Schlagwort: op

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prypjat

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nord­pol : 6.57 UTC — Film­auf­nah­me der Stadt Pryp­jat an einem son­ni­gen April­tag des Jah­res 1986. Duns­ti­ge Haut liegt über far­bi­gen Bil­dern des Films, spie­len­de Kin­der vor Häu­ser­blocks, ein Karus­sell, ein Rie­sen­rad, fla­nie­ren­de Bür­ge­rin­nen und Bür­ger, All­tag, Frie­den. Man­che der Men­schen tra­gen Taschen, ande­re hal­ten ihre Söh­ne und Töch­ter an der Hand, ein Drei­rad, Bäu­me von hel­lem Grün, und der Him­mel, wol­ken­los. Aber da ist noch etwas ande­res, etwas Unheim­li­ches, da sind Punk­te, Krei­se, hel­le Erschei­nun­gen zu erken­nen, in Bruch­tei­len rasen­der Zeit tau­chen sie auf und sind sofort wie­der ver­schwun­den. So rasch und so uner­war­tet tre­ten sie aus der Bewe­gung des Fil­mes her­vor, dass ein mensch­li­cher Betrach­ter nicht sicher sein kann, ob die Erschei­nung, die er gera­de noch wahr­zu­neh­men glaub­te, tat­säch­lich zu sehen oder nicht ein Irr­tum sei­nes Gehirns gewe­sen war, hel­le Schir­me, pel­zig, weich. Die­ses blit­zen­de Licht zeigt Ver­let­zun­gen des bild­tra­gen­den Mate­ri­als an, Ver­hee­run­gen, die durch strah­len­de Teil­chen des bren­nen­den Gra­phit­re­ak­tors zu Tscher­no­byl ver­ur­sacht wur­den, Teil­chen­spur­licht, des­halb so unheim­lich, so tra­gisch, weil die­ses Licht in den Augen des Film­be­trach­ters von einer spä­te­ren Wirk­lich­keit aus wahr­ge­nom­men wer­den kann, nicht aber von jenen Men­schen, die sich in der Wirk­lich­keit der Auf­nah­me vor der Kame­ra beweg­ten durch einen lebens­ge­fähr­li­chen Tag, den sie viel­leicht für einen glück­li­chen Tag ihres Lebens gehal­ten haben, weil nie­mand sie vor der unsicht­ba­ren Bedro­hung, die sich in der Atmo­sphä­re befand, warn­te. — stop /Kof­fer­text

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homs vor jahren nah

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papa : 0.28 — Vor weni­gen Jah­ren ent­deck­te ich einen Film, der selt­sa­mer­wei­se eini­ge Tage spä­ter auf der Posi­ti­on, da ich ihn ihm Inter­net bemerkt hat­te, nicht län­ger anzu­tref­fen war. Der Film, so wird erzählt, war von einer Droh­ne aus auf­ge­nom­men wor­den, einem künst­li­chen Vogel, der über und durch die Stra­ßen der Stadt Homs gesteu­ert wor­den war. Bei­na­he hät­te ich notiert, die Droh­ne, sie muss ein recht gro­ßes Gerät gewe­sen sein, sei durch die Stra­ßen der Stadt geirrt, aber für die­ses Wort irren flog die Droh­ne viel zu sou­ve­rän her­um und über Häu­ser hin­weg, sie beweg­te sich wie eine pro­fes­sio­nel­le Film­droh­ne einer Hol­ly­wood­pro­duk­ti­on, oder aber so, als wäre sie an einem luft­ge­fe­der­ten Schwenk­kran befes­tigt, sie beweg­te sich erschüt­te­rungs­frei durch die Luft, kei­ner­lei Druck­wel­le, kein Wind weit und breit. Was wir sehen, wenn wir die­sen Film betrach­ten, ist eine fürch­ter­lich zer­stör­te Stadt. Ich habe die­se Art Ver­wüs­tung auf Foto­gra­fien gese­hen der Stadt Mün­chen oder Ber­lins oder Frank­furts, die im Jahr 1945 auf­ge­nom­men wor­den waren. Ich erin­ne­re mich, man sah dort Men­schen, die mit Eimern in lan­gen Rei­hen hin­ter­ein­an­der stan­den, um Stei­ne in einer Ket­te zu trans­por­tie­ren, oder Men­schen mit Kin­der­wa­gen, in wel­chen Kar­tof­fel­sä­cke lagen, Men­schen mit Ruck­sä­cken und Men­schen mit Kof­fern, die sie über Schutt­ber­ge wuch­te­ten. Im meh­re­re Minu­ten andau­ern­den Flug über und durch die Stadt Homs war jedoch kein Mensch zu erken­nen. Mehr­fach habe ich den Film vor und zurück­ge­spielt, nein, kein Mensch war zu sehen, nicht ein ein­zi­ger Mensch, so sehr ich mei­ne Augen bemüh­te, nicht ein­mal Geis­ter. — stop /Kof­fer­text

