echo : 2.55 — Ich will heute nichts tun, als mich von dem Film Johnny got his gun erholen. Sitze im Licht der Computermaschine und verzeichne mit einem Bleistift Wege, die meine Springspinne über den Schreibtisch spaziert, auf ein Blatt Papier. stop. Seltsame Figuren. stop. stop. Anatomisch betrachtet, zeigt sich die Wegstrecke des olympischen Feuers als offen liegende Nervenbahn einer Diktatur. — Zwei Uhr eins. Nacht in Rangen, Burma. — stop
Aus der Wörtersammlung: film
tabucchi
3.18 — Nehmen wir einmal an, es würde ein Zeitraum jenseits des uns bekannten Lebenszeitraumes existieren, ein Zeitort, an dem wir unbegrenzt anwesend sein dürften, ein Ort weiterhin, von dem aus wir in unsere vergangenen Leben schauen und zurück fühlen könnten, indem wir die Filme gelebter Tage betrachteten, nehmen wir also an, dieses Kino existierte, dann sollte ich mich bemühen, Gedanken wie Erlebnisse zu verzeichnen, sodass sie später gleichwohl als Filme zu besichtigen wären. — stop
lumumba
2.27 – Das Geräusch eines Bleistifts auf Papier. Seit ich vor einigen Tagen bemerkte, dass ich nach und nach die Fertigkeit des Schreibens mit der Hand verliere, notiere ich wieder mit dem Bleistift in einem Heft. – Folgendes, sagen wir. Sobald ich ein Wort Zeichen für Zeichen lese, sobald ich das Wort in ein Geräusch verwandelt habe, verliere ich seine Bedeutung. Das Wort LUMUMBA zum Beispiel, warm, tief, wohlklingend, leer. Alle Wörter, die ich nach diesem Wort LUMUMBA erfinde, tragen ein – u — in sich. Zu diesem Zeitpunkt kann ich sagen, dass ich gegen das intensiv wirkende — u — in dem Wort LUMUMBA am Besten mit einem — i — ankommen kann. — HIBISCILLI. — Das — i -, weiß der Himmel warum, hat in meinem Kopf mit Freude, mit Glück zu tun. Also weiter mit der Musik : begaioku : lidabobi : basijebu : pomebebu : bodibabe : mitusubu : cawariba : babunabe : nufumetu. — stop
segeln
1.51 — Es ist jetzt kurz nach 2 Uhr. Eine angenehme Nacht hier in Mitteleuropa. Auf meinem Schreibtisch blühen zwei kleine Bäume in nicht erwarteten Farben. Trotzdem wäre ich gerne auf einem Schiff, das gerade den Amazonas abwärts treibt. Würde in einer Hängematte lungern und lesen und mich vor Spinnen fürchten. Die Planken des Schiffs schaukelten unter mir auf und ab, von den Ufern her wäre das Konzert der Nachtaffen zu hören. — stop
lou reed
0.15 – Stimmung fiebriger Heiterkeit. Der Eindruck, dass ich mich auf einem Dampfschiff befinde. Leise wummerndes Stampfen der Maschinen. Vorhin hat mir ein freundlicher Schiffsdoktor kühlende Salben gebracht für die Brust, einen Saft, der die Temperatur senken soll, in einer merkwürdig blauen Farbe, und Tropfen für die Nase, die doch noch völlig in Ordnung ist. Eine Armlänge entfernt auf dem Boden steht eine leise pfeifende Kanne Tee. Das hört sich ein wenig so an, als würde die Kanne zu mir sprechen, weil ich heute selbst meine bewegten Bilder von Tag und Nacht durcheinander spiele. Da ist John Lurie. Er lagert in Brooklyn vor einem Tabakwarenladen und spielt sein Saxofon. Und da ist Lou Reed. Er raucht wie der Teufel, während er erzählt, dass er sich vor den Schweden fürchte. Und da sind Geckos, fingerlange Geckos, hellblau, ein Rudel. Sie jagen über die Decke meines hölzernen Zimmers dahin. — stop
harold and maude
