ilse aichinger

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5.38 – Es soll jetzt Tonfilme geben. – Das war ein rätsel­hafter Satz. Und es war einer von den ganz wenigen rätsel­haften Sätzen der Erwach­senen, die mich nicht losließen. Einige Jahre später, ich ging schon zur Schule, sagte die jüngste Schwester meiner Mutter, wenn wir an den Sonn­tagen zu meiner Groß­mutter gingen, bei der sie lebte, fast regel­mäßig am späten Nach­mittag: > Ich glaub, ich geh jetzt ins Kino. < Sie war Pianistin, unter­rich­tete für kurze Zeit an der Musik­aka­demie in Wien und übte lang und leiden­schaft­lich, aber sie unter­brach alles, um in ihr Kino zu gehn. Ihr Kino war das Fasan­kino. Es war fast immer das Fasan­kino, in das sie ging. Sie kam frös­telnd nach Hause und erklärte meis­tens, es hätte gezogen und man könne sich den Tod holen. Aber sie ließ ihr Fasan­kino nicht, und sie holte sich dort nicht den Tod. Den holte sie sich, und der holte sie gemeinsam mit meiner Groß­mutter im Vernich­tungs­lager Minsk, in das sie depor­tiert wurden. Es wäre besser gewesen, sie hätte ihn sich im Fasan­kino geholt, denn sie liebte es. Aber man hat keine Wahl, was ich nicht nur bezüg­lich des Todes, sondern auch bezüg­lich der Auswahl der Filme zuweilen bedauere, wenn meine liebsten Filme plötz­lich aus den Kino­pro­grammen verschwinden. Obwohl ich es gerne wäre, bin ich leider keine Cine­astin, sondern gehe sechs oder siebenmal in denselben Film, wenn in diesem Film Schnee fällt oder wenn die Land­schaften von England oder Neueng­land auftau­chen oder die von Frank­reich, denen ich fast ebenso zuge­neigt bin. Ilse Aichinger : Mitschrift

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nachtsammlung

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2.24 – Habe 628 Optionen gezählt, das Wort Nacht fort­zu­setzen. Zum Beispiel: Nach­ti­gal­len­affe Nacht­ge­wölbe Nacht­duft Nacht­durch­schwärmer Nacht­eu­lenton Nacht­ge­fieder Nacht­wolf. Oder aber Nacht­pa­pagei : das ist der merk­wür­digste aller papa­geien, der kakapo von neusee­land [ stri­gops habrop­tilus ], den man mit demselben rechte, mit welchen man die eulen im gegen­satz mit den falken einer beson­deren familie unter­bringt, als einen vertreter einer eigenen familie betrachten muss. [ nach Grimm­sches Wörter­buch N – Q ] – Drei Uhr zwölf. In meinen Zimmern ameri­ka­ni­sche Stimmen. Funk­ge­räu­sche. Geräu­sche meiner Kind­heit. Welt­raum­ge­räu­sche. Geräu­sche, wie sie auch in Guan­ta­namo zu hören sind. Den Schlaf raubende Geräu­sche. – stop

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liebeslaute

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1.55 – Seit ich gestern, gegen den Morgen zu, erfahren habe, dass Buckel­wale zur Paarungs­zeit über eine Sprache verfügen, die einfa­chen mensch­li­chen Spra­chen ähnlich ist, immer wieder die Frage, was ich unter einer einfa­chen mensch­li­chen Sprache verstehen sollte, die atem­lose Sprache der Lust viel­leicht oder die Sprache der Chat­räume? Ob eine dieser mensch­li­chen Spra­chen viel­leicht geeignet wäre, sich mittels einer Prozedur der Über­set­zung von Wal zu Mensch zu verstän­digen? Wir könnten uns vom Land und von der Tiefsee erzählen. Eine gran­diose Vorstel­lung, auf hoher See Luft perlend vor einem Wal zu schweben und zu warten und zu wissen, dass er gleich, nach ein wenig Denk­zeit, zu mir spre­chen wird. Etwas also sagen oder singen, das nur für mich bestimmt ist. Viel­leicht eine Frage: Wie heißt Du, mein Freund? Oder : Ich hörte von Bäumen! - Es ist 2 Uhr 10 und ich bin sehr gut gelaunt, weil ich etwas Lich­ten­berg gelesen habe. Er schreibt um das Jahr 1774 herum: Eine Fleder­maus könnte als eine nach Ovids Art verwan­delte Maus ange­sehen werden, die, von einer unzüch­tigen Maus verfolgt, die Götter um Flügel bittet, die ihr auch gewährt werden. – Wie aber sollte ich einem Walfreund Abu-Ghraib, Grosny, Darfur, Simbabwe, Tibet und Burma erklären, das Foltern, das Okku­pieren, das offene und das heim­liche Töten von Menschen­hand? Und wie den Hunger? Und wie das Schweigen? – stop