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tintenzeit

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echo : 14.32 UTC — Am Tele­fon mel­de­te sich ein Mann, der mir eine trau­ri­ge Geschich­te erzähl­te. Er sag­te: Mei­ne Frau ist selt­sam gewor­den, sie wur­de gera­de eben 84 Jah­re alt, viel­leicht ist sie des­halb selt­sam gewor­den. Sie geht nicht mehr ins Bett um Mit­ter­nacht und sie hat auf­ge­hört zu kochen, des­halb koche ich jetzt für uns bei­de, obwohl ich nie gekocht habe. Mei­ne Frau sitzt in der Küche und schaut mir zu. Manch­mal sagt sie, dass ich sehr gut kochen wür­de. Der Mann am Tele­fon lach­te. Und ich erin­ner­te mich, dass ich vor Jah­ren ein­mal einen Aus­flug zu einer Tan­te mach­te, die damals seit bereits über zehn Jah­ren in einem Heim leb­te, weil sie sehr alt war und außer­dem nicht mehr den­ken konn­te. Es war Früh­ling und der Flie­der blüh­te, die Luft duf­te­te, mei­ne Tan­te saß mit wei­te­ren alten Frau­en an einem Tisch und schlief oder gab vor zu schla­fen. Ihr Gesicht war schmal, ihre Augen­li­der durch­sich­tig gewor­den, Augen waren unter die­ser Haut, blau, grau, rosa, eine Gischt hel­ler Far­ben. Ich drück­te mei­ne Stirn gegen die Stirn mei­ner Tan­te und nann­te mei­nen Namen. Ich sag­te, dass ich hier sei, sie zu besu­chen und dass der Flie­der im Park blü­hen wür­de. Ich sprach sehr lei­se, um die Frau­en, die in unse­rer Nähe saßen, nicht zu stö­ren. — In die­sem Augen­blick hob ich mei­nen Füll­fe­der­hal­ter vom Papier, auf das ich mei­nen Text mit mei­ner rech­ten Hand notiert hat­te. Es war sehr fei­nes Papier, eines durch das man hin­durch­se­hen kann, wenn man das Papier gegen etwas Licht hält, rascheln­des Papier, Luft­pa­pier. Ich hob mei­nen Blick, um gera­de noch wahr­neh­men zu kön­nen, dass sich das Wort Tele­fon auf­zu­lö­sen begann. Zei­chen für Zei­chen ver­schwand das Wort von links nach rechts, kurz dar­auf lös­te sich auch das nach­fol­gen­de Wort vom Papier, dann ein gan­zer Satz in etwa der Geschwin­dig­keit, mit der ich kurz zuvor noch geschrie­ben hat­te. Das war doch selt­sam gewe­sen. Und ich dach­te noch: Du musst Dich beei­len, lie­ber Lou­is, schnell, schreib wei­ter. — stop

