nordpol : 22.20 — Auf einem anatomischen Beobachtungskärtchen, das mit der Nummer 572 versehen ist, folgende Notiz: Selbstverständlich besitze ich eine Nase. Ich habe mich über diesen Satz, den ich handschriftlich mit Bleistift notierte, gewundert, weil ich mich nicht erinnern konnte, in welchem Moment mir dieser Satz wichtig gewesen zu sein schien. Vielleicht, denke ich in dieser Minute, wollte ich mich daran erinnern, bei Gelegenheit einmal über die Bedeutung des Wortes Besitz im Zusammenhang des eigenen Körpers nachzudenken. — stop

Aus der Wörtersammlung: moment
PRÄPARIERSAAL : kreide
delta : 22.56 — Gewitterhimmel. Abend. Moskitofische segeln von Zimmer zu Zimmer. Seit zwei Stunden Julian, seine tiefe Tonbandstimme. Seltsam ist, dass ich mich an Julians Gesicht nicht erinnern kann. Zeit und Ort der Tonbandaufnahme, ein kleines Café in Schwabing zu München, sind hingegen sofort erreichbar. Samstag. Winter. Sobald sich die Tür des Cafés öffnete, wehte Schneewind herein. > Wir haben zunächst das Präparat auf dem Tisch herumgedreht. Aber das sagt sich so leicht. Man kann das Präparat nicht alleine herumdrehen. Das Präparat ist zu schwer, um von einer Person auf einem schmalen Tisch herumgedreht werden zu können. Wir haben das Präparat gemeinsam bewegt. Ein intensiver Moment. Wir schwitzen. Wir halten den Atem an. Das Präparat ist feucht. Eine Hand hält den feuchten Kopf des Präparates, eine weitere Hand einen feuchten Arm, Hände halten feuchte, kühle Schenkel, einen feuchten, kühlen Rücken, einen feuchten, kühlen Nacken. Wir haben noch nicht an Tiefe gewonnen, wir haben noch keinen Schnitt gesetzt. Wir sind noch am Anfang. Wir sind noch am ersten Tag. Wir haben noch nicht darüber geschlafen. Ich sehe, wie ich ein Stück Kreide in die Hand nehme. Ich nehme dieses Stück Kreide in die rechte Hand. Mit der linken Hand taste ich über den Rücken meines Präparates. Ich ertaste Untiefen, Knochen, feste Strukturen, die meinen Fingern Orientierung bieten. Sobald ich mit der linken Hand eine Untiefe, einen Knochenpunkt ertastet habe, ziehe ich mit der rechten Hand einen Kreis. Wenn ich mit der Kreide den Körper berühre, gibt der Körper nach. Mein Finger ist ein Werkzeug des Tastens, die Kreide ein Werkzeug des Beschreibens. Ich zeichne dem Präparat die Form eines Herzens auf die Brust. Ich zeichne einen Magen auf den Bauch. Ich zeichne in die Tiefe eine Niere links, eine Niere rechts. Ich habe die Vermutung eines Herzens, ich habe die Vermutung eines Magens, ich habe die Vermutung einer Niere da und einer Niere dort. Das Präparat ist ohne Geräusch. Es ist merkwürdig, alles scheint schon sehr lange her zu sein, und doch habe ich den Eindruck, dass kaum Zeit vergangen ist. Das Präparat auf dem Tisch, dieser Mensch, ist fast verschwunden. — stop

PRÄPARIERSAAL : libelle
echo : 6.12 — Ich habe auf einem Fernsehbildschirm Jonathan Franzen beobachtet, wie er in seinem New Yorker Arbeitszimmer sitzend von Apparaturen erzählt, die ihm behilflich sein könnten, den Lärm der Stadt oder des Hauses, in dem er sich befindet, von seinen Ohren zurückzuhalten. Er berichtet das ungefähr so: Ich habe eine Menge Lärmschutzvorrichtungen. Ich schütze mich gegen Lärm mit Schaumgummistöpseln. Sie sind wichtig. / Und darüber hinaus habe ich meine Kopfhörer. Und zudem noch rosa Rauschen auf CD. / Das ist wie weißes Rauschen, aber es ist etwas wärmer im Ton. Es beschränkt sich auf die niedrigen Frequenzen. Es klingt wie eine Raumkapsel in der Atmosphäre mit einem wundervollen Brausen, ein alles umhüllendes Brausen, das plötzlich verschwindet. stop. Weit nach Mitternacht, kühle Luft. stop. Lungere auf dem Sofa herum, höre anatomische Tonbandaufnahmen ab, Wörter, Sätze, Gedanken