delta : 1.05 — Vor einigen Wochen hatte ich einen Luftpostbrief an Mr. Sini Shapiro nach Manhattan geschickt. Ich notierte ihm von einem weiteren Schreiben, das ich an ihn persönlich vor einiger Zeit nach Kalkutta (Indien) sendete. Der Brief war zurückgekommen, er trug Hinweise auf seiner Anschriftseite, die von mehrfachen vergeblichen Zustellversuchen zeugen, ein Kunstwerk, würde ich sagen, ein Dokument sorgfältiger Arbeit. Heute antwortete Mr. Shapiro. Er schrieb in einer E‑Mailnachricht, er habe sich gefreut, weil ich seinen Namen verwendete, um eine Briefsonde nach Kalkutta zu schicken. Außerdem freue er sich über meine Frage hinsichtlich bevorzugter Lektüren. Er übermittelte eine Namensliste jener Persönlichkeiten, deren Bücher Mr. Shapiro bald einmal lesen, deren Leben er bevorzugt studieren würde. — Es ist merkwürdig, ich habe nicht damit gerechnet, dass Mr. Sini Shapiro über eine E‑Mail-Adresse verfügen könnte. Es ist nun doch wahrscheinlich, dass Mr. Shapiro außerdem über eine Computerschreibmaschine verfügen wird, die der digitalen Sphäre verbunden ist. — stop
![]()
Aus der Wörtersammlung: wort
01 — spur
![]()
sierra : 3.18 — Irgendwo da draußen existiert eine Persönlichkeit {vermutlich menschlicher Natur}, die in der vergangenen Nacht das Wort Schneefliegen in der digitalen Sphäre suchte mittels eines Tabletcomputers. Sie hinterließ in meinem particles – Wahrnehmungssystem eine Spur. Bitte melden! — stop

passport
![]()
echo : 5.05 — Ob ich etwas tatsächlich weiß, ist nicht bedeutend. Wirklich bedeutend ist, ob ein elektronisches System, das sich meiner Zeichen bemächtigt haben könnte, annimmt, dass ich von etwas oder jemandem Kenntnis habe, das oder der als geheim, beziehungsweise gefährlich zertifiziert werden müsste. Vor Jahren, auch heute, immer wieder die Frage: Wie mutig wäre ich im Widerstand gegen den geheimdienstlichen Zugriff einer Diktatur auf meine Person? Wie genau würde ich mich verhalten, wenn man versuchte, mich für Spionagearbeit unter Freunden zu gewinnen? Ich bin in der Suche nach einer Antwort noch keinen Schritt vorangekommen. Stattdessen weitere Fragen. Welcher Art könnten die Werkzeuge sein, Druck auf mich auszuüben? Würde mir Tortur angekündigt oder nahestehende Menschen mit dem Tod bedroht? Existieren Orte meiner Persönlichkeit, die sich als so schwach erweisen, dass man dort Zugang finden könnte? Habe ich einen geheimen Preis? Meine Schreibmaschine? Meinen Reisepass? — stop

0 Uhr 12
lillis monster
![]()
olimambo : 6.55 — Es ist Samstag, als ich Ludmilla beobachte wie sie telefoniert. Gerade, vor wenigen Tagen, ist sie sechs Jahre alt geworden, jetzt steht das Mädchen mit großen Augen am Fenster und lauscht in einen Hörer, in dem sich ein vollständiges Telefon befindet. Eine Stimme, die Stimme der Oma, erzählt von einem Wachskreidebild, über das sie sich sehr freue. Ludmilla hat das Bild tatsächlich für ihre Oma zum Geburtstag gemalt. Die Oma fragt: Was hast Du mir denn da gemalt, Lilli? Ludmilla muss nicht lange nachdenken, sie hat der Oma in der Schule ein schreckliches Monster gemalt, einen Monsterclown in roten und blauen Farben. Da will die Oma zaghaft wissen: Warum hast Du mir denn ein Monster gemalt? Na, antwortet Ludmilla, weil ich Dir eine Freude machen wollte. — stop