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im zimmer. mitternacht

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echo : 0.15 — Auf der Suche nach Danill Charms Text­samm­lung Fäl­le balan­cier­te ich zur Win­ter­zeit vor einem Bücher­re­gal auf einem Stuhl. Es war Sams­tag. Ich erhoff­te mir in dem gesuch­ten Buch einen Ort zu fin­den, des­sen Exis­tenz ich fort­an bewei­sen könn­te. Ich ste­he mit­ten im Zim­mer. Wor­an den­ke ich? — Ein bemer­kens­wer­ter Satz. — Wie ich bald von dem Stuhl gestie­gen war und wie­der auf dem Boden stand, hielt ich den Kri­mi­nal­fall Der ver­schwun­de­ne Kopf des Damas­ce­no Mon­tei­ro in Hän­den. Das Buch war im Jah­re 2000 gekauft und neun Jah­re spä­ter mit einer Wid­mung ver­se­hen wor­den. Der Lie­ben P. und dem lie­ben J. zur Erin­ne­rung an ihre Lis­sa­bon­rei­se, anläss­lich eines Blitz­be­su­ches. Von ihrer G. Ich ent­deck­te, dass G. und J. gestor­ben waren, wäh­rend P. damals noch leb­te. Nun ist auch sie gestor­ben und auch Daniil Charms ist noch immer tot und sein Über­set­zer Peter Urban seit 8 Jah­ren. Ein trau­ri­ger Moment. In mei­nem Kühl­schrank herr­schen nach wie vor 7° C. Wie­der­um Mit­ter­nacht Lang­sam spa­zie­re ich wie vor Jah­ren durch das nächt­li­che Zim­mer. Und wäh­rend ich so gehe, erin­ner­te ich mich leb­haft an G., an unse­ren letz­ten gemein­sa­men Spa­zier­gang über den Mün­che­ner Süd­li­chen Fried­hof, wie ich mich wun­der­te, dass sie genau die­sen Weg genom­men hat­te, um mich zur U‑Bahn zu brin­gen, da sie ahn­te oder wuss­te, dass sie bald ster­ben wür­de. Es war ein war­mer Som­mer­abend gewe­sen. Sie ging von Schmer­zen gebeugt. In der wind­lo­sen Luft tanz­ten Flie­gen­tür­me. Ich kann mich noch immer nicht erin­nern, wor­über wir gespro­chen hat­ten. Aber an ihre Stim­me, an ihren Blick, ihren letz­ten Blick, der ein Abschied gewe­sen war. — stop
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lichtauge

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india : 22.12 UTC — Unter dem Dach im Zim­mer mei­nes Vaters stand ein Tisch, des­sen Plat­te leuch­te­te, sobald man einen Schal­ter umleg­te, der sich am rechen Vor­de­ren der Bei­ne des Tisches befand. Es war sehr hel­les Licht, wel­ches dem Tisch inne­wohn­te, es war hel­ler als das Licht des Him­mels, hel­ler als der Schein mei­ner Taschen­lam­pe bei Nacht, es war des­halb viel­leicht in mei­ner Erin­ne­rung ein außer­or­dent­lich strah­len­des Licht, weil ich mich über die­ses Licht wun­der­te, dass es über­haupt exis­tier­te, weil doch der Tisch kei­ne Lam­pe, son­dern eben ein Tisch gewe­sen war. Manch­mal saß mein Vater dort vor die­sem Tisch und arbei­te­te, indem er Dia-Foto­gra­fien in das Licht des Tisches leg­te. Er saß ganz still, tief über die glä­ser­ne Plat­te des Tisches gebeugt und betrach­te­te sei­ne Foto­gra­fien mit­tels einer Lupe, die er dicht an den Tisch her­an­ge­führt hat­te. Sein lin­kes Auge war geschlos­sen, sein rech­tes Auge indes­sen klein gewor­den, indes­sen er durch das geschlif­fe­ne Glas hin­durch jene Welt betrach­te­te, die er auf­ge­nom­men hat­te. Die­ses beob­ach­ten­de Auge mei­nes Vaters, das er auf mich rich­te­te, sobald er mich kom­men hör­te, war ein selt­sa­mes Wesen, hell, als ob es etwas von dem Licht des Tisches in sich auf­ge­nom­men haben wür­de, um nun selbst zu einer Lam­pe gewor­den zu sein. — stop

