Aus der Wörtersammlung: gedanken

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zahlenflüstern

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sier­ra : 5.05 — Unterm Schirm im Pal­men­gar­ten einem Gewit­ter zuge­hört. Nichts getan, als zu lau­schen und zu beob­ach­ten, dass mein Gehirn nicht schnell genug ist, um die Trop­fen eines kräf­ti­gen Regens, ihr Geräusch, nach­zu­zäh­len. Wie ich so erge­ben vor Schild­krö­ten und Karp­fen auf einer Bank lun­ger­te, ist mir auf­ge­fal­len, dass ich nicht ganz sicher sagen kann, ob es nicht viel­leicht doch die Wör­ter sind, die mich zur Zähl­schne­cke machen, jene Zah­len näm­lich, die ich ins­ge­heim ver­wen­de, um in der Sum­me vor­an­zu­kom­men. Ich bin dann, wäh­rend ich das Flam­men mei­ner Zahl­wör­ter beob­ach­te­te, ein­ge­schla­fen. Ein wei­te­rer Regen weck­te mich bald auf und wie­der ver­such­te ich zu zäh­len. Die­ses Mal zähl­te ich flüs­ternd und ich zähl­te lan­ge. Jetzt weiß ich, dass ich flüs­ternd schnel­ler zäh­len kann, als schwei­gend nur in Gedan­ken Zah­len notie­rend. Was ist das über­haupt für eine Stim­me in mei­nem Kopf? Fan­gen wir noch ein­mal von vorn: Auch am ver­gan­ge­nen Abend, wie man mir erzähl­te, wur­de kurz nach zehn Uhr in Tehe­ran unter glanz­vol­len Ster­nen von den Dächern nach Frei­heit gesun­gen. — stop

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papierhimmel

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marim­ba : 6.05 — Denk­bar, dass die Erfin­dung der Trom­pe­ten­kä­fer einen Pro­zess dar­stellt, der aus zehn­tau­send Ein­zel­ge­dan­ken besteht, die sich nicht sel­ten zärt­lich wie­der­ho­len. Ich habe heu­te Nacht ver­sucht, mich an den ers­ten Gedan­ken zu erin­nern, der ein Trom­pe­ten­kä­fer­ge­dan­ke gewe­sen sein könn­te. Ver­geb­lich! – Kurz nach sechs Uhr. Son­ne an einem Him­mel von Papier. — stop

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afrika

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nord­pol : 0.03 — Beob­ach­te­te in einem Bus (Take five) eine Mut­ter und ihr Kind. Zwei Män­ner von dunk­ler Haut­far­be saßen gegen­über. Sie unter­hiel­ten sich. Das Kind hör­te auf­merk­sam zu. Dann lach­ten die Män­ner und das Kind frag­te die Mut­ter, was die Män­ner erzähl­ten, wor­über sie lach­ten. Sogleich lausch­te die Mut­ter zu den Män­nern hin. Sie lausch­te lan­ge, sie lausch­te auch mit den Augen. Es war nicht die eng­li­sche und auch nicht die fran­zö­si­sche Spra­che, die sie ver­nahm, es war eine selt­sam klin­gen­de Spra­che, Klick. Klick. Die Mut­ter sag­te zum Kind: über Afri­ka. – Wäh­rend ich die­se Geschich­te notier­te, erin­ner­te ich mich an einen Gedan­ken, den G.C.Lichtenberg bereits um das Jahr 1778 her­um for­mu­lier­te. Er schrieb: Vor­stel­lun­gen sind auch ein Leben und eine Welt. – So ist jetzt wie­der Nacht gewor­den. Ein Him­mel schön dun­kel von schwe­ren Wol­ken, gleich wird es Frö­sche reg­nen. — stop

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lunar caustic

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whis­key : 6.15 — Hat­te ges­tern Abend gegen 10 Uhr zwei Wör­ter auf ein Blatt Papier geschrie­ben, um sie nicht zu ver­ges­sen: Lunar Cau­st­ic. Jetzt ist die Nacht vor­über und ich habe kei­ne schreib­ba­ren Gedan­ken, weil ich acht Stun­den mit mei­nem Lap­top auf dem war­men, höl­zer­nen Boden mei­nes Arbeits­zim­mers her­um­ge­le­gen habe und nach Spu­ren Mal­colm Lowrys in den Archi­ven der New York Times gesucht. — 6 Uhr. Leich­ter Regen. Tau­beng­rau­blau­er Him­mel. — stop