einer ferneren Zeit, die sofort wieder sehr nahe kommen, vielleicht deshalb, weil sie von typischen Geräuschen jenes Ortes, an dem sie aufgenommen wurden, begleitet sind. Das Rauschen der Stimmen hunderter Menschen. Pinzetten, die gegen Metall klopfen. Eine Lautsprecherdurchsage: Denken Sie bitte daran, der Präpariersaal wird vor dem Testat am kommenden Montag bereits um 7 Uhr geöffnet. Das kleine Wiedergabegerät, das neben mir auf einem Kissen ruht, bewegt sich nicht oder nur so leicht, dass meine Augen diese Bewegung nicht wahrnehmen können. Einmal denke ich an etwas anderes, als das, was zu hören gewesen war, und bemerke in dieser Weise, dass ich, in dem ich an etwas denke, das entfernt ist, meine Ohren auszuschalten vermag. Deshalb musste ich soeben das Band zurückspulen und Thomas’ feine Geschichte wiederholen, die von einer Libelle erzählt. Hört zu: Wir hatten einen Mann auf dem Tisch, einen männlichen Körper von dunkler Farbe und von außerordentlicher Größe. Ich glaube, dieser Körper war der größte Körper des Kurses. Ich war erstaunt, weil ich mit einem Präparat, das größer sein würde, als ich selbst, nicht gerechnet habe. Nein, einen Hünen hatte ich wirklich nicht erwartet. Sie müssen wissen, ich habe mir sehr bewusst keine genauen Vorstellungen von der Wirklichkeit des Anatomiesaales gemacht. Ich hatte vermutet, dass die Luft kühl sein würde, aber an dem Tag, als wir unsere Arbeit aufnahmen, war es sommerlich warm und ich schwitzte und hatte Mühe, ohne Unterbrechung daran zu denken, mir mit den feuchten Handschuhen nicht ins Gesicht zu fahren. Ich hatte erwartet, dass das Licht im Saal eher gedämpft sein würde, aber es war strahlend hell, ein Licht, das kaum einen Schatten warf. Und ich hatte einen überschaubaren Körper erwartet, einen eher kleinen Körper, den Körper eines uralten Menschen. Ich habe mit alternden Menschen immer Gestalten in Verbindung gebracht, die zerbrechlich sind, Körper, die kleiner werden, die sich zurückziehen, die man stützen muss, führen, die noch im Leben durchlässig werden für das Licht. Dort vor mir auf dem Tisch aber lag ein Mann, der geradezu strotzte vor Kraft. Er war nicht fett, sondern muskulös, und am Bauch und an der Brust, an Armen und Beinen sehr stark behaart gewesen. Ich werde diesen Anblick mein Leben lang nicht vergessen. Ich habe den Mann sehr lange Zeit betrachtet. Dieses geschwollene Gesicht war das Gesicht eines schlafenden Boxers. Seine Augen waren geschlossen, die Hände zu Fäusten geballt und seine Füße sahen ganz so aus, als hätte er sie schon vor sehr langer Zeit vergessen. Ich habe ihn mehrfach umkreist, und dann haben wir ihn gemeinsam auf dem Tisch herumgedreht. Sehr fest mussten wir zugreifen. Ich sage Ihnen, das ist nicht leicht, am ersten Tag in diesem Saal so fest zuzufassen. Man ist ja sehr vorsichtig und man ist dankbar für dieses Geschenk, das ein Mensch für uns zurückgelassen hat. Und als wir ihn dann herumgedreht hatten, konnten wir eine Libelle erkennen. Sie war links oben auf seinem Rücken eintätowiert, regio scapularis, Sie verstehen? Ein erstaunlich präzise gezeichnetes Bild, nicht sehr groß, vielleicht gerade so groß wie ein Mittelfinger des Mannes und in blauen, roten und grünen Farbtönen ausgeführt. In diesem Moment hatte ich eine Vorstellung, die in das Leben des Mannes auf dem Tisch zurückführte. Ich habe mir vorgestellt, wie er als junger Mann in einer Badeanstalt mit den Muskeln spielte, wie er seinen Insektenvogel in Bewegung setzte, um einer Frau zu gefallen vielleicht. Aber da war noch etwas anderes, da war die Frage, was wir sehen würden, sobald wir die Haut unter der Libelle so weit gelöst hätten, dass ein Blick auf ihre Rückseite möglich werden würde.

