apfel

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echo : 0.10 UTC – Ich hatte an einem Abend der vergan­genen Woche mein Fern­seh­gerät ausge­schaltet, war in die Küche getreten, um Schnecke Esme­ralda zu beob­achten, wie sie einen Apfel zunächst umrun­dete, sich dann aufrich­tete samt ihres Gehäuses und auf den Apfel klet­terte. Eine Bewe­gung, die gera­dezu waghalsig anmu­tete. Es regnete. Ich wurde schläfrig. Um kurz vor Mitter­nacht klin­gelte das Telefon. Jemand war in der Leitung, sprach aber nicht, atmete nur. Ich hörte eine Weile zu, und ich dachte, dass Atem eine schöne Sprache ist, aber auch etwas unheim­lich. Also kehrte ich zu Esme­ralda zurück, die nun auf dem Apfel hockte als wäre der Apfel ein Stuhl oder ein Sofa. Wie so häufig nachts, las ich Esme­ralda einen verschlüs­selten Nach­rich­ten­text vor. Ich habe nämlich bemerkt, dass Esme­ralda sehr aufmerksam wird, sobald ich ihr kryp­ti­sche Texte vortrage, erstaun­lich, da Schne­cken doch gehörlos sein sollen. In diesem Fall, es war nicht leicht gewesen, las ich T.C.Boyle: Nfjof muvoh jtu tfis fout­di­j­fefo- bcfs xbt oýu{u ft@ Jdi cjo gýs Gsbvfosfdiuf/ Jdi cjo gýs Vnxfmutdivu{/ Jdi cjo gýs Nvmujlvmuvsbmjtnvt/ Jdi cjo gýs Cjmevoh/ Ejf wjfmfo Nfot­difo bvt efs Bscf­jufslmbttf- ejf jdi lfoof- tjoe qpmju­jtdi sbejlbm boefsfs Botjdiu bmt jdi/ Ejf VTB tjoe fjo hftqb­mufoft Mboe/ Jdi lpnnf tfmctu bvt efs Bscf­jufslmbttf- voe jdi mfcf fjofo hspàfo Ufjm nfjofs [fju jo efo lbmjg­pso­jt­difo Cfshfo- xp wjfmf tphfo­boouf Sfeofdlt mfcfo/ Jdi mjfcf ejftf Nfot­difo- wjfmf wpo jiofo tjoe jouf­mm­jhfou voe fjogýimtbn/ Bcfs jo qpmju­jt­difo Gsbhfo ibcfo tjf tjdi usbvs­jhfsxfjtf hbo{ voe hbs nbojqvm­jfsfo mbttfo/ Ebcfj xfsefo hfsbef tjf ejf Pqgfs wpo Usvnqt Qpmjujl tfjo voe bn nfjtufo voufs jis {v mfjefo ibcfo/ Xfoo qsjwjmfhjfsuf Bnfs­jlbofs xjf jdi ovs hfnåà jisfo xjsut­dib­gum­j­difo Joufsfttfo hfxåimu iåuufo- eboo iåuufo xjs Usvnq hfxåimu- xfjm fs ejf Tufvfso tfolfo xjmm voe ebgýs tpshu- ebtt xjs votfs Hfme cfibmufo/ Bcfs jdi xåimf efo Lboe­je­bufo- efttfo Ibmuvoh jdi gýs sjdiujh ibmuf- voe ojdiu efo- efs njs Qspgju csjohu/ Jdi cjo Qbusjpu/ – stop

