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nord­pol : 10.28 — Habe heute bemerkt, dass ich eine Fotografie, die ich vor eini­gen Jahren verge­blich wiederzufind­en suchte, nun tat­säch­lich ver­loren zu haben scheine. Ich erin­nere mich, die Fotografie zeigt die Raum­sta­tion MIR in großer Höhe über der Erde schwebend. Ich kon­nte mich zulet­zt noch gut an das far­bige Bild erin­nern, vielle­icht deshalb, weil mich die Auf­nahme, als ich sie vor mir auf dem Tisch liegen sah, tage­lang berührte. Jet­zt, heute, nur noch ein vages Bild, wie ein Entwurf, dem ich nicht trauen kann, aber die Beschrei­bung der Fotografie, die ich aus der Erin­nerung notierte: Ein Bul­lauge, dort das Gesicht ein­er Frau, ein ern­stes Gesicht, Ahnung, Schat­ten, Züge ein­er rus­sis­chen Kos­mo­nautin, die Monate alleine auf der MIR-Sta­tion lebte. Sie beobachtet die äußerst behut­same Annäherung eines Raum­schiffes der NASA, in dem sich Men­schen befind­en, die ver­mut­lich bere­its Kon­takt aufgenom­men haben: Wir sehen Dich! — Da war das tiefe Schwarz des Weltalls im Hin­ter­grund, ein abso­lut tödlich­er wirk­ender Raum, der sich zwis­chen den bei­den Raumkör­pern erstreck­te. — stop
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5 uhr acht

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nord­pol : 5.10 — Ich hörte, junge Schmetter­lings­finken sollen nachts vom Sin­gen träu­men. — Ist das eine Nachricht? — stop

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unterm maulbeerbaum

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delta : 18.12 — Hele­na erzählt, sie habe einen Text notiert, 258 Seit­en, in dem von einem jun­gen Mann die Rede sein soll, der sich unter einen Maulbeer­baum set­zte, um seinen Pulss­chlag zu zählen. Wie er nun gegen seine Müdigkeit kämpft, gegen das aufreizende Gefühl der Ameisen­beine, welche unter seinen Hosen­beinen spazieren, auch gegen Durst- und Hungerge­füh­le, wie lange Zeit kann man so sitzen und zählen, nicht lange. Es war noch nicht ein­mal dunkel gewor­den, als der junge Mann auf­s­tand und ver­schwand. Da war nun also ein Maulbeer­baum gewe­sen irgend­wo im Süden, ein paar Vögel außer­dem, Hasen, Füchse, Eidech­sen, Spin­nen, Käfer und eine Erzäh­lerin, die darauf wartete, dass der junge Mann wieder kom­men und seine Pulse weit­erzählen würde. Wie sie in ihrem Kopf Stun­den, Tage, Wochen lang den Baum beobachtete, wie sie sich indessen ein­mal erin­nerte an einen Fre­und, der ver­rückt gewor­den sein soll, weil er nicht damit aufhören kon­nte, Zeitungspa­piere mit­tels Scheren zu zer­legen. Er sam­melte Beweise für dies und das! Berge von Zeitun­gen soll er in sein­er Lei­den­schaft für Beweis­sicherung zer­legt haben, auch unter­wegs kon­nte er nicht damit aufhören, ein Selt­samer, der nur deshalb in Zugabteilen sicht­bar wurde, weil die Papiere, die Zeitun­gen selb­st damals, als er lebte, noch sicht­bar gewe­sen waren. Heutzu­tage darf man, sagt Hele­na, in unsicht­bar­er Weise ver­rückt wer­den, fast alle sind wir schon längst ver­rückt, haben auf Com­put­ern Texte gesam­melt, die wir niemals lesen wer­den, weil das Leben nicht reicht, auch nicht für Beweise. In ihrer Geschichte im Übri­gen will sie eine weit­ere Erzäh­lung ver­steckt haben, jedes einzelne Wort der Geschichte, auch ganze Sätze. Um welche Erzäh­lung es sich präzise han­delt, möchte sie nicht ver­rat­en. Die Erzäh­lung soll von ein­er berühmten Schrift­stel­lerin erfun­den wor­den sein, eine wun­der­bare Miniatur. Sie wartet noch immer. — stop

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masuleh

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nord­pol : 15.08 — Fol­gende E-Mail, die ein Mann namens Lorenz geschrieben haben kön­nte, erre­ichte mich in der ver­gan­genen Nacht um 2.07.15 Uhr: fd gmzinliqj cey­o­jii dy inti­ai laimisu­uv tiehurehn dw. Ich wun­derte mich, weil ich Lorenz nicht kenne. Wed­er war ein Link zu find­en, noch kon­nte ein Über­set­zung­spro­gramm den Text erschließen. Auch mit­tels der fehlen­den Zeichen im Text, die für einen kom­plet­ten Daten­satz unseres Alpha­betes unverzicht­bar wären, ließ sich keine ver­ständliche Nachricht entz­if­fern: b k p x. Sobald ich Lorenz antwortete, erhielt ich den Hin­weis, mein Schreiben sei nicht zustell­bar. Denkbar ist, dass ich einen ver­schlüs­sel­ten Text emp­fan­gen habe, oder einen Brief ohne jeden Sinn, ein Par­tikel vom Hin­ter­grun­drauschen, das zunehmen, das immer lauter wer­den kön­nte. — An alten, hölz­er­nen Türen der iranis­chen Stadt Masuleh sollen je zwei Türk­lopfer befes­tigt sein, ein­er für männliche, der andere für weib­liche Men­schen. — stop

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kopenhagen

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MELDUNG. Kopen­hagen, 1 Krys­tal­gade, 2. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 872 [ Mar­mor, Car­rara : 3.05 Gramm ] vol­len­det. — stop

