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tango : 2.33 — Wieder wunderbare Wörter gelesen: Mandelbrotstruktur Lebensbaum Augapfel Pyramidenbahn Venenstern Liquor Medianusgabel Herzbeutel. – stop.

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tango : 2.33 — Wieder wunderbare Wörter gelesen: Mandelbrotstruktur Lebensbaum Augapfel Pyramidenbahn Venenstern Liquor Medianusgabel Herzbeutel. – stop.

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~ : louis
to : Mr. james salter
subject : MARIT
Lieber James Salter, als ich heute Nacht am Schreibtisch saß und in Ihren wunderbaren Erzählungen las, habe ich eine kleine Spinne bemerkt, die mich beobachtete, jawohl, sie saß auf dem Feinsten der Blatthaare eines Elefantenfußbaumes, der neben meiner Computermaschine steht, und beobachtete mich aus mehreren winzigen schwarzen Augen. Ich habe überlegt, was dieses Wesen wohl in mir sieht. Für einen weiteren kurzen Moment habe ich darüber nachgedacht, ob Spinnen vielleicht hören, — ich lese oft laut vor mich hin, das sollten sie wissen -, und so wunderte ich mich, dass ich viele Jahre gelebt habe, ohne der Frage nachzugehen, ob Spinnen über Ohrenpaare oder doch wenigstens über einen zentralen Gehörgang, wo auch immer, verfügen. Ich saß also am Schreibtisch, ich las und die kleine getigerte Spinne, von der ich Ihnen erzähle, seilte sich zur Tastatur meiner Computermaschine ab. Ich hatte den Eindruck, dass ihr diese Luftnummer Freude machte, weil sie ihre Landung immer wieder hinauszögerte, indem sie den Faden, der aus ihr selbst herausgekommen war, verspeiste, demzufolge verkürzte. Vielleicht hatte sie bemerkt, dass ich sie betrachtete, das ist denkbar, weil ich aufgehört hatte, laut zu lesen für einen Moment, um nachzudenken, vielleicht wollte sie, um sich mir darzustellen, auf meiner Augenhöhe bleiben. Das war genau in dem Moment als Marit nach ihrer letzten Nacht auf unsicheren Beinen die Treppe heruntergekommen war, Marit, die doch eigentlich seit Stunden schon tot gewesen sein musste. Marit setzte sich auf eine Treppe und begann zu weinen. Sicher werden Sie sich erinnern an Marit, wie sie auf der Treppe sitzt und weint, weil sie wusste, dass sie eine weitere letzte Nacht vor sich haben würde. Als ich las, dass Marit lebt und weint, habe ich eine Pause gemacht, weil ich erschüttert war, weil das Gift nicht gewirkt hatte. Ich saß vor meinem Schreibtisch und überlegte, ob auch sie, James Salter, erschüttert waren, als Marit so langsam, auf unsicheren Beinen die Treppe herunterkam. Und während ich an Sie und Ihre Schreibmaschine dachte, beobachtete ich die Spinne, die mit ihren sehr kleinen Beinen, den Faden, an dem sie hing, betastete. Ist das nicht ein Wunder, eine Spinne wie diese Spinne? Haben Sie schon einmal bemerkt, dass es nicht möglich ist mit einer elektrischen Schreibmaschine zwei Buchstaben zur gleichen Zeit, also übereinander, auf das Papier oder den Bildschirm zu schreiben? Immer ist einer vor, niemals unter dem anderen. Mit herzlichen Grüßen. Louis.

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0.02 — Eine wunderbare Geschichte habe ich entdeckt, eine Geschichte der katalanischen Schriftstellerin Mercè Rodoreda. Ich darf sie rasch notieren: Sie ist weiß und sie ist blau. Das heißt, sie ist weiß wie die weiße Rose, und ganz plötzlich wird sie blau. Ein Insekt färbt sie, so scheint es, aber niemand weiß, wie es das macht. Ein Augenblick der Zerstreutheit und schon ist sie blau. Dieses Insekt trägt in einem Knie, mit fadigem Speichel festgenäht, ein Päckchen, und in diesem Päckchen, umgeben von Eiern und von Blau – reinstes Indulin – ist der Ehemann. Dieser Ehemann schläft den ganzen Tag und bebrütet die Eier, die durch ein Loch in das Päckchen fallen, das in dem Knie ist, woran es festgenäht ist. Wenn die Stunde kommt, kriecht das Insekt der Blume ins Herz, lädt das Päckchen ab, und die Blume, die weiß war, wird blau von oben bis unten. Sie sagen: — Oh, es ist nämlich so, daß der Ehemann, sobald er sich blumenumhüllt sieht, das Päckchen aufbricht und alles von blauem Saft überschwemmt wird und die Eier platzen und die Kleinen sofort losfliegen, jedes mit seinem Päckchen im Knie … einverstanden. Aber das sind bloße Vermutungen. Die Wahrheit ist, daß die Blume in einem Nu blau wird. Wie? Dahinter kommt man nie, und jedermann ist ein bißchen durcheinander und verwirrt. — stop