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von kevin und liesl im zug

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tango : 22.52 UTC – Ich hörte, er heiße Kevin. Er sagte, er sei ohne Dach über dem Kopf. Auch im Sommer oder im Herbst sei das Leben nicht leicht, im Sommer habe er viel Durst, im Herbst fürchte er sich vor dem Winter. Er würde gern seine Geschichte erzählen, warum er so arm geworden sei, dass er keine Wohnung habe und nichts zu essen. Wenn Kevin spricht, ist seine Stimme sehr schön anzu­hören. Es ist eine Stimme, die gut singen könnte, ein Tenor viel­leicht. Nur das mit Kevins Geschichte ist so eine Sache, ich höre Kevins Lebens­ge­schichte seit Anfang des Jahres im Morgen­schnellzug zum Flug­hafen immer wieder. Ich sollte sagen, Kevin erzählt täglich eine andere Geschichte, er ist im Grunde ein guter Erzähler, und auch ein guter Erfinder. Im Winter erzählt er Winter­ge­schichten, im Sommer Sommer­ge­schichten. Gestern wurde Kevin von einer jungen, mageren Frau begleitet. Sie war sehr schmutzig. Kevin erzählte ihr, dass ich ihm manchmal etwas Geld geben würde oder eine Brezel, auch dass ich aufschreiben würde, was er berichte. Sie setzten sich neben mich. Die junge Frau sagte: Wenn man träumt ist man im Inneren wach und warm. Am Flug­hafen stiegen beide mit mir aus. Wir spra­chen eine halbe Stunde. Der Bahnhof war wieder einmal undicht. Regen kam von der Decke. Das Licht war teil­weise ausge­fallen, an den Wänden saßen ein paar dicke Kröten. Sie schnappten mit armlangen Zungen nach Tauben, die über den Bahn­steig segelten. Ich hörte, das Knochen­ge­spenst an Kevins Seite soll Liese­lotte heißen, sehr seltsam dieser Name für eine recht junge Person. Ich erfuhr, dass sie Lite­ra­tur­wis­sen­schaften in London studierte, sie mag gern lesen, aber sie komme nicht dazu, weil sie das Bild ihres Vaters in sich trage, der immerzu betrunken war, ein schmer­zendes Bild, das hell vor ihr leuchte. Ich weiss jetzt, Bilder eines betrun­kenen Vaters zu verdun­keln, erfor­dert unge­heuere Kraft und Ausdauer. Liese­lotte kann deshalb seit einem Jahr­zehnt nicht schlafen. Sie mag Kevin, der so schöne Geschichten erzählt, dass sie beide von seinen Geschichten ein wenig weiter­leben können. Es ist jetzt Abend. – stop

echo

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whiskey : 22.58 UTC – Wie schwer es ist, tief­schla­fenden Menschen vorzu­lesen oder mit tief­schla­fenden Menschen zu spre­chen. Kein Zeichen eines Erwa­chens. In dem Moment, da ich bemerke, dass ich nicht weiss, ob sie mich hören, wird mein Versuch, Gehör zu finden, zu einem Selbst­ge­spräch, das schmerzt, einsame Stimme. – stop

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nach dem zug

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echo : 22.02 UTCMenschen, die glück­liche Menschen sind, gehen im Grunde zunächst davon aus, dass sie von anderen Menschen verstanden, präzise, dass sie nicht miss­ver­standen werden, ich meine in dem Sinne, dass Verstän­di­gung möglich ist, entweder sofort, auf der Stelle noch, oder mittels einer Nach­frage konstruk­tive Verstän­di­gung letzt­end­lich gelingt, sagen wir Zivi­li­sa­tion, die nun auch in Mittel­eu­ropa bedroht wird von Personen, die auf ihr Land stolz sein wollen in einer Weise, die Menschen fremder Spra­chen herab­setzt. – Am Mari­en­platz verliess ich den Zug. Ich stand unter Wartenden, wartete selbst, beob­ach­tete den Bahn­steig, auf dem wartende Menschen sich drängten. Sie standen sehr nahe an der Bahn­steig­kante. Als der Zug einfuhr, dachte ich, wäre ich ein Lokführer, würde ich in dieser Situa­tion meine Augen schließen. – stop

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dublin

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MELDUNG. Trotz behörd­li­chen Verbotes wird am kommenden Abend in der Princess of Dublin weiteres Kampf­trinken voll­zogen. Gefochten werden schwere Benzine ab 22.15 Uhr. Mit Toten darf gerechnet werden. Pearse St., 8. Eintritt frei. – stop
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max

