victory : 22.02 – Ich habe mich auf den Weg gemacht durch meine Stadt. Ich dachte noch, Du wirst diese Stadt spazieren, ohne sie zu berühren, mit Deinen Händen, keinen Menschen berühren, keine Straßenbahn, keine Häuserwand, keine Kaffeetasse, keinen Knopf, keine Geländer. Mit dieser Vorstellung im Kopf ging ich los, Hände in den Hosentaschen. Schon einmal habe ich so etwas versucht, da war es nur ein Spiel, in einem New Yorker Subwayzug mit geschlossenen Augen freihändig zu stehen und zu balancieren, sagen wir eine zweistündige Fahrt mit der Linie D von Coney Island rauf zum Bedford Park Boulevard. Das Reiten auf einem wilden Tier. Vielleicht könnte ich sagen, dass das Erlernen einer Subwaystrecke, das neuronale Verzeichnen ihrer Steigungen, ihrer Gefälle, ihrer Kurven, auch ihrer feinsten Unebenheiten, dem wortgetreuen Studium eines Romantextes vergleichbar ist. Aber dann die Zufälle des Alltages, das nicht berechenbare, ein Tunnelvogel, eine schmutzige Möwe, Höhe 135. Straße, die den Zug zur Bremsung zwingt, Eigenarten des Zuges selbst, das unvorhersehbare Verhalten zusteigender Fahrgastpersonen, eine Jazzband, wie ich dringend darum bitte, man möge nicht näher kommen. — stop
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Aus der Wörtersammlung: tage
von ohren
alpha : 18.55 UTC — Ich glaubte lange Zeit, ein Mensch, der über sechzehn Ohrenpaare verfüge, müsse eigentlich über einen guten Gehörsinn verfügen. Nun ist das aber so, dass jene Ohren, die auf den Oberarmen Jossi Kaukinens zu bewundern sind, über keinerlei Gehörgang verfügen, auch nicht über Trommelfelle oder Gehörknöchelchen oder Ohrtrompeten. Diese Ohren, die ich mit eigenen Augen gesehen habe, in einem Sommer, da ich nach Finnland reiste, um Herrn Kaukinen und seine Ohren zu besuchen, sind lediglich die Muscheln der Ohren, Schallkörper, die Kaukinen zu züchten vermag, weil er weiß, wie das geht. Er lebt davon, dass er frische Ohren gekühlt zu liefern in der Lage ist. Kaum ist ein Ohr auf Reisen gegangen, — sie fliegen meist mit einem Hubschrauber davon, wächst schon ein nächstes Ohr heran, eine Knospe bildet sich binnen weniger Stunden an genau jener Stelle, da zuvor ein ausgewachsenes Ohr entfernt worden ist. Diese Knospe ist zunächst nur mittels Mikroskopien sichtbar, aber schon drei Tage später kann man erahnen, dass ein weiteres Ohr heranwachsen wird, das gepflegt wird und vor dem Licht der Sonne beschützt. Herr Kaukinen schläft im Sitzen. Er sitzt also in seinem Bett, von Gurten in Position gehalten und schläft und sieht sehr seltsam aus im Zwielicht, als würden Blumen von Fleisch sich auf seinen Schultern niedergelassen haben. Klingelt der Wecker sehr früh, wird es ernst. Dann nähert sich Kaukinens Frau mit etwas Watte und Werkzeug: Mein Liebling, heute ist wieder solch ein Tag! — stop