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segelspinne

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3.08 – Eine Stunde genau ist vergangen, seit ein sehr kleiner Gegen­stand den Luft­raum über der Tastatur meiner Schreib­ma­schine durch­querte. Er kam von links, also von Westen, und flog nach rechts, also gegen Osten, und weil nicht das geringste Geräusch zu hören war, das Geräusch eines Aufpralls in etwa, war ich zunächst über­zeugt, mich geirrt zu haben. Aber dann konnte ich im Licht der Tisch­lampe einen sehr feinen Faden erkennen, der sich über die Tasten gelegt hatte. Ich erin­nerte mich sofort an eine Spinne, die ich im Früh­jahr zuletzt auf meinem Schreib­tisch gesehen habe, ein hübsches, geräusch­loses Wesen. – Es ist jetzt kurz nach halb fünf Uhr und ich bin zufrieden. Ich habe eine Stunde lang nichts getan, als mit einem feinen Pinsel bewaffnet auf der Schreib­tisch­platte unter dem Licht des Elek­tro­mondes einen Kampf gegen eine Spring­spinne zu fechten, die kaum größer ist als ein Steck­na­del­kopf, schwarz und weiß geti­gert, und so verspielt wie eine junge Katze. Hab ich diesen Text nicht bereits vor langer Zeit schon einmal gedacht? – stop

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wartezeit

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0.15 – Ich schreibe diesen Text heut Nacht nur aus einem Grund: Ich wünsche, wach zu bleiben. Vor den Fens­tern: Dunkel. Das Licht einer Stra­ßen­la­terne ist ausge­fallen und der Himmel bedeckt. Jetzt stehe ich auf. Laufe hin und her und pfeife. Sobald ich am Schreib­tisch vorüber­komme, setzte ich mich und schreibe ein paar Wörter und dann stehe ich wieder auf und gehe pfei­fend weiter. Nichts weist darauf hin, dass dieser Text tatsäch­lich von einem laufenden Menschen gedacht und geschrieben wurde, von einer Person, die je nur ein oder zwei Worte notierte, um sogleich weiter­zu­gehen. Alles könnte nur behauptet sein. – Weshalb höre ich auf zu pfeifen, sobald ich schreibe?  Ist die Zeit, die ich damit verbringe, auf ein Wort zu warten, als Arbeits­zeit anzu­sehen? Ist der Zustand konzen­trierter Aufmerk­sam­keit für sich schon eine Leis­tung? -stop

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krapp

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Versuchs­an­ord­nung > 20.05 – 20.07 Uhr MEZ : Krapp im Chat

[Login OK]
[Krapp joined channel Welcome!]
[82users in channel Welcome!]

