Aus der Wörtersammlung: wort

///

propeller

pic

tan­go : 6.52 – Die­ses Wort, Pro­pel­ler­wort, das sich seit eini­gen Stun­den, weiß der Him­mel, woher es gekom­men ist, in mei­nem Kopf bewegt, scheint in der wirk­li­chen Welt noch nicht zu exis­tie­ren. Ich such­te in Wör­ter­bü­chern, ich such­te in der digi­ta­len Sphä­re, ver­geb­lich. Was also könn­te unter einem Pro­pel­ler­wort exakt zu ver­ste­hen sein? Ein Wort viel­leicht, das in der Lage wäre, wei­te­re Wör­ter, die vor oder hin­ter ihm in einem Satz­ver­bund notiert wor­den sind, im Geis­te eines Lesen­den zu beschleu­ni­gen, oder den Lesen­den selbst in sei­ner Art des Lesens hef­tig anzu­re­gen. In die­sem Augen­blick kommt mir kein Wort in den Sinn, das in die­ser Wei­se wirk­sam wer­den könn­te. Statt­des­sen dach­te ich an das Wort Zwerg­see­ro­se, wel­ches ich ges­tern noch notier­te, das Wort Zwerg­see­ro­se könn­te für mich zu einem Pro­pel­ler­wort wer­den, weil es mich leich­ter wer­den lässt, weil ich mich freue, sobald ich das Wort den­ke oder höre, weil ich sofort wei­te­re Zwerg­wör­ter bemer­ke, die mir gefal­len, das Wort Zwerg­li­bel­le bei­spiels­wei­se, oder das Wort Zwerg­amei­sen­pferd, von den Amei­sen­pfer­den habe ich bereits erzählt, auch das Wort Ohr­fei­ge, wenn ich das Wort Ohr­fei­ge hin­sicht­lich der Baum­früch­te betrach­te, scheint sich gleich­wohl zu einem Pro­pel­ler­wort zu ent­wi­ckeln. Oh, Du schö­ner Früh­lings­mor­gen. – stop
ping

///

sarajevo

pic

alpha : 2.12 — In mei­ner Vor­stel­lung wur­de ein drei­jäh­ri­ger Jun­ge von sei­ner Mut­ter in einem Kin­der­wa­gen über eine Stra­ße gescho­ben. Die Mut­ter, die zunächst vor­sich­tig ging, um das Kind nicht zu wecken, beschleu­nig­te plötz­lich ihre Schrit­te, nach weni­gen Sekun­den spur­te­te sie eine Häu­ser­wand ent­lang, sie hat­te das Kind aus dem Kin­der­wa­gen geho­ben und trug es jetzt in ihren Armen, wäh­rend sie etwas seit­wärts lief, sie war geschickt in die­ser Art und Wei­se zu lau­fen, sie schütz­te das Kind mit ihrem Kör­per vor Pro­jek­ti­len, die von einem Scharf­schüt­zen, einem Sni­per, auf den Weg gebracht wor­den waren, um sie und ihr Kind ums Leben zu brin­gen. Irgend­wo, irgend­wann muss ich einen Film gese­hen haben, der eine Sze­ne wie die vor­ge­stell­te Sze­ne zeig­te. Unlängst sprach ich mit einem jun­gen Mann, der sich in mei­ne geschil­der­te Vor­stel­lung har­mo­nisch ein­fü­gen wür­de, ich ken­ne ihn seit län­ge­rer Zeit, er war tat­säch­lich Kind gewe­sen in Sara­je­vo wäh­rend der Bela­ge­rung der Stadt. Ein­mal, als etwas Zeit war zu spre­chen, frag­te ich ihn, wie die­se Jah­re damals für ihn gewe­sen waren, ob er sich erin­nern kön­ne. Er schau­te mich freund­lich an und lach­te. Als ich mei­ne Fra­ge wie­der­hol­te, sag­te er, dass er über die­se Zeit noch nie gespro­chen habe. Ich frag­te ihn, ob er viel­leicht noch nie mit einer Per­son wie mir gespro­chen habe, die die Bela­ge­rung, die Erschie­ßung von Men­schen damals, als er noch ein Kind gewe­sen war, auf einem Fern­seh­bild­schirm beob­ach­tet hat­te. Er ant­wor­te­te, nein, er habe über­haupt noch nie, mit nie­man­dem, mit kei­nem Mensch also über die­se Zeit, deren Geräu­sche er ken­ne, gespro­chen. Sei­ne Mut­ter habe den Krieg über­lebt, sei­ne Schwes­ter, die ein Jahr älter als er selbst gewe­sen war, sei gestor­ben. Und wie­der lach­te er, und dann klopf­te er mir auf die Schul­ter, und ich stell­te kei­ne wei­te­re Fra­ge. — stop