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slow

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himalaya : 18.08 — Er schreibe, erzählte M., damit sich in seinem Leben nicht alles wieder­hole, Tag, Nacht, Win­ter, Som­mer, wenn ich erfinde und das Erfun­dene notiere, dann ist das so, als würde ich neues Land ent­deck­en, das ich betreten, auf dem ich spazieren kann. Deshalb bleibe sein Leben span­nend, es würde ihm wohl nie lang­weilig wer­den, auch wenn er sich wochen­lang mit ein und der­sel­ben Frage beschäfti­gen würde, zum Beispiel, weshalb er noch nie eine Fliege bemerken kon­nte, die auf dem Rück­en fliegen kann, obwohl sie doch längst erfun­den wor­den sei. — Vor weni­gen Minuten habe ich an M. seit langer Zeit wieder ein­mal gedacht, es war vielle­icht deshalb gewe­sen, weil ich einen Film beobachtete, der von der Arbeit und dem Leben John Irv­ings erzählt. Der Schrift­steller erwäh­nt Fol­gen­des: Jen­er Zeitraum, wenn ein Buch veröf­fentlicht wird, wenn alle Leute mit dir darüber reden, ist sehr kurz, es ist nach weni­gen Monat­en vor­bei. Dage­gen hat das Schreiben des Buch­es vielle­icht vier, fünf, sechs oder sog­ar sieben Jahre gedauert. Und für das näch­ste Buch braucht man dann wieder solange. Durch das Rin­gen habe ich gel­ernt, dass man diesen lan­gen Prozess lieben muss. Man muss es lieben, zu üben, dieselbe Bewe­gung hun­dert­mal zu wieder­holen mit dem­sel­ben lang­weili­gen Spar­ringspart­ner. Es dauert lange, Zen­time­ter für Zen­time­ter, hier etwas durch­stre­ichen, diesen Satz an diese Stelle, den Satz hier weg und dor­thin schieben, die Leute wür­den ein­schlafen, wenn sie einem Schrift­steller bei der Arbeit zuse­hen, oder einem Ringer beim Train­ing. Es war sehr wichtig für mich, das zu ler­nen. — stop

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ai : KONGO

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MENSCHEN IN GEFAHR : “Zahlre­iche Men­schen­rechtsvertei­di­ger wer­den in der Demokratis­chen Repub­lik Kon­go seit dem 15. März ohne Kon­takt zur Außen­welt fest­ge­hal­ten. Sie hat­ten im Eloko-Makasi-Jugendzen­trum in der Haupt­stadt Kin­shasa eine Pressekon­ferenz gegeben, die von Sicher­heit­skräften gewalt­sam aufgelöst wurde. / Am 15. März stürmten Sicher­heit­skräfte eine Pressekon­ferenz im Eloko-Makasi Jugendzen­trum in Kin­shasa, der Haupt­stadt der Demokratis­chen Repub­lik Kon­go. Sie nah­men etwa 30 Per­so­n­en fest, darunter Mit­glieder der kon­gole­sis­chen Jugen­dor­gan­i­sa­tion Lutte pour le Change­ment (LUCHA), der sene­gale­sis­chen Bewe­gung Y’en a Marre, der burkinis­chen Gruppe Bal­ai Citoyen, sowie einen US-amerikanis­chen Diplo­mat­en und anwe­sende Journalist_innen. Die Pressekon­ferenz wurde im Anschluss an einen Work­shop über die Beteili­gung von Jugendlichen an poli­tis­chen Prozessen im Vor­feld der anste­hen­den Wahlen im Land abge­hal­ten. Ver­anstal­ter waren die örtlichen NGOs la Jeunesse pour une Nou­velle Société (JNS), le Forum Nation­al de la Jeunesse pour l’Excellence (FNJE) und Lutte pour le Change­ment (LUCHA). / Amnesty Inter­na­tion­al liegen Infor­ma­tio­nen darüber vor, dass einige Per­so­n­en während der Fes­t­nahme von den Sicher­heit­skräften mis­shan­delt wur­den. Ein Augen­zeuge berichtete, dass Per­so­n­en von den Sicher­heit­skräften schikaniert und grob behan­delt wur­den, bevor man sie an unbekan­nte Orte ver­brachte. Der US-amerikanis­che Diplo­mat und die aus­ländis­chen Journalist_innen wur­den noch am sel­ben Tag wieder freige­lassen, die sene­gale­sis­chen und burkinis­chen Aktivist_innen wur­den aus­gewiesen. Weit­ere kon­gole­sis­che Menschenrechtler_innen befind­en sich nach wie vor ohne Kon­takt zur Außen­welt an unbekan­nten Orten in Haft. Ihnen dro­hen Folter und andere Mis­shand­lun­gen. / Amnesty Inter­na­tion­al sieht diese Angriffe auf die Mei­n­ungs-, Ver­samm­lungs- und Vere­ini­gungs­frei­heit mit großer Sorge. — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­lene schriftliche Aktio­nen, möglichst unverzüglich und nicht über den 4. Mai hin­aus, unter »> ai : urgent action

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himalaya : 15.08 — Von ein­er Straße­nun­ter­führung aus beobachtet der Cel­list Nathaniel Ayers den Him­mel, ein kleines Fen­ster, von Fahrbah­nebe­nen begren­zt, das ger­ade in diesem Augen­blick ein Flugzeug durch­quert. Er fragt den Jour­nal­is­ten Steve Lopez: Do you fly this plane? Der Jour­nal­ist antwortet: No, I am here! Nathaniel set­zt staunend hinzu: I don’t know how god works! / Filmzeit 18 Minuten 7 Sekun­den: The Soloist. Direc­tor: Joe Wright. — stop

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