Aus der Wörtersammlung: tage

///

von der wally nocheinmal

2

echo : 20.12 UTC — Mei­ne Lieb­lings­tan­te zum Bei­spiel, ein wun­der­ba­res Geschöpf, das an Sonn­ta­gen immer oder an Mon­ta­gen von Mün­chen aus zu Besuch gekom­men war. Wir nann­ten sie Wal­ly. Sie hat­te sehr wei­che, rosi­ge Haut und immer­zu küh­le Hän­de und war von einem Bal­lon Laven­del­luft umhüllt. Da war Moos, ein moos­grü­nes Kleid, und da war ein spinn­sei­di­ges Haar­netz (War­um?), und eine rußi­ge Stirn zur Win­ter­zeit, und das Rascheln der Papier­tü­ten, und Lauch­ge­mü­se, das dort her­aus­rag­te, und klei­ne Geschen­ke, die sie uns Kin­dern mit­brach­te, — Match­box­au­tos, Füll­fe­der­hal­ter, Mal­bü­cher -, und ihre Schen­kel, auf denen ich turn­te, der nas­se, bit­te­re Kuss, der nie­mals abge­wen­det wer­den konn­te. Eine Bril­le, nicht wahr, saß locker auf ihrer Nase, ein Gestell von Holz, dar­in run­de Glä­ser, die ich gern mit mei­nen Fin­gern berühr­te. Irgend­wann ein­mal erzähl­te mir jemand, die Wal­ly sei 1919, als Räte ihre Hei­mat­stadt ver­tei­dig­ten, im Kugel­ha­gel über die Mün­che­ner Gol­lier­stra­ße gerobbt. Des­halb die Pis­to­le in ihrer Tasche, des­halb das Feu­er in ihren Augen. Seit eini­gen Stun­den ver­su­che ich zu erin­nern, ob die alte Tan­te Wal­ly mir je von der spa­ni­schen Grip­pe erzähl­te, die sie zwei­fel­los in Mün­chen erlebt haben muss. — stop

///

marsgespräch

pic

echo : 0.25 UTC — In der poli­ti­schen Hand­lung ist nun eine Wir­kung der Zeit zu beob­ach­ten, die wir von der Steue­rung eines Mars­fahr­zeu­ges mit­tels Funk­wel­len her ken­nen: Ver­zö­ge­rung in Ursa­che und Wir­kung. Wir sehen, was wir 14 Tage in der Zeit zurück bewirkt haben oder das Virus. Immer wie­der der Ver­such, jenen Moment zu erfas­sen, da eine noch namen­lo­se Struk­tur in ein mensch­li­ches Wesen ein­wan­der­te. Stun­den­lan­ge Suche auch nach geeig­ne­ten Segel­stof­fen vor Mund und Nase. KN. FFP2. CE. Auch Rei­se­be­häl­ter sind zu beden­ken, wie man das alles anfasst und auf­setzt und auch wie­der absetzt. — stop
ping

///

von häubchen

pic

romeo : 0.24 UTC — Das Gedächt­nis mei­ner Haut oder doch etwa ihre Fähig­keit zu ver­ges­sen. Nach Stun­den, da ich eine eng anlie­gen­de Mas­ke tra­ge, die 95 Pro­zent feins­ter Par­ti­kel aus mei­ner Atem­luft fil­tern soll, mei­ner Atem­luft hin und mei­ner Atem­luft her, ver­ges­se ich, dass Nase und Mund bedeckt wor­den sind. Ein Stück Scho­ko­la­de, das ich zum Mund füh­re, stößt auf Wider­stand, Was­ser rinnt mir den Hals ent­lang. Und wie ich auf die Stra­ße tre­te, das Häub­chen von Mund und Nase neh­me, so wie ich es lern­te anzu­fas­sen an sei­nen Schlau­fen für zwei Ohren, fühlt sich das an, als wür­de etwas feh­len. Der Wind plötz­lich, es ist kühl, frisch, dort auf der Haut. Nachts bau­meln mei­ne Tages­häub­chen vor den Fens­tern im Wind. Zwan­zig Tage lang schau­keln sie dort von der Son­ne bestrahlt, dre­hen sich, wer­den nachts von Nacht­fal­tern besucht. — stop
ping

