Aus der Wörtersammlung: op

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kirschbaumgarten

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echo : 2.08 — Am Ende eines gelun­ge­nen Tages schon inmit­ten der Nacht. Mit Freun­den lan­ge durch ange­neh­men Wind spa­ziert. Leich­ter Regen, der noch warm ist vom Som­mer. Geräu­sche der Nacht­blü­ten, die mir von der Arbeit mei­ner See­le erzäh­len, vom genau­er und immer genau­er wer­den­den Blick auf eine unglück­li­che Geschich­te. Das Rascheln des Regens in den Blät­tern vor den geöff­ne­ten Fens­tern. Höre Charles Min­gus, wäh­rend ich einen Traum der ver­gan­ge­nen Nacht notie­re. In die­sem Traum besuch­te ich einen blü­hen­den Kirsch­baum­gar­ten. Ein wil­der Duft, von dem ich mir träu­mend erzähl­te, dass ich ihn eigent­lich nicht wahr­neh­men kön­ne, also nur erfun­den habe, weil ich im Schlaf befind­lich, über kei­nen Geruchs­sinn ver­fü­ge. Da war im Gar­ten ein papie­re­nes Band von Stamm zu Stamm gespannt, dar­auf eine hand­schrift­li­che Zei­le, unend­lich schein­bar, weil der Anfang und das Ende des Ban­des unsicht­bar. Ich kann mich nun an den Text, den die Zei­le auf dem Papier ent­hielt, nicht erin­nern, wohl aber an einen Mann, auf den ich traf, nach­dem ich der Zei­chen­stre­cke eine Wei­le lesend gefolgt war. Er hielt einen Blei­stift in der Hand, arbei­te­te, schrieb eine zwei­te Zei­le über die bereits vor­han­de­ne Zei­le, gleich­wohl einen Text, den ich nicht erin­ne­re. Für eine län­ge­re Zeit sah ich ihm schwei­gend zu, stand direkt hin­ter ihm und hör­te dann, wie er sag­te, ohne den Blick von sei­ner schrei­ben­den Hand zu neh­men, dass man manch­mal eine Varia­ti­on der eige­nen Lebens­zei­le schrei­ben müs­se, um ver­ste­hen zu kön­nen. Nichts löschen, sag­te der Mann, inter­pre­tie­ren, den­ken, nach­füh­len. — stop

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yanuk : medusenfliegen

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echo

~ : yanuk le
to : louis
sub­ject : MEDUSEN
date : oct 4 08 8.55 a.m.

Gegen den Abend zu Höhe 286 erreicht. Woll­te noch wei­ter stei­gen, hef­ti­ges Fie­ber zwang mich zur Ruhe. Zunächst lan­ge Zeit geschla­fen, nach­dem ich mein Zelt errich­tet hat­te und ver­täut mit dem Stamm des Bau­mes, der noch immer so kräf­tig ist, dass zwei oder drei Men­schen ihn gemein­sam nicht umar­men könn­ten. Heu­te ist mir woh­ler, obwohl ich noch erhitzt bin. Auf Knien bewe­ge ich mich über die Platt­form, weil mei­ne Schrit­te unsi­cher sind, habe das Gefühl zu schlin­gern. Ja, Mr. Lou­is, so schla­fe ich und beob­ach­te dann wie­der das Stei­gen und Sin­ken der Medu­sen­flie­gen, es sind hun­der­te, viel­leicht tau­sen­de Hand­tel­ler gro­ße Wesen, deren Schir­me lang­sam um sich krei­sen. Und weil sie leuch­ten, ein zar­tes, blau­es Licht, das pul­siert, das auf die Bewe­gung mei­ner Fin­ger reagiert, als wür­den sie zu mir und mit mir spre­chen, wird es nachts an die­ser Stel­le mei­ner Rei­se nie­mals dun­kel. Habe nach lan­ger Beob­ach­tung fest­ge­stellt, dass sie mit­ein­an­der ver­bun­den sind, Fäden, sehr fei­nes Werk, viel­leicht frei­lie­gen­de Neu­ro­nen, sodass ich den Schwarm der Medu­sen­flie­gen, als ein schwe­ben­des Gehirn beschrei­ben könn­te. Muss das wei­ter unter­su­chen. Hast Du schon ein­mal ver­sucht, einen Fisch­schwarm zu zäh­len? Oder eine Vogel­wol­ke? stop. Yanuk

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15.58 UTC
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yanuk to louis »

