flaubert

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20.25 – Georges Perec­zi­tiert Gustave Flau­bert: Paris wird ein Winter­garten werden / Spaliere mit Früchten auf den Boule­vards; die Seine filtriert und warm / Über­fluss an künst­li­chen Edel­steinen – über­reiche Vergol­dung. Beleuch­tung der Häuser – das Licht wird gespei­chert werden, denn es gibt Körper, die diese Eigen­schaft besitzen, wie etwa der Zucker, oder das Fleisch gewisser Mollusken und der Phos­phor aus Bologna. Die Häuser­fas­saden werden mit dieser phos­pho­res­zie­renden Substanz über­tüncht werden müssen und ihre Ausstrah­lung wird die Straßen hell erleuchten. | stop | Pleiade, II | stop | Endplan. | stop | Regen.

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zwergseerosen

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0.05 – Lebte im Traum mit glühenden Panzer­fi­schen unter einem Dach. Konnte nicht sagen, ob meine Zimmer unter Wasser standen oder gefüllt waren mit Luft. Verfügte ich über Kiemen oder hatten die Fische Lungen? – Noch zu tun: Zwerg­see­rosen erfinden für Unter­was­ser­himmel.

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flaubert

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0.02 – Will rasch folgende faszi­nie­rende Anek­dote zitieren, die in Wolf­gang Koep­pens wunder­vollem Buch Ich bin gern in Venedig warum zu finden ist. Die Geschichte geht so : Flau­bert schrieb eine Seite am Tag. In einer Gesell­schaft bat man ihn – Sie sind doch Schrift­steller – einem Abwe­senden eine Gruß­karte zu schreiben. Flau­bert ging in ein anderes Zimmer und blieb verschwunden. Nach drei Stunden erin­nerte sich die Gesell­schaft an ihn. Er saß am Tisch, die Karte vor sich und sagte: – So geht es … viel­leicht. – Auf der Karte stand : Freund­liche Grüße.

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segeln

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1.51 – Es ist jetzt kurz nach 2 Uhr. Eine ange­nehme Nacht hier in Mittel­eu­ropa. Auf meinem Schreib­tisch blühen zwei kleine Bäume in nicht erwar­teten Farben. Trotzdem wäre ich gerne auf einem Schiff, das gerade den Amazonas abwärts treibt. Würde in einer Hänge­matte lungern und lesen und mich vor Spinnen fürchten. Die Planken des Schiffs schau­kelten unter mir auf und ab, von den Ufern her wäre das Konzert der Nacht­affen zu hören.

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coco chanel

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1.18 – Einmal, in den Monaten der Vogel­grippe, kam mir bei klei­neren Turbu­lenzen im Gang eines Flug­zeuges eine uralte Lady entgegen, deren Gesicht­züge mich sofort an Coco Chanel erin­nerten. Sie war von zier­li­cher Gestalt, trug einen dunklen Mantel, sport­liche Schuhe und machte Schritte wie ein Matrose auf hoher See. Vor allem ihr schloh­weißes Haar und ihr äußerst willens­starker Blick sind nah geblieben, auch ihr hellrot geschminkter Mund, der mindes­tens achtzig Jahre alt gewesen sein musste, und doch beinahe wirkte wie der Mund einer jungen Frau. Eines Abends, während ich einer Nach­rich­ten­sen­dung folgte, erin­nerte ich mich an diese selt­same Frau, und ich stellte mir vor, wie sie aus der dritten Etage eines Miets­hauses in den Keller steigt, um ein Roll­wä­gel­chen zu suchen, das sie dort – für immer - abge­stellt hatte, nachdem sie beim Einkaufen um ein Haar gestürzt war. Es ist also früher Morgen, es ist Winter und noch dunkel, als die alte Dame das Haus verlässt. Ich sehe sie mit vorsich­tigen Schritten in ihrem dunklen Mantel und Winter­stie­feln über die Straße gehen. An der ersten Ampel biegt sie nach links ab, über­quert einen Platz, folgt einer weiteren schmalen Straße, jetzt ist sie vor einem Super­markt ange­kommen. Sie stellt ihr Roll­wä­gel­chen in der Nähe der Kasse ab, geht in die Geträn­ke­ab­tei­lung und nimmt eine Flasche Wasser aus dem Regal. Sie trägt die Flasche zu ihrem Wägel­chen, kehrt zurück, nimmt sich die nächste Wasser­fla­sche aus dem Regal und so geht das fort, bis das Wägel­chen gut gefüllt ist und ein wenig pfeift, wie es auf dem Heimweg über die Straße gezogen wird. – Jetzt ist die alte Frau vor der Tür ihres Hauses ange­kommen. – Jetzt stellt sie das Wägel­chen neben die Treppe, die zur Haus­türe führt. – Jetzt ist sie mit einer der Flaschen im Haus verschwunden. – Zehn Minuten vergehen. Dann erscheint sie wieder auf der Straße. Sie hat ihren Mantel ausge­zogen, trägt eine graue Jacke und Sport­schuhe. Kurz, für zwei oder drei Sekunden, hält sie sich am Geländer der Treppe fest.

