papa : 22.58 — In dem Moment, da Sie diese Zeilen lesen, sehen Sie mich verwundert, staunend, ja, sagen wir’s ruhig, glücklich. Das ist so darum, ich habe gerade bemerkt, wie kleinste Dinge, Lebewesen, die eigentlich nicht sichtbar sind, sichtbar werden, sobald ich sie mit Gedanken berühre. Auch Geräusche, die so leise und zart, demzufolge klein sind, dass ein menschliches Ohr sie niemals vernehmen könnte, werden hörbar durch ein einzelnes Wort, das sie behauptet. Systolische Frequenzen, helles Trommeln, 250 Pulse, kein Wort existiert für jene Musik heimlicher Herzen, als die Summe der Pfade, die sich um Annäherung bemühen. Und ihre Augen, ihre Augen, jawohl, sie haben Augen, wo werden ihre Augen sein? — stop
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Aus der Wörtersammlung: herz
herzgeschichte
olimambo : 0.02 — Das weiße Papier ist niemals leer. Diesen Satz habe ich gestern Nachmittag gegen 15 Uhr genau so notiert, wie er hier verzeichnet ist. Ich saß am kleinen See im Palmengarten und dachte an Herzen und solche Dinge, und als ich den Satz eine Stunde später noch einmal gelesen habe, konnte ich nicht sagen, warum ich den Satz eigentlich aufgeschrieben hatte. Das war ein merkwürdiger Moment gewesen, diese Sekunde, da ich bemerke, dass ich einen Satz, den ich selbst ausgedacht, nicht erkennen konnte. Trotzdem gefiel mir der Satz. Ich hatte den Eindruck, dass es sich um einen wahren Satz handeln könnte, und dass ich nur abwarten müsse, bis sich sein feines Wesen zeigen wird. Und so lausche ich nun also. Irgendetwas brummt in meiner nächsten Nähe. Dämmerung. Und ich stelle mir vor, wie gut es doch wäre, wenn Menschen für eine gewisse Zeit ihre Herzen teilen könnten. Man meldet sich zum Beispiel in einem Hospital. Guten Abend, sagt man, guten Abend, wir haben heute Nacht etwas Zeit, mein Herz und ich. Und dann fährt man unverzüglich los, man fährt durch die Stadt und ihre Lichter und Düfte und legt sich sehr bald zu einem Menschen, dessen Herz schwach geworden ist, verbunden liegt man Stunden still.
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am späten abend
delta : 6.28 — Es war am späten Abend und ich hatte meine Augen noch geöffnet, Cole Porter spielte ein paar feine Sachen, zwei golden braune Froschballone segelten durchs Zimmer, und da war noch mein kleiner Koffer, und ich sagte zu ihm, als könnte er mich versehen, um dich kümmere ich mich später! Und dann schlief ich ein und wachte wieder auf, noch immer spielte Cole Porter seine feinen Sachen, und ich dachte, du bist eingeschlafen und du bist wieder aufgewacht, das ist das Leben, einzuschlafen und wieder aufzuwachen. Und da lag ein Engel, eine Mango so groß, auf meinem Bauch, und der Engel schlief, wie ich geschlafen hatte, und ich dachte, ist das nicht wunderbar, sein Herz, sein kleines Herz, wie es schlägt und schlägt und schlägt. Und dann schlief ich wieder ein und schlief und schlief so seltsam, ohne das Schlafen zu bemerken, dass ich vielleicht noch immer schlafe, indem ich gerade schreibe, indem ich gerade zärtlich denke, an das Leben, an das Schlafen, an das Wachen, an all die wilden Dinge, und daran, dass ich nun weiß, wir Menschen sind für letzte Geschichten niemals gemacht, auch in den Minuten schwerster Abschiede ist da immer noch dieser seltsam schwebende Punkt in der Luft, ein leises Licht, ein Blick, bis bald. — stop
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nachtlaufen
romeo : 0.52 — Nachts, im Laufen am See, Geräusche des Bodens, die durch den Körper dringen. Bald das Herz am Hals. Schlafende Schwäne, schlafende Enten. Der Flug eines träumenden Karpfens. Und ein Gedanke. Und noch ein Gedanke. Atem, der zum Wort wird von Runde zu Runde. Das Glück der Schritte. — stop

standardminute
delta : 6.05 — Wie ich abends im Warenhaus eine moderne Standardminute erlebte, das will ich rasch noch berichten, eh mir die Augen zufallen, müde vom Wundern. Eine ganze Minute also. In dieser Minute, an ihrem Anfang genauer, befindet sich eine Kassiererin mittleren Alters, unruhig sind Augen und Mund, und ihre flatternden Hände, Werkzeuge, die Waren über Lichttaster ziehen. Eine alte Dame ist da noch, eine Dame mit Hut, die sich sehr langsam bewegt, ein wahres Reptil, würdevoll, bedächtig. Ein wenig zerstreut scheint sie zu sein, hebt immer wieder den Blick, beobachtet scheu die Bewegung des Bandes, die Reise ihrer persönlichen Ware: eine Schachtel Pralinen, ein Fläschchen Jägermeister, Salzstangen, drei Dosen Katzenfutter, ein duzend Schokoladenostereier in Grün, in Gelb, in Rot, und ein weiteres