Aus der Wörtersammlung: putin

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krimlinie

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nord­pol : 15.12 UTC — In den ver­gan­ge­nen Tagen lern­te mei­ne Schreib­ma­schi­ne fol­gen­de Wör­ter, die in ihren Prüf­ver­zeich­nis­sen bis­lang nicht zu fin­den gewe­sen waren: Aso­w­re­gi­ment . auf­pil­zen . Bajo­nett­mes­ser . Bel­ling­cat . Ber­dy­ansk . Beschüs­se . Clo­no­din . Doscht . Droh­nen­vo­gel­schwarm . Ele­fan­ten­mo­dell­bau­er . Eva­ku­ie­rungs­ge­biet . Eva­ku­ie­rungs­zo­nen . Fergha­na . Funk­mess­füh­ler . Funk­kom­mu­ni­ka­ti­ons­mo­dule . Gefechts­feld­be­leuch­tung . Gefie­der­kar­ten . Hala­bu­da .  Hosto­mel.  Krim­li­nie .  Kirs­ju­sha .  Loz­nit­sa .  Lwiw . Mari­ne­infan­te­rie­bri­ga­de .  Mari­ne­infan­te­rie­ein­hei­ten . Mari­ne­infan­te­rie­trup­pen . Mariu­po­lis . Mariu­pols­to­ries . Maschi­nen­ge­wehr­ge­schos­se . Maschi­nen­ge­wehr­schüs­se . Meli­to­pol . Mobil­funk­turm . Not­fall­ko­or­di­na­ti­on . Pan­zer­gla­schif­fe . pro­rus­sisch . Pes­kow . Putin-Ver­ste­her . Qui­noa . Rach­ma­ni­now . Radarle­se­ge­rät . Radi­ka­li­sie­rungs­ma­schi­nen. — stop

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sequenz

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echo : 6.08 — Ich beob­ach­te mei­nen Fern­seh­bild­schirm. Er ist so flach, dass ich mei­ne, das beweg­te Bild, wel­ches er emp­fängt, müss­te trans­pa­rent sein wie ein Schmet­ter­lings­flü­gel. Ich könn­te in die­ser Vor­stel­lung durch das Zim­mer lau­fen, um jene Sequen­zen, die von Kriegs­vor­be­rei­tun­gen, von chir­ur­gi­schen, begrenz­ten Luft­schlä­gen erzäh­len, von der ande­ren Sei­te her zu betrach­ten. Erin­ner­te mich an Boh­u­mil Hra­bal, von dem berich­tet wird, er wür­de bevor­zugt hin­ter sei­nem Fern­seh­ge­rät Platz genom­men haben. Das muss zu einer Zeit gewe­sen sein, als Bild­schir­me in den Rah­men mons­trö­ser Appa­ra­tu­ren hock­ten, Röh­ren­bild­schir­me genau­er, die noch explo­die­ren konn­ten. Indem Hra­bal sei­nen Bild­emp­fän­ger von hin­ten betrach­te­te, han­del­te er mit dem Aus­druck äußers­ter Ver­wei­ge­rung, er saß dort und konn­te sich dar­auf ver­las­sen, kei­nes der emp­fan­ge­nen Bil­der sehen zu kön­nen, er war genau dort hin­ter jener Maschi­ne, die die Bil­der erzeug­te, vor den Bil­dern sicher. Viel­leicht hat­te er über­dies das Fern­seh­ge­rät aus­ge­schal­tet, ich weiß es nicht, gern wür­de ich ihn fra­gen, ihm erzäh­len, wie ich das mache in die­sen Tagen, da ich mir zuneh­mend sicher bin, Lüge von Halb­wahr­heit oder Wahr­heit unter­schei­den zu kön­nen. Wirk­lich, wahr­haf­tig ist die­ses selt­sa­me, schmer­zen­de Gefühl, das ich bei dem Gedan­ken emp­fin­de, man soll­te Herrn Putin unver­züg­lich ver­haf­ten. Es ist ein zufrie­de­nes, zustim­men­des Gefühl, ein Reflex, wie ich so in mei­ner fried­li­chen, siche­ren Woh­nung sit­ze, eine Tas­se Kaf­fee in der Hand. Bald wan­de­re ich in die Küche und bra­te mir einen Fisch, eine klei­ne Dora­de. Ich höre die Stim­men der Kom­men­ta­to­ren vom Arbeits­zim­mer her, die wei­ter spre­chen, obwohl ich nicht da bin. Und ich höre den Regen, es reg­net tat­säch­lich, dann hört es wie­der auf. Vögel flie­gen vor­über. Auf der Schei­be eines Fens­ters sitzt ein Mari­en­kä­fer und nascht von den Res­ten einer Wes­pe, die ich einen Tag zuvor töte­te, weil sie sich in der Dun­kel­heit mei­nem Bett näher­te. — Das Radio erzählt, die Künst­le­rin Sasha Skoch­i­len­ko sei in St. Peters­burg inhaf­tiert, weil sie auf Preis­schil­der Nach­rich­ten vom Krieg in der Ukrai­ne notier­te. — stop

