sierra : 10.01 — Ein besonderer Tag, 14. Dezember. Ich konnte heute Morgen um kurz nach 8 Uhr mein Gesicht wieder in beide Hände nehmen, ohne sofort das Gefühl zu haben, mein verletzter Ellenbogen würde unter Haut und Muskeln jeden Halt verlieren. Ein Moment freudiger Begrüßung, als ob ich nun wieder vollständig wäre durch die Entdeckung der Fähigkeit, eine bedeutende Region meines Körpers mittels beider Hände berühren zu können. Ich stelle fest: Bewegungen, die ein Leben lang selbstverständlich gewesen waren, werden zu Ereignissen. Ab sofort ist es wieder denkbar, meinen Kopf während des Lesens abzustützen, eine Geste, die zur Lektüre einerseits gehört, wie eine Tasse Kaffee, wie das Buch selbst, dessen Gegenwart ich mir andererseits hilfsweise vorstellen könnte. — stop
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Aus der Wörtersammlung: moment
anna politkowskaja
tango : 7.05 — Luft, so klar und leicht, dass ich ein Wort erfunden habe oder komponiert oder gemalt oder wie auch immer. Wenn man das Wort wiederfinden wollte, müsste man Folgendes sagen: m a n i t u l u l u m b a. Kurz darauf ein weiteres Wort entdeckt, ein Wort, das mir noch wunderbarer zu sein schien, als das erste hier genannte Wort, weswegen ich das Wort im Moment seiner Erfindung sofort verschenkte. — Natürlich, bemerkt Anna Politkowskaja im Jahr 2003, habe sie Gründe, Angst um ihr Leben zu haben. Ich versuche, nicht daran zu denken. — stop

muschelsegel
tango : 8.25 — Eine Maschine, die seltsam brausende Ströme zu erzeugen vermag, wird gleich zum Einsatz kommen. Nicht viel größer als ein Handtelefon sitzen zwei Fortsätze von Plastik an ihrem Gehäuse wie lebende Muscheln fest. In der Nähe dieser Muschelräder entkommen dem Körper des Gerätes zwei Drähte, die sich an ihren Enden teilen. Metallene Segel sind dort befestigt, die ich an meinem Arm derart anlegen kann, dass sie sich festzuhalten scheinen. In dem Moment nun, da ich an den Muschelrädchen drehe, beginnt der Apparat zu brummen. Ein leichtes Brennen auf der Haut und in die Tiefe, und schon beginnt sich mein Arm zu heben und zu senken, ohne dass ich ihm Anweisung zu dieser Bewegung erteilt haben würde. Wenn ich nun die Hand meines elektrisierten Armes auf die Lehne eines Stuhles sinken lasse, scheint das Holz unter ihr zu wandern, obwohl ich mit meinen Augen wahrnehmen kann, dass der Stuhl sich nicht im Geringsten bewegt. Bald wandert auch der Boden, die Wände des Zimmers schließen sich an, das Fenster zu den Bergen hin, die Berge selbst. Sechs Uhr und zehn Minuten. Ein Oberarmmuskel flattert. — stop

16 33 45 78 minuten
chomolungma : 8.56 — Nehmen wir einmal an, ich könnte die Geschwindigkeit meines Denkens für die Dauer eines Tages vorausbestimmen, etwa so, als würde ich die Drehgeschwindigkeit einer Schallplatte durch das Umlegen eines Hebels beschleunigen oder verlangsamen, wie würde ich in diesem Moment entscheiden? Vielleicht, dass ich etwas eiliger als gestern noch durch den kommenden Tag denken sollte? Oder würde ich sagen, mein Lieber, heute erleben wir einmal einen Tag sehr, sehr langsamer Gedanken? Wir denken einen Gedanken am Vormittag, und einen weiteren Gedanken am Nachmittag, und am Abend, wenn wir nicht doch schon zu müde geworden sein sollten, gönnen wir uns noch eine sehr kurze, äußerst langsam vorgetragene Gedankengeschichte? Dann langsame Träume schlafen. – Guten Morgen!

wintermütze
kilimandscharo : 8.55 — Seit Tagen frage ich mich, welchen Anblick ich dargeboten haben könnte, narkotisiert, ich, Louis, über vier Stunden Zeit im chirurgischen Saal auf einem Tisch. Habe ich gesprochen? Habe ich mich aus eigener Kraft bewegt? Wenn ich sage: Meine schlafenden Augen, spreche ich von Augen, die ich nie gesehen habe. Kann mich an den Moment des Schlafens nicht erinnern, als ob dieser Moment nie existierte. Möchte bald meinen, unter Narkose unsichtbar geworden zu sein. Stattdessen war ich sichtbar, wie ich zuvor nie sichtbar gewesen bin. Mein Ellenbogen, von mehreren Seiten her geöffnet, ausgeleuchtet, dargelegt. Einer der Chirurgen, die operierten, erzählte, man habe, sobald Kapsel, Bänder, Muskeln, Sehnen sortiert und genäht worden waren, alle üblichen Bewegungen eines Ellenbogengelenks erfolgreich ausprobiert, ich solle mir keine Gedanken machen, ich könne bald wieder schreiben von Hand, essen, meine Wintermütze aufsetzen. Im Januar spätestens das beidhändige Werfen schwerer Koffer üben. — stop
schnürlkäfer
charlie : 8.58 — Wenn man mich fragen würde an diesem schönen Morgen im November, was ich mir wünsche, ich würde antworten, einen Banderlkäfer oder Schnürlkäfer in diesem Moment, einen Käfer, der an seiner Spitze aus einem Kopf und einem gepanzerten Brustsegment bestehen könnte, Fühlern, Augen, Beinen, Flügeln, einem Käfergefüge demzufolge wie wir es kennen, wenn da nicht eine bemerkenswerte Fortsetzung in der Gestalt des Käfers zu verzeichnen wäre, ein Hinterleib von enormer Größe, schmal und lang und feucht, als habe sich dem Käfer ein Regenwurm angeschlossen, der nun selbst an seinem Ende der Käfergestalt ein Paar weiterer Augen hinzufügte, und einen triebhaften Willen sich auf jeden Schuh zu stürzen, um ihn auf der Stelle, ob nun mit oder ohne Fuß, zu verschließen. – stop