the late, late blues
sierra : 6.05 — Wieder der Versuch, einen Gedanken genau so zu denken, als wäre dieser Gedanke der letzte meiner Gedanken. Die Beobachtung, dass sich bereits die Wahrnehmung dieses letzten Gedankens in einer Zeit nach dem Gedanken zu befinden scheint, als ob jedem Gedanken ein Echo folgte. Vielleicht wird überhaupt jeder Gedanke niemals als Gedanke im Moment seiner Verfertigung, sondern immer nur in seiner Echospur für mich verfügbar. — Ausgezeichneter Gewitterhimmel gegen 5. Dazu Milt Jackson & John Coltrane: The Late, Late Blues. — stop

denkbare wesen
india : 6.01 — Im Traum die Spur einer Fähre von Manhattan nach Ellis Island beobachtet. Das Schiff drohte zu sinken. Menschen hingen in Körpertrauben von der Reling ins Wasser, sie sangen, sie lachten. Scheppernde Musik von Lautsprechern her, auch Stimmen, die unverständliche Sätze formulierten. Steine regneten vom Himmel. Möwen, riesige, dunkelgraue Vögel, gelbe Säbelschnäbel, rote Augen, bejagten den Luftraum um das Schiff. Beobachtete schlafend das Geschehen vom Ufer aus. Taubengrauer Himmel. Männer kauerten in der Nähe auf eigenen Füßen. Funkfeuerkonsolen in ihren Händen steuerten sie den Raubvogelschwarm über die spiegelglatte Upper Bay. Einmal landete eine Möwe neben mir. Der Mann, zu dem die Möwe gehörte, strich ihr behutsam über den Kopf. Sie schloss ihre Augen, indem der Mann ihren Kopf öffnete, um ein künstliches Gehirn herauszunehmen, Schaltkreise, Batterien, feinstes Werk. Bald warf er seinen Vogel zurück in die Luft. Das war präzise in dem Moment gewesen, als ich erwachte, montags, also am Nachmittag, eine Stunde gegen fünf. Um sechs Uhr bereits war deutlich geworden, dass Möwen dieser funkgesteuerten Art auch im Wachen denkbare Wesen sind. — stop
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stilltaub
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nordpol : 5.15 — Heute Morgen vor dem Fenster eine Stille, dass ich für einen Moment fürchtete, mein Gehör verloren zu haben. — stop

PRÄPARIERSAAL : ismene
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sierra : 18.02 — Abend. Die Fenster geöffnet, es regnet, für einen Moment ist Herbst geworden. Höre ein Interview, das ich mit Ismene, einer Medizinstudentin, in München führte. Sie erzählt mit ruhiger Stimme folgende Geschichte: > Wie wir angefangen haben? Ich erinnere mich gut. Ich hatte kaum geschlafen. Endlich sollte es losgehen. Als ich dann im Präpariersaal vor dem Tisch stand, war ich erst einmal irritiert vom Anblick des Leichnams. Ich glaube, alle meine Kolleginnen und Kollegen waren irritiert gewesen, mindestens waren sie beeindruckt. Wenn man unsicher ist, schaut man nach, was die anderen tun. Und wenn die Blicke einander begegnen, lächelt man. Ich habe diese erste Situation vor dem Tisch als sehr authentisch empfunden, als ehrlich und unmittelbar. Wir hatten nur unsere Augen, unsere Hände, also unseren Tastsinn, ein Skalpell und eine Pinzette, um den Körper, der uns zur Verfügung gestellt war, zu untersuchen. Natürlich arbeiteten wir auch mit unserem Gehörsinn. Wir waren acht Leute an jedem der 52 Tische, und wir diskutierten, was wir gesehen haben. An diesem ersten Tag aber waren wir eher still gewesen. Ich glaube, jeder von uns musste zunächst einmal mit sich selbst zurechtkommen. Das waren ja sehr kräftige Eindrücke. Ich habe mir, um mich vor dem scharfen Geruch zu schützen, ein Tuch in die Brusttasche gesteckt, das ich in Eukalyptusöl getaucht hatte. Und da war nun diese alte Frau gewesen. Sie lag vollkommen unbekleidet auf dem Tisch vor uns. Ich habe gewusst, dass dieser Moment kommen würde, aber man kann sich auf den Augenblick einer ersten Begegnung dieser Art nicht wirklich vorbereiten. Vielleicht hatten wir deshalb mit hoher, zupackender