht. Ein herr­lich spie­lender Newman. Feine, knis­ternde Glas­ge­räu­sche, als würde der Film in jedem nächsten Moment in tausend Stücke zerspringen. Kurz darauf nähert sich Maxi­mi­lian Schell in Paris Marlene Diet­rich. Ihre Stimme aus dem Off, die von dort ein wenig so klingt, als würde sie ein Glas Cognac getrunken haben oder zwei. Eine singende Stimme. Eine Stimme, die singt und spricht zur glei­chen Zeit. Einmal will Maxi­mi­lian Schell ihr eine männ­liche Frage stellen. Marlene Diet­rich : Was isn das?

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