Schlagwort: stunde

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von wortgeräuschen

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india : 15.28 UTC — Noch zu tun in den letz­ten Stun­den die­ses Tages: Lärm­wör­ter erfin­den. Fol­gen­de Wör­ter sind bereits bekannt: LÄRMEN LÄRMBLÄSER LÄRMECKE LÄRMENBLASEN LÄRMENSCHLAGEN LÄRMENTE LÄRMER LÄRMFACKEL LÄRMFEUER LÄRMFROH LÄRMGASSE LÄRMGLOCKE LÄRMIG LÄRMKANONE LÄRMMACHER LÄRMPLATZ LÄRMSCHUSZ LÄRMSPIEL LÄRMSTANGE LÄRMSTÜCK LÄRMWORT LÄRMZEICHEN. Samm­lung nach dem Wör­ter­buch der Gebrü­der Grimm. Eine Lärm­en­te, das ist eine Schnat­ter­en­te. — stop
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ai : MOSAMBIQUE

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MENSCH IN GEFAHR : “Ama­de Abu­ba­car arbei­tet als Jour­na­list beim kom­mu­na­len Radio­sen­der Naced­je im Bezirk Maco­mia in der Pro­vinz Cabo Del­ga­do im Nor­den von Mosam­bik. Am 18. Janu­ar ord­ne­te das Bezirks­ge­richt von Maco­mia eine Ver­län­ge­rung sei­ner Unter­su­chungs­haft in der Poli­zei­zen­tra­le von Maco­mia an. Der zustän­di­ge Rich­ter erklär­te sei­ne Inhaf­tie­rung für recht­mä­ßig mit der Begrün­dung, Ama­de Abu­ba­car sei am Tag nach sei­ner Ver­brin­gung in den Poli­zei­ge­wahr­sam dem Gericht vor­ge­führt wor­den. Gemäß Para­graf 311 des Straf­ge­setz­buchs von Mosam­bik muss jede Per­son inner­halb von 48 Stun­den nach der Inhaf­tie­rung vor Gericht erschei­nen. Der Rich­ter ließ im Fall von Ama­de Abu­ba­car unbe­ach­tet, dass die­ser bereits am 5. Janu­ar von der Poli­zei fest­ge­nom­men wor­den war. Anschlie­ßend hielt das Mili­tär ihn dann zwölf Tage lang ohne Kon­takt zur Außen­welt fest, bevor er am 17. Janu­ar wie­der an die Poli­zei über­ge­ben wur­de. Mit der anhal­ten­den Inhaf­tie­rung von Ama­de Abu­ba­car wird gegen sein Recht auf ein fai­res und ord­nungs­ge­mä­ßes Ver­fah­ren ver­sto­ßen. / Ein von dem Jour­na­lis­ten ein­ge­reich­ter Antrag auf eine Frei­las­sung unter Auf­la­gen wies der Rich­ter ab. Er begrün­de­te dies damit, dass Bewei­se, die in der poli­zei­li­chen Ermitt­lungs­ak­te ent­hal­ten sind, kei­ner­lei Zwei­fel an sei­ner Schuld lie­ßen. Der Rich­ter gab wei­ter­hin an, dass Ama­de Abu­ba­car im Fal­le einer Frei­las­sung wei­te­re Straf­ta­ten bege­hen kön­ne und somit eine Gefahr für den sozia­len Frie­den dar­stel­len wür­de. Die Poli­zei leg­te dem Gericht als Beweis gegen Ama­de Abu­ba­car eine Lis­te von mut­maß­li­chen Mit­glie­dern der isla­mis­ti­schen Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on Al-Shaba­ab vor, die der Jour­na­list bei sei­ner Fest­nah­me bei sich trug. Zudem wies die Poli­zei dar­auf hin, dass der Vor­ge­setz­te von Ama­de Abu­ba­car nichts von den Inter­views gewusst habe, die er durch­ge­führt hat­te. / Ama­de Abu­ba­car dro­hen kon­stru­ier­te Ankla­gen wegen „öffent­li­cher Auf­wie­ge­lung mit­hil­fe von elek­tro­ni­schen Medi­en“ (Para­graf 322 des Straf­ge­setz­buchs) und „Ver­let­zung von Staats­ge­heim­nis­sen über sozia­le Medi­en“ (Para­graf 323 des Straf­ge­setz­buchs). Amnes­ty Inter­na­tio­nal befürch­tet, dass er nur auf­grund sei­ner Arbeit als Jour­na­list und wegen der Wahr­neh­mung sei­nes Rechts auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung unter Ankla­ge steht.” - Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­le­ne schrift­li­che Aktio­nen bis spä­tes­tens zum 7.3.2019 unter > ai : urgent action
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pulverpfeifen