Geschwindigkeit die rote Decke und das weiße Tuch, die den Leichnam vor Austrocknung schützen, angehoben, weil wir unserer Unsicherheit Aktivität entgegensetzen wollten. Ich war sehr bewegt und ich war unruhig und ich schämte mich für meinen sachlichen Blick, der das Gewicht der alten Dame schätzte und ihre Größe. Sie lag rücklings auf dem Tisch. Ihre Beine und Arme waren ausgestreckt. Wenn sie noch am Leben gewesen wäre, würde sie vermutlich versucht haben, sich zu schützen. Sie hätte ihre kleinen, flachen Brüste mit Händen bedeckt und ihre Scham, und sie hätte vielleicht irgendeine abwehrende Geste unternommen. Ich sehe ihr Gesicht, ihre geschlossenen Augen noch sehr genau vor mir. Ein feines Gesicht. Das Formalin hatte ihr kaum zugesetzt, an ihrem Körper war keine weitere Narbe zu finden als ein Schnitt an der Innenseite des linken Oberschenkels, der von einer Kanüle der Präparatoren verursacht worden war. Und wenn ich jetzt sage, dass sie sehr echt aussah, wirklich, verletzlich, dann komme ich der Ursache meiner Irritation vielleicht näher. Verstehen Sie, die alte Dame war mir ähnlich. Ich bemerkte eine Frau, eine Frau, die nur durch ein wenig Zeit von mir getrennt war. Ich sah eine Person und ich fürchtete, sie in ihrer Ruhe zu stören, und deshalb sprach ich leise. Auch meine jungen Freunde am Tisch sprachen sehr leise, zurückhaltend, behutsam. Ich sah, dass ihre Hände in den Latexhandschuhen schwitzten und auch, dass sie ein wenig zitterten, während sie arbeiteten. Die Hände der alten Dame wirkten, als hätte sie zu lange gebadet. Das waren sehr feine Hände. Sie hatte zuletzt noch ihre Fingernägel bemalt in einem hellen Rot. Sie hatte sich noch geschmückt. Sie wollte schön sein! Immerzu musste ich ihre Hände betrachten. — stop

herzgeschichte
hibiskus : 0.05 — Zu einer Zeit, als meine Mutter noch für mich atmete, bewegte sich zum ersten Mal mein Herz. Bald wurde ich geboren und lernte zu schweigen, zu sitzen, zu stehen und meine Schuhe zu binden, mit Kreide auf eine Tafel zu schreiben und zu lesen, und während ich diese feinen Dinge lernte, schlug immerfort mein Herz. Auch am Tag, als ich sieben Jahre alt wurde, schlug mein Herz so unbemerkt, wie an allen anderen Tagen zuvor, und ich freute mich, weil ich an diesem Tag ein Schachspiel überreicht bekam. Der kleine Junge, der mir dieses Schachspiel schenkte, war nicht zu meinem Fest für Freunde gekommen, stattdessen kam seine Mutter. Sie war blass, nein durchsichtig, sie erzählte, ihr Sohn könne nicht kommen, weil sein Herz sehr schwach geworden sei. Kurze Zeit später starb der Junge, der beinahe mein Freund geworden wäre, an dieser Nachricht. An jenem Abend, am Abend meines kleinen Festes, lebte der kleine Junge noch, und ich dachte an ihn und überlegte, was die Worte ein schwaches Herz vielleicht bedeuteten. Ich lag also auf dem Bett und hatte eine Hand auf die Brust gelegt und spürte den Bewegungen meines Herzens nach. Mit geschlossenen Augen, ich erinnere mich genau, konnte ich Erschütterungen fühlen, eine seltsame Erfahrung. Sehr lange lag ich so rücklings auf dem Bett und dachte, dass mein Herz ein starkes Herz zu sein schien, aber als ich meine Hand zur Seite legte, war mir für einen kurzen Moment, als ob mein Herz stehen geblieben war, weil ich seine Bewegungen nicht länger spüren konnte. Als ich erwachte, wunderte ich mich, dass ich noch immer lebte, obwohl ich mein Herz vergessen hatte während der Nacht. Und jetzt, da ich diese kleine Geschichte notiere, denke ich, dass ich damals vielleicht, an jenem Abend genau, damit begonnen habe, mich zu wundern. Auch heute noch, um viele Jahre älter, wundere ich mich über mein Herz, oder ich wundere mich über Straßenbahnen, dass sie existieren. Ja, sehr gerne wundere ich mich über Straßenbahnen.

