Aus der Wörtersammlung: eis

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ewig

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sier­ra : 22.12 — Im Haus der alten Men­schen beob­ach­te­te ich eine 94-jäh­ri­ge Frau, die an einem Tisch saß und notier­te. Ich hör­te, sie schrei­be seit Jah­ren Tag für Tag, Stun­de um Stun­de lan­ge Lis­ten in Notiz­hef­te. In die­sen Lis­ten, erzähl­te sie ein­mal, wür­de sie ver­mer­ken, was noch zu tun sei im Leben. Als ich mich lei­se näher­te, bemerk­te ich tie­fe Fur­chen in den Sei­ten des Hef­tes, kei­ne Schrift­zei­chen jedoch, weil sich in der schrei­ben­den Hand der Notie­ren­den, ein Kugel­stift befand, der längst leer geschrie­ben war. — stop
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vom stempelwald

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alpha : 22.10 — Andrej erzähl­te, er habe beob­ach­tet, wie er, sobald er in Gedan­ken ver­sun­ken arbei­te, die Welt der Zei­chen auf Papie­ren mit der Welt der digi­ta­len Zei­chen auf Bild­schir­men in unmit­tel­ba­re Ver­bin­dung set­ze. Sobald er lan­ge Zeit auf einem Bild­schirm mit den Werk­zeu­gen der Bild­schir­me an einem Text gear­bei­tet habe, wür­de er, wenn er sich Zei­chen auf Papie­ren zuwen­de, den Ver­such unter­neh­men, auch dort Wör­ter, zum Bei­spiel mit­tels deh­nen­der oder zie­hen­der Bewe­gung zwei­er Fin­ger zu ver­grö­ßern, oder aber Wör­ter durch Berüh­rung zu unter­strei­chen oder aber aus­zu­schnei­den, was zunächst unge­dul­di­ge, sogar hef­ti­ge Wie­der­ho­lung sei­ner Ges­ten zur Fol­ge habe, bis er end­lich begrei­fe, dass er sich an gestem­pel­ten Wör­tern ver­su­che. — stop
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halsposaune

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alpha : 15.12 — Es ist Frei­tag. Seit einer hal­ben Stun­de ver­harrt der Hilfs­po­li­zist Tho­mas Lie­ber­mann an der Zen­tral­sta­di­on vor dem Gleis 8 voll­kom­men bewe­gungs­los, weil ihm ein klei­ner Mann begeg­net war, der über Fähig­kei­ten ver­füg­te, die Herr Lie­ber­mann nicht vor­her­se­hen konn­te. Es war näm­lich so gewe­sen, dass er die­sen klei­nen Herrn kon­trol­lie­ren, das heißt prä­zi­se, den klei­nen Mann aus der Hal­le des Bahn­ho­fes ent­fer­nen woll­te, weil der klei­ne Herr sehr ärm­lich geklei­det war und außer­dem schmut­zig und ver­letzt durch eine Wun­de an der lin­ken Wan­ge, die nicht gut, viel­mehr äußerst schreck­lich wirk­te. Sie beweg­te sich näm­lich, etwas in der Wun­de beweg­te sich. Nun ließ sich der klei­ne Herr, der einen schä­bi­gen, blau­en Kof­fer auf den Boden abge­stellt hat­te, nicht bewe­gen in Rich­tung des Aus­gan­ges zu gehen. Er sah Herrn Lie­ber­mann statt­des­sen mit einem fes­ten Blick ent­ge­gen, weil er der fes­ten Über­zeu­gung gewe­sen zu sein schien, dass er sich nicht oder nicht auf Befehl hin auf den Weg machen wür­de hin­aus in die Käl­te. Kurz dar­auf öff­ne­te der alte Mann sei­nen Mund. In die­sem Augen­blick erkann­te Hilfs­po­li­zist Tho­mas Lie­ber­mann, dass er etwas Außer­ge­wöhn­li­ches erleb­te. Denn in den Rachen des Man­nes tief im Schlund war, nun­mehr sicht­bar, der Klang­trich­ter einer klei­nen Posau­ne ein­ge­las­sen. Von dort her war unver­züg­lich ein sono­rer Ton zu hören, der die Hal­le erbe­ben ließ, sowie Herrn Lie­ber­mann in einen Zustand der Erstar­rung ver­setz­te. Das war vor einer hal­ben Stun­de gewe­sen, aber das erzähl­te ich bereits. Auch drei Tau­ben lie­ßen ihr Leben. — stop
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polarlicht

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nord­pol : 0.01 — Irgend­wann ein­mal wür­de ich ger­ne fol­gen­de Mel­dung notie­ren: Zoo­lo­gi­scher Gar­ten auf Grön­land jen­seits des Polar­krei­ses eröff­net. Selbst­ver­ständ­lich wird es sich bei die­sem ark­ti­schen Tier­park nicht um eine gewöhn­li­che Ver­samm­lung leben­der Tie­re han­deln. Im Park dort, frei oder in Gehe­gen, wer­den viel­mehr leuch­ten­de Tie­re woh­nen, schim­mern­de, oder in allen wun­der­ba­ren Far­ben, die man sich aus­zu­den­ken ver­mag, glü­hen­de Wesen, ihre Zel­len näm­lich wer­den glü­hen. So wer­den leuch­ten­de Anti­lo­pen unter der Kup­pel des Afri­ka­hau­ses über künst­li­che Step­pen­grä­ser sprin­gen, und leuch­ten­de Men­schen­af­fen durch das Geäst der Nacht­bäu­me schwin­gen. Und da wer­den leuch­ten­de Vögel sein und eben­so leuch­ten­de Ele­fan­ten in ihren rie­sen­haf­ten Volie­ren. Auch die Eis­bä­ren wer­den leuch­ten und die See­hun­de und Rob­ben und Schnee­füch­se. Es ist des­halb gut, dass in der Polar­nacht immer­zu Dun­kel ist. Der zoo­lo­gi­sche Gar­ten wird rund um die Uhr geöff­net sein, war­um nicht! — stop