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charlie : 20.45 UTC – Ich habe meinen Freund Max besucht, der in München wohnt in der Brien­ner­straße unter dem Dach in einem Loft, das derart weit­räumig ist, dass man darin Hallen­fuß­ball spielen könnte. Seine Vögel, zwei Kakadus, fliegen dort gern frei herum, sie sollen, so Max, niemals bislang irgend­einen Schaden an seinen Möbeln ange­richtet haben. Das liegt viel­leicht auch daran, dass Max’ Vögel mögli­cher­weise nicht ganz echt sind, ich meine, dass sie kühle Tiere von äußerst leichtem Metall sein könnten unter dichtem Feder­kleid verborgen, dass sie also nur vorgeben, Vögel zu sein, während sie viel­mehr Drohnen sind, die sich von Max’ Computer gesteuert durch die Wohnung bewegen, als wären sie natür­liche Wesen. Ich habe beide Tiere immer nur im Flug beob­achtet, nie aus nächster Nähe, denn wenn sie einmal nicht fliegen, sitzen sie in einem Käfig, der dicht unter der Decke des Raumes uner­reichbar weit entfernt montiert wurde. Wunder­bare Algo­rithmen steuern den Flug der Kakadus, auch ihre Gespräche, die sie beständig führen. Es ist spät geworden, eigent­lich wollte ich eine ganz andere Geschichte erzählen, von Max’ Computer, der über eine Taste für Cappuc­cino verfügen soll. Diese Geschichte werde ich im nächsten Jahr erzählen. – stop

eine lampe

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nordpol : 10.28 UTC – Gestern, ehe ich das Haus der alten Menschen besuchte, dachte ich noch, das Altwerden, das Alt- oder Uralt­sein habe mit Unruhe zu tun, mit Schlaf, dessen Zeit­räume kürzer und kürzer werden. Heute nun würde ich sagen, das Alt- oder Uralt­sein hat etwas mit Schlaf über lange Zeit­räume hin zu tun, auf einem rollenden Stuhl sitzen und schlafen oder dämmern. Da war wieder eine Frau im Licht einer gelben Lampe, die im Wohn­saal vor einem Tisch saß und einen Tele­fon­hörer in der Hand hielt. Der Tele­fon­hörer war mit einem Telefon mit Wähl­scheibe verbunden, ein derart altes Telefon, dass man, um eine Nummer zu wählen, eine krei­sende Bewe­gung ausführen muss. Dieses Telefon nun war nicht mit der Wand in Verbin­dung, viel­mehr ragte aus dem Gehäuse des Tele­fons ein kurzes Stück Kabel, das anzeigte, dass das Telefon einmal tatsäch­lich mit der elek­tri­schen Welt verbunden gewesen war. Als ich an der alten tele­fo­nie­renden Dame vorbeikam, dachte ich für einen Moment, viel­leicht liest ihr gerade jemand vor, viel­leicht Hrabal, der aus seinem Roman Ich habe den engli­schen König bedient zitiert. Es wird Herbst, in jeder Hinsicht. 288P, ein Doppelas­te­roid wurde entdeckt. Hurri­kane Maria verwüstet die Karibik. Mr. Un droht mit Wasser­stoff­bom­ben­test. – stop

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shenzhen

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nordpol : 15.12 UTC – An diesem heutigen Tag beginne ich zu beob­achten, welche und wie viele Infor­ma­tionen meine Schreib­ma­schine verlassen oder in sie hinein­ge­holt werden, von deren Kommen und Gehen ich nichts bemerke. Das ist nämlich eine sehr selt­same Sache, gestern, während ich im Regen spazierte, wurden von meiner Schreib­ma­schine 187 Millionen Byte Infor­ma­tion lautlos aus der Luft entge­gen­ge­nommen, ich weiss nicht von woher präzise und warum. Tatsäch­lich lebe ich in einer beinahe geräusch­losen Schreib­ma­schi­nen­zeit, auch das Notieren auf gläserner Tastatur ist kaum noch zu hören. Geräu­sche, zur Erzeu­gung von Infor­ma­tion auf meiner Schreib­ma­schine notwendig geworden, werden nur in großer Entfer­nung hörbar gewesen sein, das Rauschen oder Brausen der Server irgendwo an geheimen Orten. Oder das helle Sausen und Heulen der Turbinen in Kraft­werken, die Strom für das Herz meiner Schreib­ma­schine erzeugen. Das Murmeln einer schlaf­losen Arbei­terin nahe Shen­zhen. – stop
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