foxtrott : 20.58 – Die Spitze meines Bleistiftes unter Beobachtung, wie sie sich über das Papier bewegt, immer noch unsicher, zögernd, helle, rauchige Töne, Zeichen, Wörter, jeder Gedanke von eigentümlicher Melodie, eine windige, schürfende Welle. stop. stop. In Libyen, ohne Mitwirkung eines Erdbebens, sollen nach Angaben des Botschafters der Vereinigten Staaten von Amerika in den vergangenen 2 Monaten bis zu 30000 Menschen getötet worden sein. stop Seit zwei Tagen notiere ich mit der Hand. — stop
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Aus der Wörtersammlung: gang
malta : carmelite church
delta : 22.07 – Als er mich über die Straße kommen sieht, erhebt sich der alte Mann von dem Stuhl vor der Tür seines Hauses. Sofort, schon von Weitem, hat er mich wiedererkannt, vielleicht an dem roten Pullover, den ich über meinen Schultern trage oder an meinem Gang. Jetzt folgt er mir grußlos in die Kirche an der Old Mint Street, deren Kuppelbau die Silhouette der Stadt Valletta weithin prägt. Gestern noch haben wir ein kleines Gespräch geführt vor dem Gotteshaus, das dem alten Mann kostbar zu sein scheint, ein Ort, den er zu schützen versucht, vor Personen wie mir beispielsweise, die kommen und gehen wie sie wollen, ohne je einmal zu fragen, ob es statthaft sei, an diesem heiligen Ort zu fotografieren. Jetzt will er mich prüfen, will mein Versprechen genauer, das ich gegeben habe, prüfen, ob ich es einhalte, ob ich glaubwürdig sei. Und so sitze ich bald unweit des Altars, der alte Mann ein paar Reihen hinter mir, und überlege, ob es möglich sein könnte, in dieser Kirche ein Aquarium zu errichten, ein Glasgehäuse von enormer Größe, in dem Kiemenmenschen schweben und somit in der Lage sein würden, an heiligen Feiern unter Lungenmenschen teilzuhaben. Lange Zeit sitze ich fast bewegungslos, dann beginne ich einige Sätze in mein Notizbuch zu schreiben, fertige eine Zeichnung an, einen Grundriss in etwa, der Kirche und einiger Positionen, da ein Aquarium zu errichten sinnvoll wäre. Und wie ich so leise vor mich hin arbeite, kaum wage ich zu atmen, höre ich, wie der alte Mann hinter mir sich erhebt, er kommt an mir vorüber, bleibt einige Minuten in meiner Nähe stehen, verbeugt sich bald vor dem Altar und verlässt die Kirche durch einen Seiteneingang. — Sonntag. Ich habe heute Bäume entdeckt, die mit ihren weichen Blättern seltsame Nüsse bebrüten. — stop
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zenitschnecke
tango : 20.56 – Das Erfinden ist ganz sicher eine Übung des Lauschens. — stop
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agota
~ : oe som
to : louis
subject : AGOTA
date : mar 25 11 6.15 p.m.
Kurz vor sechs Uhr abends, das Wasser ruhig. Taucher Noe wohlauf in 820 Fuß Tiefe. Er liest Ágota Kristófs Erzählung Die Analphabetin nun schon zum fünften Mal in Folge mit einer Begeisterung, die wir in den vergangenen Jahren bisher nicht wahrgenommen haben. Seine Stimme scheint heller geworden zu sein, seit wir seinen Taucheranzug von Korallengewächsen befreiten. Nach wie vor verweigert er jedes Gespräch über seine eigene Person. Niemand kann sagen, ob Noe wirklich versteht, was er mit lauter Stimme liest: Am Anfang gab es nur eine einzige Sprache. Die Objekte, die Dinge, die Gefühle, die Farben, die Träume, die Briefe, die Bücher, die Zeitungen, waren diese Sprache. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es noch eine andere Sprache geben könne, dass ein Mensch ein Wort sprechen könne, das ich nicht verstehe. In der Küche meiner Mutter, in der Schule meines Vaters, in Onkel Gezas Kirche, auf den Straßen, in den Häusern des Dorfes und auch in der Stadt meiner Großeltern sprachen alle dieselbe Sprache, und nie war die Rede von einer anderen. — Boote verletzter Menschen passieren unser Schiff, Schaluppen, sie kommen von Süden her, schweigende, frierende Passagiere. Dein OE
gesendet am
25.03.2011
1512 zeichen

nachtbuch
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olimambo : 5.15 — Regelmäßiges, stundenlanges Geräusch des Regens vergangene Nacht. Auch dann noch, während ich Duke Ellington hörte für eine Stunde, weil ich den Regen sehen konnte im Licht der Straßenlaternen und die Spur der Geräusche weiterdachte. Man sollte einmal ein Nachtbuch notieren, das nur vom Regen handelt, ein Buch der Regenschirme, ein Buch triefender Menschen, ein Buch der Schlauchboote, ein Buch, mit dem in der Hand man übers Wasser laufen könnte. Wenn es gelungen sein wird, würde man vielleicht bisweilen den Blick von beleuchteten Zeilen heben und sich wundern, weswegen man in einem Zimmer lesend unter einem Regenschirm Platz genommen hat. – stop

