sisulu

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delta : 6.15 UTC – In der vergan­genen Nacht hatte ich einen merk­wür­digen Traum. Ich war in der Dämme­rung mit meinem Trom­pe­ten­käfer abends spazieren im Palmen­garten. Die Luft duftete nach Flieder, obwohl schon Juni geworden war. Der Käfer, dem ich kurz nach seiner Entwick­lung den Namen Sisulu 8 gegeben hatte, hockte auf meiner rechten Schulter, weswegen ich vorsichtig einen Fuß vor den anderen Fuß setzte, weil ich natür­li­cher­weise von der Flug­un­fä­hig­keit des kleinen Wesens wusste, er war nicht zum Fliegen ausge­dacht, sondern zum Trom­pe­te­spielen. Ich ging also ganz langsam nord­wärts vorbei an einer wunder­baren Sommer­wiese, die von den Schlaf­ge­räu­schen der Heuschre­cken leise knis­terte, erreichte dann nach zwei Stunden lang­samen Gehens eine hölzerne Bank am Rande einer weiten Step­pen­land­schaft, es war schon Nacht geworden. Ich nahm Platz auf der Bank, über­schlug die Beine und setzte den kleinen Käfer auf mein rechtes Knie. Unver­züg­lich begann Sisulu 8 zu spielen in einer Weise, wie ich es vor langer Zeit schon einmal zu beschreiben versuchte. Bald war ich einge­schlafen, ich weiss nicht genau wie lange Zeit ich geschlafen hatte, als ich erwachte, saß Maceo Parker neben mir auf der Bank. Er hatte sich mit seinem rechten Ohr meinem Knie genä­hert, ich wagte in diesem Augen­blick kaum zu atmen, das muss man sich einmal vorstellen, Maceo Parker auf einer Nacht­bank neben mir sitzend, wie er meinem Käfer­freund Sisulu lauscht. Es ist jetzt schon bald Morgen­däm­me­rung, meine Güte, und ich bin noch immer nicht wirk­lich wach geworden. – stop
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beobachtung

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ulysses : 18.10 UTC – Ob viel­leicht Bewe­gungen exis­tieren, Gesten mensch­li­cher Hände, die bald aussterben werden? Die Geste einer Hand, beispiels­weise, in der Betrach­tung eines Dias, oder die Geste einer Hand, die einen Blei­stift führt über ein Blatt Papier. Ich werde eine Samm­lung ausster­bender Bewe­gungen anlegen. Sofort fange ich damit an. Es ist später Abend geworden. Gewitter nähern sich von Westen. Buena Vista Social Club. Nicht weiter. – stop

ein millionstel gramm wort

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sierra : 15.38 UTC – Ich verfüge jetzt über eine weitere Schreib­ma­schine. Das ist so, weil ich sie mir gekauft habe. Leicht ist sie und flach. Wenn meine neue Schreib­ma­schine in der Hitze der Tag- oder Abend­luft atmet, um sich zu kühlen, ist von ihrem Atem nichts zu hören. Selbst dann, wenn ich ein Ohr an ihr Gehäuse lege: Stille. Ich könnte sie unter meinem Hemd verbergen, weil sie so flach ist, niemand würde sie bemerken. Einmal notierte ich: Wenn das so weiter geht mit dem Leich­ter­werden der Schreib­ma­schinen, werde ich bald Schreib­werke zur Verfü­gung haben, die von gerin­gerer Schwere sind als die Papiere, die ich mit ihren Zeichen fülle. – Wie viel genau wiegt eigent­lich dieses elek­tri­sche Wort, das gerade vor mir auf dem Bild­schirm erscheint? S i e r r a. Wie viele Male wird das Wort S i e r r a heute oder morgen auf weiteren Bild­schirmen aufge­rufen, wie lange Zeit jeweils sichtbar sein? Es ist denkbar, dass das Wort S i e r r a , das in Europa vor wenigen Minuten verzeichnet wurde, schwerer wiegt, sobald es in Austra­lien auf einem Bild­schirm erscheint, als das selbe Wort, wenn wir es in Europa lesen, 1 Milli­onstel Gramm schwerer, sagen wir, um 1 Milli­onstel Gramm Kohle schwerer und um den Bruch­teil einer Sekunde. – stop