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swetlana

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oli­mam­bo : 22.14 UTC — Ein­mal, vor zwei Jah­ren, spre­che ich mit Swet­la­na, die in einem Dorf weit hin­ter dem Ural in Sibi­ri­en gebo­ren wor­den war. Es ist ein spä­ter Abend und warm. Ein­tags­flie­gen zwir­beln durch die Luft. Ich sage: Wir, lie­be Swet­la­na, wir in Euro­pa sind in gro­ßer Gefahr, weil wir nicht wis­sen wie der 45. Prä­si­dent der USA und Wla­di­mir Putin han­deln wer­den. Swet­la­na ist par­tout nicht die­ser Mei­nung. Sie schüt­telt sehr lan­ge Zeit den Kopf: Da ken­ne ich Dich schon acht Jah­re lang und Du liest noch immer die fal­schen Zei­tun­gen. Es kommt mir so vor, als wür­dest Du eine ganz ande­re Welt bewoh­nen. Nein, wir sind nicht in Gefahr, Putin ist ein guter Mann, und der ande­re auch. Einen Moment schweigt sie. Dann fährt sie fort mit einem Lächeln: Wie kann man nur so klug sein, und doch die ganz fal­schen Zei­tun­gen lesen. — stop
ping

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i love you

pic

romeo : 15.18 — Am See im Pal­men­gar­ten. Ers­te mil­de Stun­den. Abend­seg­ler jagen durch die Däm­me­rung. Für einen Moment der Ein­druck, es könn­te sich bei den Schat­ten der Flie­gen­jä­ger um klei­ne, spie­len­de Engel han­deln. Auf der Bank neben mir ruht mein Film­te­le­fon, gera­de eben erscheint der Feu­er­ball einer deto­nie­ren­den Bom­be in der Stadt Bos­ton nahe einer Mara­thon­stre­cke. Wenn ich den Kanal wech­se­le, Skate­board­fah­rer, die über Haus­dä­cher sprin­gen auf der Insel San­to­rin, ein Mäd­chen mit Zahn­span­ge träl­lert: I love you, i love you! Bald dunk­le Rauch­pil­ze über der Stadt Alep­po. Auf einer Stra­ße liegt der Kör­per einer Frau, der sich noch bewegt, obwohl sie unbe­dingt tot sein müss­te, so furcht­bar die Ver­let­zun­gen, die ihr zuge­fügt wor­den sind. Ich spie­le den Film immer wie­der ab, war­um? Als es dun­kel wird über dem Was­ser, Stil­le. Man hört in der Licht­lo­sig­keit nichts vom Jagen der Tie­re, wenn man sie nicht sieht. Weni­ge Stun­den spä­ter wird Wla­di­mir Putin sagen, bei dem Anschlag in Bos­ton han­de­le es sich um ein bar­ba­ri­sches Ver­bre­chen. — stop

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funkköpfe

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romeo : 6.22 — Ein klei­ne Geschich­te habe ich rasch zu erzäh­len. Sie ereig­ne­te sich ges­tern Abend gegen 22 Uhr. Ich war zu die­sem Zeit­punkt außer­or­dent­lich müde gewor­den, hat­te gera­de einen Brief an einen Freund geschrie­ben, in dem ich von neu­ro­chir­ur­gi­schen Kon­struk­ti­ons­ar­bei­ten in Funk­vö­gel­köp­fen berich­te­te, wie ich der Ein­pflan­zung eines Peil­sen­ders bei­gewohnt hat­te genau­er, von der Öff­nung eines Möwen­schä­dels, sowie ers­ten Flug­steue­rungs­ver­su­chen, Abstür­zen, aber auch geglück­ten Flug­ma­nö­vern, Loo­pings, über wel­che sich jene ers­te unter den fern­ge­steu­er­ten Möwen selbst ver­mut­lich sehr gewun­dert haben dürf­te. Kaum hat­te ich den Brief fer­tig notiert, klin­gel­te das Tele­fon. Ich wur­de in mei­ner Kon­zen­tra­ti­on gestört, und zwar genau in dem Moment, da ich die Adress­zei­le mei­nes E‑Mailprogramms bear­bei­te­te. Schon wars pas­siert, ich hat­te mei­ne E‑Mail ver­se­hent­lich an das Büro Vla­di­mir Putins geschickt, was nun eigent­lich von mei­ner Posi­ti­on aus nicht sehr gefähr­lich ist, aber doch unan­ge­nehm, weil ich dort­hin nicht in per­sön­li­cher Wei­se schrei­ben woll­te, weil man nicht weiß, wer bei Putin in Mos­kau her­ein­kom­men­de E‑Mails liest, und ob sie viel­leicht über­setzt oder wei­ter­ge­lei­tet wer­den. Inter­es­san­ter­wei­se beob­ach­te ich nun mit­tels der Live­ver­si­on der Goog­le — Ana­ly­tics­ma­schi­ne, dass mei­ne Par­tic­les – Tex­te seit Stun­den von Mos­kau her betrach­tet wer­den. Da ist ein ziem­lich eigen­ar­ti­ges Gefühl, das sich nach und nach ent­fal­tet. Bald frü­her Mor­gen. Die Amseln vor dem Fens­ter pfei­fen. Ich habe mir eine Enten­brust gebra­ten. Sie dampft sehr schön auf einem Tel­ler vor mir auf dem Tisch. Ja, eine wirk­lich unheim­li­che Geschich­te ist das, die Vögel, die Köp­fe, der Kreml. — stop
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