Aus der Wörtersammlung: mich

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auf der intensivstation

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ulys­ses : 8.22 UTC — Am Tele­fon berich­te­te eine Schwes­ter der Inten­siv­me­di­zin: Heu­te Nacht war es ernst, sie hat­te eine Atem­kri­se. Viel­leicht wol­len sie kurz vor­bei­kom­men? Eine Stra­ßen­bahn­halb­stun­de spä­ter trat ich in die Sta­ti­on. Selt­sam hupen­de Geräu­sche von da, von dort. Blin­ken­de Appa­ra­tu­ren, gelb, rot, grün. Eine wei­te­re Schwes­ter erzähl­te, sie habe mor­gens bei der Über­ga­be gehört, es sei knapp gewe­sen: Das Leben ihrer Freun­din hing an einem sei­de­nen Faden. Und ich dach­te, sie wird nicht die­sel­be sein, wenn sie wie­der auf­wa­chen wird. Wer wird sie sein? Und ich dach­te noch dazu: Jedes der Zim­mer an die­sem Ort, jedes Abteil, ist eine Sor­gen­welt. Und schon saß ich auf einem Stuhl vor dem Bett der Schla­fen­den. Sie lag auf dem Bauch, ich konn­te ihr Gesicht nicht sehen, aber ihre Ohren. Eine der tap­fer fröh­li­chen Schwes­tern schlug vor, ich sol­le doch mög­lichst mit der Schla­fen­den spre­chen: Das mögen sie näm­lich! Und schon waren wir unter uns allein mit den Maschi­nen. Ich ver­such­te also zu spre­chen. Es ist schwer, einer schla­fen­den Per­son zu erzäh­len, man hört nur sich selbst, und man glaubt nicht, was man erzählt, obwohl doch alles wahr ist, was man erzählt. Sofort in die­ser Not­la­ge such­te ich in den Maga­zi­nen mei­ner Schreib­ma­schi­ne nach Geschich­ten, die ich vor­le­sen könn­te, vor­le­sen, sagen wir, wie spre­chen, mit mei­ner Stim­me locken. Ich sag­te: Fol­gen­des, hör zu! Da ist ein Muse­um, das Muse­um der Nacht­häu­ser, das sich in New York am Shore Bou­le­vard nörd­lich der Hell Gates Bridge befin­det, ein recht klei­nes Haus, rote Back­stei­ne, ein Schorn­stein, der an einen Fabrik­schlot erin­nert, ein Gar­ten, in dem ver­wit­ter­te Apfel­bäu­me ste­hen, und der East River so nah, dass man ihn rie­chen kann. Wäh­rend eines Spa­zier­gan­ges, zufäl­lig, ent­deck­te ich die­ses Muse­um, von dem ich nie zuvor hör­te. Es war ein spä­ter Nach­mit­tag, ich muss­te etwas war­ten, weil, so war zu lesen, das Muse­um nicht vor Ein­bruch der Däm­me­rung geöff­net wür­de. Es ist eben ein Muse­um für Nacht­men­schen, die in Nacht­häu­sern woh­nen, wel­che erfun­den wor­den waren, um Nacht­men­schen art­ge­rech­tes Woh­nen zu ermög­li­chen. Als das Muse­um dann öff­ne­te, war ich schon etwas müde gewor­den, und weil ich der ein­zi­ge Besu­cher in die­ser Nacht gewe­sen war, führ­te mich ein jun­ger Mann her­um. Er war sehr gedul­dig, war­te­te, wenn ich wie wild in mein Notiz­buch notier­te, weil er über­aus span­nen­de Geschich­ten erzähl­te von jenen merk­wür­di­gen Gegen­stän­den, die in den Vitri­nen des Muse­ums ver­sam­melt waren. Von einem die­ser Gegen­stän­de will ich kurz erzäh­len, von einem metal­le­nen Wesen, das mich an eine Kreu­zung zwi­schen einem Gecko und einer Spin­ne erin­ner­te. Das Ding war ver­ros­tet. Es hat­te die Grö­ße eines Schuh­kar­tons. An je einer Sei­te des Objekts saßen Bei­ne fest, die über Saug­näp­fe ver­füg­ten, eine Kame­ra thron­te oben­auf wie ein Rei­ter. Der jun­ge Mann erzähl­te, dass es sich bei die­sem Gerät um ein Instru­ment der Ver­tei­di­gung han­de­le, aus einer Zeit da Nacht­men­schen mit Tag­men­schen noch unter den Dächern ein und der­sel­ben Häu­ser wohn­ten. Das klei­ne Tier saß in der Vitri­ne, als wür­de er sich ducken, als wür­de es jeder­zeit wie­der eine Wand bestei­gen wol­len. Das war näm­lich sei­ne vor­neh­me Auf­ga­be gewe­sen, Zim­mer­wän­de zu bestei­gen in der Nacht, sich an Zim­mer­de­cken zu hef­ten und mit klei­nen oder grö­ße­ren Ham­mer­werk­zeu­gen Klopf,- oder Schlag­ge­räu­sche zu erzeu­gen, um Tag­men­schen aus dem Schlaf zu holen, die ihrer­seits weni­ge Stun­den zuvor noch durch ihre har­ten Schrit­te den Erfin­der der Geck­oma­schi­ne, einen Nacht­ar­bei­ter, aus sei­nen Träu­men geris­sen hat­ten. Ja, zum Teu­fel, schon zum hun­derts­ten Male war das so gesche­hen, obwohl man aller freund­lichst um etwas Ruhe, um etwas Vor­sicht gebe­ten hat­te, nein gefleht, nein geflüs­tert. Es war, sag­te der jun­ge Mann, immer so gewe­sen damals in die­ser schreck­li­chen Zeit, dass sich jene Tag­men­schen, die über geräu­mi­gen Zim­mern wohn­ten, sicher fühl­ten vor jenen Nacht­men­schen, die unter ihnen wohn­ten und mit ihren Schrit­ten die Zim­mer­de­cke nie­mals errei­chen konn­ten. Aus und fini! — stop
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vom brausetütchen