über grönland
![]()
sierra : 0.25 — Plötzlich, wir flogen gerade über Grönland dahin, wurde das Mädchen wach mitten in der Nacht während eines Fluges gegen die Zeitrichtung von Ost nach West. Als wir in New York starteten, beinahe dunkel, oben, in großer Höhe über Boston wurde es etwas heller, Himmelsfarben von zartem Blau und orangefarbenen Tönen, die sich während des Nachtfluges kaum veränderten. Rauschende Stille unter dem Kabinendach, das sich über schlafenden Menschen wölbte, da und dort leuchtete der Bildschirm eines Computers oder eines Telefons im Dämmerlicht. Es war kühl geworden, vielleicht deshalb, weil es kühl geworden war, wachte das Mädchen auf. Das Mädchen war eine Japanerin, ungefähr sechzehn Jahre alt, zierlich, sie schien sehr routiniert im Fliegen zu sein, reckte sich, sah kurz zu mir hin, sah, dass ich eine Decke ausgebreitet hatte über meinen Beinen, fischte selbst eine Decke unter ihrem Sitz hervor, breitete sie über ihren Schoß, holte ein Handy aus ihrer Handtasche, die seltsam schillerte, als würde sie aus Flüssigkeit bestehen, und begann sofort zu schreiben. Das war eine seltsame Art und Weise zu schreiben, wie das Mädchen schrieb. Eine Hand, ihre linke Hand, hielt sie unter der Decke verborgen, in der rechten Hand ruhte das Telefon wie ein kleiner Vogel rücklings, so dass sein Telefonbauch sichtbar wurde, eine Tastatur, über welche nun ein Daumen in einer Geschwindigkeit hüpfte, dass ich meinen Blick nicht lösen konnte. Sie schrieb sehr lange Zeit, notierte WhatsApp — Nachrichten an Personen, deren Avatare ich gut, deren Zeichen ich unmöglich zu lesen vermochte, an Menschen oder Computer, die ihr unverzüglich antworteten, so dass sie von einem Dialog in einen anderen hüpfte, indessen sie ihrerseits beobachtete, wie ich meinerseits ihren Daumen beobachtete, was sie nicht weiter zu stören schien, vielleicht weil ihr gefiel, dass ich ihre Geschicklichkeit bestaunte, oder auch weil sie fand, dass sie über einen hübschen Daumen verfügte. Ihr Daumen war klein, dachte ich noch, weil er einer winzigen Japanerin gehörte, die in der Zeit, da sie neben mir saß, keinen Laut von sich gab. Ihren notierenden Daumen beobachtend, schlief ich schließlich ein. Als ich erwachte, war auch das Mädchen wieder eingeschlafen. Sie lag unter der Decke, die sie bis zu ihren Schultern hochgezogen hatte, ihre Hände waren vermutlich vor der Brust gekreuzt, genau dort bewegte sich etwas, hüpfte. Das war über Irland gewesen. Struktur eines neuen Jahrtausends. — stop