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ein taucher

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nord­pol : 10.12 — Ich hör­te, auf Grön­land soll in einer Sied­lung nörd­lich des Polar­krei­ses ein Mann exis­tie­ren, der trai­niert wur­de, in Wal­fisch­kör­pern zu tau­chen. Sobald sorg­fäl­tigs­te Unter­su­chung eines gestran­de­ten Tie­res not­wen­dig wer­den soll­te, wür­de jener Wal­fisch­tau­cher unver­züg­lich zur Arbeit geru­fen. Ich stel­le mir vor, wie der Mann in einen Neo­pren­an­zug gehüllt, mit einem fla­chen Sau­er­stoff­ge­rät aus­ge­rüs­tet, einer star­ken Lam­pe, zwei äußerst schar­fen Mes­sern, sowie einem ange­spitz­ten Helm aus­ge­rüs­tet, am Strand ruhen­de Leich­na­me besucht, die mög­li­cher­wei­se noch warm sind. Ein fast laut­lo­ser Vor­gang. Der Tau­cher ver­schwin­det voll­stän­dig, arbei­tet sich Zen­ti­me­ter um Zen­ti­me­ter schnei­dend durch den Kör­per vor­an. Viel­leicht wird sei­ne Stim­me zu hören sein, eine Funk­stim­me, die bis­wei­len mel­det, dass er sich gut füh­le, dass er das Herz des Wales bald errei­chen wer­de, das ist denk­bar. — stop

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nachts

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romeo : 5.22 — Es war Nacht und ich hock­te in mei­ner Küche und schäl­te sehr lang­sam einen Apfel. Kurz dar­auf hör­te ich ein rascheln­des Geräusch, des­sen Ursa­che sich in mei­nem Kühl­schrank auf­zu­hal­ten schien. Ich war­te­te eini­ge Minu­ten. Zunächst wie­der Stil­le, dann erneut ein rascheln­des Geräusch. Unver­züg­lich öff­ne­te ich die Tür zum küh­len Raum, der hell beleuch­tet war. Wie ich so auf einem Stuhl im Licht mei­nes Kühl­schran­kes saß und war­te­te, dass sich dort etwas Unbe­kann­tes zei­gen möge, das Geräu­sche ver­ur­sacht, begann ich damit, das sicht­ba­re Gut im Schrank zu befra­gen, die Mar­me­la­de zum Bei­spiel, ein Gläs­chen voll Apri­ko­sen­ge­lee, ob es denn mög­lich wäre? Oder der Senf, die Fei­gen in ihrer Fei­gen­box, But­ter­wa­ren. Aber auch das ita­lie­ni­sche Brot rühr­te sich nicht. Ich erin­ner­te mich in die­sem Augen­blick der Kühl­schrank­be­ob­ach­tung an ein Kind, das immer wie­der ein­mal die Tür eines längst ver­schwun­de­nen Eis­schranks auf­riss, um nach der Dun­kel­heit zu sehen, die angeb­lich ver­läss­lich ein­tre­ten soll­te, sobald die Tür des Kühl­schran­kes geschlos­sen wur­de. Ich leg­te mich dann wie­der ins Bett. — stop

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nachtwärts

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char­lie : 11.08 — Im Schnell­zug hör­te ich vor Wochen, wie eine Frau von der geis­ti­gen Umnach­tung ihrer Freun­din erzähl­te. Sie sprach von Zeit­lo­sig­keit, es sei dort in ihrer Wahr­neh­mung, in der Wahr­neh­mung der Freun­din, immer die­sel­be Zeit, gleich ob Tag ist oder Nacht. Sie sag­te noch, ihre Freun­din spre­che kein Wort. Woll­te ich fra­gen, wie sie ob der Stumm­heit ihrer Freun­din der­art genau Bescheid wis­sen konn­te, aber da war sie schon aus­ge­stie­gen am Sport­feld. Seit­her kehrt das Wort Umnach­tung immer wie­der zu mir zurück. stop. So nimmt man für den aus­druck der trau­er, der inne­ren ver­wüs­tung, der umnach­tung des geis­tes die far­be der nacht. Hegel w. (1832) — stop

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schlafende

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sier­ra : 15.02 — Ich hör­te, sobald Men­schen zu schla­fen begin­nen, sobald sie sich in Lang­zeit­schlä­fer ver­wan­deln, ver­schwin­den schritt­wei­se jene Men­schen aus ihrem Leben jen­seits der Träu­me, die nur sel­ten schla­fen, nur für Stun­den nachts. Oder aber die Schlaf­lo­sen keh­ren an die Bet­ten der Schla­fen­den zurück, weil sie hier in den Schlä­fer­zim­mern sit­zend zur Ruhe kom­men. Manch­mal schla­fen selbst die Ruhe­lo­sen unter ihnen an den Bet­ten der alten Men­schen ein. Wie wun­der­bar die Herbst­baum­lam­pen leuch­ten. — stop

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tagwesen

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nord­pol : 16.15 — Es ist tat­säch­lich ver­mut­lich so: Nacht­men­schen kom­men mor­gens die Tage wie erwa­chen­de Lebe­we­sen ent­ge­gen, manch­mal als geschmei­di­ge, lei­se, rück­sichts­vol­le Per­sön­lich­kei­ten, ein ande­res Mal als Bes­ti­en, schrill, glü­hend, tosend. — Nichts wei­ter. — stop



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