alpenregen
~ : oe som
to : louis
subject : ALPENREGEN
date : okt 31 11 10.52 p.m.
Besten Dank, lieber Louis, für das feine Tonmaterial, das Du uns gesendet hast. Wir haben Deine Alpenregengeräusche am vergangenen Donnerstag zu Noe in die Tiefe übermittelt. Große Freude! Gleichwohl sehnt Noe sich nach wie vor eine Uhr herbei, die wir ihm leider nicht gewähren können. Es ist nun folgendes geschehen. Noe presste, vielleicht zunächst ohne einen Vorsatz, seine rechte Hand gegen die Innenseite seines Taucheranzuges und konnte in dieser Weise Pulse erspüren. Von diesem Moment an zählte Noe die Schläge seines Herzens, er zählte bis er die Zahl 70 erreichte, eine Minute Zeit, seit zwei Tagen immerzu derselbe Prozess der Zählung mit lauter Stimme, eine Demonstration seiner Willensstärke, die uns nach und nach unheimlich wird, Noe, eine Uhr, auch schlafend, dämmernd, träumend, eine Uhr, verdammt, ich war mehrfach versucht gewesen, Noes Mikrophon auszuschalten, Ruhe an Bord, eine Gewalttat, die Bewegung eines kleinen Fingers nur, Stille, und doch nicht Stille, weil ich die Fortsetzung des Zählens in der Tiefe annehmen müsste, einundfünfzig, zweiundfünfzig, dreiundfünfzig. Kurz nach 10 Uhr, eiskalte Nacht, aufkommender Wind von Nordwest, wir haben schweren Seegang zu erwarten. Dein OE SOM – Ahoi!
gesendet am
31.10.2011
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sekundenzeit
india : 10.01 — Ich habe eine lustige Geschichte mit mir selbst erlebt. Ich stand in einem Garten am späten Abend und versuchte, indem ich mich konzentrierte, die Umrisse meines Körpers wahrzunehmen, nicht die Umrisse einer bestimmten, einer ausgewählten Region meines Körpers, sondern die Umrisse meines Körpers insgesamt. Plötzlich meinte ich, mich in einem Film zu befinden, einem Film, der sich sehr langsam bewegte, mit einem Bild pro Jahrhundert, sagen wir, sodass ich mich nicht erinnern konnte, überhaupt schon einmal in Bewegung gewesen zu sein. Auch der wolkenlose Himmel über mir hatte sich noch nie zuvor bewegt, und die gefrorenen Blätter der Bäume und ihre Nachtschatten. Wie ich in dieser Weise verharrte und mich in die Vorstellung der Bewegungslosigkeit vertiefte, für einen Moment der Eindruck, Minutenzeit wahrnehmen zu können. — stop
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zeitort


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lima : 7.22 — Seltsam ist an Buchstaben, dass man ihnen die Zeit nicht ansehen kann, die in ihnen steckt. Diese achtzehn Wörter und alle weiteren Wörter an dieser Stelle habe ich bereits an einem sehr viel früheren Montagabend notiert. Es ist jetzt 7 Uhr und 15 Minuten und ich bin fern meinem Schreibtisch und weiß doch, dass mein Satz sichtbar werden wird für andere Menschen in genau dieser Minute, freigelassen sozusagen, ohne in diesem Moment auch nur einen Finger bewegt zu haben. Denkbar, dass ich gerade unter einem Regenschirm spaziere. Vielleicht schlafe ich noch oder vielleicht bin ich längst über den Atlantik geflogen und habe noch keine Verbindung in öffentliche Funkräume gefunden. — stop

segel
marimba : 8.02 — Feinstes Stromgewebe, welches Erfindung von Wirklichkeit trennt, eine heimlich durch den Kopf wandernde Struktur. Beobachtete, dass ein Gedanke, eine Geschichte am Morgen, im Moment der ersten Notiz noch frisch und fremd, nach einem Spaziergang zur Nachtzeit, ohne weitere Schreibarbeit verrichtet zu haben, zu einem vertrauten, wirklichen Raum geworden war. — stop
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