schneebrille
alpha : 22.03 — Aus der Luft, aus dem Nichts heraus, Gedanken, von Sekundenräumen her, die sich unmittelbar vor dem Zeitpunkt ihrer Wahrnehmung befinden. Ob es überhaupt möglich sein kann, einen Gedanken erfindend zu konstruieren? Das Wort S c h n e e b r i l l e in diesem Moment, vielleicht deshalb, weil ich vor Stunden notierte: Winterpendelfahrt auf Staten Island Ferry. stop. Oberes Deck. stop. Feste Schuhe. stop. Pennstation ab: 7.49 am. stop. Montauk an: 10.52 am. stop. Strandspaziergang. - stop
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PRÄPARIERSAAL : whiteout
nordpol : 22.28 – An einem Morgen, da es heftig schneite, erzählt Silja im Präpariersaal von einer Erscheinung, die bei ihr Zuhause, in Schweden auf dem Lande, zur alltäglichen Erfahrung werden kann. Wenn das Schneelicht unter Wolken den Horizont verbirgt, wenn der Ort, an dem man sich befindet, grenzenlos zu sein scheint: Das große Weiß. Auch im Präpariersaal, hell beleuchtet, habe sie immer wieder beobachtet, ihre eigene Position in Raum und Zeit für Momente zu verlieren: > Es ist so hell in diesem Saal, dass ich manchmal meine Position in Raum und Zeit für Sekunden zu verlieren scheine, Schneelicht, ein Licht, das ich von Schweden her kenne, das große Weiß, das den Horizont verbirgt. Ich präpariere an dem Körper einer Frau. Ich glaube, sie ist mir vertraut geworden. Wenn ich morgens zu ihr komme, habe ich den Eindruck, sie bereits lange Zeit zu kennen. Sie scheint sehr geduldig zu sein. Ich weiß nicht, ob Sie das verstehen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass diese tote Frau auf uns wartet. Ich hatte in den ersten Tagen des Präparierkurses die Vorstellung, sie würde uns zuhören oder schlafen und träumen. Und wir bewegen uns also behutsam, als wären wir sehr junge Eltern, die ein uraltes Kind behüten. Ist das nicht seltsam? Ich habe immer wieder die Empfindung von Ruhe, von Stille, von Schlaf. Ich überlegte, was wäre, wenn wir den Körper dieser alten Frau nicht untersuchen, nicht zerlegen würden, sondern nur sehr sorgfältig pflegen. Wir würden dann viele Jahre, Tag für Tag und Morgen für Morgen, in den Saal kommen und sie umsorgen, damit sie uns nicht zerfällt. Wir würden sie vor dem Licht der Sonne schützen, vor Pilzen, und wir würden sie befeuchten, wir würden sie davor bewahren, zu Staub zu werden. Irgendwann wäre sie dann jünger als wir selbst, ich meine, ihre Erscheinung. Ich finde manchmal sehr merkwürdig, dass ich so etwas denke. — stop



