marimba : 0.10 UTC — In Augenblicken erzählen, ein Augenblick nach dem anderen Augenblick. Wie Blinzeln. — stop

marimba : 0.10 UTC — In Augenblicken erzählen, ein Augenblick nach dem anderen Augenblick. Wie Blinzeln. — stop

india : 0.06 UTC — Diese eine Minute in der Nacht. Ich stehe in der Diele im Licht und schaue auf meinen linken Arm. Ich meine, eine Uhr zu erkennen, die sich unter meiner Haut befindet, eine winzige Uhr mit einem blauen Zifferblatt, es ist dort kurz nach 2 Uhr. Ich bin überzeugt, diese Uhr noch nie zuvor gesehen zu haben. Ich gehe in die Küche und schreibe im Halbschlaf auf einen Zettel: Nachtuhr suchen. Dann schlafe ich wieder ein und finde am Morgen auf dem Tisch neben Äpfeln und Bananen meine Notiz. Seltsame Geschichte. Ob vielleicht Uhren dieser Art existieren, tauchende Uhren. Es ist jetzt kurz nach Mitternacht. Bald wieder schlafen. — stop

lima : 0.08 UTC — Vorgestern, am späten Abend, führte ich ein interessantes Twittergespräch. Eine Person, ein Herr oder eine Dame, erkundigte sich auf direktem Kanal, ob es denn möglich sei, meinen eigentlichen Namen zu erfahren, weil er oder sie mich sehr gerne irgendwann in naher Zukunft wegen Hochverrats an dem deutschen Volke anklagen wolle. Ich hatte mich kurz zuvor erkundigt, ob er oder sie vielleicht einen der „versifften Neger“, die Europa angeblich bedrohten, persönlich kennen würde. Ich bat um etwas Geduld, ich würde mir Zeit nehmen, um ihre Anfrage zu entscheiden, müsste zunächst darüber nachdenken. Zeig Dich, Du Hund, schrieben der Mann oder die Frau. Ich antwortete, ich, der Hund, befürchte bei Offenlegung meines wirklichen Namens möglicherweise heute noch auf der Straße vor meinem Haus wegen Hochverrats eliminiert zu werden. Pause, fünf Minuten und 32 Sekunden, dann antwortete der Mann oder die Frau in großzügiger Weise, ich solle mich nicht aufregen, ich könne sicher sein, dass mir nichts geschehen würde. Wir kämpfen für die Freiheit der Meinung, gegen eine Diktatur, die Deutschland vernichten wolle. Er oder sie fragte sodann: Sind Dir Hans und Sophie Scholl bekannt? Es sei jetzt an der Zeit Widerstand zu leisten, damit Deutschland nicht untergehe, mutig und aufrecht. — stop

lima : 0.06 UTC — Einmal, vor langer Zeit, traf ich einen Freund. Seine Frau war kurz zuvor gestorben. Wir saßen in einem Café im botanischen Garten. Mein Freund erzählte von der Seefahrt als junger Mann in Maschinenräumen, von himmelblauen finnischen Winternächten, Polarlichtern, Kerzen. Seine Traurigkeit an diesem Tag, weil er einsam geworden war, weil er sein eigenes Altwerden spürte. Er erzählt von den letzten Tagen seiner Frau. Wie sie aufräumte in der Wohnung, wie sie Bücher beschriftete, dann wieder ins Krankenhaus, in Sicherheit, aber ohne zu viel Morphium, um nicht einzuschlafen. Die letzten 30 Stunden war sie dann doch bewusstlos gewesen. Einmal sprach sie wunderschöne Sätze für ihn auf den Anrufbeantworter, die er versehentlich löschte. Auf Magnetbändern, 30 Jahre sind sie alt, finden sich Aufnahmen, das weiß er genau, der Cembalistin, aber es fehlt das Abspielgerät dazu. Es geht mir ans Herz, wie ich den alten Mann in Richtung einer blühenden Kastanie davongehen sehe. Ich hatte ihn gefragt, ob er sich mit seiner Geliebten noch unterhalte, und er sagte, irgendwie schon, es ist virtuell, es kommen keine Antworten. — stop

india : 20.05 UTC — Morgens in den Schnellbahnen pfeifen Mobiltelefone als wären sie Menschen. Das ist sehr wirkungsvoll, ich hebe, obwohl ich es besser weiß, fast immer den Kopf. — stop

marimba : 18.52 UTC — Einmal gehe ich im Traum eine Straße spazieren. Da und dort Warenhäuser und Läden, schön warm beleuchtet, seltsamerweise ohne Ausnahme Schallplattenläden. Grammophone sind zu erkennen, ganz alte Kisten. Plötzlich kommt mein Bruder auf einem Fahrrad vorbei, kurz darauf Vater im Rollstuhl sehr kraftvoll. Er leuchtet vor Begeisterung, diese Geschwindigkeit, er ist ungeheuer geschickt mit seinem Stuhl. Der Rollstuhl ist von Kirschbaumholz, er blüht. Bald sind Vater und Bruder in einer Seitenstraße verschwunden. — Kurz nachdem ich erwacht war, erzählte ich Mutter meinen Traum, er gefiel ihr. Jetzt sitzt sie selbst im Rollstuhl. Wenn dieser, ihr kleiner Rollstuhl doch nur blühen würde, es ist Mai, sie trägt einen Sommerhut und schläft. — stop

