loop

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foxtrott : 22.15 UTC – In einem Aufzug habe ich heute etwas Merk­wür­diges erlebt. Ich wurde nämlich verdäch­tigt, mittels meines persön­li­chen Zeige­fin­ger­ab­drucks gewisse Vorteile erzielen zu können. Der Aufzug erkennt sie, sagte eine empörte Frau, die über­zeugt gewesen war, der Aufzug hätte eigent­lich nach oben, wie von ihr gewünscht, nicht nach unten fahren dürfen. Die Frau hielt in diesem Augen­blick ihrer Rede eine Schere in der Hand, sie war über­haupt äusserst schlecht gelaunt. Ich über­legte, ob ich ihr nicht eine Geschichte zur Beru­hi­gung erzählen könnte, eine sehr kurze, span­nende, eine über­zeu­gende Geschichte. Ich lächelte sie an, atmete tief ein und aus, als ich bemerkte, dass mir keine Geschichte einfallen wollte, außer diese Geschichte selbst. Ich sagte also: Stellen sie sich vor, ich habe heute in einem Aufzug etwas Merk­wür­diges erlebt. – stop

eine alte schreibmaschine

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alpha : 22.02 – Dachte wieder an eine Schreib­ma­schine zurück, an eine beson­dere Schreib­ma­schine, an meine digi­tale Schreib­ma­schine, die jedes Zeichen, das ich notiere, im Moment der Spei­che­rung in eine Hiero­glyphe verwan­delt, so dass ich schreibe einer­seits, also einen Text spei­chere, ander­seits nicht sofort wieder­ho­lend lesen kann, was ich für mich oder andere aufge­hoben habe. Schreiben. Denken. Auf dem Wasser laufen. Eine vernünf­tige, das heißt, eine gute Schreib­ma­schine, ist nach wie vor mit dem Internet niemals verbunden. – stop
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luftsprache

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alpha : 22.12 UTC – Im Haus der alten Menschen spazierte ich über Flure im Kreis wie mir schien. Da waren geöff­nete Türen, und da schaute ich hinein in die Zimmer. Ich beob­ach­tete einen alten Mann, der vor seinem Roll­stuhl kniete, und eine alte Dame mit schloh­weißem Haar, die lag wie ein Mädchen mit weit von sich gestreckten Armen und Beinen im Bett wie in einer Sommer­wiese. Einmal beob­ach­tete ich ein anderes Bett, in dessen Kissen­tiefe ein kleiner Mensch ruhen musste. Nur Hände waren von ihm zu sehen, die sich bewegten, die Schatten warfen, die spielten oder mit der Luft spra­chen Stunde um Stunde, Tag für Tag, Jahr vermut­lich um Jahr. – stop

ping

lund

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MELDUNG. Sören K., 68 Jahre, der für eine Winter­nacht lang das Schließ­fach 88 Söder [ H:615 T:930 B:472 ] des Stock­holmer Haupt­bahn­hofes bewohnte, wurde um Zehn­zwölf Uhr zur Entfal­tung in eine Poly­klinik verbracht. Angabe in Milli­meter. Geboren in Lund. – stop

ein regenschirm

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marimba : 22.03 UTC – Vor einer Woche erzählte mir Jose, er trage schwer an dem gläsernen Auge, das er rechts neben seiner Nase in seine Augen­höhle einge­setzt bekommen habe. Es sei nicht das Gewicht selbst, sondern viel­mehr die Erfah­rung eines Unfalls, eines Stol­perns, die ihm sein Auge gekostet habe. Auf der Treppe sei er einer­seits gestürzt, ander­seits unglück­lichst kolli­diert mit seinem Regen­schirm in der Hand. Er habe in den Minuten nach jenem entschei­denden Ereignis kaum einen Schmerz verspürt. Er glaube, der Schmerz sei so groß gewesen, dass sein Geist ihn aus sofort dem Bewusst­sein gesperrt haben muss. Er höre noch immer den Schrei seiner Frau, als sie ihn sah. Nun ist das so, erzählte Jose, da springst Du ein Leben lang in der Welt herum und denkst nicht eine Sekunde daran, dass Du ein Auge verlieren könn­test. Und jetzt wiege das Gewicht seines gläsernen Auges deshalb so schwer, weil er sich vor einem zweiten gläsernen Auge fürchte, er würde in diesem Falle über kein weiteres Auge verfügen, es wäre dann dunkel, und er wisse doch aus eigener Erfah­rung präzise, dieser verdammte Regen­schirm, erzählte Jose. – stop
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im dunkel

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romeo : 12.05 UTC – Plötz­lich war Dunkel geworden, der Himmel bedeckt, Strom ausge­fallen, stock­finster. Viele Stunden Zeit vergingen. Ich saß auf einem Stuhl, den ich ertastet hatte, und wartete, dass das Licht zurück­kehren möge. Es muss bald Vormittag geworden sein, aber noch immer dunkel, eine Dunkel­heit als wäre sie gemalt. Auch im Kühl­schrank kein Licht. Ich weiss, nicht wie ich auf die Idee gekommen war, im Kühl­schrank könnte noch etwas Licht zu finden sein. Ich öffnete das Eisfach, Wasser stürzte heraus und etwas Weiches, daran mochte ich nicht denken, also machte ich den Kühl­schrank wieder zu und kroch zurück zum Stuhl. Ich dachte, dass ich unbe­dingt sofort etwas Licht finden müsste, um sicher zu sein, dass ich nicht erblindet war. Auf den Knien arbei­tete ich mich in Rich­tung der Wohnungstür, erreichte das Trep­pen­haus, hörte eine Stimme. – stopping

linie 8

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echo : 10.06 UTCNächste Halte­stelle Max-Weber-Platz. Ich hab Weiß Ferdls Gesang noch im Ohr, wie er die Geschichte erzählt von der Linie 8, die durch München fährt zu einer Zeit, da ich noch nicht geboren worden war. Wie oft habe ich diese Aufnahme als Kind viel­leicht gehört? Die Stimme des alten Münchner Kaba­ret­tisten ist mir heut Morgen vermut­lich deshalb ins Gehör geraten, weil ich Infor­ma­tionen einer modernen Stra­ßen­bahn zuhörte, einer Stimme präzise, die von einem Computer erzeugt wird: Bitte in Fahrt­rich­tung rechst aussteigen. Diese Stimme, wie sie mir bewusst wurde, scheint sich bereits in viele weitere Städte fort­ge­setzt zu haben, es ist eine weib­liche Stimme, die auch kompli­zierte Stra­ßen­nahmen zu formu­lieren vermag. Manchmal dehnt sie Wörter in einer seltsam unbe­hol­fenen Art. Das hört sich an, als würde eine Schall­platte für einen Moment beschleu­nigt, dann wieder abge­bremst. Auch Kinder hören zu, oder Menschen, die gerade eben die deut­sche Sprache lernen. Viel­leicht, stelle ich mir vor, werden sich in dieser Weise bestän­diger Wieder­ho­lung nach und nach jene unbe­holfen klin­genden Sentenzen der Stra­ßen­bahn­an­sagen in unsere alltäg­liche Sprache schlei­chen. Das ist denkbar. Ich muss das beob­achten. – stop