von turku nach kalkutta
nordpol : 5.38 — In der vorletzten Nacht habe ich ein Versprechen eingelöst, das ich mir selbst vor einigen Monaten gegeben habe: Du solltest jeden Text, den Du an dieser oder anderer Stelle veröffentlichen wirst, lesen, Wort für Wort. Das ist, möchte man meinen, eigentlich eine Selbstverständlichkeit, nicht aber, wenn man Textpassagen von erheblichen Ausmaßen publizieren möchte, die von einer weiteren Person oder von einem Computerprogramm aufgeschrieben worden sind. Es handelt sich in diesem Fall um eine Wegbeschreibung, die Strecke führt uns von Turku nach Kalkutta über Land, und zwar zu Fuß. Um kurz nach Mitternacht nahm ich die Lektüre auf, verfolgte meine virtuelle Bewegung mit einem Finger auf meinem Globus, den Tauben nachts in aller Ruhe gern betrachten, wenn sie vor dem Fenster sitzen. Ich nehme an, sie werden die leuchtende Erdkugel für den Mond halten oder für die Sonne. Es war kurz vor Sonnenaufgang, als ich mit meiner Lektüre fertig wurde. Ich weiß nun, dass jene von der Computermaschine vorgeschlagene Strecke, nicht nur beschwerlich werden könnte, vielmehr auch gefährlich sein würde. Lesen Sie selbst: zu Fuß 7.960 km, 1.599 Std.Turku, Finnland nach Kalkutta, Westbengalen, Indien /// Turku Finnland: > Nach Südwesten Richtung Universitetsgatan / Yliopistonkatu 61 Links abbiegen auf Universitetsgatan / Yliopistonkat 18 m links abbiegen auf Auragatan / Aurakatu 400 m Weiter auf Aurabron/ Auransilta 110 m Weiter auf Kaskenkatu / Kaskisgatan 800 m Weiter auf Kaskentie / Kaskisvägen 1,0 km Weiter auf Nylandsgatan / Nylandsvägen / Uudenmaantie / Route 110 Weiter auf Route 110 10,2 km step by step >
![]()
mikrofonbuch


![]()
echo : 5.05 — Vor langer Zeit hatte ich das Wort Mikrofonbuch notiert. Fünf Jahre später entdeckte ich das Wort wieder. Denkbar ist, dass ich das Wort Mikrofonbuch notierte, ohne zu wissen, was das Wort bedeutet. Eine Art wartendes Wort: Aus dir könnte noch etwas werden. — stop
![]()
kein einziges wort
nordpol : 3.18 — Ipek (Name geändert), die in einem Dorf der anatolischen Region Dersim (Tunceli) geboren wurde, erzählte in wenigen Worten, weshalb sie vor drei Wochen um Haaresbreite von einer Reise nicht nach Hause nach Berlin zurückgekommen wäre. Ihr Vater, sagte sie, sei gestorben. Ihre Familie und sie selbst seien deshalb nach Anatolien gereist, um den Leichnam ihres Vaters in der Heimat zu bestatten. Auf der Hinreise habe sie keinerlei Probleme gehabt, viel Militär auf den Straßen, aber das kenne sie schon von Kindheit an. Sie habe einen Tag vor der Beerdigungszeremonie vom Dorf aus die Stadt besucht, um einige Stangen Zigaretten einzukaufen, die ihre Familie den Trauergästen anbieten wollte. Das sei so üblich in ihrer Gegend, das wüsste jeder Mensch, auch die Kinder. Bei der Rückfahrt sei der Bus in eine Polizeikontrolle geraten. Man habe sie aus dem Bus geholt, man wollte wissen, für wen genau die Zigaretten bestimmt seien. Da habe sie erzählt, warum sie die Zigaretten gekauft habe, aber man wollte ihr nicht glauben, man sagte, sie habe Nachschub für Terroristen gekauft. Da habe sie gesagt, dass das nicht so sei, aber die Männer in Uniform sagten, dass das eben doch so sei, und dass sie jetzt still sein solle, andernfalls würde man ihren deutschen Reisepass zerreißen, den hatte einer der Männer bereits in der Hand. Der Mann sagte, dass das mit den Zigaretten nur genauso sein könne, wie er es sage, dass sie für die Berge bestimmt seien, könne man daran erkennen, wo sie, Ipek, geboren worden sei, in Dersim nämlich, das bedeutet in Tunceli, so heiße die Region Dersim in der türkischen Sprache. Er fuhr fort, wenn sie, Ipek, jetzt noch ein weiteres Wort sagen würde, dann würde sie nie wieder nach Hause kommen. Also war sie still gewesen. Sie habe kein einziges Wort gesagt, auch nicht im Bus, noch mindestens eine Stunde lang kein einziges Wort. — stop
![]()
aleppo
himalaya : 5.14 — Was in der syrischen Stadt Aleppo an der östlichen Grenze Europas hungernden Menschen in diesen Stunden widerfährt, wissen wir nicht. — stop
![]()