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alpha : 12.08 UTC — In der schwan­kenden Stra­ßen­bahn wie­der höre ich wie sie mit bren­nenden Augen nach Wör­tern suchen für das schep­pernde Licht des Magne­siums, für das Fau­chen der benga­li­schen Feu­er, die sie in ihren klei­nen Fäus­ten hiel­ten. Da ist eine Nacht­se­kunde, die Sekun­de, in der sie das rote, das verbo­tene Stäb­chen ent­zün­det und gera­de noch eben recht­zeitig von sich gewor­fen haben. Das Heu­len der chine­si­schen Pulver­pfeifen. Und da sind noch Funken­regen und blau­graue Wölk­chen, die sich auf klei­ne Zun­gen nieder­legten. Nicht die Feuer­blumen des Him­mels, das Spek­takel der nächs­ten Nähe entfes­selt die Erin­ne­rung von Stun­de zu Stun­de. Zünd­hölzer, ver­bor­gen in Hosen­ta­schen, sind zurück­ge­blieben, auch die­ses Schwe­fel­holz, eine heim­liche Geschich­te. – stop /koffertext

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schlafende mutter

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del­ta : 22.02 UTC — Wie vie­le Tage schon sit­ze ich an Dei­nem Bett, lie­be schla­fen­de Mut­ter, Stun­de um Stun­de. Immer wie­der den­ke ich, wie schwer es doch ist, zu einem Men­schen zu spre­chen, der schläft. Ob Du mich hören kannst? Hör zu, ich wer­de Dir eine Geschich­te vor­le­sen, die ich Dir schon ein­mal las vor über einem Jahr. Einen Win­ter und einen Früh­ling und einen Som­mer lang warst Du auf­ge­wacht, um nun wie­der zu schla­fen. Ich ahne, dass Du mei­ne Stim­me hören kannst, ich habe gelernt. Erin­nerst Du Dich an mei­ne Geschich­te, die von Dei­nen Bril­len erzählt: Es war noch dun­kel im Haus. Ich hör­te ein sir­ren­des Geräusch. Das Geräusch näher­te sich, es kam über die Trep­pe abwärts her­an. Zunächst war nichts zu sehen, dann aber eine Dei­ner drei Bril­len, lie­be Mut­ter, die über zar­te Roto­ren ver­fü­gen, wel­che in der Lage sind, Bril­len­kon­struk­tio­nen durch die Luft zu bewe­gen, durch Räu­me oder den Gar­ten. Dei­ne Bril­le kam näher, durch­quer­te das Wohn­zim­mer, kreis­te ein­mal um mei­nen Kopf, lan­de­te schließ­lich sanft auf dem Ess­ti­sch in der Nähe des Stuh­les, auf dem Du, wie ich ver­geb­lich hoff­te, ein­mal wie­der Platz neh­men wür­dest. Über drei Bril­len ver­fügtest Du, lie­be Mut­ter, und jede die­ser Bril­len konn­te flie­gen. Eine Bril­le sta­tio­nier­te im Dach­ge­schoss, eine wei­te­re Bril­le im Erd­ge­schoss, die drit­te Dei­ner Bril­len, lie­be Mut­ter, zu ebe­ner Erde. Wie sie blin­kten, Dioden in gel­ber Far­be, Zei­chen, dass sie sich mit­tels unhör­ba­rer Funk­si­gna­le ori­en­tie­rten. Jetzt lie­gen sie auf dem Tisch­chen reg­los neben Dei­nem Bett, als wür­den sie schla­fen wie Du, lie­be Mut­ter. – stop
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faltergeschichte

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sier­ra : 0.55 — Ein Nacht­fal­ter segel­te durch mein Arbeits­zim­mer als sei er eine Erin­ne­rung. Das Tier war so müde und so schwach, dass es sich der Luft anver­trau­te. Kurz dar­auf saß der Fal­ter auf dem Boden und ich hob ihn auf und setz­te ihn behut­sam an eine Wand. — Es ist jetzt bald 1 Stun­de nach Mit­ter­nacht. Ein paar Dioden­lich­ter glü­hen zu mir her­über. Ich wer­de den Fal­ter füt­tern, wer­de ihn mit­tels Zucker­was­ser über den Win­ter brin­gen. Er könn­te viel­leicht 250 Jah­re alt, er könn­te ein Lich­ten­berg­fal­ter sein, der bei mir zu Kräf­ten kom­men möch­te. — stop

