echo : 0.15 — Auf der Suche nach Daniil Charms Textsammlung Fälle balancierte ich zur Winterzeit vor einem Bücherregal auf einem Stuhl. Es war Samstag. Ich erhoffte mir in dem gesuchten Buch einen Ort zu finden, dessen Existenz ich fortan beweisen könnte. Ich stehe mitten im Zimmer. Woran denke ich? — Ein bemerkenswerter Satz. — Wie ich bald von dem Stuhl gestiegen war und wieder auf dem Boden stand, hielt ich den Kriminalfall Der verschwundene Kopf des Damasceno Monteiro in Händen. Das Buch war im Jahre 2000 gekauft und neun Jahre später mit einer Widmung versehen worden. Der Lieben P. und dem lieben J. zur Erinnerung an ihre Lissabonreise, anlässlich eines Blitzbesuches. Von ihrer G. Ich entdeckte, dass G. und J. gestorben waren, während P. damals noch lebte. Nun ist auch sie gestorben und auch Daniil Charms ist noch immer tot und sein Übersetzer Peter Urban seit 8 Jahren. Ein trauriger Moment. In meinem Kühlschrank herrschen nach wie vor 7 °C. Wiederum Mitternacht. Langsam spaziere ich wie vor Jahren durch das nächtliche Zimmer. Und während ich so gehe, erinnerte ich mich lebhaft an G., an unseren letzten gemeinsamen Spaziergang über den Münchener südlichen Friedhof, wie ich mich wunderte, dass sie genau diesen Weg genommen hatte, um mich zur U‑Bahn zu bringen, da sie ahnte oder wusste, dass sie bald sterben würde. Es war ein warmer Sommerabend gewesen. Sie ging von Schmerzen gebeugt. In der windlosen Luft tanzten Fliegentürme. Ich kann mich noch immer nicht erinnern, worüber wir gesprochen hatten. Aber an ihre Stimme, an ihren Blick, ihren letzten Blick, der ein Abschied gewesen war. — stop
![]()
Aus der Wörtersammlung: mich
lichtauge
india : 22.12 UTC — Unter dem Dach im Zimmer meines Vaters stand ein Tisch, dessen Platte leuchtete, sobald man einen Schalter umlegte, der sich am rechten Vorderen der Beine des Tisches befand. Es war helles Licht, welches dem Tisch innewohnte, es war heller als das Licht des Himmels, heller als der Schein meiner Taschenlampe bei Nacht, es war deshalb vielleicht in meiner Erinnerung ein außerordentlich strahlendes Licht, weil ich mich über dieses Licht wunderte, dass es überhaupt existierte, weil doch der Tisch keine Lampe, sondern eben ein Tisch gewesen war. Manchmal saß mein Vater dort vor diesem Tisch und arbeitete, indem er Dia-Fotografien in das Licht des Tisches legte. Er saß ganz still, tief über die gläserne Platte des Tisches gebeugt und betrachtete seine Fotografien mittels einer Lupe, die er dicht an den Tisch herangeführt hatte. Sein linkes Auge war geschlossen, sein rechtes Auge indessen klein geworden, indessen er durch das geschliffene Glas hindurch jene Welt betrachtete, die er aufgenommen hatte. Dieses beobachtende Auge meines Vaters, das er auf mich richtete, sobald er mich kommen hörte, war ein seltsames Wesen, hell, als ob es etwas von dem Licht des Tisches in sich aufgenommen haben würde, um nun selbst zu einer Lampe geworden zu sein. — stop

schallbecher
india : 22.07 UTC — Vor wenigen Tagen ist im hohen Alter ein Doktor gestorben, der mein Doktor gewesen war, als ich noch in kurzen Hosen im Sommer herumspazierte. Mein Knie, eine Wunde, war längst versorgt, da hatte ich noch den Duft des Jods in der Nase. Der Doktor kam manchmal zu mir nach Hause, wenn ich Fieber hatte. Er führte eine Ledertasche mit sich, in der seine Instrumente klimperten. Ich erinnere mich an die Kühle eines Schallbechers, wenn er nach Geräuschen in mir suchte. Sein Kopf war in diesen Momenten des Lauschens nah, kaum noch Haar, sehr fein und grau. Seine sanfte Stimme. Leise. Einmal war er als Privatmann zu Besuch gekommen. Anstatt eines Blumenstraußes für Mutter, führte er eine Glühsparlampe mit sich, die er in der Art und Weise überreichte, als wäre sie tatsächlich eine frische Blume, ein blühender Zierlauch, sagen wir, oder eine Kugeldistel. — stop

