sekundengeschichte

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echo : 0.26 UTCUnsere Betriebs­sys­teme harmo­nierten nicht, erzählte ein junger Mann, es war nichts mehr zu retten. Er fragte: Ja, kann sich ein Mensch denn für Gefühle entscheiden? Exis­tieren in meiner Seele Algo­rithmen, die steu­erbar sind? – Der junge Mann sprach mit sehr heller Stimme. Neben ihm im Schnellzug hockte ein Hund auf einem Sitz­platz für sich. Der Hund war nicht viel größer als eine Maus, ein Zwerghund mit riesigen runden Augen. Er schaute sein Herr­chen, das von der Liebe traurig war, bewun­dernd an. Ein heißer Tag. Der Maus­hund zeigte eine schöne Zunge, sie war vom Sommer­blau der Karp­fen­zungen. – stop

ai : GAZA

aihead2

MENSCHEN IN GEFAHR : “Die israe­li­schen Zivi­listen Avera Mangistu und Hisham al-Sayed werden seit zwei Jahren vermisst, nachdem sie – jeweils einzeln – die Grenze zum Gaza-Streifen über­quert hatten. Am 7. September 2014 brach der äthiopisch‑stämmige Avera Mangistu von seinem Wohnort Ashkelon im Süden Israels zum Gaza-Streifen auf. Dort über­querte er unbe­fugt die Grenze, indem er über einen Stachel­draht­zaun in der Nähe der Küste klet­terte. Hisham al‑Sayed soll zu Fuß am 20. April in den Gaza-Streifen gelangt sein, nachdem er die Wohn­stätte seiner Familie im Bedui­nen­dorf al-Sayed in der Negev-Wüste im südli­chen Israel verlassen hatte. / Beide Männer leiden unter psychi­schen Gesund­heits­pro­blemen. Die Familie von Avera Mangistu erzählte Amnesty Inter­na­tional, dass er seit dem Tod seines Bruders am 11. November 2012 psychi­sche Probleme habe. Amnesty Inter­na­tional hat Doku­mente des israe­li­schen Gesund­heits­mi­nis­te­riums einge­sehen, aus denen hervor­geht, dass Avera Mangistu im Januar 2013 zwei Mal in psych­ia­tri­sche Kliniken einge­lie­fert wurde. Dem Arzt­be­richt von Hisham al‑Sayed zufolge wurden bei ihm eine Schi­zo­phrenie und eine Persön­lich­keits­stö­rung diagnos­ti­ziert. Er ist deswegen in statio­närer Behand­lung gewesen und benö­tigt regel­mäßig Medi­ka­mente. / Amnesty Inter­na­tional befürchtet, dass die beiden Männer von den Essedin-el-Kassam-Brigaden, dem mili­tä­ri­schen Flügel der Hamas, als Geiseln für einen mögli­chen Gefan­ge­nen­aus­tausch gefangen gehalten werden. Im April 2016 hatte die bewaff­nete Grup­pie­rung im Internet ein Video veröf­fent­licht, das Bilder der beiden Männer in israe­li­schen Mili­tär­uni­formen zeigte. Der Spre­cher der Essedin-el-Kassam-Brigaden teilte mit, dass jegliche Infor­ma­tionen über die Männer ihren Preis hätten. Man werde „ohne Zahlungen und Anspruchs­zu­si­che­rungen vor und nach den Verhand­lungen“ keine Infor­ma­tionen preis­geben. Er deutete damit an, dass sie als Geiseln für einen poten­zi­ellen Gefan­ge­nen­aus­tausch von der Hamas gefangen gehalten werden. Amnesty Inter­na­tional hat Doku­mente einsehen können, die eine Nicht­eig­nung von Avera Mangistu für den Mili­tär­dienst fest­stellen. Wie Human Rights Watch bestä­tigt hat, wurde auch Hisham al-Sayed für den Mili­tär­dienst für untaug­lich befunden und im November 2008 von der Wehr­pflicht befreit. / Die De-facto-Verwal­tung der Hamas im Gaza-Streifen hat sich bisher gewei­gert, Infor­ma­tionen über die beiden Männer bekannt­zu­geben.” – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst bis zum 11.9.2017, unter > ai : urgent action

