Aus der Wörtersammlung: ende

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die sonne ist rund

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india : 5.08 — Wie in schwie­ri­ger Zeit im Schlaf die Welt nach und nach neu geord­net wird, kein Stein bleibt auf dem ande­ren. Jeder begin­nen­de Tag, ein Tag vor unbe­kann­ter Land­schaft. Jede erleb­te Geschich­te erzählt sich, als wäre sie nie gesche­hen. Die Son­ne ist rund.

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herzgeräusch

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echo : 2.08 — Gespräch über Geräu­sche, die mensch­li­che Her­zen erzeu­gen. Wun­de­re mich, sag­te ich, dass ich Dei­nes nicht höre. Wun­de­re mich über die Stil­le, die in Kon­zert­sä­len für Minu­ten herr­schen kann. Fünf­tau­send schla­gen­de Her­zen und doch die­se Stil­le. — stop

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taucher

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hima­la­ya : 0.12 — Men­schen, die tele­fo­nie­rend in U‑Bahnen sit­zen, machen Geräu­sche, als funk­ten sie aus einer ande­ren Zeit her­über, als wären sie Kon­ser­ve, als wür­de eine uralte Schall­plat­te abge­spielt, als wür­den sie in einem U‑Boot lang­sam sin­ken, krei­schen­de, knis­tern­de, kra­chen­de Töne aus ton­nen­schwe­rer Tie­fe, aus dem Infer­no spie­len­der Kra­ken Stim­men, die Frag­men­te flüs­tern, sodass man nur noch ver­damm­te letz­te Din­ge ant­wor­ten kann. Dann aber Stil­le. Ein wei­te­res Ende. Man steht her­um, man weiß nichts zu tun, man öff­net die Tür, Salz stürzt die Trep­pe her­auf, und Luft, eine Wel­le feuch­ter Luft, vom Was­ser gehetzt, das bereits um die Ecke don­nert. Kaum hat man einen Gedan­ken gefasst, ist alles geflu­tet, der Flur, das Bad, die Lun­ge. Jetzt trei­ben sie her­ein, schwe­ben in der Küche her­um, machen Zei­chen und Sät­ze, berich­ten von klei­nen Schreib­tisch­krie­gen, Kom­man­dan­ten der Tage. — stop

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sonarhupen

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tan­go : 0.52 — Abends see­wärts im Pal­men­gar­ten. Notier­te das Wort Venen­stern in die Maschi­ne. Ein Fal­ter setz­te sich auf den beleuch­te­ten Bild­schirm und tas­te­te mit sei­nen Füh­lern nach den Zei­chen des Wor­tes, viel­leicht des­halb, weil das leuch­ten­de Weiß des Bild­schirm­hin­ter­grun­des Luft, die Zei­chen dage­gen ein Etwas bedeu­te­ten, einen Schat­ten, mit dem kom­mu­ni­ziert wer­den konn­te. — Habe beob­ach­tet, dass ich, wenn ich mit mei­nen Ohren nach Geräu­schen suche, die nicht hör­bar sind, mei­ne Augen öff­ne so weit ich kann. — Ein­mal, für eine Stun­de nur, über das Ver­mö­gen ver­fü­gen, den Sonar­hu­pen der Abend­seg­ler lau­schen zu können. 

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italo calvino

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romeo : Viel­leicht kann ich, wenn ich an das Meer in den Stra­ßen Vene­digs den­ke, von Wel­len­be­we­gun­gen spre­chen, die einem sehr lang­sa­men Rhyth­mus fol­gen, von Halb­jah­res­wel­len, von Wel­len, die sich, sobald ich sie jen­seits ihrer eigent­li­chen Zeit betrach­te, wie Palom­ar’s Sekun­den­wel­len beneh­men. — Wann beginnt und wann genau endet eine Wel­le? Wie vie­le Wel­len kann ein Mensch ertra­gen, wie vie­le Wel­len von einer Wel­len­art, die Kno­chen und Häu­ser zer­trüm­mert? – Däm­me­rung. Stil­le. Nur das Geräusch der trop­fen­den Bäu­me. Eine Nacht voll Gewit­ter, glim­men­de Vögel irren am Him­mel, Nacht­vö­gel ohne Füße, Vogel­we­sen, die nie­mals lan­den. — stop