///

eine flasche gin

ping
ping
ping

nord­pol : 0.18 UTC — Wes­halb Georg jene selt­sa­me Geschich­te, die er mir unlängst erzähl­te, gera­de jetzt in die­sen Tagen träum­te, da er ängst­lich in der Welt her­um­spa­ziert wie vie­le von uns, wird viel­leicht nie­man­den wirk­lich wun­dern. Im Traum näm­lich war Georg krank gewor­den vom Virus, vor dem er seit Wochen flüch­tet. Er war im Hos­pi­tal gewe­sen, konn­te kaum noch atmen, saß schweiß­nass im Bett. Da trat eine Ärz­tin in sein Zim­mer. Sie hielt eine Fla­sche Gin in der Hand. Sie war wirk­lich sehr höf­lich. Sie sag­te, er sol­le die Fla­sche unver­züg­lich lee­ren, das hel­fe, sag­te sie, die ame­ri­ka­ni­sche Metho­de. Georg ant­wor­te­te, er flüs­ter­te, dass er seit über zwan­zig Jah­ren kei­nen Alko­hol getrun­ken habe, das wür­de ihn nun doch ganz sicher unter die Erde brin­gen. Er wach­te, Gott sei Dank, bald auf. Georg war betrun­ken. Aber das war nicht wirk­lich der Fall, es war eine Ver­mu­tung, wes­halb unver­züg­lich not­wen­dig gewor­den war, den auf­rech­ten Gang zu pro­bie­ren, wes­halb Georg in die Küche spa­zier­te, das Fens­ter öff­ne­te, um nach den Vögeln zu sehen. Dann rief er mich an, um mir sei­ne Geschich­te zu erzäh­len. — stop

///

lampen

pic

del­ta : 22.16 UTC — Im Spa­zie­ren den Blick gegen den Boden rich­ten, suchen­de Lam­pe. Kin­der­zeich­nun­gen von Krei­de, Son­nen­ster­ne, Flug­dra­chen, Bäu­me, Lini­en, mit frei­er Hand da und dort­hin gezo­gen, über Lini­en vor­an­ge­gan­ge­ner Tage geschich­tet, Krei­de­schat­ten nach Regen, Krei­de­flüs­se. Vor den Läden Punk­te und Strei­fen, dort soll­te man ste­hen, wenn man ein Mensch ist. Aber doch ist es so gewor­den, dass Per­so­nen­ab­stän­de im Gehen gerin­ger wer­den, man muss, wenn man geht, auf die Stra­ße tre­ten, aus­wei­chen, sobald sich Sorg­lo­se nähern, muss man Räu­me berech­nen, das Gehen gedan­ken­los nur am Abend durch den Park, oder nachts in den Stun­den, da man Igeln begeg­net und Mäu­sen mit rot glü­hen­den Augen im Licht einer Taschen­lam­pe. Ein­mal träum­te ich von Viren­tie­ren, die leuch­ten. Wie es mir in die­sem Traum selbst gold­far­ben von den Lip­pen staub­te, wach­te ich auf. — stop
ping

///

rosetta

pic

romeo : 3.12 UTC — Nabo­kov schrieb vor lan­ger Zeit, er habe mir eine unge­wöhn­li­che Uhr geschickt, ich sol­le ihm notie­ren, sobald sie ange­kom­men sei. Weni­ge Wochen spä­ter erneu­te Fra­ge: Lie­ber Lou­is, ist die Uhr, die ich vor zwei Mona­ten sen­de­te, ange­kom­men? Eine ers­te Uhr Nabo­kovs lag kurz dar­auf im Brief­kas­ten, zoll­amt­li­cher Ver­merk: Zur Prü­fung geöff­net. Nun, in die­sem selt­sa­men Mai, habe ich eine wei­te­re Uhr von Nabo­kov erhal­ten. Zoll­amt­li­cher Ver­merk, der­sel­be. Ich will an die­ser Stel­le bemer­ken, von der Öff­nung des Päck­chens war wie­der­um nicht die min­des­te Spur zu erken­nen, kein Schnitt, kein Riss, kei­ne Fal­te. Im Päck­chen die­ses Mal eine Schach­tel von rotem Kar­ton, in der Schach­tel Sei­den­pa­pie­re, von Nabo­kovs eige­ner Hand ver­mut­lich zer­knüllt. In wei­te­re Sei­den­pa­pie­re ein­ge­schla­gen, besag­te Uhr, wun­der­ba­res Stück, recht­ecki­ges Gehäu­se, ble­chern, ver­mut­lich Trom­pe­te, wel­ches schwer in der Hand liegt. Kurio­ser­wei­se fehlt auch die­ser Uhr das Zif­fer­blatt, wei­ter­hin kei­ner­lei Zei­ger, weder Dioden noch Leucht­zei­chen. Ich ver­such­te das Gehäu­se der Uhr zu öff­nen, erneut ver­geb­lich. Wenn ich auf das Gehäu­se der Uhr Druck aus­übe, öff­net sich am Uhr­bo­den ein schma­ler Schacht, dem, wie zum Beweis der Exis­tenz der Zeit, ein Strei­fen feins­ten Papiers ent­kommt, auf wel­chem ein Uhr­zeit­punkt auf­ge­tra­gen wor­den ist: Acht­zehnzwölf. — Es ist Nacht gewor­den. Ich lie­ge im Halb­schlaf auf dem Sofa. Mei­ne Schreib­ma­schi­ne atmet lei­se, ein bestän­di­ges Fau­chen. Seit eini­gen Tagen arbei­tet sie auch wäh­rend ich schla­fe, rech­net vor sich hin für ein beson­de­res Pro­jekt: Rosetta@home — stop
ping