ilulissat
india : 14.08 UTC — Eine alte Dame spaziert durch den Palmengarten. Sie spaziert bereits seit fünf Tagen durch den Palmengarten. Auch in der Stadt, in der sie seit vielen Jahrzehnten wohnt, existiert ein Palmengarten, der viel größer ist, als der Palmengarten jener Stadt, in die sie reiste, um spazieren zu gehen. Es muss präzise dieser Palmengarten sein, weil sie ihn von ihrer Kindheit kennt. Sie ist noch gut zu Fuß, aber sie geht langsam, sie will etwas finden, das mit diesem Palmengarten verbunden ist, eine Erinnerung. Diesen Teich gab esnicht, sagt sie, aber diesen Berg von Steinen, den will sie kennen. Auch an das Café am Südausgang erinnert sie sich. Und diese Ginkgobäume gab es damals auch schon, da hat sie Blätter gesammelt, um sie zu trocknen und auf Karten zu kleben. Nein, sie habe noch nicht gefunden, was sie sucht, sie weiß aber ganz sicher, dass sie es hier finden wird, es ist ja schon da in meinem alten Kopf, ich muss nur darauf kommen, das geht nur hier. Und wenn sie gefunden habe, was sie hier suchte? Dann reise sie weiter nach Ilulissat, da war ich auch schon, immer schön der Reihe nach, aber nicht im Winter, im Winter fahre ich an die Nordsee. Jetzt geht sie weiter. Es ist Mai, Mittwoch, kurz nach drei Uhr. — stop

uummannaq
ai : RUANDA

MENSCH IN GEFAHR: „Jackie Umuhoza, die Tochter des im Exil lebenden Pastors Deo Nyirigira, wurde am 27. November in Kigali festgenommen. Die Untersuchungsbehörde Rwanda Investigation Bureau bestätigte am 28. November auf Twitter, dass Jackie Umuhoza in Untersuchungshaft sei. Ihr werden Landesverrat und Spionage vorgeworfen. Bei einem Schuldspruch muss sie mit bis zu 25 Jahren Gefängnis rechnen./ Die Staatsanwaltschaft hat ihren Fall jedoch bisher nicht bestätigt, und sie wurde keinem Gericht vorgeführt. Ihre anhaltende Untersuchungshaft ist daher nicht richterlich angeordnet. Laut ruandischer Strafprozessordnung dürfen Strafverdächtige lediglich bis zu fünf Tage lang in Untersuchungshaft gehalten werden. Danach muss die Staatsanwaltschaft eine richterliche Anordnung zur Haftverlängerung einholen, die auf soliden Fakten zur Rechtfertigung eines Verfahrens basiert.“ - Hintergrundinformationen sowie empfohlene schriftliche Aktionen bis spätestens zum 31.1.2020 unter > ai : urgent action
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von der reisenden warenwelt
kilimandscharo : 22.02 UTC — Ich dachte heute, in der Schweiz würden vielleicht Menschen existieren, die ich als Uhrenträger bezeichnen könnte. Uhrenträger, weil sie je 50 Uhren an Armen und Beinen dicht an ihren Körpern tragen. So, in dieser Weise von Uhrwerken geschmückt, geht man als Uhrenträger leise tickend vorsichtig spazieren, wandert in der schönen Natur herum, ohne selbstverständlich auch nur eine der Uhren je abzulegen. Auch im Schlaf werden alle Uhrwerke getragen, weshalb es in der nächtlichen Stille in den Zimmern leise rauscht. Nach ein oder zwei Wochen kehren Uhrenträger dann aus dem Leben in ihre Uhrenfabrik zurück. Dort sind sie nämlich angestellt, um vollständig neue Uhrgeschöpfe in bereits gebrauchte Ware zu verwandeln, warum? — stop

granada
vom spinnen
sierra : 15.42 UTC — Noch 3927 Wörter und ich werde an dieser Stelle eine halbe Million Wörter notiert haben. Das Zählen der Wörter wurde meiner Schreibmaschine überantwortet. Ich selbst zähle Herzschläge, Eichhörnchen, Hitzewellen, Zeiträume, Schritte, Briefmarken, Stunden und Tage, Lesezeiten, auch Springspinnen, die meinen Schreibtisch bewohnen. Springspinnen gebieten über 8 Augen. Sobald sie springen, ziehen sie einen kaum sichtbaren Faden durch die Luft. Ich selbst spinne Fäden von Gedanken. Auch Sätze sind möglicherweise als Fäden zu betrachten. Wenn ich erzähle, gehe ich auf die Jagd. Das ist denkbar. Heute ist Montag. — stop

