Schlagwort: fragment

///

schatten

2

echo : 0.22 — Vor eini­gen Jah­ren stell­te ich mir vor, wie ich eines Tages erwa­che und jedes Wort erin­nern kön­ne, das ich von die­sem Moment des Erwa­chens an den­ken wür­de, erin­nern jedes mei­ner Selbst­ge­sprä­che, auch jene Gedan­ken, die ich nie wirk­lich bemer­ke, weil sie so schnell vor­über­zie­hen, dass ich sie vor­dem bereits ver­ges­sen habe, in dem ich mich schon in dem nächs­ten Gedan­ken­zim­mer befin­de. Nichts, über­leg­te ich, wür­de von die­sem Moment an noch ver­lo­ren gehen. Auch alle Sät­ze nicht, die ich hören oder lesen wer­de, sobald ich das Haus ver­las­se, Notiz­zet­tel, Ein­kaufs­lis­ten, Frag­men­te von Zei­le zu Zei­le fal­len­der Anzei­ge­ta­feln an Flug­hä­fen oder Bahn­hö­fen, Zei­tungs­ar­ti­kel, Film­dia­lo­ge, alles das wür­de gespei­chert sein und könn­te zu jeder Zeit in genau der Rei­hen­fol­ge wie­der­holt wer­den, in der es von lei­sen Wör­ter­stim­men auf­ge­zeich­net wur­de. Ich frag­te, was wür­de mit mir gesche­hen? Wie lan­ge Zeit könn­te ich mit die­sem Ver­mö­gen aus­ge­stat­tet über­le­ben? In wel­cher Art und Wei­se wür­de ich mich erin­nernd durch mei­ne Ver­zeich­nis­se bewe­gen? Wür­de ich nicht viel­leicht in einem die­ser Maga­zi­ne auf der Suche nach einem Wort, einem Satz, einer Erin­ne­rung, für immer ver­schwin­den? — stop

ping

///

mondstimme

pic

char­lie : 20.32 — Eine bewe­gen­de Geschich­te erzähl­te Alex­an­der Gerst, Astro­naut der ESA, er wird im Jahr 2014 auf der Inter­na­tio­na­len Raum­sta­ti­on ISS for­schen und arbei­ten. Sein Groß­va­ter sei ein begeis­ter­ter Fun­ker gewe­sen. Er habe in einem Kel­ler­raum, der brumm­te und summ­te, eine Funk­sta­ti­on betrie­ben, Knöp­fe, Schal­ter, Anten­nen, ein fas­zi­nie­ren­der Ort. Ein­mal habe sein Groß­va­ter eine sei­ner Anten­nen zum Mond hin aus­ge­rich­tet und der klei­ne Jun­ge habe kurz dar­auf in das Mikro­phon gespro­chen. Zwei­ein­halb Sekun­den spä­ter sei­en Frag­men­te sei­ner Nach­richt, reflek­tiert von der Mond­ober­flä­che, zurück­ge­kehrt. Der Astro­naut erin­nert sich sei­ner Begeis­te­rung als er begriff, dass Tei­le sei­ner Per­son gera­de eben in Berüh­rung mit dem Mond gewe­sen waren. — stop