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gespräch

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tango : 17.01 UTC – Ich will schnell erzählen, wie ich unlängst mit einer Maschine, während sie meinen Cappuc­cino zube­rei­tete, gespro­chen habe. Ich sagte: Hey, einen Cappuc­cino bitte. Und die Maschine antwor­tete: Hey, wird gemacht! Also wartete ich. Indem ich wartete, hörte ich der Maschine zu. Ich vernahm einige plau­sible Geräu­sche aus dem Inneren des Gehäuses, außerdem einige Geräu­sche, die nicht sehr plau­sibel waren. Das waren Geräu­sche des Pfei­fens oder Singens, Geräu­sche, die entweder meiner Unter­hal­tung dienten oder weil sich die Maschine tatsäch­lich selbst, während sie arbei­tete, eine Freude machte. Ich habe schon oft genau so wartend vor genau dieser Maschine gestanden, ich vermute, dass mich die Maschine inzwi­schen kennt, viel­leicht sogar Zeit­punkte, da ich zu ihr kommen werde, also Gewohn­heiten meines Lebens. Einmal, als ich den Standort der Maschine erreichte, war mein Cappuc­cino bereits fertig gewesen. Das ist schon seltsam, nicht wahr, ich begann über Fähig­keiten der Maschine nach­zu­denken. Kann diese Maschine viel­leicht sehen oder vermag sie meinen Duft wahr­zu­nehmen? Dass sie über einen Hörsinn oder über eine spezi­elle Art eines hörenden Sensors verfügt, steht für mich schon lange fest, weil sie mich begrüsst. Manchmal erkun­digt sie sich nach meinen Wünschen. Mein lieber Louis, will sie wissen, einen Cappuc­cino oder doch etwas anderes Heißes zur Feier des Tages? An diesem Morgen, von dem ich eigent­lich erzählen will, ist aber doch etwas sehr Selt­sames geschehen. Viel­leicht war es der Wind, jeden­falls fiel eine Papp­tasse aus dem Bauch der Maschine auf einen Vorsatz unter einem Hahn, aus dem bald heißer Kaffee kommen sollte. Die Tasse landete etwas schräg und verharrte in dieser Posi­tion. Die Maschine sagte zu mir: Becher bitte setzen. Mein Gott, das war seltsam! Ich dachte, wer nur hat diese Sprache erfunden, mögli­cher­weise die Maschine selbst? Ich streckte meine Hand nach dem Becher aus. In dem Moment, da ich den Becher anheben wollte, spritzte heißer Kaffee auf den Rücken meiner Hand, weswegen ich mit leiser Stimme protes­tierte. Ich sagte: Verdammt! Die Maschine antwor­tete: Verzei­hung! – stop
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abschnitt neufundland

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Abschnitt Neufund­land meldet folgende gegen Küste gewor­fene Arte­fakte : Wrack­teile [ Seefahrt – 10, Luft­fahrt – 14, Auto­mo­bile – 102], Gruß­bot­schaften in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahr­hun­dert – 5, 19. Jahr­hun­dert – 26, 20. Jahr­hun­dert – 478, 21. Jahr­hun­dert – 146 ], Trol­ley­koffer [ blau : 1, rot : 8, gelb : 1, schwarz : 188 ], Seenot­ret­tungs­westen [ 5317 ], physical memo­ries [ bespielt – 12, gelöscht : 22 ], Ameisen [ Arbeiter ] auf Treib­holz [ 355 ], 1 Roll­stuhl West­falia [ Baujahr 1914 ], Brumm­kreisel : 3, Öle [ 0.33 Tonnen ], Prothesen [ Herz – Rhyth­mus­be­schleu­niger – 5, Knie­ge­lenke – 215, Hüft­ku­geln – 12, Brillen – 425 ], Halb­schuhe [ Größen 28 – 39 : 105, Größen 38 – 45 : 33 ], Plas­tik­san­dalen [ 435 ], Reise­do­ku­mente [ 1558 ], Kühl­schränke [ 1 ], Tele­fone [ 658 ], Puppen­köpfe [ 2 ] Gasmasken [ 12 ], Tief­see­tauch­an­züge [ ohne Taucher – 2, mit Taucher – 5 ], Engels­zungen [ 102 ] | stop |