vor langer zeit im dezember
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olimanbo : 0.02 UTC — Einmal kam ich von einem Besuch bei Freunden nach Hause zurück, und wie ich so in meine Wohnung stolperte, entdeckte ich Mrs. Callas, die damals in Gedanken bei mir wohnte, wie sie weinend vor einer Fotografie stand, vor einer Schwarz-Weiß-Fotografie, die ich seit vielen Jahren besitze und mir immer wieder sehr gerne ansehe. Natürlich wunderte ich mich, dass Mrs. Callas weinte, weil die Fotografie zwei alte Menschen zeigt, eine Frau und einen Mann, die friedvoll Seite an Seite in einer Küche an einem Tisch sitzen. Raissa Orlowa, liest ihrem alten Mann, Lew Kopelew, vielleicht aus einem Buch vor. Und ich fragte Mrs. Callas, warum sie denn weinen würde, das sei doch eine sehr beruhigende Fotografie. Ich glaube, setzte ich hinzu, sie sind glücklich. Mrs. Callas antwortete unverzüglich, Ernst in der Stimme, ja, das sind sie, glücklich, ganz sicher sind sie sehr glücklich. Ich wünsche mir für mich ein Ende wie dieses hier an der Wand, Mr. Louis. Sie müssen mir ein anderes Ende schreiben! – Und so sitze ich nun müde auf dem Sofa und notiere diese Geschichte, während Mrs. Callas mich hoffnungsvoll beobachtet. Wie nur könnte ich sie trösten, weil ich doch vor ihrem Schicksal ohnmächtig bin? Vielleicht könnte ich erzählen, dass ich Lew Kopelew in München einmal für wenige Sekunden begegnete. Ich könnte ihr beschreiben, wie er mir am Hauptbahnhof aus einer Menschenmenge heraus entgegenkommt, wie ich seine Erscheinung, seine stattliche Größe, seinen schlohweißen Bart bewundere. Und ich könnte Mrs. Callas berichten, wie Lew Kopelew meinen Blick bemerkt, wie er mich freundlich betrachtet und wie er meinen nickenden Gruß erwidert, weil er in meinem Blick gesehen haben wird, dass ich ihn für lange Zeit gelesen habe und immer wieder lesen werde. – Ja, vielleicht sollte ich Mrs. Callas von diesen Sekunden meines Lebens erzählen, und dass es erholsam sein könnte, sich zunächst einmal zur Ruhe zu legen für zwei oder drei Tage.
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notizen aus sarajevo
nordpol : 20.18 UTC — Das Bändchen Notizen aus Sarajevo von Juan Goytisolo, das im Jahr 1993 in der Edition Suhrkamp erschien, muss einmal feucht oder nass geworden sein. Es wellt sich noch immer, obwohl es Jahre gepresst unter weiteren Büchern im Regal darauf wartete, wieder gelesen zu werden. Ich erinnere nicht, wo ich das Buch gelesen hatte, vielleicht in einem Park, vermutlich war Regen gefallen. Seit Tagen liegt es auf meinem Küchentisch, ich habe es bisher nur einmal kurz geöffnet, bemerkte folgenden mit Bleistift markierten Absatz: „Gleich nach seiner Ankunft in Sarajevo muss der Fremde in die Gesetze und Regeln eines Verhaltenskodex eingeweiht werden, der Grundvoraussetzung für sein Überleben ist. Er, der an ein freies Leben ohne Hemmnisse gewöhnt ist, muss in seinem neuen Lebensraum, der Mausefalle, die er mit 380000 anderen Menschen teilt, schnell lernen. Er muss die hochgefährlichen Gebiete und diejenigen kennen, in denen er sich ohne allzu große Gefahr bewegen kann, er muss wissen in welchen Stadtteilen Mörsergranaten niedergehen, welches die beliebtesten Straßenecken und Kreuzungen der Heckenschützen sind, wo er gebückt gehen und wo er schnell losrennen muss. Jede Unachtsamkeit oder ein Fehler bei der Auswahl des Weges können tödlich für ihn sein. Jedes Hinausgehen — und jeder muss einmal rausgehen, um Wasser, Holz oder Nahrungsmittel zu holen — ist, wie die Menschen in Sarajevo sagen, russisches Roulette.“ — stop / S.32/33
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