pripyat
echo : 21.08 UTC — Auf meinem Fernsehbildschirm sichtbar üben ukrainische Soldaten den Häuserkampf in der winterlichen Stadt Pripjat. Es ist Abend. Ich öffne mein Notebook, nähere mich in der digitalen Sphäre jener unheimlichen Stadt, Stadt eines Riesenrades, ich erinnere mich, ein Riesenrad in dieser seltsam einsamen Stadt. Da waren vor vielen Jahren noch Menschen gewesen, sie spazierten an einem sonnigen Tag durch einen Park, große Menschen und Kindermenschen kurz nach Havarie des nahen Reaktors. Da waren Blitze, Spuren starker radioaktiver Strahlung, die sich in das Filmmaterial, welches von den großen Menschen und den Kindermenschen erzählt, eingebrannt hatte. All das plötzlich wieder gegenwärtig an diesem Abend, da ich meine Bildschirmreise beginne. Ich komme von Süden, es ist Sommer. Winterbilder existieren von dieser nordukrainischen Landschaft nicht in den Magazinen der Google Earth Maschine, aber eben sommerliche Spuren, zwei Ströme, Juni 2015 und ein weiterer Strom, der im Sommer 2020 aufgezeichnet wurde. Je eine schnurgerade Straße kur vor dem Checkpoint Leliv. Im Juni 2015 kommen wir an, im Juli des Jahres 2020 fahren wir weiter durch die Wälder des Sperrgebietes kurz vor Tschernobyl. Die Straße ist gepflegt, jenseits der Straße zerfallende Häuser, auch Gebüsch von leuchtendem Grün. Plötzlich eine kleine Stadt, die ich in dieser Wildnis nicht erwartet hatte. Häuserblocks. Stromleitungen führen über Brücken. Menschen stehen in kleinen Gruppen am Straßenrand. Dann wieder Juni 2015, wir passieren das Denkmal derer, die die Welt gerettet haben. Da und dort Birken, auch rötlich gefärbte Gewächse. Und Schilder, gelbe Schilder, die vor Strahlung warnen. Da und dort Wolken himmelwärts. — stop

von der killerimpfung
nordpol : 20.18 UTC — Grad sind wir aus dem Zug gestiegen, stehen noch auf dem Bahnsteig. Sie will mir noch etwas sagen. Dass ich nur deshalb noch am Leben sei, weil jene erste und jene zweite Impfung, die ich erhalte, habe im vergangenen Sommer, Köderimpfungen gewesen seien. Man tue so, als wäre mit den Impfungen alles in Ordnung. Ein Irrtum, fatal! Juden wurden von diesen verdammten Nazis damals auch getäuscht. Und jetzt geht das wieder los. Sie spricht mit leiser Stimme, sehr seltsam: Alle diese dummen Menschen, die noch gezögert haben, werden jetzt, heute, in dieser Minute, mit der eigentlichen, der tödlichen Dosis gespritzt. Dass ich bereits die dritte Impfung empfangen habe: Schade! Das war für Dich die Killerimpfung, jetzt machen sie den Sack zu. — Sie schaut mich ernst und traurig an. Ihr Rollkoffer quietscht ein wenig, wie sie davongeht. — stop

taubenstrasse 8 / 508
alpha : 14.15 UTC — Mein Nachbar wohnt im 508. Stock in der Taubenstrasse 6. Indessen ich selbst ein Apartment der Taubenstrasse 8 in der 508. Etage bewohne. Es ist Dezember, Weihnachten. Der Strom ist ausgefallen. Wenn ich nun ans Fenster trete, sehe ich Joshua, wie er seinerseits mich betrachtet, der wiederum ihn betrachtet. Er ist nur etwa zehn Meter von mir entfernt. Die Fenster lassen sich in dieser Höhe nicht öffnen. Und ich sehe, eine Wolke zieht vorüber, dass auch Joshua allein ist, weswegen ich auf einen Zettel in großen Buchstaben schreibe: Joshua, komm zu mir herüber, ich habe eine Ente im Ofen. Joshua winkt und hebt seinen Daumen. Er verschwindet im hinteren Teil seines Zimmers, der im Schatten liegt, kommt dann bald wieder zurück, mit einer Flasche Hollunderbeerensaft in Händen. Er trägt bereits einen Mantel und einen Rucksack und eine Mütze und Handschuhe. Er schreibt auf einen Zettel: Ich komme! Warte auf mich! — Das Licht in Joshuas Wohnung geht aus. Und so sitze ich und warte. Ich kenne Joshua schon lange Zeit. Einmal haben wir uns auf der Straße getroffen. Und jetzt ist Weihnachten. Schnee fällt. Und es ist ganz wunderbar still. — stop

