gedankenstimme

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india : 5.12 – Ich wieder­holte einen Gedanken, den ich gegen Mitter­nacht wahr­ge­nommen hatte, in dem ich versuchte, ihn zunächst langsam und kurz darauf in einer schnel­leren Weise zu denken. Und während ich also Geschwin­dig­keiten probierte, entdeckte ich, dass ich einer­seits mit Wörtern, mit Stimm­wör­tern denke, aber auch ohne Stimme, ohne Wörter. Ich kann die Wörter­stimme in meinem Kopf schneller denken oder ich kann sie lang­samer denken. Gedanken, erste Gedanken, die scheinbar ohne Sprache sind, sind dagegen so schnell, dass sie bereits fertig geworden sind, wenn sie in meinem Kopf noch nicht ange­fangen haben. – Gestern wurde Radovan Karadzic gefangen.

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innenohraugen

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echo : 15.00 – In einer E-Mail die Notiz entdeckt, dass ich, wenn ich in mich hinein­schaue, eigent­lich nicht schaue, sondern höre. Ich habe das aufge­schrieben, ohne geprüft zu haben, ob stimmt, was ich behaup­tete. In der vergan­genen Nacht nun, während der Arbeit an einer kleinen Geschichte, die von den Simmons erzählt, einem Ehepaar, das in diesen Tagen 216 Jahre alt geworden sein soll, habe ich mich einge­hend beob­achtet. Und tatsäch­lich glaube ich, voller Über­zeu­gung sagen zu können, dass ich über keine Augen verfüge, die nach innen gerichtet sind, sondern über Ohren, vornehm­lich in meinem Kopf. Wenn ich das Wort lepo­rello lese, sehe ich das Wort, wenn ich aber das Wort lepo­rello in meinem Kopf suche und wieder finde, dann höre ich das Wort. Auch Geschichten, die sich in meinem Kopf befinden, sind zunächst Geräu­sche. – Sieb­zehn Uhr und eine Minute MESZ in Shangil Tobay, Darfur.

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fliegende arme

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delta : 0.05 – Wieder kurz nach Mitter­nacht. Immer schneller laufen die Tage. Gerade eben entdeckte ich auf Kartei­karte 705 eine Notiz, die ich am 7. März 2006 in einem anato­mi­schen Präpa­rier­saal vermerkte. Sie geht so: Heute Beginn der Gesicht­prä­pa­ra­tion. Wilhelm, 21, erzählt, er habe von haut­losen Armen geträumt, die an Propel­ler­flü­geln hinter ihm her durch den Saal schwebten. Meis­tens schlafe er aber gut. Wenn Wilhelm einmal nicht schlafen kann, liest Wilhelm Stein­beck. Das beru­hige.

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käferwerfen

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sierra : 22.31 – Regeln für das Werfen von Käfern an Sommer­abenden. Ein türkis­far­bener Rüssel­käfer, zum Beispiel, sollte möglichst nach acht Uhr nicht mehr geworfen werden. Er schläft dann schon und ist mit der Entfal­tung der Flügel im Halb­schlaf zu langsam. Dagegen sind schlanke Lauf­käfer auch nach zehn Uhr abends, selbst im Dunkeln noch, problemlos durch die Luft zu schleu­dern. Pillen­dreher, gut gepan­zert, stürzen so wie so, demzu­folge jeder­zeit, vom Himmel. Mari­en­käfer kennen keine Regel, mal fällt einer, dann wieder nicht. – stop

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yanuk : frogs

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sierra

~ : yanuk le
to : louis
subject : LIGHT
date : july 12 08 6.15 p.m.

Lieber Mr. Louis, ich schreib Dir noch rasch, bevor die Dunkel­heit wie ein nasses Tuch vom Himmel fallen wird. Ist Dir bekannt, dass ich seit bald zwei­hun­dert Tagen auf Baum No 728XZ sitze, ohne einmal den Erdboden berührt zu haben? Viel Zeit habe ich in den vergan­genen Wochen damit verbracht, mein Zelt gegen das Licht der Sonne abzu­dichten. Werde fortan versu­chen, am Tag zu schlafen und nachts meinen Forschungs­ar­beiten nach­zu­gehen. Bin zufrieden, habe viel neue Wesen entdeckt, aber die Hitze setzt mir zu, und das Licht scheint doch eine Flüs­sig­keit zu sein, die durch den kleinsten Spalt fließen und mein Zelt auszu­füllen vermag. Viel­leicht ist das Licht deshalb nicht auszu­schalten, weil ich weiß, dass es dort draußen, vor meinem Zelt unter dem Mantel von Blät­tern, hell ist, oder weil Licht in meinem Kopf brennt, das ich nicht zu Ende denken kann. Und doch, mein lieber Louis, bin ich glück­lich. Dank Dir herz­lich für den feinen Simmons Text. Das erste Buch, das ich per E-Mail erhalten habe. Ich bin natür­lich noch nicht sehr geübt im Lesen vor Bild­schirmen und die Falter setzen mir zu. Sie haben die Größe meiner Hände, sind staubig und zu schwer für die Zungen der Frösche, die in meiner Nähe sitzen und warten, dass ich mit meinen Selbst­ge­sprä­chen beginnen werde. Manchmal habe ich das Gefühl, bereits seltsam geworden zu sein. Viel­leicht bin ich ein erfun­denes Geschöpf? Wirst Du schreiben, sobald Du etwas vom Verrückt­sein bei mir findest? – 6.12 p.m. 32°C. 97 Prozent Luft­feuchte. Posi­tion 1°38’S 61°42’W – Yanuk