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echo : 0.28 UTC — Zeit­räu­me mei­nes Lebens exis­tie­ren, für die ich kei­ne Erin­ne­rung habe, Bil­der, Geräu­sche, Geschich­ten, Gegen­stän­de, die ich sofort auf­ru­fen könn­te, irgend­wo sind sie ver­steckt. Vor kur­zem erin­ner­te ich mich an Spring­spie­le mei­ner Kind­heit, was waren das für Gum­mi­bän­der gewe­sen? Brau­se­tüt­chen. Ein Plat­ten­spie­ler. Ein sich im Wind wie­gen­der Baum. — Das Wort Pan­de­mie ist mir schon lang bekannt, wann prä­zi­se könn­te ich das Wort zunächst gele­sen oder gehört haben? — stop

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luftgang

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echo : 15.12 UTC — Ein­mal, abends, begin­ne ich Natha­lie Sar­rau­tes Kind­heit zum zwei­ten Male zu lesen. Das Buch beglei­tet mich seit Jah­ren. Wun­der­voll, wie sich ihre Geschich­ten Lebe­we­sen gleich von den Sei­ten lösen. Das Mäd­chen, das so lan­ge kaut, bis alles in ihrem Mund befind­li­che zu Sup­pe gewor­den ist. Wie das­sel­be Mäd­chen die Luft anhält, an einer Stra­ßen­kreu­zung war­tend, um dem Essig­ge­ruch ihres Kin­der­mäd­chens zu ent­ge­hen. Wie sie einen Tele­gra­fen­mast berührt, und glaubt zu ster­ben. Wie sie bemerkt, dass die Mut­ter sich nicht in sie hin­ein­zu­set­zen ver­moch­te. Wie sie der Mut­ter einen Löf­fel Staub reicht, um ein Geschwis­ter­chen zu bekom­men. — Auch ich habe heu­te mehr­fach die Luft ange­hal­ten, um dem Atem pas­sie­ren­der Men­schen zu ent­ge­hen. — stop
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im regenzimmer

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marim­ba : 0.28 UTC — Seit 1911 Tagen bereits ver­su­che ich von einem Zim­mer zu träu­men, in dem es immer­fort reg­net. Ich mache das so, dass ich in den Minu­ten, da ich einzu­schlafen wün­sche, über­lege, wie es wäre, wenn in dem Zim­mer, in dem ich mich gera­de befin­de, Regen fal­len wür­de. Die­se Metho­de des Regen­den­kens ist lei­der bis­lang nicht sehr erfolg­reich gewe­sen. Immer wie­der schla­fe ich ein, ohne je vom Regen­zim­mer zu träu­men. Ein­mal, als ich erwach­te, hör­te ich wirk­li­chen Regen drau­ßen in den nächt­li­chen Bäu­men. Ich ging dann spa­zie­ren und dach­te dar­über nach, wie sich unse­re Menschen­welt verän­dern wür­de, wenn wir von einem Tag zum ande­ren Tag über arm­lan­ge Zun­gen der Geckos ver­füg­ten? In wel­cher Form kämen sie in einer voll besetz­ten Stra­ßen­bahn zum Ein­satz? Und wie bei der Lie­be? Und wie im Streit? Und was wür­den die­se Zun­gen wohl im Schlaf unter­nehmen? Was wäre, wenn wir uns nie wie­der berüh­ren dürf­ten, kein Mensch einen wei­te­ren Mensch, ohne zugrun­de zu gehen? – stop

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ja bitte?