drohne17

///

herbst

pic

nord­pol : 17.05 — Das Wort Hepa­rin, wel­ches einen Wirk­stoff bezeich­net, der zur Hem­mung der Blut­ge­rin­nung ein­ge­setzt wird, ist ein altes Wort. Es ist in mei­nen Ohren ein altes Wort, weil ich mich erin­nern kann, die­ses Wort bereits als Kind gehört zu haben, wie mir scheint, solan­ge Zeit ken­ne ich die­ses Wort, es ist ein Wort, sagen wir, mei­ner Lebens­zeit, ein auch unheim­li­ches Wort. — Sams­tag. Spa­zier­gang im Nym­phen­bur­ger Schloss­park. Der Herbst springt mit sei­nen Far­ben in die Bäu­me. Schwä­ne segeln, gefä­cher­te Flü­gel, über einen See ohne Wind. Das Geräusch der Schrit­te auf dem san­di­gen Boden, der wie­der trägt. Eich­hörn­chen toben mit ihren rasen­den Her­zen durchs Laub. Schla­fen­de Men­schen, wenn sie aus dem Tief­schlaf erwa­chen, wer­den sie wei­nen. — stop

match3

///

im zug

2

tan­go : 18.55 — Das Beson­de­re an der Fahr­kar­ten­kon­trol­le, der ich so eben noch in einem Schnell­bahn­zug bei­wohn­te, fin­det sich in dem Wort Fahr­kar­ten­kon­trol­le selbst. Die­ses Wort wur­de näm­lich von einem jun­gen chi­ne­si­schen Paar kurz nach der Über­prü­fung so lan­ge laut spre­chend wie­der­holt, bis sie ein­an­der bestä­tig­ten, das Wort tat­säch­lich gelernt zu haben. Sie sahen sich, wäh­rend sie das neue Wort gewis­ser­ma­ßen prob­ten, je auf den Mund, als ob sie ins­be­son­de­re mit ihren Augen, weni­ger mit ihren Ohren über­prü­fen woll­ten, ob das Wort kor­rekt for­mu­liert wor­den war. — stop
ping

///

kakapo

2

whis­key : 0.55 — Ich zähl­te 378 Mal das Wort Schlaf. So oft habe ich das Wort Schlaf in den ver­gan­ge­nen sie­ben Jah­ren an die­ser Stel­le [ par­tic­les ] ver­wen­det. Ein­mal such­te ich Optio­nen das Wort Nacht fort­zu­set­zen, ich ent­deck­te 628 Vari­an­ten, zum Bei­spiel: Nach­ti­gal­len­af­fe Nacht­ge­wöl­be Nacht­duft Nacht­durch­schwär­mer Nacht­eu­len­ton Nacht­ge­fie­der Nacht­wolf. Oder aber Nacht­pa­pa­gei : das ist der merk­wür­digs­te aller papa­gei­en, der kaka­po von neu­see­land [ stri­go­ps habrop­ti­lus ], den man mit dem­sel­ben rech­te, mit wel­chen man die eulen im gegen­satz mit den fal­ken einer beson­de­ren fami­lie unter­bringt, als einen ver­tre­ter einer eige­nen fami­lie betrach­ten muss. [ nach Grimm­sches Wör­ter­buch N bis Q ] — Heu­te ist ein wei­te­res Nacht­wort hin­zu­ge­kom­men, das Wort Nacht­amei­se. Ich habe vor weni­gen Minu­ten zunächst die Amei­se selbst, dann das Wort, das die Amei­se bezeich­net, mit eige­nen Augen gese­hen. — stop
ping