polaroidwalker

///

MELDUNG : ameisengesellschaft ln — 788

picping

MELDUNG. Amei­sen­ge­sell­schaft LN – 788 [ lasi­us niger ] : Posi­ti­on 48°21’N 07°01’O : Fol­gen­de Objek­te wur­den von 14.00 – 15.55 Uhr MESZ über das nord­west­li­che Wen­del­por­tal ins Waren­haus ein­ge­führt : sie­ben­und­zwan­zig tro­cke­ne Flie­gen­tor­si mitt­le­rer Grö­ße [ je ohne Kopf ], sech­zehn Baum­stäm­me [ à 5 Gramm ], vier Rau­pen in Grün, zwei­hun­dert­zwölf Rau­pen in Oran­ge, zwei Insek­ten­flü­gel [ ver­mut­lich die eines Zwerg­kopf­nacht­fal­ters ], fünf Streich­holz­köp­fe [ à 2 Gramm ], vier Flie­gen der Gat­tung Cal­li­pho­ri­dae in vol­lem Saft, son­nen­ge­trock­ne­te Rosen­blät­ter [ ca. 20 Gramm ], ein­hun­dert-vier­und­vier­zig Schne­cken­häu­ser [ je ohne Schne­cke ], acht gelähm­te Schne­cken [ je ohne Haus ], 5328 Amei­sen anlie­gen­der Staa­ten [ betäubt oder tran­chiert ], sechs Rüs­sel­kä­fer [ blau­tür­ki­se ], die Aas­ku­gel eines Pil­len­dre­hers, wenig spä­ter der Pil­len­dre­her selbst, eine Wild­bie­ne, sieb­zehn Frag­men­te eines Blat­tes [ Ili­as / Homer ] 7.5 Gramm. – stop

///

luftgespräch

pic

tan­go : 15.01 — Eine Notiz wie­der­ge­fun­den, die Mr. Sal­ter vor eini­gen Jah­ren unter dem Titel Ele­phan­tis­land notier­te. Er schrieb fol­gen­des: Kurz nach acht Uhr. Kal­te, tro­cke­ne Luft, ich notie­re mit klam­men Hän­den. Um 7 Uhr heu­te Mor­gen haben wir bei stür­mi­scher See Ele­phan­tis­land erreicht. Suche nach Mil­ler unver­züg­lich auf­ge­nom­men. Süd­west­li­che Bewe­gung die Küs­te ent­lang. Gegen 9 Uhr ers­te grö­ße­re See­ele­fan­ten­grup­pen gesich­tet. Hef­ti­ger Schnee­fall. Mit­tags dann auf mensch­li­che Spu­ren gesto­ßen. Eine Mul­de von zwei Fuß Tie­fe im gro­ben Unter­grund, hüft­ho­her Stein­wall nord­wärts. Im Wind­schat­ten: drei gebleich­te Wal­kno­chen, ein hal­bes Dut­zend fin­ger­di­cker Haut­stü­cke, ein Kamm, zwei ros­ti­ge Kugel­schrei­ber, eine Blech­tas­se, zwölf Pin­gu­in­schnä­bel, fünf Bat­te­rien, drei Klum­pen ran­zi­gen Fet­tes, Bruch­stü­cke eines Son­nen­kol­lek­tors und einer Schreib­ma­schi­ne. Das Werk­zeug war in einer Wei­se sorg­fäl­tig demo­liert, als sei eine Dampf­wal­ze dar­über hin und her gefah­ren. Dann wei­te­re zehn Minu­ten die Küs­te ent­lang, dann auf Mil­ler gesto­ßen. Der Dich­ter stand mit dem Rücken zu einem Fel­sen hin und rich­te­te ein Mes­ser gegen einen See­ele­fan­ten. Das Tier, das sehr gewal­tig vor unse­rem Mann in den Him­mel rag­te, war nur noch zwei Armes­län­gen ent­fernt und scheu­er­te mit dem Rücken über den Fel­sen. Eigen­ar­ti­ge Geräu­sche. Geräu­sche wohl der Lust. Geräu­sche, als habe das Tier eine ver­beul­te Trom­pe­te ver­schluckt. Geräu­sche auch von Mil­ler. Hel­le Geräu­sche, krei­schen­de, irre Töne. Wir haben zu die­sem Zeit­punkt das Fol­gen­de über Mil­ler zu sagen: Unser Mann ist ent­kräf­tet und stark ver­schmutzt. Zwei Fin­ger der lin­ken Hand sind erfro­ren. Kopf­wärts wan­dern­de Spu­ren von Dehy­dra­ti­on. Mil­ler spricht nur einen Satz: All for not­hing. Wir haben den Rück­weg ange­tre­ten, indes­sen, bei genaue­rer Betrach­tung unse­rer Umge­bung, auf Fels­for­ma­tio­nen ent­lang der Küs­te Frag­men­te von Zei­chen­ket­ten ent­deckt. Ein­deu­tig Mil­lers Hand­schrift. Brin­gen Dich­ter Mil­ler jetzt nach Hau­se. — Mitt­woch: Ein wis­pern­der, knat­tern­der, sin­gen­der, knir­sch­nen­der, lirr­pen­der, pfei­fen­der, sir­ren­der Bauch. Tie­re von Luft sind zu Besuch gekom­men, hüp­fen, sprin­gen, sei­len unterm Zwerg­fell­dach. Gesprä­che tat­säch­lich, die ich hören kann. — stop