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echo : 15.02 UTC — In den Archi­ven mei­ner fla­chen Glas­schreib­ma­schi­ne sind letz­te Gesprä­che gebor­gen, die ich vor zwei Jah­ren im Som­mer mit mei­ner Mut­ter führ­te. Sie war im Haus der alten Men­schen plötz­lich wie­der wach gewor­den, so wach, dass sie in ihrem Bett sit­zen und erzäh­len woll­te. Sie trug, ich erin­ne­re mich noch gut, eine rosa­far­be­ne Blu­se, und wäh­rend sie erzähl­te, fass­te sie immer wie­der nach mei­ner Schreib­ma­schi­ne, woll­te sie in Hän­den hal­ten, sah die Bewe­gung ihrer Stim­me auf dem Bild­schirm, Ampli­tu­den. Plötz­lich schlief sie ein. Und ich ließ das Ton­band­pro­gramm lau­fen, leg­te mei­ne Schreib­ma­schi­ne neben Mut­ter ins Bett und ging ein wenig über die Flu­re spa­zie­ren. Als ich zurück­kehr­te, war mei­ne Mut­ter wach gewor­den. Ich hör­te, noch war ich auf dem Flur, wie sie sprach, wie sie der Maschi­ne erzähl­te, die sie gleich neben sich lie­gen sah. Sie lach­te, als sie mich ent­deck­te und erzähl­te wei­ter, ohne eine Pau­se zu machen. Ich habe die­se Gesprä­che mit mei­ner Mut­ter, ihre Erzäh­lun­gen, seit­her nicht wie­der gehört, habe sie jedoch sorg­fäl­tig gesi­chert. Es fällt nicht leicht ihre Stim­me zu erin­nern so ein­fach so. Aber wenn ich mir vor­stel­le, ich wür­de sie anru­fen, dann geht es: Sie sagt: Ja bit­te? — stop
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kalkutta

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echo : 0.25 UTC — Ein­mal woll­te ich nach Kal­kut­ta rei­sen. Ich dach­te, das ist jetzt eine beschlos­se­ne Sache. Ich mach­te mich unver­züg­lich an die Vor­be­rei­tung mei­ner Rei­se: Kof­fer, Regen­schirm, Aus­weis, Apo­the­ke, Imp­fun­gen, Notiz­bü­cher, Schreib­ma­schi­ne, Foto­ap­pa­ra­te, Flug hin und zurück, Hotel­zim­mer, Stadt­plan, Lite­ra­tur, Son­nen­hut. Weni­ge Tage spä­ter erreich­te mich ein ers­tes Paket des Doku­men­tar­films Phan­tom Indi­en von Lou­is Mal­le. Ich las, der Film habe ins­ge­samt eine Spiel­zeit von 6 Stun­den und 3 Minu­ten. Solan­ge Zeit, stell­te ich mir vor, könn­te eine Fahrt quer durch Kal­kut­ta mit dem Taxi dau­ern. Es ist nun über­haupt die Fra­ge, wie lan­ge Zeit soll­te ich mich mit der Vor­be­rei­tung mei­ner Rei­se nach Kal­kut­ta beschäf­ti­gen? — Lan­ge Zeit in der ver­gan­ge­nen Nacht das nord­ame­ri­ka­ni­sche Fern­se­hen beob­ach­tet. Wie man sich in den Wor­ten, wenn man sie spürt, fin­den kann, kann man sich im Rau­schen rasen­der Wor­te ver­lie­ren. — stop
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laterne