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ich war im flur spazieren

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tango : 15.06 UTC – Über einen langen Flur eines Schiffes wandernd begeg­neten mir zwei Männer, ein junger und ein etwas älterer Mann. Wie sie näher kamen und ihre Stimmen in meinen Ohren deshalb lauter wurden, hörte ich, dass sie sich über ein Büro unter­hielten, in welches einer der beiden Männer vor wenigen Tagen erst einge­zogen war. Es ging in dem Gespräch außerdem um Möbel. Die Männer waren sich, so mein Eindruck, nicht ganz einig gewesen. Sie disku­tierten, ein lautes, lachendes, ein leben­diges Gespräch, weshalb ich umdrehte und den Männern in dezentem Abstand folgte, ich wollte Ihnen heim­lich zuhören, was vermut­lich nicht ganz höflich gewesen war. Ich glaube, die zwei Männer bemerkten mich glück­li­cher­weise nicht. Warum ist dein neues Büro so leer? wollte der eine Mann, er war wirk­lich noch sehr jung gewesen, von dem anderen, dem älteren Mann wissen. Das ist so, antwor­tete der alte Mann dem jungen Mann, hör zu, ich will unab­hängig leben von meinem Büro, ich will nicht mit ihm verwachsen sein. Wenn ich von meinem Büro einmal getrennt werden sollte, ist der Schmerz dann nicht so groß, wenn ich aber mit meinem Büro verwachsen sein würde, könnte man mir Schmerzen zufügen, man könnte sagen, Sie dürfen bleiben, wenn sie folgsam sind, man könnte mich erpressen, verstehst Du, man könnte mich mit leichter Hand fertig­ma­chen. Deshalb sind in meinem Büro nur ein Stuhl und ein Tisch und Papiere, ein Obst­korb, eine beson­dere Tafel, die beschriftet werden kann und wieder gerei­nigt von Farbe, eine Zeich­nung weiterhin, die einen Mann zeigt, der sein Fahrrad zerlegte, außerdem sind da noch, eine Kaffee­tasse, drei Stühle für Gäste, ein kleiner Kühl­schrank, ein Regal mit 176 Büchern, ein Teppich, welchen ich auf einer Reise nach Marokko entdeckte, eine Steh­lampe, die sich gleich hinter meinem Schreib­tisch befindet, ein wunderbar warmes Licht strömt von dort, eine zweite Lampe auf dem Schreib­tisch, die im Winter zusätz­lich Licht spenden wird, ein kleines Sofa, Blei­stifte in einem Blei­stift­gefäß, ein Telefon, zwei Kakteen, fünf Orchi­deen auf der Fens­ter­bank, ein Käfig mit einem Zeisig­pär­chen, drei Schreib­ma­schinen, eine Foto­grafie, die meine Geliebte zeigt wie sie lächelt, ist das nicht wunderbar. – stop

nikolai wassiljewitsch

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marimba : 0.12 UTC – Eigent­lich sollte ich niemals das Ende eines Traumes erzählen, Trau­menden befinden sich nicht selten bereits mit einem Bein im neuen Tag, in einem Bezirk der Welt, den wir Wirk­lich­keit nennen, ich bin dann schon wach geworden auf einem Bein, habe die Fenster geöffnet, es regnet zum Beispiel, auf der Straße weit unter mir bewegen sich Regen­schirme, Menschen sind keine zu erkennen, aber ein paar nasse Tauben, die sich, von der Schwere ihres Gefie­ders in die Tiefe gezogen, kaum noch in der Luft zu halten vermögen. Eine Exkur­sion zur Kaffee­ma­schine hin nütze ich, um mein Mikro­skop vom Tisch zu holen. Tatsäch­lich erkenne ich jetzt eine Herde gold­grüner Frösche, die sich an der Haus­wand gegen­über west­wärts bewegen. Zu hören ist von ihnen nichts, aber der Regen rauscht sehr schön, pras­selt auf die Blätter der Bäume, tropft von den Regen­rinnen auf blecherne Fens­ter­simse, was für ein wunder­schöner Morgen, schon hab ich den Traum, den ich träumte, beinahe vergessen. Wie gut die Luft heut riecht, das denke ich noch, und erkenne in diesem Augen­blick zwei mensch­liche Nasen, die dicht neben­ein­ander auf dem Rücken einer Stras­sen­lampe sitzen, sie sind sicher aus einem Buch gehüpft, das ich nicht lesen kann, weil es in russi­scher Sprache aufge­schrieben wurde, ich erin­nere mich, Gogol, nicht wahr, ich sollte bald Gogols Nase lesen, auch sollte ich ein wenig der russi­schen Sprache lauschen, um bald wieder glück­lich einzu­schlafen. – stop
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nasa

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kili­man­dscharo : 20.52 UTC – Ob viel­leicht Mond­briefe exis­tieren, Briefe, gestem­pelt, beschriftet, mit einer Brief­marke versehen, die bereits tatsäch­lich einmal zum Mond hin und vom Mond her wieder zurück­ge­flogen sind? – stop
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in zeitlupe

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nordpol : 15.12 UTC – Einmal beob­ach­tete ich wie mir ein schwarzes Käst­chen gesam­melter digi­taler Infor­ma­tion aus den Händen glitt und zu Boden fiel. Eine Bewe­gung wie in Zeit­lupe, eine Bewe­gung, ohne die Möglich­keit einzu­greifen, da ich mich selbst in dem Fenster meiner Wahr­neh­mung wie in Zeit­lupe bewegte. Ich hob das Käst­chen vom Boden auf. Als ich mich mit einem Ohr näherte, hörte ich ein selt­sames, leises Ticken. Jene Schreib- und Lese­ma­schine, die in dem Käst­chen geborgen war, war blind geworden. Kurz darauf kaufte ich ein weiteres Käst­chen und dachte Tage lang darüber nach, wie ich von nun Daten, Spuren, Zeichen, Verzeich­nisse meiner Arbeit bewahren könnte. – Zwei Jahre vergehen. -Heute wanderte ich einige Stunden durch einen wilden Wald, ohne vermut­lich irgend­eine digi­tale Spur zu hinter­lassen, nicht 1 Byte. Sehr merk­würdig. Noch zu tun: Lektüre Nicholson Baker Eine Schachtel Streich­hölzer. – stop