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anleitung zum glücklichsein

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gink­go : 18.25 — Am letz­ten Tag des Sep­tem­bers unterm Regen­schirm spa­ziert. Zunächst reg­ne­te es Regen­sand, dann Regen­reis, dann reg­ne­te es klei­ne Frö­sche. Für einen kur­zen Moment dach­te ich dar­an, in einem Film ange­kom­men zu sein, der von Loui­sia­na han­delt. Das war ein fei­nes Gefühl unterm klin­gen­den Schirm am Ufer des Mis­sis­sip­pi zu ste­hen und den Frö­schen zu lau­schen, die auf ihrer letz­ten Rei­se vom Him­mel erstaun­li­che, pfei­fen­de Geräu­sche von sich gaben. Als ich so im Frosch­re­gen am gro­ßen Fluss stand, erin­ner­te ich mich an einen klei­nen Text, den ich im ver­gan­ge­nen Jahr bereits geschrie­ben habe. Und sofort wuss­te ich, dass ich die­sen Text, sobald ich wie­der zu Hau­se ange­kom­men sein wür­de, noch ein­mal lesen soll­te. Es ist noch immer ein beru­hi­gen­der Text, ein Text, der mich berührt. Des­halb will ich die­sen klei­nen Text, eine Anlei­tung zum Glück­lich­sein, noch ein­mal für Sie wie­der­ho­len: „Man ver­las­se das Haus. Sorg­fäl­tig alle Bewe­gun­gen des Ver­kehrs beach­tend, gehe man so lan­ge durch die Stadt, bis man auf eine Buch­hand­lung trifft. Dort kau­fe man: Cor­ta­zar, Julio – Geschich­ten der Cro­nopi­en und Famen. Dann gehe man spa­zie­ren, tra­ge den schma­len Band durch die Stra­ßen, bis man einen Park erreicht, wenn Som­mer, oder ein Café, wenn Win­ter ist. Man neh­me Platz und lese. Über den Umgang mit Amei­sen bei­spiels­wei­se, oder wie wun­der­bar ange­nehm es ist, ein Spin­nen­bein pos­ta­lisch an einen Außen­mi­nis­ter auf­zu­ge­ben. Oder man las­se sich im Uhren­auf­zie­hen oder im Trep­pen­stei­gen unter­wei­sen. Jetzt bereits wird man eine leich­te Wär­me spü­ren, die aus der Gegend des Bau­ches nach oben und unten in Arme und Bei­ne aus­wan­dert. Also lese man wei­ter, lau­sche jenen ange­neh­men Geräu­schen im Kopf, – die­sem sagen wir: Jeder­mann wird schon ein­mal beob­ach­tet haben, dass sich der Boden häu­fig fal­tet, der­ge­stalt, dass ein Teil im rech­ten Win­kel zur Boden­ebe­ne ansteigt und der dar­auf­fol­gen­de Teil sich par­al­lel zu die­ser Ebe­ne befin­det, um einer neu­en Senk­rech­te Platz zu machen. Oder jenem: Trep­pen steigt man von vorn, da sie sich von hin­ten oder von der Sei­te her als außer­or­dent­lich unbe­quem erwei­sen. It works.”
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kokons

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bamako : 0.08 — Ein­mal saß ich in einem Hos­pi­tal am Bett eines kran­ken Kin­des. Ich las die­sem klei­nen, blas­sen Wesen aus einem Buch vor, und wäh­rend ich mit ruhi­ger Stim­me las, oder vor­gab zu lesen, spür­te ich, wie ich von unge­wöhn­lich hel­len Augen betrach­tet wur­de. Viel­leicht weil das Kind um die Gefahr wuss­te, die ihm droh­te, hat­te das Kind der­art hel­le Augen. Und so flo­gen wir gemein­sam durch eine Geschich­te hel­ler Augen, durch eine Geschich­te, die von einem Mann erzähl­te, der auf dem Atlan­tik von wei­ßen Walen in einer See­not­ret­tungs­in­sel durch das Was­ser gezo­gen wur­de. Man könn­te sagen, die Wale sorg­ten sich um das Leben die­ses Man­nes, sie fin­gen ihm Fische und sie zogen ihn aus einer ein­sa­men Gegend des Mee­res an einen Ort, den Schiff­fahrts­li­ni­en kreuz­ten. Was das Kind viel­leicht nicht ein­mal ahn­te, das Buch, das auf mei­nen Knien ruh­te, erzähl­te tat­säch­lich davon, wie man Java­code pro­gram­miert. Und doch war dort im Buch eine Geschich­te, weil ich immer wie­der ein­mal umblät­ter­te, wäh­rend ich für das Kind Satz für Satz aus der Luft erfand. Von Zeit zu Zeit, ich erin­ne­re mich noch genau, lach­te das Kind, sodass ich heu­te sagen kann, dass es sich bei die­sem Buch um ein gelun­ge­nes Nacht­buch mit Licht gehan­delt haben muss­te. – Kurz nach Mit­ter­nacht. Habe einen Buch­sta­ben­kno­ten in mei­nem Kopf. — stop