///

0110010111

2

ulys­ses : 15.02 UTC — Eine Foto­gra­fie, die ich vor zehn Jah­ren ver­geb­lich wie­der­zu­fin­den such­te, zeigt die Raum­sta­ti­on MIR in gro­ßer Höhe über der Erde schwe­bend. Ich ver­mag das far­bi­ge Bild noch immer zu erin­nern, viel­leicht des­halb, weil mich die Auf­nah­me berühr­te. Ein Bull­au­ge, dort das Gesicht einer Frau, deren Namen ich ver­ges­sen habe, ein erns­tes Gesicht, Ahnung, Schat­ten, Züge einer rus­si­schen Kos­mo­nau­tin, die Mona­te ein­sam auf der MIR-Sta­­ti­on leb­te. Sie folgt der äußerst behut­sa­men Annä­he­rung eines Raum­schif­fes der NASA, in dem sich Men­schen befin­den, die mit­tels Funk ver­mut­lich bereits Kon­takt auf­ge­nom­men hat­ten: Wir sehen Dich! — Da war das tie­fe Schwarz des Welt­alls im Hin­ter­grund, ein abso­lut töd­li­ch wir­ken­der Raum, der sich zwi­schen den bei­den Raum­kör­pern erstreck­te. Ich erin­ner­te mich an die­se Foto­gra­fie, an mei­ne Suche, weil ich vor weni­gen Tagen eine wei­te­re Iko­ne mensch­li­cher Ein­sam­keit ent­deck­te. — stop

///

im quarantänegarten

2

echo : 20.25 UTC — Der Wind fuhr heu­te mit einem Regen­kamm übers Dach. Ich dach­te an das Haus im Süden, wo Mut­ter und Vater nicht mehr sind. Wie selt­sam doch die Betrach­tung der Klei­der ver­schwun­de­ner Men­schen. Schu­he. Hals­tü­cher. Hem­den. Schmuck. Und der Gar­ten, wie er wild wird, sobald man nicht immer­zu an ihn denkt. Ein Teich, der weni­ger zu wer­den droht vom Schilf, von den Schne­cken­pan­zern, vom Laub, von den Häu­ten der Libel­len­lar­ven. Wie viel die alten Men­schen noch gear­bei­tet haben in ihrem hohen Alter wird hier unter den Bäu­men sicht­bar. Ihre Schu­he, ich foto­gra­fier­te Schu­he. In einer Hand­ta­sche ent­deck­te ich Rei­se­pro­vi­ant, Mut­ters Müs­li­rie­gel, Trau­ben­zu­cker, Tem­po­ta­schen­tü­cher, Pro­spek­te, einen Regen­schirm, ein Hals­tuch, einen Lip­pen­stift. Der Schmerz, der mir wie ein Blitz durch den Kör­per fährt, sobald ich dar­an den­ke, dass ich die alte Dame in ihrem Bett lie­gend nie wie­der besu­chen kann. — stop

///

im spielfilm

9

echo : 22.12 — Ner­vö­ses Spa­zie­ren, son­die­ren­de Bli­cke. Das Distan­zie­ren brennt sich in den Kopf. In den ers­ten Tagen der Ver­ord­nung zu Abstand war noch Ernst gewe­sen, jetzt da und dort immer wie­der ein Lächeln, ein lei­ses Dan­ke­schön, wenn man still­steht, um Raum zu spen­den. In einer zwei­fach um Ecken gefal­te­ten Schlan­ge ste­hen Men­schen, sie war­ten in ein Post­amt ein­tre­ten zu kön­nen. Wann habe ich in mei­nem Leben je so ver­harrt, gedul­dig, demü­tig, ent­spannt? Rot­kopf­schild­krö­ten hocken an Strän­den der Park­seen, ihre ver­wit­ter­ten Kör­per sind voll­stän­dig aus dem Was­ser gekom­men, als wür­den sie nach Men­schen jen­seits der Zäu­ne luren. Ein wun­der­ba­rer Früh­ling. Gold­far­be­ne Stäu­be schwe­ben durch die Luft, die so klar ist wie noch nie, seit ich den­ken kann, auch Spin­nen an ihrer Sei­de, und all das Unsicht­ba­re, das ich ein und wie­der aus­at­me. An das Unsicht­ba­re den­ken, das ist neu, dass das Nicht­sicht­ba­re Gedan­ken beherrscht, auch die Träu­me. Lit­faß­säu­len mei­ner Stra­ße sind weiß wie leer. Eine Foto­gra­fie auf einer Zei­tung vor dem Kiosk zeigt Men­schen, die von Appa­ra­tu­ren umge­ben unbe­klei­det auf dem Bauch lie­gen. Im Spiel­film abends hocken Men­schen im Kaf­fee­haus Sei­te an Sei­te und gegen­über, ste­cken ihre Köp­fe zusam­men und debat­tie­ren, sehr selt­sam, sehr gefähr­lich, ich woll­te etwas sagen. — stop

ping



ping

ping