im halbschlaf
echo : 0.02 — Oder der Moment des Erwachens, ein Bild, das ich erinnern, das ich buchstabieren kann, jedes Geräusch in diesem Bild, das Licht, einen duftenden Wind oder Atem, eine Berührung, eine Stimme, einen ersten Gedanken, eine während der Nacht notierte Sorge. Aber der Moment, da ich zu schlafen beginne, ein stummer, ein weißer Ort, ein verborgenes Bild, das vorausgegangene Halbschlafbilder träumend zu verzehren scheint. — stop

manhattan : eine frau verschwindet und kehrt wieder
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nordpol : 7.05 — Gestern Abend folgte ich mittels der Google-Earthmaschine einer besonderen Route durch das südliche Manhattan. Ich kannte diese Strecke, war dort im Spätsommer des vergangenen Jahres auf eigenen Füßen spaziert, war Malcolm Lowry auf der Spur gewesen, seinen enger und enger werdenden Kreisen, die den Schriftsteller ein halbes Jahrhundert zuvor in das Bellevue Hospital führten, wo er sich, in höchster Not befindlich, vom Schmerzmantel des Alkohols zu befreien suchte. Immer wieder hatte ich damals jene Gegend nahe des East River aufgesucht, sodass ich eine beinahe vertraute Umgebung in digitaler Weise berührte. Gegen Mitternacht dann, ich hatte die Third Avenue gekreuzt, bog ich nach Norden ab, erreichte 30 Minuten später die 70th Straße. Da war an einer Ecke ein kleiner Laden, an den ich mich erinnerte. Versuchte ihm näherzukommen, zoomte heran, aber dann überquerte ich im Sprung die Straße mittels einer zarten Bewegung der Mouse, bewegte mich im Kreis und bemerkte in diesem Augenblick, dass eine Frau mit Hund, die gerade noch die Straße in nächster Nähe überquert hatte, verschwunden war, indem ich die Kreuzung von Osten her betrachtete. Auch war die Straße dunkler geworden, als wäre kurz zuvor Regen gefallen oder die Dämmerung des Abends eingetroffen. Um ein paar weitere Meter gedreht, war die Frau dann wieder da gewesen und ihr Hund, den Schwanz erhoben, und die Straße trocken. Eine Kreuzung, so mein Eindruck, gefalteter Zeit. Ich muss das beobachten. — stop
salamander
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echo : 16.22 — Das erfindende Schreiben scheint ein Vorgang des Wartens zu sein. Immer wieder fällt etwas zu mir herein, ohne dass ich sagen könnte, warum gerade dieses und warum gerade jetzt. Merkwürdige Verschiebungen der Sprache in der Nähe anatomischer Arbeit, indem ich, beispielsweise, von innerer Schönheit spreche. stop. Nachmittag. stop. Leichter Schneefall. — stop

time
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foxtrott : 0.28 — Merkwürdig, die Wahrnehmung der Zeit. Wenn ich keine Zeit habe, kann ich die vergehende Zeit nicht bemerken, weil ich mich so schnell bewegen muss von einem Ort zum anderen, von Gespräch zu Gespräch, von Aufgabe zu Aufgabe, dass ich etwas später vielleicht meinen möchte, ich hätte nicht existiert. Auch dann, wenn ich trauere, habe ich keine Zeit, sagen wir, keine wirkliche Zeit, weil ich aus meinem üblichen Leben heraus gefallen bin. Ich stehe zum Beispiel in einer U‑Bahn und unterhalte mich, ich lache, ich stelle Fragen, und doch bin ich an einem ganz anderen Ort, spreche mit der Vergangenheit, vielleicht mit einem Menschen, von dem ich weiß, dass ich ihn nie wieder berühren werde, von dem ich hoffe, dass er noch irgendetwas zu hören vermag, indem ich mich zu ihm sprechend an ihn erinnere. Ich verweile also in dieser seltsamen Zeit der Vergangenheit, einer suchenden Zeit, die deshalb zeitlos ist, weil sie sich wiederholen will, weil sie keinen Fortgang kennt. Manchmal sitze ich in einem Café, einer Bibliothek, im Zug, im Kino oder einem Theater herum, ich schau auf die Uhr. Ich sage: Beweg Dich! — stop

virtuelle befragung
tango : 6.35 — Vor einem Jahr zuletzt die Frage: Wie mutig wäre ich im Widerstand gegen den geheimdienstlichen Zugriff einer Diktatur auf meine Person? Wie genau würde ich mich verhalten, wenn man versuchte, mich für Spionagearbeit unter Freunden zu gewinnen? Bin in der Suche nach einer Antwort noch keinen Schritt vorangekommen. Stattdessen weitere Fragen. Welcher Art könnten die Werkzeuge sein, Druck auf mich auszuüben? Würde mir Tortur angekündigt oder nahestehende Menschen mit dem Tod bedroht? Existieren Orte meiner Persönlichkeit, die sich als so schwach erweisen, dass man dort Zugang finden könnte? Habe ich einen geheimen Preis? Meine Schreibmaschine? Meinen Reisepass? Ist es sinnvoll, diese Fragen in einem virtuellen Raum zu stellen? — stop