RickJ2!!: Bye bye.
Krapp: „Have just eaten I regret to say three bananas and only with diffi­culty refrained from a fourth.“
Gulli_S2: Hotmail?
[katsu left channel Welcome!]
UrFixa­tion: Omg, stop it with the banana story.
Krapp: „Fatal things for a man with my condi­tion.“
2005Guy!!: Ur…is getting visuals..lol
Gulli_S2: Hotmail
[muff’ joined channel Welcome!]
Krapp: „Extra­or­di­nary silence this evening.“
UrFixa­tion: lol
UrFixa­tion: I am
RickJ2!!: Some old stories krapp.
[muff’ left channel Welcome!]
Devilish.fr is away from keyboard.
UrFixa­tion: Flash­backs
UrFixa­tion: lol
Gulli_S2: Fuck you!
Krapp: „I strain my ears and do not hear a sound.“
RickJ2!!: lol
[Gulli_S2 left channel Welcome!]
2005Guy!!: I bet…not pretty
UrFixa­tion grins evilly.
RickJ2!!: Watch out gulli
Krapp: „Just been listening to an old year, passages at random.“
[2HOT4YOU left channel Welcome!]
AngusYoung: I just found out i have lung cancer and it sucks!
RickJ2!!: aww
Krapp: „I did not check in the book, but it must be at least ten or twelve years ago.“
UrFixa­tion: Where did that come from?
[GuitarAd­dicted left channel Welcome!]
2005Guy!!: Woaw.
[Play­boyl­overs joined channel Welcome!]
Krapp: „Now the day is over.“
2005Guy!!: Zackly.
SlicK­girl: Should i simply mute him?
[Muff joined channel Welcome!]
RickJ2!!: Same stories krapp, right?
[Kalkan left channel Welcome!]
[Space Monkey left channel Welcome!]
Muff greets all.
Krapp: „Night is drawing nigh-igh.“
[Porto-boy joined channel Welcome!]
2005Guy!!: I thought i just had dezavu…
RickJ2!!: Get it??
Play­boyl­overs: hi dudes
Play­boyl­overs: lol
Krapp: „Shadows.“
2005Guy!!: Don’t know how to spell it..lol
[AngusYoung left channel Welcome!]
RickJ2!!: Hey baaby
[Bryan1997_4_you joined channel Welcome!]
[Desiree left channel Welcome!]
Bryan1997_4_you: Hi all
Muff: Chess game anybody?
Lilli: Wait an minute
Bryan1997_4_you: Anyone wanna chat
RickJ2!!: Krapp do you know english?
[Andriy!!!! left channel Welcome!]
[Lana-puma-hoty joined channel Welcome!]
19-m-Fran­cais: Kein Deutsch hier?
UrFixa­tion: Nein
Muff: RickJ2 do you fancy me.
Krapp: „Past midnight. Never knew such silence. The earth might be unin­h­a­bited.“
Thebi­gone greets all.
[Black­Scor­pion left channel Welcome!]
[JoeNY left channel Welcome!]
Bryan1997_4_you: hi courtney
RickJ2!!: what u mean muff
[Country-Boy joined channel Welcome!]
Muff: RickJ2 why do u ignore me?
Porto-boy greets all.
Lilli greets all.
[Krapp left channel]
[Welcome!]

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libelle

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17.57 – Eine Libelle, die dicht über der Wasser­ober­fläche nach Fliegen jagt. Höre das Brummen ihrer Flügel. Ein kraft­volles Geräusch. Eines dieser Geräu­sche, die man mit dem Bauch zu hören meint, als wären dort geheime Ohren für Libel­len­ge­räu­sche ange­bracht. In diesem Moment nun, die Libelle schwebt fast bewe­gungslos vor mir in der Luft, der Gedanke, man sollte winzige Gene­ra­toren auf den Rücken der Libellen verschalten, genau dort, wo die Mechanik des Fluges aus ihrer Brust entsteht. – Das schöne Licht der Dioden über den Sommer­seen. – Exis­tieren viel­leicht heim­liche Struk­turen in meinem Körper, die nicht bereits mit einem grie­chi­schen oder latei­ni­schen Namen bezeichnet sind? – stop

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ein kaiser und sein ohr

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8.15 – Ich hörte, vor sehr langer Zeit einmal habe der Kaiser von China in der verbo­tenen Stadt ein Ohr auf den Boden gelegt, um heraus­zu­finden, was in der Welt vor den verschlos­senen Toren geschieht. Was wird er vernommen haben? – stop

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