nordpol : 18.15 UTC — Heute ist ein glücklicher Tag. Der Wind rast ums Haus, nur noch wenige Stunden Zeit, Aprilwind zu sein. Und diese Bleistifte, die heute angekommen sind, so spitz und hart, wie ich sie mir kaum vorzustellen traute. Um 17 Uhr und drei Minuten erreicht mich die Nachricht der Bibliothek, Robert Walsers Mikrogramme Aus dem Bleistiftgebiet seien eingetroffen, ich könnte sie abholen bis 18 Uhr, also dann am Mittwoch. Wie bin ich auf Robert Walser gestoßen, nach langer Zeit? Nun, weil ich vor wenigen Tagen einen Mann in der Schnellbahn beobachtete, der mit einer Lupe einen Zettel studierte, auf dem Schriftzeichen zu erkennen waren, so klein, dass ich nicht vorzustellen wagte, ein menschliches Wesen könnte sie von Hand auf das Papier aufgetragen haben. Der Mann schien sehr müde gewesen zu sein, und ich dachte: Ein Mensch, der in dieser Weise schreibt, schreibt leise, warum? — stop

echo : 0.52 UTC — Vor wenigen Tagen führte ein Gedankenaustausch mit einer Person, die mir in der digitalen Sphäre begegnete, zu einer seltsamen Situation. Später Abend. Ich stand in der Küche und schaute aus dem Fenster und überlegte, ob es sein kann, dass ein Mensch, der meinen tatsächlichen Namen nicht kennt, weil ich mit ihm unter einem Decknamen diskutierte, in der Lage sein könnte, herauszufinden, wer ich tatsächlich bin, in welcher Stadt ich wohne, in welcher Straße noch dazu. Er hatte mich nämlich als Tier bezeichnet, nachdem ich ihn gefragt hatte, ob er denn jemals mit einem Menschen, der in Afrika geboren worden war, persönlich gesprochen habe. Er schrieb: Du Zecke, so können nur Schmarotzer fragen. Ich antwortete, ich müsse doch annehmen, dass er sehr viele afrikanische Menschen kenne, weil er doch andauernd über sie schreiben würde, dass man oder gar er persönlich inzwischen daran gewöhnt sei, dass Afrikaner Babys Köpfe abschneiden. Und schon wollte er mich besuchen, nicht sofort, in ein paar Tagen, vielleicht in der kommenden Woche, er würde mir dann das Licht ausknipsen. Deshalb stand ich in der Küche und überlegte. Es war kurz nach Mitternacht. — stop

delta : 0.22 UTC — Eine mechanische Schreibmaschine, die die chinesische Sprache zu buchstabieren vermag, soll über etwa 3000 Zeichen verfügen und 16 Kilogramm schwer sein. Eine wundervolle Vorstellung. Wie lange Zeit würde ich für Zeichensuche benötigen, um auf ihr das Wort Belugaposaune zu formulieren? — stop
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nordpol : 23.56 UTC — Wenige Wochen vor einer Reise nach New York brach ich mir den rechten Arm. Das ist jetzt bereits einige Jahre her, der komplizierte Bruch ist gut verheilt, ich kann ohne Beschwerden wieder mit der Hand notieren. Damals aber waren meine Bewegungen ungelenk, ich schrieb wie ein Kind mit großen Buchstaben. Einige dieser Zeichen entdeckte ich am späten Abend in Carson McCullers seltsamer Erzählung Die Ballade vom traurigen Café. Auf der Seite 52 des Buches hatte ich zwei Wörter vermerkt: February House. Ich erinnerte mich, dass ich damals den Entschluss fasste, einer Spur der Dichterin in New York zu folgen. Ich schrieb um Wochen verzögert und noch immer unter Schmerzen: Weil ich nur sehr schwerfällig mit der Hand in mein Notizbuch schreiben kann, notiere ich während des Lesens, indem ich in Gedanken wiederhole, was zu tun ist in den kommenden Stunden. Nachforschen in der digitalen Sphäre. Wo genau, in welcher Straße, in welchem Haus wohnte Carson McCullers in Brooklyn? Ist denkbar, dass die junge Dichterin tatsächlich drei Wochen benötigte, um das Subway-System der Stadt New York verlassen zu können? Oder suchte sie in ebendiesem Raum der Zeit nach ihrer Wohnung, die sie nicht wieder finden konnte, weil sie mittellos und ohne genauere Ortskenntnis in einem U‑Bahnwagon zurückgelassen worden war. Wie viele Dollar kostete eine Flasche Whiskey im Jahr 1934? Wie viel ein Taxi? – Wenn ich in Gedanken notiere, wiederhole ich dreifach, was ich mir zu merken wünsche. Verlorenes, das könnte sein, bemerke ich nicht. Oder nur einen Schatten ohne Wörter. — stop
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