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echo : 0.18 UTC — Ges­tern bemerk­te ich eine Bewe­gung auf mei­nem Bild­schirm, die ich weder ver­ste­hen noch beein­flus­sen konn­te. Ich notier­te gera­de eine E‑Mail, als zwei Sät­ze die­ser E‑Mail Buch­sta­be für Buch­sta­be rück­wärts gelöscht wur­den. Nichts konn­te ich tun, als die­sen Vor­gang beob­ach­ten. Ich erin­ner­te mich an das Bild eines Pull­overs, wie er ver­lo­ren ging, ein Faden mei­nes Pull­overs war in die Fän­ge einer Kat­ze gera­ten, die wild spie­lend durch die Woh­nung ras­te. Ich saß still auf einem Stuhl und beob­ach­te­te, wie sich der Zusam­men­hang mei­nes Pull­overs auf­lös­te. Ich habe heu­te ver­stan­den, dass man Infor­ma­tio­nen, die inner­halb eines Licht­stroms über­mit­telt wer­den, mit­tels eines Pris­mas in zwei Licht­strö­me spal­ten kann. Auch dass es mög­lich ist, mit­tels eines Enzyms SARS-CoV-2-Viren zu beleuch­ten, das heißt Tei­le, Seg­men­te des Virus so zu codie­ren, dass Licht von ihnen aus­geht. Es ist ein win­zi­ges Licht, aber wenn man sehr nahe her­an­geht an das Licht mit­tels eines Mikro­skops, ist das Licht ein gro­ßes Licht, man könn­te dann von einer Later­ne spre­chen — stop
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auf stelzen

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echo : 0.08 UTC — Ein­mal war ein merk­wür­di­ger Tag gewe­sen, die hal­be Stadt stand im Was­ser wie auf Stel­zen. Man hör­te das Was­ser nicht, aber es war anwe­send, in den Kel­lern, in den Stim­men in den Tele­fo­nen, den Unter­füh­run­gen, den tie­fer gele­ge­nen Stra­ßen. Spät, hoch auf einem Stelz­haus, sag­te Mar­gue­ri­te Duras, sie führ­te ein Gespräch mit dem fran­zö­si­schen Regis­seur Benoît Jac­quot auf einem Fern­seh­bild­schirm, berüh­ren­de Sät­ze über das wil­de Schrei­ben, über die Ver­bin­dung von Zwei­fel und Ein­sam­keit. Ein Schrift­stel­ler sei stumm. Unmög­lich, über ein Buch zu spre­chen, das gera­de im Ent­ste­hen begrif­fen ist. Ein Buch sei Nacht. — Es ist nun Jah­re spä­ter. Ich fuhr im Zug. Ich schau­te in mein Notiz­buch, las vom Was­ser und von den Stel­zen. Da stürmt ein Mann in den Zug, setzt sich unmit­tel­bar neben mich, schnauft. Eine jun­ge Frau steht auf und läuft davon, ein wei­te­rer Mann steht auf und läuft davon. Der Mann, der sich neben mich set­ze, schnauft. Ich bemer­ke, er trägt kei­ne Mas­ke vor Nase und Mund. Also ste­he ich auf und lau­fe davon. Es war ein merk­wür­di­ger Tag gewe­sen. — stop
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am telefon abends

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del­ta : 0.25 UTC — Vor lan­ger Zeit habe ich eine lus­ti­ge Geschich­te erlebt. In die­ser Geschich­te kom­men ein Mäd­chen vor, die Mut­ter des Mäd­chens, die mei­ne Schwes­ter ist, ein Tele­fon, ein Foto­ap­pa­rat, außer­dem ein Fahr­rad, das pink ist und ich. Die Geschich­te ereig­ne­te sich abends. Das Mäd­chen rief mich an. Sie sag­te ihren Namen und dann erzähl­te sie ein­fach dar­auf los, zum Bei­spiel, dass sie ein Fahr­rad besit­ze, das pink­far­ben ist, und dass sie mit dem Fahr­rad schon allei­ne her­um­fah­ren kön­ne, ohne umzu­fal­len, und zwar durch den Wald. Plötz­lich spricht sie nicht mehr, es ist still, aber ich höre sie atmen. Ich den­ke noch: Vor weni­gen Mona­ten konn­te sie nicht so gut erzäh­len, wie rasend schnell das geht, dass sich die Wör­ter for­mie­ren. Das Mäd­chen erzähl­te jetzt in gan­zen Sät­zen, es scheint so zu sein, dass sie nun, da sie über gan­ze Sät­ze ver­fü­gen kann, end­lich alle ihre Geschich­ten sofort erzäh­len möch­te. Eine hel­le, fröh­li­che Stim­me. Aber dann doch die­se selt­sa­me Stil­le am Tele­fon, nur ihr Atem. Ich fra­ge: Bist Du noch dran? Hal­lo! Kannst Du mich hören? Aber das Mäd­chen ant­wor­tet nicht. Immer noch ihr Atmen. Nach einer Minu­te plötz­lich wie­der ihre Stim­me. Ich erfah­re, dass ihre Mut­ter sie gera­de foto­gra­fiert, wie sie mit mir tele­fo­niert. Ich sage: Das freut mich. Wun­der­bar, wir wer­den foto­gra­fiert, Du und ich, ich bin in dem Tele­fon. Wie­der Stil­le. Eine Pau­se. Eine sehr kur­ze Pau­se. Sagt das Mäd­chen: Quatsch mit Soße. — Ges­tern, es war Abend, als mich ein Freund anrief. Er sag­te: Du klingst sehr nah an mei­nem Ohr. Trägst Du eine Mas­ke? Wir soll­ten einen Schritt zurück­tre­ten! — stop
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marys nase