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regenmaschine

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char­lie : 0.01 — Wäh­rend eines Spa­zier­gangs ent­deck­te ich unlängst im Ein­gangs­be­reich einer luxu­riö­sen Wohn­an­la­ge eine Regen­ma­schi­ne. Eine Regen­ma­schi­ne, wer­den Sie viel­leicht fra­gen, was ist denn das? Nach Beob­ach­tung, eine hal­be Stun­de, lässt sich Fol­gen­des notie­ren. Eine Regen­ma­schi­ne reg­net je für drei Sekun­den genau dort­hin, wohin ein ordent­li­cher Regen, der vom Him­mel kommt, nicht fal­len kann, weil ihn ein Dach, bei­spiels­wei­se, dar­an hin­dert. Eine Regen­ma­schi­ne hin­ge­gen reg­net auch unter Dächern oder in Haus­ein­gän­gen oder in Woh­nun­gen, und auch dann, wenn es gera­de ein­mal nicht vom Him­mel reg­net, reg­net sie im Takt einer Minu­te. Die­ser Regen einer Regen­ma­schi­ne, wie ich sie vor­ge­fun­den habe, ist also ein beson­de­rer Regen, ein Regen, der sich gegen Per­so­nen rich­tet, gegen Stra­ßen­bür­ger, gegen Men­schen ohne eige­nes Dach über dem Kopf. Orga­ni­sier­ter Regen, sagen wir, Regen gegen den Schlaf und die­se Din­ge. — stop
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chatraupe

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oli­mam­bo : 0.10 – Auf dem Fens­ter­brett. Schau auf die Stra­ße hin­un­ter und höre selt­sa­men Schwal­ben zu, wie sie pfei­fend und fres­send durch die Nacht­luft flit­zen. Ange­neh­me Stun­de, obwohl mir gera­de nichts ein­fällt, weil befan­gen von Fern­seh­bil­dern, die ich vor einer Stun­de noch beob­ach­tet habe. Froh, dass ich das Fern­seh­ge­rät end­lich aus­schal­ten konn­te. Und wenn ich nun vom Fens­ter aus ins Zim­mer schaue, sehe ich einen wei­te­ren Text, als mei­nen schwei­gen­den Text, zei­len­wei­se auf dem Bild­schirm mei­ner gro­ßen Schreib­ma­schi­ne ent­ste­hen, ohne dass ich zur Ent­ste­hung die­ses Tex­tes etwas bei­tra­gen müss­te. Der Text schreibt sich lang­sam, schwin­gend wie eine Rau­pe vor­wärts. Natür­lich ist die­ser Text auf dem Bild­schirm kein Lebe­we­sen, wie eine Rau­pe ein Lebe­we­sen ist, das ster­ben, also auf­hö­ren könn­te. Die­ser Text ist das Ergeb­nis einer Schreib­ar­beit, die fünf­und­zwan­zig oder sechs­und­zwan­zig Men­schen in die­sem Moment in ihren Chat­pro­gramm­mas­ken ver­rich­ten. Der Ver­dacht, der Text schreibt sich auch dann, wenn ich nicht anwe­send bin. — Acht Uhr zwölf in Ran­gen, Bur­ma. — stop

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nachtmensch

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romeo : 0.08 – Man­che Men­schen, zum Bei­spiel, wenn ich ihnen nachts auf der Stra­ße begeg­ne, grü­ßen mich, als wür­den wir uns gera­de im Hoch­ge­bir­ge oder in einer ande­ren Wild­nis befin­den. Wir set­zen uns dann auf die nächs­te Bank, tau­schen ein wenig Pro­vi­ant und die letz­ten Nach­rich­ten aus, und füh­len ein­an­der ver­bun­den, sagen wir, durch den Man­gel an Licht. Ande­re Men­schen wie­der­um fürch­ten sich vor mir, wie jene uralte Dame mit ihrem noch älte­ren Hund, sie fletscht die Zäh­ne, sobald sie mich sieht gegen drei Uhr auf dem Ador­no­platz. Viel­leicht gehört sie bereits in den her­an­rü­cken­den Mor­gen, ist Tag­mensch, nicht Nacht­mensch, hält mich für licht­scheu­es Gesin­del. Obwohl ich ihr längst in mei­ner gan­zen Harm­lo­sig­keit bekannt sein müss­te, doch stets die­sel­be urmensch­lich dro­hen­de Hal­tung. Viel­leicht ist sie halb­wegs schon blind gewor­den. Oder aber ich wer­de ver­ges­sen, immer wie­der ver­ges­sen, ein­mal um die eige­ne Ach­se gedreht, und schon bin ich zu wei­te­rem tau­fri­schen Schre­cken geworden.
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