///

von schuhen

pic

char­lie : 3.25 – Bahn­steig 23, Zen­tral­bahn­hof, Diens­tag, 28 Minu­ten nach 10 Uhr abends. Auf einer Bank sitzt eine Frau in dunk­lem Gewand, über ihrem Kopf ein Tuch von eben­so schwar­zer oder dun­kel­grau­er Far­be, das ihr Haar lose bedeckt. Die Frau scheint von hohem Alter zu sein und müde und scheu, noch nicht ein­mal drei Stun­den ist es her, dass sie an die­sem Ort ein­ge­trof­fen ist. Ich höre, der jun­ge Mann, der an ihrer rech­ten Sei­te sitzt, sei ihr Enkel, er war es gewe­sen, der die alte Frau aus dem Zug getra­gen hat­te, weil sie nicht mehr lau­fen konn­te, so erschöpft waren ihre Füße vom wochen­lan­gen Wan­dern durch halb Euro­pa, außer­dem waren zuletzt Schu­he kaum noch vor­han­den. Ein Mäd­chen hat ihren Kopf im Schoß der Urgroß­mutter gebor­gen und schläft. Eigent­lich müss­ten da noch zwei Jungs sein, der älte­re Bru­der des klei­nen Mäd­chens, aber der ist tot, und auch ihr jün­ge­rer Bru­der ist nicht da, weil er tot ist, und auch ihre Mut­ter nicht, da ihre Woh­nung von einer Gra­na­te getrof­fen wor­den war, als das klei­ne Mäd­chen auf die Stra­ße rann­te ganz allein, was eigent­lich ver­bo­ten war im Novem­ber des ver­gan­ge­nen Jah­res in einem Dorf 16 Kilo­me­ter weit ent­fernt von der Stadt Homs. Auch der Urgroß­va­ter des über­le­ben­den Mäd­chens ist abwe­send, weil er tot ist. Aller­dings ist der Urgroß­va­ter zur übli­chen Zeit eines natür­li­chen Todes gestor­ben und in Form einer Foto­gra­fie nach Euro­pa mit­ge­kom­men, die die alte Frau in die­sem Moment in ihrer Hand hält und betrach­tet. Ihr Sohn, der Vater des jun­gen Man­nes, der sei­ne Groß­mutter aus dem Zug getra­gen hat­te, spricht gera­de mit einer fröh­li­chen Per­son, die eine Wes­te trägt, wel­che leuch­tet, dass es in den Augen nur so schmerzt. Er ver­sucht der jun­gen deut­schen Frau zu erklä­ren, dass er vor Stun­den sei­ne Ehe­frau aus den Augen ver­lo­ren habe, er sagt immer wie­der ihre Namen auf, damit man unver­züg­lich nach ihr suchen kön­ne. Sein Sohn, der jun­ge Mann, der neben sei­ner Groß­mutter sitzt, erzählt indes­sen in eng­li­scher Spra­che, sei­ne Groß­mutter habe das Dorf, aus dem die Fami­lie vor Mona­ten geflüch­tet war, in ihrem ganz Leben nicht ein ein­zi­ges Mal ver­las­sen, und jetzt sitzt sie also hier auf einer Bank in die­sem Nord­land, Bahn­steig 23, Zen­tral­bahn­hof, ver­steht kein Wort, von dem, was da so über­all um sie her­um gespro­chen wird, und streicht mit ihren Hän­den behut­sam über das Haar des schla­fen­den Kin­des. Immer wie­der schaut sie zu ihren Füßen hin, als wäre sie nicht sicher, dass die­se Füße ihre eige­nen Füße sind. Vor­sich­tig bewegt sie sie hin und her, noch kei­ne Vier­tel­stun­de ist ver­gan­gen, da hat­te sich ihr Enkel vor ihr nie­der­ge­kniet, um ihr nagel­neue feu­er­ro­te Turn­schu­he anzu­zie­hen von Puma. – stop

drohne18

///

mirabelle-acht

pic

del­ta : 2.55 — Im Waren­haus beob­ach­te­te ich, wie Prei­se für Fern­seh­ap­pa­ra­te stünd­lich fal­len, Fern­seh­ap­pa­ra­te sind inzwi­schen so güns­tig gewor­den, dass sie bei­na­he nichts mehr wert sind. Auch Hum­mer­tei­le wer­den immer bil­li­ger, Bücher, Espres­so­ma­schi­nen, See­ane­mo­nen, Weih­nachts­en­gel, Schreib­ma­schi­nen. Oder die Prei­se für Fin­ger­hand­schu­he, gestrickt, das 8. Jahr in Fol­ge. — Gegen 2 Uhr heu­te Nacht fol­gen­de Beob­ach­tung. Wenn ich um die Wort­grup­pe schwe­res Was­ser ein Ver­zeich­nis leicht­sin­ni­ger Asso­zia­tio­nen lege, ver­schwin­det der Begriff in der Gestalt eines Atolls. Ob nicht viel­leicht Erin­ne­rung über­haupt in die­ser Form orga­ni­siert sein könn­te? — Zwei Uhr fünf­zig Minu­ten in Röszke, Ungarn. — stop

ping

///

lamelleniris

9

char­lie : 3.12 — Ich stell­te mir eine Ver­suchs­an­ord­nung vor. Ich soll­te für die Ver­wirk­li­chung die­ser Ver­suchs­an­ord­nung Nah­rungs­mit­tel hor­ten, zwei oder drei Enten ( je 1 kg), Maro­nen ( 1 kg ) , Was­ser ( 10 l ), Man­da­ri­nen ( 2 kg ), dunk­les Brot ( 2 kg ), hel­les Brot ( 1 kg ), Mar­me­la­de ( 0,5 kg ), Kaf­fee ( 3 Pfund ) und But­ter ( 0,5 kg ). Ich wür­de mei­ne Com­pu­ter­ma­schi­nen einer Nach­ba­rin über­ge­ben, mein Fest­netz­te­le­fon zer­trüm­mern ( ich brau­che ohne­hin ein Neu­es ), mein Han­dy ins Eis­fach legen und dort ver­ges­sen, wei­ter­hin Film­ab­spiel­ma­schi­nen jeder Art aus der Woh­nung tra­gen, auch alle Bücher, aber im Gegen­zug eini­ge Tau­send Kar­tei­kar­ten auf mei­nem Küchen­tisch sta­peln. Dann lan­ge Zeit von Stil­le, Tage der Ruhe und Kon­zen­tra­ti­on, ich sit­ze oder gehe in der Woh­nung unter dem Dach auf und ab, und notie­re Wör­ter. Es geht näm­lich dar­um, alle Wör­ter mei­ner Spra­che, die ich erin­nern kann, auf­zu­schrei­ben, je ein Wort auf eine Kar­te, um her­aus­zu­fin­den, über wie vie­le Wör­ter ich ver­fü­ge. Mit wel­chem Wort wer­de ich begin­nen? — stop

drohne14



ping

ping