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marim­ba : 12.15 UTC — Ein Schul­mäd­chen zeig­te mir heu­te im Zug ihre Nase. Sie hat­te viel­leicht beob­ach­tet, wie ich die Schutz­mas­ke um mei­ne eige­ne Nase her­um hef­tig kne­te­te, damit alles schön dicht sei. Kurz dar­auf muss­te ich nie­sen und schon war die Mas­ke wie­der­um ver­rutscht. Ich mach­te ein erns­tes Gesicht, da zog das Mäd­chen ihre Mas­ke her­un­ter, weiß der Him­mel, war­um, ver­mut­lich, um mich zu ärgern. In die­sem Augen­blick dach­te ich an einen Besuch auf Ellis Island. Ein schwül­war­mer Tag, Gewit­ter waren auf­ge­zo­gen, der Him­mel über Man­hat­tan blei­grau. Trotz­dem fuh­ren klei­ne wei­ße Schif­fe von Bat­tery Park aus los, um Besu­cher auf die frü­he­re Qua­ran­tän­e­insel zu trans­por­tie­ren. Ehe man an Bord gehen konn­te, wur­de jeder Pas­sa­gier sorg­fäl­tig durch­sucht, Taschen, Schu­he, Com­pu­ter, Foto­ap­pa­ra­te. Ein grie­chi­scher Herr von hohem Alter muss­te mehr­fach durch die Strah­len­schleu­se tre­ten, weil das Gerät Metall alar­mier­te. Er schwitz­te, er mach­te den Ein­druck, dass er sich vor sich selbst zu fürch­ten begann, auch sei­ne Fami­lie schien von der erns­ten Pro­ze­dur der­art beein­druckt gewe­sen zu sein, dass ihnen ihr gelieb­ter Groß­va­ter unheim­lich wur­de. Die Über­fahrt dau­er­te nur weni­ge Minu­ten. Es begann hef­tig zu reg­nen, das Was­ser wur­de grau wie der Him­mel, Pus­teln, Tau­sen­de, blink­ten auf der Ober­flä­che des Mee­res. Im Café des Ein­wan­de­rer­mu­se­ums kämpf­ten hun­der­te Men­schen um frit­tier­te Kar­tof­feln, gebra­te­ne Hüh­ner­vö­gel, Him­beer­eis, Sah­ne, Bon­bons. Ihre Beu­te wur­de in den Gar­ten getra­gen. Dort Son­nen­schir­me, die der Wind, der vom Atlan­tik her weh­te, davon­zu­tra­gen droh­te. Am Ufer eine her­ren­lo­se Dreh­or­gel, die vor sich hin dudel­te, Fah­nen knall­ten in der Luft. Über den san­di­gen Boden vor dem Zen­tral­haus tanz­ten hand­tel­ler­gro­ße Wir­bel von Luft, hier, genau an die­ser Stel­le, könn­te Mary Mal­lon im Alter von 15 Jah­ren am 12. Juni 1895 sich ihre Füße ver­tre­ten haben, ehe sie mit Typhus im Blut nach Man­hat­tan ein­rei­sen durf­te. Ihr Schat­ten an die­sem Tag in mei­nen Gedan­ken. Ein wei­te­res Gewit­ter ging über Insel und Schif­fe nie­der, in Sekun­den leer­te sich der Park. Dann kamen die Möwen, gro­ße Möwen, gel­be Augen, sie raub­ten von den Tischen, was sie mit sich neh­men konn­ten. Wie ein Sturm gefie­der­ter Kör­per stürz­ten sie vom Him­mel, es reg­ne­te Kno­chen, Ser­vi­et­ten, Bestecke. Unter einem Tisch kau­er­te ein Mäd­chen, die Augen fest geschlos­sen. – stop / kof­fer­text



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