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kapstadt

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2.26 – Mail von S. aus Kapstadt. Der junge Arzt berichtet aus einem kleinen Hospital [ 200 Betten ] nahe eines Town­ship. Er habe, wie immer wenn Zahltag sei, sehr schwie­rige Nächte hinter sich. Zeit der Drogen, Zeit der Waffen­käufe, Zeit offener Rech­nungen. Er stehe von 20.00 bis 8.00 Uhr im OP wie an einem Fließ­band und lege Thorax­drai­nagen, vernähe Stich­wunden, hole Messer­spitzen und Projek­tile aus den Körpern, all diese übli­chen Dinge in der Nähe des Krieges. Während ich seine Nach­richt lese, erin­nere ich mich an eine Foto­grafie, die einen alten italie­ni­schen Chir­urgen zeigt, der im Moment der Aufnahme eine Opera­tion im eigenen Bauch­raum unter­nimmt. Unver­züg­lich mache ich mich im Papp­schach­tel­turm auf die Suche.

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Wieder ein Oszil­lieren zwischen Staunen und Unruhe. Heute Nacht dampfen die Straßen. Leichter Seegang. – Viel­leicht ist das Schreiben ein Vorgang des Nähens, eine Arbeit der Repa­ratur. – Und Grosny?

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lou reed

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0.15 – Stim­mung fieb­riger Heiter­keit. Der Eindruck, dass ich mich auf einem Dampf­schiff befinde. Leise wummerndes Stampfen der Maschinen. Vorhin hat mir ein freund­li­cher Schiffs­doktor kühlende Salben gebracht für die Brust, einen Saft, der die Tempe­ratur senken soll, in einer merk­würdig blauen Farbe, und Tropfen für die Nase, die doch noch völlig in Ordnung ist. Eine Armlänge entfernt auf dem Boden steht eine leise pfei­fende Kanne Tee. Das hört sich ein wenig so an, als würde die Kanne zu mir spre­chen, weil ich heute selbst meine bewegten Bilder von Tag und Nacht durch­ein­ander spiele. Da ist John Lurie. Er lagert in Brooklyn vor einem Tabak­wa­ren­laden und spielt sein Saxo­phon. Und da ist Lou Reed. Er raucht wie der Teufel, während er erzählt, dass er sich vor den Schweden fürchte. Und da sind Geckos, finger­lange Geckos, hell­blau, ein Rudel. Sie jagen über die Decke meines hölzernen Zimmers dahin.

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andrej tarkowskij

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5.26 – Gestern Abend einen langen Spazier­gang durch eisige Luft unter­nommen. Gegen 1 Uhr im indi­schen Cafe eine Tasse Scho­ko­lade, dann nach Hause aufs Sofa unter Andrej Tarkow­skijs versie­gelte Zeit. Das war natür­lich ein Fehler gewesen. Sofort einge­schlafen. Gegen halb 3 werd ich wach. Kentaur Billy zupft am Kragen meines Hemdes: Haben Sie, verdammt, endlich die Farbe meiner Augen entschieden? – Eine wunder­bare späte Nacht mit Billy vor der Compu­ter­ma­schine. Ich sitze auf einem Stuhl, Billy auf seinen Hinter­läufen. Lese dem kleinen Kentaur aus meinen Entwürfen vor. Gelb, sage ich, ein dunkles, goldenes Gelb, und Billy sieht mich an und schweigt, sitzt schwei­gend zwei weitere Stunden an meiner Seite, aber dann werde ich müde und sage: Ok, Billy! Blau, und Billy lässt etwas Luft aus seinem schönen Mund entwei­chen, erhebt sich und springt mit einem Satz ins Nachtso­fa­zimmer, und schon ist er weg. – Kurz nach 5 Uhr. Während ich in die Küche gehe, leichter Seegang. Denkbar, dass ich etwas Fieber bekommen habe.

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