irkutsk
marimba : 8.12 UTC — Ich beobachtete Filmaufnahmen, die in Irkutsk aufgenommen worden waren. Irgendjemand spazierte eine Straße entlang. Dort Häuser von Holz, Häuser, deren Fenster bis zum Boden reichten. Die Häuser wirkten, als würden sie langsam in den Boden versinken. Das komme, hörte ich, weil die Häuser über keinen Keller und kein Fundament verfügten. Sie seien auch nicht gut isoliert nach unten hin, sodass die Wärme, die Menschen mit Öfen oder ihren Körpern entfachten, den Boden unter den Häusern tauten. In der vergangenen Nacht träumte ich, in einem dieser Häuser selbst zu wohnen. Ich saß auf einem weichen Sofa und erzählte, dass ich geträumt habe, wie ich eine Straße in Irkutsk entlanggehe und filme, indessen ich mich selbst erkenne, wie ich in der Tiefe auf einem Sofa sitze. — stop

auf dem hochseil
romeo : 2.25 UTC — Vor einiger Zeit, als noch Schnee lag, entdeckte ich in einem Karton vor einem Haus auf der Straße zwei Pinguine. Sie waren ungefähr 8 Zentimeter groß und weich. Ich nahm sie mit nach Hause und stellte sie auf ein Fensterbrett. Wie das so ist, waren sie einerseits anwesend, andererseits hatte ich sie so weit aus den Augen verloren, dass ich nicht länger an sie dachte oder sie bemerkte, wenn ich ans Fenster trat. Nun aber habe ich vor wenigen Minuten ein Häufchen winziger Fliegen, es waren 24 Fliegen, leblos zwischen beiden Pinguinen auf dem Fensterbrett entdeckt. Und wie ich mich nähere sehe gerade noch wie eine Spinne sich hinter dem rechten der Pinguine versteckte. Ich holte mir einen Stuhl und wartete. Bald zeigte sich die Spinne, indem sie über einen unsichtbaren Faden zwischen zwei Pinguinköpfen spazierte. In der Mitte ungefähr hielt die Spinne inne. Ich stellte mir vor, wie sie mich vielleicht betrachtete. Es war früher Nachmittag. Und so saßen wir gemeinsam eine Zeit und warteten, dass sich eine weitere Fliege, Fliege No 25, nähern möge. — stop

nachmittag
marimba : 15.22 UTC — Eine Fliege auf dem Fensterbrett meines Fensters nach Süden lungerte dort herum ohne sich auch nur einmal zu bewegen. Als ich mich näherte, machte sie ein paar Schrittchen vorwärts, sodass ich bald den Eindruck hatte, ich dürfe mich ihr mit einem Finger nähern. Ich vermochte die Fliege mit einer sanften Geste zu berühren. Sie blieb ganz still sitzen. Bald suchte ich nach einem Pinsel, den die Fliege zu betrachten schien. Sie machte ein paar Schrittchen auf den Pinsel zu. Dann blieb sie vor dem Pinsel sitzen. Als ich versuchte, sie mit dem Pinsel selbst zu berühren, rannte sie davon. Es war vermutlich die erste Fliege, der ich begegnet war, die das Fliegen vollständig verlernt zu haben schien. — stop

das bein
bamako : 6.32 UTC — Einmal, das war vor zehn Jahren gewesen, stürzte eine Fliege aus großer Höhe vor mir auf den Tisch. Die Vorstellung zunächst, das Tier könnte, noch im Flug befindlich, aus dem Leben geschieden sein, dann aber war Bewegung im liegenden Körper zu erkennen, zwei der vorderen Fliegenbeinchen bewegten sich bebend, bald zuckten zwei Flügel. Die Fliege schien benommen, jedoch nicht tot gewesen zu sein, weswegen sie bald darauf erwachte, eine äußerst schnelle Bewegung und schon hatte die Fliege auf ihren Beinen Platz genommen, das heißt genauer, auf fünf ihrer sechs Beine Platz genommen, das linke hintere Bein streckte die Fliege steif von sich. Keine Bewegung der Flucht in diesem Zeitraum meiner Beobachtung. Auch dann, als ich mich mit dem Kopf näherte, keine Anzeichen von Beunruhigung. Die Fliege schien mit sich selbst beschäftigt zu sein, tastete mit einem ihrer Hinterbeinchen nach der gestreckten Extremität, die verletzt zu sein schien, gebrochen, vielleicht oder gestaucht. Natürlich stellte sich sofort die Frage, ob es möglich ist, das Bein einer Fliege medizinisch erfolgreich zu versorgen, Bewegungsstillstand zu erreichen, sagen wir, um eine Operation zum Beispiel, die dringend geboten sein könnte, vorzubereiten. Ich machte ein paar Notizen von eigener Hand, ich notierte in etwa so: Forschen nach Mikroskop, Pinzetten, Skalpellen, anatomischen Aufzeichnungen, Schrauben, Narkotika und Verbandsmaterialien für Operation an geöffneter Calliphora vicina. — stop