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indulin

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echo : 20.55 UTC — Eine wunder­bare Geschich­te habe ich vor vie­len Jah­ren ent­deckt, eine Geschich­te der kata­la­ni­schen Schrift­stel­lerin Mer­cè Rodo­reda. Ich will sie an die­ser Stel­le an die­sem schö­nen Sams­tag­abend wie­der­be­le­ben. Mer­cè Rodo­reda schreibt: Sie ist weiß und sie ist blau. Das heißt, sie ist weiß wie die wei­ße Rose, und ganz plötz­lich wird sie blau. Ein Insekt färbt sie, so scheint es, aber nie­mand weiß, wie es das macht. Ein Augen­blick der Zerstreut­heit und schon ist sie blau. Die­ses Insekt trägt in einem Knie, mit fadi­gem Spei­chel fest­ge­näht, ein Päck­chen, und in die­sem Päck­chen, umge­ben von Eiern und von Blau – reins­tes Indu­lin – ist der Ehe­mann. Die­ser Ehe­mann schläft den gan­zen Tag und bebrü­tet die Eier, die durch ein Loch in das Päck­chen fal­len, das in dem Knie ist, wor­an es fest­ge­näht ist. Wenn die Stun­de kommt, kriecht das Insekt der Blu­me ins Herz, lädt das Päck­chen ab, und die Blu­me, die weiß war, wird blau von oben bis unten. Sie sagen: – Oh, es ist näm­lich so, daß der Ehe­mann, sobald er sich blumen­um­hüllt sieht, das Päck­chen auf­bricht und alles von blau­em Saft über­schwemmt wird und die Eier plat­zen und die Klei­nen sofort los­flie­gen, jedes mit sei­nem Päck­chen im Knie … einver­standen. Aber das sind blo­ße Vermu­tungen. Die Wahr­heit ist, daß die Blu­me in einem Nu blau wird. Wie? Dahin­ter kommt man nie, und jeder­mann ist ein biß­chen durch­ein­ander und ver­wirrt. — stop
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rose No 2

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india : 22.58 UTC — In einem schat­ti­gen Laden nahe der Roo­se­velt Island Tram­way Basis­sta­ti­on West war­te­te ein­mal ein alter Mann hin­ter einem Tre­sen. Er war ver­mut­lich ame­ri­ka­ni­scher Staats­bür­ger chi­ne­si­schen Ursprungs. Als ich von dem klei­nen Park her, des­sen Lin­den­bäu­me Küh­le spen­de­ten, in den Laden trat, ver­beug­te sich der Mann, grüss­te, er kann­te mich bereits, wuss­te, dass ich mich für Schne­cken inter­es­sie­re, für Was­ser­schne­cken prä­zi­se, auch für wan­dern­de See­ane­mo­nen­bäu­me, und für Pra­li­nen, die unter der Was­ser­ober­flä­che, also im Was­ser, hübsch anzu­se­hen sind, schwe­ben­de Ver­su­chun­gen, ohne sich je von selbst auf­zu­lö­sen. An die­sem hei­ßen Som­mer­abend kamen wir sofort ins Gespräch. Ich erzähl­te dem alten Mann, ich wür­de nach einem beson­de­ren Geschenk suchen für ein Kie­men­mäd­chen namens Rose. Sie sei zehn Jah­re alt und nicht sehr glück­lich, da sie schon lan­ge Zeit den Wunsch ver­spür­te, wie ande­re Kin­der ihres Alters zur Schu­le zu gehen, leib­haf­tig am Unter­richt teil­zu­neh­men, nicht über einen Bild­schirm mit einem fer­nen Klas­sen­raum ver­bun­den. Ich glau­be, ich war genau zu dem rich­ti­gen Zeit­punkt in den Laden gekom­men, denn der alte, chi­ne­sisch wir­ken­de Mann, freu­te sich. Er mach­te einen hel­len, pfei­fen­den Ton, ver­schwand in sei­nen Maga­zi­nen, um kurz dar­auf eine Rei­he von Spiel­do­sen auf den Tre­sen abzu­stel­len. Das waren Wal­zen- und Loch­plat­ten­spiel­do­sen mit Kur­bel­wer­ken, die der Ladung einer Feder­span­nung dien­ten. Vor einer Stun­de gelie­fert, sag­te der alte Mann, sie machen schau­er­lich schö­ne Geräu­sche im Was­ser! Man kön­ne, setz­te er hin­zu, sofern man sich in dem sel­ben Was­ser der Spiel­do­sen befän­de, die fei­nen Stö­ße ihrer mecha­ni­schen Wer­ke über­all auf dem Kör­per spü­ren. Bald leg­te er eine der Dosen in ein Aqua­ri­um ab, in wel­chem Zwerg­see­ro­sen sie­del­ten. Kurz dar­auf fuhr ich mit der Tram nach Roo­se­velt Island rüber. Das Musik­werk, Ben­ny Good­man, das ich für Rose erstan­den hat­te, war in das Gehäu­se einer Jakobs­mu­schel ver­senkt. Die Schne­cke leb­te, wes­we­gen ich tropf­te, weil der Beu­tel, in dem ich Roses Geschenk trans­por­tier­te, über eine undich­te Stel­le ver­füg­te. Gegen Mit­ter­nacht, ich war gera­de ein­ge­schla­fen, öff­ne­te tief in mei­nem rech­ten Ohr knis­ternd eine Zwerg­see­ro­se ihre Blü­te. — stop
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im juli