sturm

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romeo : 15.01 UTC – Im Zug saßen zwei alte Damen, es war Herbst, sie waren unter­wegs an die Nordsee, erzählten von Spazier­gängen am Strand, von wandernden Dünen, vom Wind, der sehr heftig werden sollte in den Tagen, die sie am Meer verbringen würden. Du bist leicht, sagte die eine Dame zur anderen Dame. – Ja, ich habe noch ein wenig abge­nommen. – Viel­leicht wirst du davon­fliegen? – Ja, ich werde viel­leicht vom Sturm erfasst, Du musst mich dann fest­halten. – Dann fliegen wir beide davon. Wir sollten unsere Sturm­schuhe tragen. – Ja, wir sollten unsere Sturm­schuhe tragen. - Während sie spra­chen, hielt eine der beiden Damen einen kleinen Hut fest, den sie auf dem Kopf trug, als ob schon ein Wind gehen würde im Abteil. Eine Weile sahen sie aus dem Fenster. Na sowas, sagte die Dame mit dem Hut. Wieder sahen sie aus dem Fenster. Wiesen zogen vorüber, es war etwas nebelig draußen. – stop
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auf hoher see

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bamako : 15.08 UTC – Ich hörte von einem adop­tierten Jungen, der gerne den Nach­namen seiner Nach­barn annehmen möchte. Seine neuen Eltern heißen nämlich Simbarski – Kohle­berg, oder so ähnlich, seine Nach­barn Weber. Er selbst heißt Tobias mit Vornamen, sein ursprüng­li­cher soma­li­scher Name ist unbe­kannt, er habe ihn, sagt er, vergessen, er wisse nicht warum, sein Name sei irgendwo auf der Flucht verloren gegangen. Später einmal will er Fluss­schiff­ka­pitän werden. Der Junge meint eines dieser großen Boote, die Passa­giere beför­dern, er will eine weiße Uniform tragen und auf seinem eigenen Schiff zu See fahren. Zur Zeit arbeitet er noch als Brief­träger, er ist gerade 20 Jahre alt geworden. Er berichtet, dass er in der ersten Stadt, in der er in Europa wohnte, nicht verstanden habe, was Fahr­rad­wege sind, Er habe sie für Flücht­lings­wege gehalten, während die Einhei­mi­schen auf Bürger­steigen spazieren. – stop

zweite nachricht von den vasentieren

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xylo­phon : 12.08 UTC – Vasen­tiere verfügen am Rande ihrer Behäl­ter­wanne über zwei Augen einer­seits, ein System fili­graner Röhren zum Atmen ande­rer­seits. Beine haben sie nicht, weil sie statio­näre, im Ideal­fall schwe­bende Lebe­wesen sind. Wenn man mich nun fragte, warum Vasen­tiere in meinem Geist über­haupt exis­tieren, würde ich viel­leicht sagen: Nun, weil ich bereits vor längerer Zeit an Vasen­tiere dachte, auch weil sie sehr nütz­lich sind, weil sie über das Vermögen verfügen, kleinste Mengen Wassers noch aus trockenster Luft zu gewinnen, weswegen sie sehr gefragt sind, man möchte sie besitzen, um nach Ursa­chen ihrer erstaun­li­chen Bega­bung zu forschen, die vermut­lich Bestim­mung ist. Indessen wurden Vasen­tiere in ihrer natür­li­chen Umge­bung auch in großen Höhen ange­troffen. Sie sind dort sehr klein, in Regen­wäl­dern hingegen von erheb­li­cher Größe. Spre­chen im Übrigen können Sie nicht, aber denken und hören, weil sie in je spezi­fi­scher Weise ihre Augen bewegen, sobald man sie mit Sprache konfron­tiert. – stop

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