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auf der lokomotive

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oli­mam­bo : 22.07 UTC — Im Füh­rer­stand einer alten Dampf­ma­schi­ne hock­te in einem Käfig ein Vogel auf einem Äst­chen. Der Vogel schlug hef­tig mit sei­nen Flü­geln, ein Fink oder Sper­ling war das gewe­sen. Lang­sam beweg­te sich der Zug vor­wärts. Und ich dach­te im Traum dar­über nach, wie das mög­lich sein konn­te, dass die­ser zier­li­che Vögel jenen schwe­ren Trieb­wa­gen zu bewe­gen ver­moch­te. — stop
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gespensterwesen

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romeo : 22.07 UTC — Wie­der die Fra­ge wes­halb ich die Bewe­gung mei­nes Her­zens in der Brust nicht zu spü­ren ver­mag? — Umge­ben­de Wör­ter: Sinu­s­kno­ten Lager­be­we­gung Tha­la­mus. Herz­flim­mern. Rasen­der Still­stand. ~ Ein Gespens­ter­we­sen, Russ­land, mei­ner Kind­heit ist zurück­ge­kehrt. Gedan­ken, wie zur Beru­hi­gung, an Lew Sino­wje­witsch Kope­lew, Jele­na Geor­gi­jew­na Bon­ner, And­rei Dmi­tri­je­witsch Sach­a­row, Anna Ste­pano­wa Polit­kow­ska­ja, Dmi­tri Mura­tow, Ljud­mi­la Ulitz­ka­ja. — stop
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reis

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oli­mam­bo : 18.08 UTC — Nicht einen Tee­löf­fel voll Reis zäh­len, son­dern eine Tas­se voll Kör­ner, die ich mir ein­schenk­te vor zwei Wochen noch. Ein­mal also an einem Abend still sit­zen und zäh­len, solan­ge zäh­len, bis ich die Tas­se geleert haben wer­de, nicht stun­den­wei­se zäh­len, son­dern mit einem Anfang und einem voll­stän­dig aus­ge­zähl­tem Ende im Mor­gen­grau­en. — stop

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moskau

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MELDUNG. In Mos­kau am Bolschoi-Theater,Театральная площадь 1, wer­den am kom­men­den Sonn­tag­abend, 30. Janu­ar 2022, zwei jun­ge Höh­len­frö­sche, Letz­te der Gat­tung nas­ika­ba­trachus bhu­pa­thi, öffent­lich zur Spren­gung gebracht. Zün­dung des männ­li­chen Tie­res um 20 Uhr, Zün­dung des weib­li­chen Tie­res um 20 Uhr 30. Die Vor­stel­lung ist aus­ver­kauft. – stop

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schallbecher

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india : 22.07 UTC — Vor weni­gen Tagen ist im hohen Alter ein Dok­tor gestor­ben, der mein Dok­tor gewe­sen war, als ich noch in kur­zen Hosen im Som­mer her­um­spa­zier­te. Mein Knie, eine Wun­de, war längt ver­sorgt, da hat­te ich noch den Duft des Jods in der Nase. Der Dok­tor kam manch­mal zu mir nach Hau­se, wenn ich Fie­ber hat­te. Er führ­te eine Leder­ta­sche mit sich, in der sei­ne Instru­men­te klim­per­ten. Ich erin­ne­re mich an die Küh­le eines Schall­be­chers, wenn er nach Geräu­schen in mir such­te. Sein Kopf war in die­sen Momen­ten des Lau­schens nah, kaum noch Haar, sehr fein und grau. Sei­ne sanf­te Stim­me. Lei­se. Ein­mal war er als Pri­vat­mann zu Besuch gekom­men. Anstatt eines Blu­men­strau­ßes für Mut­ter, führ­te er eine Glüh­spar­lam­pe mit sich, die er in der Art und Wei­se über­reich­te, als wäre sie tat­säch­lich eine fri­sche Blu­me, ein blü­hen­der Zier­lauch, sagen wir, oder eine Kugel­dis­tel. — stop
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