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echo : 0.10 UTC — Ein­mal, vor einem Jahr prä­zi­se, ging ich im Haus der alten Men­schen her­um. Da waren geöff­ne­te Türen, und da schau­te ich hin­ein in die Zim­mer. Ich beob­ach­te­te einen alten Mann, der vor sei­nem Roll­stuhl knie­te, und eine alte Dame mit schloh­wei­ßem Haar, die lag wie ein Mäd­chen mit weit von sich gestreck­ten Armen und Bei­nen im Bett wie in einer Som­mer­wie­se. An einem wei­te­ren Tag beob­ach­te­te ich ein Bett, in des­sen Kis­sen­tie­fe ein klei­ner Mensch ruhen muss­te. Nur Hän­de waren von ihm zu sehen, die sich beweg­ten, die Schat­ten war­fen, die spiel­ten oder mit der Luft spra­chen Stun­de um Stun­de, Tag für Tag. — Und jetzt ist ein Jahr spä­ter gewor­den, es ist Novem­ber, es ist Zeit zu berich­ten, dass der klei­ne unsicht­ba­re Mensch im August gestor­ben ist. Viel­leicht ist er an den Wir­kun­gen der Zeit gestor­ben oder aber in sei­nem Bett an den Fol­gen eines ohren­be­täu­ben­den Lärms, der auf ihn ein­wirk­te mona­te­lang, weil man das Haus über ihm um ein Dach­ge­schoss erwei­ter­te, wäh­rend er noch immer in sei­nem Bett lag. Aber das ist natür­lich nur eine Ver­mu­tung öder eine Befürch­tung oder eine Behaup­tung, nichts wei­ter. — stop

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unter freiem himmel

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sier­ra : 15.08 — Ich spa­zier­te im Park. Und wie ich so spa­zier­te, dach­te ich, viel­leicht bist Du schon 5105 Male durch die­sen Park spa­ziert, war­um nicht. Da ent­deck­te ich plötz­lich, dass jeder der Bäu­me des Parks zwei Meter über dem Boden ein Schild­chen trug an sei­nem Stamm. Zunächst ent­deck­te ich ein Schild­chen am rau­en Stamm einer Spott­nuss. Auf dem Schild­chen waren zwei Buch­sta­ben und fünf Zah­len ver­zeich­net, das könn­te ein Code sein, dach­te ich, dann ging ich wei­ter, um an dem Stamm einer Eibe ein ähn­li­ches Schild­chen zu bemer­ken. Wie­der waren zwei Buch­sta­ben und fünf Zah­len auf grü­nem Hin­ter­grund auf­ge­tra­gen. Eine Stun­de lang betrach­te­te ich Stäm­me der Bäu­me des Parks, Stäm­me der Rot­bu­chen, Bir­ken, Zwerg­nuss­kas­ta­ni­en, Erlen, Eichen, und eines gewöhn­li­chen Trom­pe­ten­baums, sie alle waren mit einem Schild­chen von Metall ver­se­hen, Zif­fern, einem Schat­ten dem­zu­fol­ge, einem beson­de­ren Blick. Ver­mut­lich, dach­te ich, wird irgend­wo ein Buch oder ein digi­ta­les Ver­zeich­nis exis­tie­ren, in dem die Exis­tenz der Bäu­me fest­ge­hal­ten ist, ihre Namen mög­li­cher­wei­se und ihr Alter, viel­leicht auch, wie sich die Bäu­me beneh­men im Win­ter und im Som­mer. Zuletzt dach­te ich, dass ich even­tu­ell durch ein Muse­um spa­zie­re. Das denk ich noch immer. Win­ter ist gewor­den. — stop

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