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5.26 — Gestern Abend einen langen Spaziergang durch eisige Luft unternommen. Gegen 1 Uhr im indischen Café eine Tasse Schokolade, dann nach Hause aufs Sofa unter Andrej Tarkowskijs versiegelte Zeit. Das war natürlich ein Fehler gewesen. Sofort eingeschlafen. Gegen halb 3 werd ich wach. Kentaur Billy zupft am Kragen meines Hemdes: Haben Sie, verdammt, endlich die Farbe meiner Augen entschieden? — Eine wunderbare späte Nacht mit Billy vor der Computermaschine. Ich sitze auf einem Stuhl, Billy auf seinen Hinterläufen. Lese dem kleinen Kentaur aus meinen Entwürfen vor. Gelb, sage ich, ein dunkles, goldenes Gelb, und Billy sieht mich an und schweigt, sitzt schweigend zwei weitere Stunden an meiner Seite, aber dann werde ich müde und sage: Ok, Billy! Blau, und Billy lässt etwas Luft aus seinem schönen Mund entweichen, erhebt sich und springt mit einem Satz ins Nachtsofazimmer, und schon ist er weg. – Kurz nach 5 Uhr. Während ich in die Küche gehe, leichter Seegang. Denkbar, dass ich etwas Fieber bekommen habe. — stop

20.15 — Kurze Anleitung zum Glücklichsein, sagen wir so: Man verlasse das Haus. Aufmerksam jede Bewegung des Verkehrs beachtend, gehe man so lange durch die Stadt, bis man auf eine Buchhandlung trifft. Dort kaufe man: Cortazar, Julio — Geschichten der Cronopien und Famen. Dann gehe man weiter spazieren, trage den schmalen Band durch die Straßen, bis man einen Park erreicht, wenn Sommer, oder ein Café, wenn Winter ist. Dort nehme man Platz und lese. Über den Umgang mit Ameisen beispielsweise, oder wie wunderbar angenehm es ist, ein Spinnenbein postalisch an einen Außenminister aufzugeben. Oder man lasse sich im Uhrenaufziehen oder im Treppensteigen unterweisen. Jetzt bereits wird man eine leichte Wärme spüren, die aus der Gegend des Bauches nach oben und unten in Arme und Beine auswandert. Also lese man weiter, lausche jenen angenehmen Geräuschen im Kopf, diesem sagen wir: Jedermann wird schon einmal beobachtet haben, dass sich der Boden häufig faltet, dergestalt, dass ein Teil im rechten Winkel zur Bodenebene ansteigt und der darauffolgende Teil sich parallel zu dieser Ebene befindet, um einer neuen Senkrechte Platz zu machen. Oder jenem: Treppen steigt man von vorn, da sie sich von hinten oder von der Seite her als außerordentlich unbequem erweisen. It works! — stop

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3.38 — Seit einigen Tagen bereits werde ich nachts gegen 1 Uhr müde. Nicht einfach müde in einer Weise, dass ich noch sagen könnte – Jetzt bist Du also müde, solltest einen schönen starken Kaffee trinken oder etwas schwarzen Tee mit Honig. Nein, das ist eine Müdigkeit, die aus dem Hinterhalt kommt, als Überfall oder so etwas. Vorhin erst habe ich meinen Kopf auf die Schreibtischplatte gelegt, um meine Springspinne, die gerade aus ihrer Höhle gekommen war, aus der Perspektive einer weiteren Spinne betrachten zu können. Das war ein Fehler gewesen. Es ist jetzt bereits 3 Uhr 30 und ich habe noch nicht eine der drei sehr kurzen Kurzgeschichten gelesen, die ich mir zur Übung Nacht für Nacht verordnet habe. Werde nun vorsichtig in die Küche gehen. Dann etwas Carver lesen und vielleicht, wenn ich nicht wieder eingeschlafen sein werde, über das schöne Wort Mandelbrotmenge nachdenken, über die Temperaturen des Atlantischen Ozeans vor Neufundland, über schneeweiße Wale und andere wunderbare Dinge. — stop
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22.38 — Die Vorstellung, man könnte einmal Käfer in Tüten kaufen, so wie man Popcorn in Tüten kaufen kann. Käfer in grünen Panzern, die nach Pistazien schmecken, und Käfer in roten Panzern, sie schmecken nach Johannisbeeren, und Käfer in gelben Panzern, sie schmecken nach Melisse. Sobald man eine Tüte öffnet, fliegen sie los. Sie sausen ein paar Runden durch die Luft, verdrehen einem den Kopf, um sich unverzüglich in jeden Mund zu stürzen, der sich vor ihnen öffnet. Dort dann zerplatzen sie mit einem zarten Geräusch in einem vollendeten Aromastern. — Wong Kar-Wai’s wunderbarer Nachtvogel ohne Füße, der niemals landet. — stop

