Aus der Wörtersammlung: existieren

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ruhen

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kili­man­dscha­ro : 18.55 UTC – Kopf­se­gel, wun­der­ba­res Wort. Oder das Wort Coka. Kopf­se­gel exis­tier­ten tat­säch­lich lan­ge Zeit, ehe ich das Wort ent­deck­te, eine Bezeich­nung durch­blu­te­ter Struk­tu­ren an Köp­fen der Stirn­base­liken. — stop

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eine schreibmaschine : tasten

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del­ta : 8.26 UTC – Vor lan­ger Zeit beob­ach­te­te ich mei­nen Vater, wie er sei­ne mecha­ni­sche Schreib­ma­schi­ne zer­leg­te, um sie zu säu­bern und zu ölen. Ges­tern habe ich die­se Scheib­ma­schi­ne in einem Regal wie­der­ent­deckt. Das war ein inten­si­ver Moment des Vor­mit­ta­ges gewe­sen, nach­mit­tags hör­te ich in einem Zug eine frem­de Spra­che, ich ver­stand kein ein­zi­ges Wort, und doch schien mir die frem­de Spra­che ver­traut zu sein, als hät­te ich sie ein­mal gekonnt. Sind mecha­ni­sche Schreib­ma­schi­nen für jede exis­tie­ren­de oder gewe­se­ne Spra­che die­ser Welt vor­stell­bar? — stop

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ein taucher

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nord­pol : 10.12 — Ich hör­te, auf Grön­land soll in einer Sied­lung nörd­lich des Polar­krei­ses ein Mann exis­tie­ren, der trai­niert wur­de, in Wal­fisch­kör­pern zu tau­chen. Sobald sorg­fäl­tigs­te Unter­su­chung eines gestran­de­ten Tie­res not­wen­dig wer­den soll­te, wür­de jener Wal­fisch­tau­cher unver­züg­lich zur Arbeit geru­fen. Ich stel­le mir vor, wie der Mann in einen Neo­pren­an­zug gehüllt, mit einem fla­chen Sau­er­stoff­ge­rät aus­ge­rüs­tet, einer star­ken Lam­pe, zwei äußerst schar­fen Mes­sern, sowie einem ange­spitz­ten Helm aus­ge­rüs­tet, am Strand ruhen­de Leich­na­me besucht, die mög­li­cher­wei­se noch warm sind. Ein fast laut­lo­ser Vor­gang. Der Tau­cher ver­schwin­det voll­stän­dig, arbei­tet sich Zen­ti­me­ter um Zen­ti­me­ter schnei­dend durch den Kör­per vor­an. Viel­leicht wird sei­ne Stim­me zu hören sein, eine Funk­stim­me, die bis­wei­len mel­det, dass er sich gut füh­le, dass er das Herz des Wales bald errei­chen wer­de, das ist denk­bar. — stop

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souiga

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gink­go : 6.58 UTC — Lie­se­lot­te, die eigent­lich ganz anders heißt, erzähl­te mir ges­tern im Schnell­zug eine berüh­ren­de Geschich­te. Sie sag­te, sie habe in ihrem Leben sehr viel Alko­hol getrun­ken, das habe schon zur Kin­der­zeit ange­fan­gen. Sie habe unge­fähr vier­zig Jah­re ihres Lebens in leich­ten oder schwe­ren Rausch­zu­stän­den ver­bracht. Es exis­tie­ren Zeit­räu­me, die sei­en voll­stän­dig dun­kel, ohne Erin­ne­rung, die ken­ne sie nur von Erzäh­lun­gen ande­rer her, sie habe in die­sen dunk­len Zeit­räu­men je kei­ne gute Figur gemacht. Sie besu­che nun, da sie abs­ti­nent lebe, manch­mal Orte, an wel­chen sie betrun­ken gewe­sen war, das Mün­che­ner Okto­ber­fest, bei­spiels­wei­se, oder die Stadt Sou­i­ga an der süd­li­chen Küs­te Kre­tas, Man­hat­tan im Mai, Tur­ku. Sie rei­se her­um, um nach­zu­se­hen, wie es wirk­lich ist. Oder die Wies­kir­che. — stop

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nasengeschichte

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echo : 22.56 UTC — Auf mei­ner Nase wur­de zufäl­lig ein Haar ent­deckt, ein Haar für sich, ein ein­zel­nes Haar, kein Bewuchs in dem Sin­ne von Wald, aber doch eben ein Haar wie ein Baum. Kurz nach­dem ich die Mel­dung von der Ent­de­ckung des Haa­res ent­ge­gen­ge­nom­men hat­te, habe ich das Haar ent­fernt, kein Schmerz, aber Ver­wun­de­rung, weil ich doch sehr lan­ge Zeit ohne Haar auf mei­ner Nase leb­te. Ich frag­te mich, wie ich die­ses Haar über­se­hen konn­te, es soll sich um ein durch­aus gut sicht­ba­res Haar gehan­delt haben, ein sil­ber­grau­es Gewächs. Nun also mor­gens fort­an der kon­trol­lie­ren­de Blick zu mei­ner Nasen­spit­ze hin. Eigent­lich woll­te ich eine ganz ande­re Geschich­te erzäh­len an einem Tag, da die Bör­sen­kur­se stür­zen, weil sich der 49. Prä­si­dent der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka in einer Wei­se äußer­te, dass man für mög­lich hält, er könn­te Atom­waf­fen zün­den. — stop