einge­fangen
22.05 UTC
1538 Zeichen

yanuk to louis »

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cognacregen

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papa : 22.00 – Eine grau­en­hafte Vorstel­lung ist, es könnte eines schönen Tages Cognac regnen. Eine tauben­graue Wolke wird dann aufge­zogen sein und mit Wein­brand werfen in Strömen. Vor allem an schwül­heißen Tagen wird sich rasch ein Zustand allge­meiner Unord­nung ergeben. Man könnte viel­leicht gerade noch unter die Dächer der Häuser fliehen, um der süßen Dampf­luft zu entgehen. Auch Bäume wären sichere Orte, sobald das Malheur weiter gezogen sein wird. Man sitzt jetzt mit anderen Flücht­lingen nahe der Krone unter betrun­kenen Vögeln. Wie ist das möglich, wird man fragen, wer hat den Wein­brand in die Wolke gesteckt?

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simbabwe

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delta : 0.02 – Gestern, am frühen Nach­mittag, legte ich mich auf mein Sofa, weil ich von der Nacht­ar­beit sehr müde war. Ich stellte mein Fern­seh­gerät an, dort lief ein kleiner Charlie Chaplin Film, sofort schlief ich ein. Als ich wieder wach wurde nach zwei Stunden, war der kleine Film zu Ende und ich sah in einem anderen Film eine Frau in einer sehr schönen, grünen Land­schaft auf dem Erdboden liegen. Die Frau, die ich sah, war eine afri­ka­ni­sche Frau, eine Bürgerin des Staates Simbabwe. Sie lag dort in Simbabwe auf dem Boden, weil sie so schwach zu sein schien, dass sie nicht sitzen konnte. Sie war unge­fähr so alt wie ich oder sehr viel jünger, der tägliche Hunger hatte sie viel­leicht älter gezeichnet, und sie schaute in die Kamera, eine euro­päi­sche Kamera, und sagte, dass sie so gerne eine Apfel­sine haben würde.

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himmelbahn

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romeo : 1.15 – Über­legte, was wäre, wenn ich einmal meine Sprache verloren haben würde, wenn eine Ameise vor einer nunmehr sprach­losen Person über einen Tisch spazierte? Was würde ich noch denken, wenn ich dieses Tier sehen, aber kein Wort für seine Erschei­nung in meinem Kopf entde­cken könnte? Ich müsste viel­leicht ein Wort erfinden in diesem Moment, um das Amei­sen­tier wahr­nehmen, das heißt, über das Tier nach­denken zu können. Viel­leicht würde ich mich an das Wort Eisen­bahn erin­nern. Viel­leicht würde ich sagen, das ist eine sehr kleine Eisen­bahn, die über den Himmel laufen kann.

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nachtzeppelin

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whiskey : 5.25 – Selt­same Luft­er­schei­nung heute Nacht. Warm war’s bis 1 Uhr, dann plötz­lich kühl bis 2, dann wieder warm. Arbei­tete bei geöff­neten Fens­tern, hörte Duke Ellington, über­legte einen Brief an Daisy Hilton. Viel­leicht ist ein kühles Objekt lautlos über die Stadt geflogen, ein Nacht­zep­pelin, oder ein Schwarm sehr kalter Falter­tiere, völlig unbe­kannte Wesen, oder aber alle Eisspinnen der Stadt, so wie sie im Geheimen in jedem Kühl­schrank exis­tieren, haben ihre Boxen verlassen und sich zum Plau­dern draußen vor den Fens­tern getroffen. Wer könnte schon sagen, was genau geschehen ist in dieser Stunde mit ihrer selt­samen Luft. Haben doch fast alle Menschen geschlafen. – Es ist 7 Uhr morgens. Ich leg mich jetzt nieder. Gute Nacht.

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