Fläschchen noch hinterher. Das alles muss jetzt in die Tasche, sofort, und doch ist es schon zu spät. Zwei Aprikosensafttüten schieben sich, einem Eisbrecher ähnlich, in den wartenden Bezirk der alten Frau hinein, falten Eier, Salzstangen und andere Warenteile steil zur Seite. Man kann jetzt hören, wie das klingt, wenn eine Dame höflich um Geduld bittet, um Nachsicht, eine freundliche, eine herzerwärmende Stimme, und das Geräusch einer Flasche, die zu Boden fällt. Wie sich die alte Dame nun aufrichtet, wie ihre hellen Augen meine Hände beobachten, die versuchen, weiteres Unglück abzuwenden. Ungläubig schaut sie mich an, dann das Förderband entlang, das weitere Waren voran transportiert. Ja, bald stehen wir und staunen zu zweit, und auch die Verkäuferin ist zur mitfühlenden Beobachterin geworden. Sie lurt zum Warenstrom hin, der über die Kante der Rollbandtheke in die Tiefe stürzt. Ihre Hände, diese seltsamen Hände, sie arbeiten weiter und weiter, schieben und schieben, als führten sie ein eigenes Leben oder gehörten schon der Maschine mit ihrem Rotlichtaugengehirn. stop. Minute zu Ende. stop. Guten Morgen. — stop

blattlicht
lima : 0.01 — Und schon ist wieder März geworden. Warme Luft pfeift übers Dach, und Blätter, Blätter von Sonnenlicht, sie schaukeln vor dem Fenster. So fein sind sie gewirkt, dass nichts sie zu berühren vermag als meine Gedanken. Höchste Zeit von kleinsten Wesen zu erzählen, wie man sie findet, da sie doch unsichtbar sind, und wie man mit ihnen sprechen oder reisen oder gemeinsam warten könnte, sobald man ihnen begegnet sein wird. — Papierene Herzen. — stop
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copy & paste
romeo : 2.56 — Vor wenigen Stunden noch wollt ich vom Abend einer Ameise unter sommerlichem Feigenbaum erzählen. Kaum angefangen, beobachtete ich, dass in dem Text, den ich wünschte aufzuschreiben, Wörter enthalten sein werden, die bereits vor meiner Textzeit von anderen Menschen in weiteren Texten verwendet worden sind. Das wohlklingende Wort Himmel, ich hab’s nicht erfunden, auch nicht das Wort Herzbeutelchen oder das Wort Sinusknoten. Alle diese Wörter, geliehene Wörter. Ich leg sie mir in den Mund, unter meine schreibenden Finger, Tag für Tag und Nacht um Nacht, als ob sie mir, Geschichten gleich, die aus der Luft zu stürmen scheinen, allein gehörten. Aber dann das elektrische Knistern meines Gehirns, in dem es die Entdeckung im Schlaf zu feinen Wirklichkeitsnetzen verwebt. – Weit nach Mitternacht. Eisluft vor den Fenstern, im Zimmer warten Feigen und Bäume. Hab jetzt einen kleinen Knoten im Kopf. — stop
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animals
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~ : louis
to : Mr. jonathan noe kekkola
subject : ANIMALS
Gestern, stellen Sie sich vor, habe ich die erste Fotografie eines Papiertierchens entgegengenommen. Sie zeigt das kleine Wesen, wie es sich durch die Luft eines abgedunkelten Labors bewegt. Bin voller Freude, habe den halben Tag herumgetanzt, sollte langsam zur Ruhe kommen. Eine Kopie der Aufnahme ist für Sie beigefügt. Sieht das nicht kraftvoll aus, eine Persönlichkeit, ein Wunder! Ich komme meinen Träumen nun endlich näher, meinen Wünschen, meinen Geschichten in der Wirklichkeit. Nehmen wir einmal an, lieber reisender Freund, ein Bogen lebenden Papiers in der Größe 15 x 30 Zentimeter würde aus 750000 Tieren bestehen, ja, und nehmen wir einmal an, dieses Papier würde schon jetzt in unserer Welt existieren, dann würden vor uns auf einem Schreibtisch 750000 kleine Herzen schlagen. Da muss doch irgendein Geräusch wahrzunehmen sein, so viele Herzen in nächster Nähe auf engstem Raum. Auch einen Hauch von Luft wird man wohl spüren, eine Strömung, weil sie alle durcheinander atmen. — Ahoi! Ihr Louis
gesendet am
06.02.2010
23.55 MEZ
1088 zeichen
louis to jonathan
noe kekkola »
lustgärten
echo : 0.22 — Robert Walser in einer Nachtminute eben: Der Mensch ist ein feinfühliges Wesen. Er hat nur zwei Beine, aber ein Herz, worin sich ein Heer von Gedanken und Empfindungen wohl gefällt. Man könnte den Menschen mit einem wohl angelegten Lustgarten vergleichen. Wenn wir alle wären, wie wir sein sollten, nämlich wie es Gott uns gebietet zu sein, so wären wir unendlich glücklich. — Wiederum versucht und noch zu finden: Eine Gebärde, die das Wort Hibiscilli vollständig enthält, eine Geste der Freude, eine zärtliche Berührung der Luft. — stop
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tango : 0.02 — a u g e n k n o c h e n
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