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sekundengeschichte

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echo : 0.26 UTC — Unse­re Betriebs­sys­te­me har­mo­nier­ten nicht, erzähl­te ein jun­ger Mann, es war nichts mehr zu ret­ten. Er frag­te: Ja, kann sich ein Mensch denn für Gefüh­le ent­schei­den? Exis­tie­ren in mei­ner See­le Algo­rith­men, die steu­er­bar sind? — Der jun­ge Mann sprach mit hel­ler Stim­me. Neben ihm im Schnell­zug hock­te ein Hund auf einem Sitz­platz für sich. Der Hund war nicht viel grö­ßer als eine Maus, ein Zwerg­hund mit rie­si­gen run­den Augen. Er schau­te sein Herr­chen, das von der Lie­be trau­rig war, bewun­dernd an. Ein hei­ßer Tag. Der Maus­hund zeig­te eine schö­ne Zun­ge, sie war vom Som­mer­blau der Karp­fen­zun­gen. — stop

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zweite nachricht von den vasentieren

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xylo­phon : 12.08 UTC — Vasen­tie­re ver­fü­gen am Ran­de ihrer Behäl­ter­wan­ne über zwei Augen einer­seits, ein Sys­tem fili­gra­ner Röh­ren zum Atmen ande­rer­seits. Bei­ne haben sie nicht, weil sie sta­tio­nä­re, im Ide­al­fall schwe­ben­de Lebe­we­sen sind. Wenn man mich nun frag­te, war­um Vasen­tie­re in mei­nem Geist über­haupt exis­tie­ren, wür­de ich viel­leicht sagen: Nun, weil ich bereits vor län­ge­rer Zeit an Vasen­tie­re dach­te, auch weil sie sehr nütz­lich sind, weil sie über das Ver­mö­gen ver­fü­gen, kleins­te Men­gen Was­sers noch aus tro­ckens­ter Luft zu gewin­nen, wes­we­gen sie sehr gefragt sind, man möch­te sie besit­zen, um nach Ursa­chen ihrer erstaun­li­chen Bega­bung zu for­schen, die ver­mut­lich Bestim­mung ist. Indes­sen wur­den Vasen­tie­re in ihrer natür­li­chen Umge­bung auch in gro­ßen Höhen ange­trof­fen. Sie sind dort win­zig, in Regen­wäl­dern hin­ge­gen von erheb­li­cher Grö­ße. Spre­chen im Übri­gen kön­nen Sie nicht, aber den­ken und hören, weil sie in je spe­zi­fi­scher Wei­se ihre Augen bewe­gen, sobald man sie mit Spra­che kon­fron­tiert. — stop

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im aquarium

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india : 20.01 UTC — Ein­mal beob­ach­te­te ich in der Unter­was­ser­ab­tei­lung eines zoo­lo­gi­schen Gar­tens Medu­sen und Hai­fi­sche, auch Bunt­bar­sche und See­ster­ne. Es war dort bei­na­he dun­kel gewe­sen, Besu­cher flüs­ter­ten, wohl weil man im Schat­ten­licht lei­se spricht. Als ich mich gera­de umdre­hen woll­te, um nach einem Aus­gang zu suchen, ent­deck­te ich einen klei­ne­ren Behäl­ter, der auf einem Sockel inmit­ten des Saa­les ruh­te. Da schweb­te ein Wesen in dem Behäl­ter, das ich noch nie zuvor gese­hen hat­te. Ich dach­te, tat­säch­lich exis­tie­ren Unter­was­se­r­en­gel, Per­sön­lich­kei­ten, die sich ein Maler aus­ge­dacht haben könn­te. Eini­ge Minu­ten lang war­te­te ich dar­auf, doch end­lich wach zu wer­den, indes­sen der Unter­was­se­r­en­gel mich sei­ner­seits zu beob­ach­ten schien. Kurz dar­auf näher­te sich ein Mit­ar­bei­ter des Aqua­ri­ums, er strich mit einem Fin­ger über die Schei­be hin, der Fisch folg­te dem Fin­ger, als ob er mit ihm befreun­det sei. Ich sag­te, das ist ein selt­sa­mer Fisch, eine Art Unter­was­se­r­en­gel. Nein, ant­wor­te­te der Mit­ar­bei­ter, das ist ein Fet­zen­fisch. Das kann nicht sein, erwi­der­te ich, eine selt­sa­me Bezeich­nung für ein so wun­der­vol­les Wesen. Eine Wei­le dis­ku­tier­ten wir über das Recht oder Unrecht, Namen an Tie­re oder Pflan­zen zu ver­ge­ben. In die­ser Zeit beob­ach­te­te uns der Fisch auf­merk­sam. Plötz­lich dreh­te er sich um und ver­schwand in einer Höh­le, so als habe er die Ent­schei­dung getrof­fen, genau in die­sem Moment sei­nen Arbeits­tag als Fet­zen­fisch zu been­den. — stop



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