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papiersegel

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romeo : 0.05 — Das Ver­gnü­gen, ein Manu­skript auf Papier zu dru­cken. Die nadeln­den, sum­men­den, pfei­fen­den Geräu­sche der Maschi­ne, Satz für Satz Sekun­den­sei­ten. Wie ich Arbeit von Tagen, von Wochen, vor mir zu einem Segel auf den Boden brei­te. Wie ich zufrie­den und still vor dem Wind­ge­fäß im Zim­mer ste­he. Wie ich, bald wie­der stür­misch gewor­den, in die Knie gehe, um wei­te­ren Flug­sand mit der Hand aufs Papier zu set­zen. — Notier­te: Ein mensch­li­ches Gehirn ruh­te in mei­nen Hän­den. Und ich dach­te, kühl ist es und weich und schwer. Ich hör­te deut­lich eine den­ken­de Stim­me, als wäre da noch ein ande­rer Beob­ach­ter gewe­sen, als ich selbst. Dann bemerk­te ich, dass ich mit blo­ßem Auge nicht erken­nen konn­te, in wel­cher Spra­che jenes Gehirn, das ich in mei­nen beben­den Hän­den hielt, ein Leben lang träum­te, auch nicht, ob es glück­lich oder doch eher unglück­lich gewe­sen ist. Eine schwei­gen­de, eine ver­las­se­ne, eine Welt ohne Licht. Ja, lili­mam­bo, das Leuch­ten leben­der Men­schen! — stop

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gecko

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alpha : 0.05 — Seit Jah­ren, mit Ver­gnü­gen, beob­ach­te ich einen Gedan­ken in mei­nem Kopf, der sich nicht bewegt, kein Zei­chen der Buch­sta­ben­ver­samm­lung des Gedan­kens rührt sich von der Stel­le. Manch­mal den­ke ich, der Gedan­ke bewegt sich, ein Gecko, so lang­sam wie heim­lich, wäh­rend ich ande­re Gedan­ken den­ke. — stop

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yanuk : hört zupfende geigen

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marim­ba

~ : yanuk le
to : louis
sub­ject : GEIGEN
date : jan 12 09 6.52 a.m.

Däm­me­rung. Und doch schon war­me, wei­che, ja schmei­cheln­de Luft. Wer­de eini­ge Wochen hier auf Höhe 51O ver­wei­len. Bin glück­lich. Mehr­fach wäh­rend eines Tages pas­siert das Mäd­chen, von dem ich berich­te­te, mit einem ras­seln­den Geräusch, das viel­leicht eine Spra­che dar­stel­len soll­te, unser Habi­tat. Eine fabel­haf­te Klet­te­rin! Ent­we­der ist sie leicht wie eine Feder, oder aber sie ver­fügt über außer­or­dent­li­che Mus­kel­kräf­te. Kein Tag, seit sie auf uns gesto­ßen ist, an dem sie nicht aus den Schat­ten der Blät­ter und Blü­ten tauch­te, um bewe­gungs­los für lan­ge Zei­ten mit­tels eines Armes an einem Ast befes­tigt vor uns über dem Abgrund zu schwe­ben. Sie scheint in die­ser Hal­tung doch zu schla­fen. Ein selt­sa­mes Wesen! Gespro­chen haben wir bis­lang noch nicht, kein ver­ständ­li­ches Wort kam über ihre Lip­pen, aber sie lauscht mei­ner Stim­me, indem sie den Kopf zu Sei­te neigt, wenn ich etwas sage, wenn ich erzäh­le, zum Bei­spiel, von Dir erzäh­le, und dass ich für Dich Gedan­ken und Beob­ach­tun­gen notie­re aus dem Gebiet der Rie­sen­bäu­me. Auch in die­sen Sekun­den, lie­ber Mr. Lou­is, ist sie hier bei uns. Sie muss vor Kur­zem noch, wäh­rend eines Jagd­aus­flu­ges, den Erd­bo­den betre­ten haben. Der leb­lo­se Kör­per eines Kanin­chens bau­melt über ihrer lin­ken Schul­ter. Denk­bar, dass wir bald ein Geschenk erhal­ten wer­den. Cucur­ru­cu — Yanuk

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6.55 UTC
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