///

wörterstimmen

2

kili­man­dscha­ro : 3.30 — Man stel­le sich ein­mal vor, man wach­te eines Tages auf und könn­te jedes Wort, das man von die­sem Moment des Erwa­chens an dach­te, erin­nern, all die Selbst­ge­sprä­che und  for­schen­den Dis­kur­se, auch jene Gedan­ken, die man nie bemerk­te, weil sie so schnell vor­über­ziehn, dass man sie ver­gisst, in dem man sich schon in nächs­ten Gedan­ken befin­det. Nichts wür­de von nun an ver­lo­ren gehen. Auch alle jene Sät­ze nicht, die man hören wird, sobald man das Haus ver­lässt, Notiz­zet­tel, Ein­kaufs­lis­ten, Frag­men­te von Zei­le zu Zei­le fal­len­der Anzei­ge­ta­feln auf Flug­hä­fen, Zei­tungs­ar­ti­kel, Film­dia­lo­ge, alles das wür­de gespei­chert und könn­te zu jeder Zeit in genau der Rei­hen­fol­ge wie­der­holt wer­den, in der es von Wör­ter­stim­men auf­ge­zeich­net wur­de. Was wür­de gesche­hen? Wie lan­ge Zeit könn­te man mit die­sem Ver­mö­gen aus­ge­stat­tet überleben?

///

elephantisland

5

echo

~ : rob salter
to : louis
sub­ject : ELEPHANTISLAND
date : june 2 09 8.58 p.m.

Kurz nach acht Uhr. Kal­te, tro­cke­ne Luft, ich notie­re mit klam­men Hän­den. Um 7 Uhr heu­te Mor­gen haben wir bei stür­mi­scher See Ele­phan­tis­land erreicht. Suche nach Mil­ler unver­züg­lich auf­ge­nom­men. Süd­west­li­che Bewe­gung die Küs­te ent­lang. Gegen 9 Uhr ers­te grö­ße­re See­ele­fan­ten­grup­pen gesich­tet. Hef­ti­ger Schnee­fall. Mit­tags dann auf mensch­li­che Spu­ren gesto­ßen. Eine Mul­de von zwei Fuß Tie­fe im gro­ben Unter­grund, hüft­ho­her Stein­wall nord­wärts. Im Wind­schat­ten: drei gebleich­te Wal­kno­chen, ein hal­bes Duzend fin­ger­di­cker Haut­stü­cke, ein Kamm, zwei ros­ti­ge Kugel­schrei­ber, eine Blech­tas­se, zwölf Pin­gu­in­schnä­bel, fünf Bat­te­rien, drei Klum­pen ran­zi­gen Fet­tes, Bruch­stü­cke eines Son­nen­kol­lek­tors und einer Schreib­ma­schi­ne. Das Werk­zeug war in einer Wei­se sorg­fäl­tig demo­liert, als sei eine Dampf­wal­ze dar­über hin und her gefah­ren. Dann wei­te­re zehn Minu­ten die Küs­te ent­lang, dann auf Mil­ler gesto­ßen. Der Dich­ter stand mit dem Rücken zu einem Fel­sen hin und rich­te­te ein Mes­ser gegen einen See­ele­fan­ten. Das Tier, das sehr gewal­tig vor unse­rem Mann in den Him­mel rag­te, war nur noch zwei Armes­län­gen ent­fernt und scheu­er­te mit dem Rücken über den Fel­sen. Eigen­ar­ti­ge Geräu­sche. Geräu­sche wohl der Lust. Geräu­sche, als habe das Tier eine ver­beul­te Trom­pe­te ver­schluckt. Geräu­sche auch von Mil­ler. Hel­le Geräu­sche, krei­schen­de, irre Töne. Wir haben zu die­sem Zeit­punkt das Fol­gen­de über Mil­ler zu sagen: Unser Mann ist ent­kräf­tet und stark ver­schmutzt. Zwei Fin­ger der lin­ken Hand sind erfro­ren. Kopf­wärts wan­dern­de Spu­ren von Dehy­dra­ti­on. Mil­ler spricht nur einen Satz: All for not­hing. Wir haben den Rück­weg ange­tre­ten, indes­sen, bei genaue­rer Betrach­tung unse­rer Umge­bung, auf Fels­for­ma­tio­nen ent­lang der Küs­te Frag­men­te von Zei­chen­ket­ten ent­deckt. Ein­deu­tig Mil­lers Hand­schrift. Brin­gen Dich­ter Mil­ler jetzt nach Hause.