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nahgespräch

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india : 3.30 — Das schöns­te Glück in einer Welt, jen­seits der vir­tu­el­len Welt, wenn es zwei Men­schen mög­lich ist, sich zu sehen, zu berüh­ren, zu umar­men, sobald sie mit­ein­an­der spre­chen und den­ken und lachen oder trau­ern oder strei­ten oder mit­ein­an­der schwei­gen. — stop

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hibiscilli

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marim­ba : 3.02 — An einem stür­mi­schen Abend den wun­der­ba­ren Film Augen­lied beob­ach­tet. Ein Mann, der blind gewor­den ist, sitzt in einem bei­na­he dunk­len Zim­mer. Das spär­li­che Licht, ein Licht nur für uns. Das Zim­mer war das dun­kels­te Zim­mer mit Licht, das ich je gese­hen habe. Etwas spä­ter erzählt ein wei­te­rer Mann, sei­ne Frau habe zu ihm gesagt, das Schlimms­te sei, dass sie, nach­dem er blind gewor­den war, unsicht­bar gewor­den sei für alle Zeit. — 3 Uhr und eine Minu­te. — stop

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sirius

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kili­man­dscha­ro : 0.28 — Gegen Mit­ter­nacht ste­he ich im Arbeits­zim­mer, hebe bei­de Arme, mache Flü­gel, weil ich dar­über nach­den­ke, wie es wäre, gewichts­los zu sein. Ich habe mir vor­ge­stellt, dass man viel­leicht ein­mal auf die Idee kom­men wird, Men­schen zu erfin­den, die ohne Kno­chen sind, weil sie Kno­chen nicht benö­ti­gen, weil sie ohne jede Schwe­re im Welt­raum exis­tie­ren auf gro­ßer Fahrt. Die­se Men­schen wür­den von einer kräf­ti­gen Haut begrenzt, leg­ten sich viel­leicht in waben­för­mi­gen Struk­tu­ren zur Ruhe, wären falt­bar und weich wie Medu­sen. Wenn sich zwei die­ser Medu­sen­men­schen in einem schwe­re­lo­sen Raum begeg­ne­ten, wür­den sie sich in einer Zart­heit umschmei­cheln, die uns Kno­chen­menschen grund­sätz­lich fremd ist, weil wir in der Begeg­nung, auch in der Lie­be, gewohnt sind auf Wider­stän­de sto­ßen zu wol­len, auf Gegen­wehr, auf eine Fes­tig­keit, die wir benö­ti­gen, um sagen zu kön­nen, das bin ich und das bist Du. Ist das nicht ein bezau­bern­der Film, wie sich nahe des Siri­us­ster­nes zwei uralte Medu­sen­we­sen durch einen Tan­go atmen, wie sie ver­liebt ihre pul­sie­ren­den, ihre licht­durch­läs­si­gen Lun­gen betrach­ten? Wie könn­ten die­se Wesen beklei­de­ten sein, wel­che Bücher wür­den sie lesen, wel­che Musik wür­de sie in glück­li­che Schwin­gung ver­set­zen, was wer­den sie essen, was wer­den sie trin­ken, was wer­den sie ein­mal von mir den­ken, wenn sie lesen, was ich heu­te Nacht bereits für sie auf­ge­schrie­ben habe? — stop

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mimikri

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tan­go : 5.58 — Wie­der Pseud­ony­me gesucht, gefun­den, gesam­melt. Fei­ne Namen, Namen, die in kei­nem Ver­zeich­nis der Such­ma­schi­nen­welt ent­hal­ten sind. Es ist so, als wür­den Men­schen, die einen die­ser Namen tra­gen, nicht exis­tie­ren, wes­we­gen ich die Namen jener nicht exis­tie­ren­den Men­schen auf einem Zet­tel notier­te. Dann ging ich spa­zie­ren. Ich spa­zier­te am See um die Ecke unter Kas­ta­ni­en­bäu­men und las die Namen laut vor mich hin, und als ich nach weni­gen Minu­ten das Geräusch der ers­ten fal­len­den Kas­ta­nie die­ses Herbs­tes hör­te, wuss­te ich, wie ich fort­an hei­ßen wer­de. Also ging ich wie­der nach Hau­se und leg­te den Namen vor mich auf den Schreib­tisch. Ein guter Name, dach­te ich, ein her­vor­ra­gen­der guter Name für eine erns­te Geschich­te, aber auch für hei­te­re Din­ge. — stop

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