ein­ge­fan­gen
22.57 UTC
1817 Zeichen

///

caracas

picping

MELDUNG. Am gest­ri­gen Abend vor­zei­tig deto­niert, sind im Opern­haus zu Man­aus [ Bra­si­li­en ] Tei­le eines kost­ba­ren Fro­sches [ Gat­tung : dend­ro­ba­tes ama­zo­ni­cus ] gegen das Publi­kum geflo­gen. Ein Auge, ein gan­zer Damen­kopf, wur­de von Frag­men­ten aus Schä­del und Wir­bel­säu­le der Amphi­bie durch­schla­gen. Wei­te­re öffent­li­che Spren­gun­gen im Monat Mai : San­ta Cruz, 21. [ d. aura­tus ] : Por­to Vehlo, 22. [ d. azu­re­us ] : Cara­cas, 23. [ d. leu­co­me­las ] : San Jose, 24. [ d. reti­cu­la­tus ] : New Orleans, 25. [ d. pumi­lio ] : Phoe­nix, 26. [ d. gra­nu­li­fer ] : Chi­ca­go, 27. [ d. imi­ta­tor ]. Zün­dung je 22.00 Uhr Orts­zeit. Alle Vor­stel­lun­gen sind aus­ge­bucht. — stop
ping

///

taucher

pic

hima­la­ya : 0.12 — Men­schen, die tele­fo­nie­rend in U‑Bahnen sit­zen, machen Geräu­sche, als funk­ten sie aus einer ande­ren Zeit her­über, als wären sie Kon­ser­ve, als wür­de eine uralte Schall­plat­te abge­spielt, als wür­den sie in einem U‑Boot lang­sam sin­ken, krei­schen­de, knis­tern­de, kra­chen­de Töne aus ton­nen­schwe­rer Tie­fe, aus dem Infer­no spie­len­der Kra­ken Stim­men, die Frag­men­te flüs­tern, so dass man nur noch ver­damm­te letz­te Din­ge ant­wor­ten kann. Dann aber Stil­le. Ein wei­te­res Ende. Man steht her­um, man weiß nichts zu tun, man öff­net die Tür, Salz stürzt die Trep­pe her­auf, und Luft, eine Wel­le feuch­ter Luft, vom Was­ser gehetzt, das bereits um die Ecke don­nert. Kaum hat man einen Gedan­ken gefasst, ist alles geflu­tet, der Flur, das Bad, die Lun­ge. Jetzt trei­ben sie her­ein, schwe­ben in der Küche her­um, machen Zei­chen und Sät­ze, berich­ten von klei­nen Schreib­tisch­krie­gen, Kom­man­dan­ten der Tage.

ping