2.05 — Ich habe mir etwas Luxus gestattet. Ich habe mich mit einer Schachtel Pistazieneis auf mein Sofa gesetzt und einen Film betrachtet, den ich vor zwanzig Jahren zuletzt gesehen und seither nie wieder vergessen habe : Harold and Maude. Ein großes Vergnügen. Wie weit entfernt in der Zeit doch Harold erscheint. Unlängst noch, ist er vertraut und nah gewesen. Aber Maude ist in meinen Augen sehr viel jünger geworden. Für einen kurzen Moment habe ich überlegt, in welcher Art und Weise ich mein Leben gestalten sollte, um Maude einmal als junges Mädchen wahrnehmen zu können. — Zwei Stunden nach Mitternacht, also später Nachmittag. Nichts zu tun in dieser Nacht, als mit Dorothy Parkers New Yorker Geschichten durch die Zeit zu segeln. — stop
karusell
0.24 — Ein seit langer Zeit arbeitsloser Mann sei in einen Wald gefahren, habe sich auf einen Hochstand für Jäger gelegt und zu Tode gehungert. Sein langsames Sterben, so schreibt man, habe der Mann in einem Schulheft dokumentiert. Er habe notiert, wie sich sein Körper nach und nach aufzulösen begann, wie seine Organe versagten, wie der eigene Tod näher rückte. Er wünschte in einer letzten Notiz, dass seine Aufzeichnungen seiner Tochter übergeben werden. Wie verzweifelt muss dieser Mensch gewesen sein, um sich wie ein todkrankes Tier zurückzuziehen und nach 24 Tagen zu sterben, wie verbittert, um diese furchtbare Gewalt seiner Tochter anzutun! Oder aber dieser Mann ahnte, dass auf dem Markt seltener Papiere ein hoher Preis für sein fürchterliches Dokument erzielt werden könnte. — Eine Wertsteigerung. — Was ist geschehen? — stop
kolibri
3.01 — Ich wurde, noch nicht lang her, gefragt, worin denn die Vorzüge eines Lebens auf Bäumen zu sehen seien. Hört zu, habe ich geantwortet, keine Zeitung, kein TV. Ruhe. Fast Stille. Etwas Pfeifen, etwas Schnattern. Käfer. Ameisentiere. Und Affen, größere Gruppen frecher Affen. Tamarine. Die Kerle drohen mit längst vergorenen Früchten, die sie für Geschenke halten. Moskitos. Fauchende Schaben. Kein Besteck, keine Waffen, keine Telefone. Abendsegler. Leichtere Fliegen. Fliegen in Blau, in Rot, in Schwarz. Schnelle Spinnen. Abwartende Spinnen. Regen. Warmes Wasser. Die Stämme der Bäume, die so hoch aufragen, dass man ihre Kronen nicht mit Blicken erreichen kann, auf und ab, auf und ab, Schiffsmasten im Hafen vor Sturm. Deshalb Seekrankheit, deshalb Höhenangst. Aber Vögel, sehr kleine Vögel. Flügel. Unschärfen der Luft. Öffnet man vorsichtig den Mund, wird man für eine Blüte gehalten. — stop
mandelkern
1.38 — Gegen Mitternacht eine Viertelstunde lang das Wort Mandelkern, 10 Zeichen, in meinem Kopf hin und her geschoben. Ein Gefühl, federleicht, vielleicht deshalb, weil sich die arbeitende Struktur im Wort wieder erkannte. — stop
ölzeug
3.26 — Das Geräusch einer Remington auf hoher See. — Wie hörte sich das an? — Dieser Satz, den ich gerade schreibe, auf dem Atlantik irgendwo zwischen Island und Neufundland. — tzipptzipp. — Früher Morgen. — Kein Wind. — Jedes Geräusch, das entsteht, ein Geräusch, das ich selbst erzeuge. — Mein Atem. Das Ölzeug, das sich an einer Wand der Rettungsinsel reibt. — Mein Herzschlag, ja mein Herzgeräusch, und meine Uhr, beruhigend, meine Uhr. — Eine Vorstellung, die ich vergessen werde, sobald Wind aufkommen wird. — Noch Ruhe. — Ein absolut stiller Raum unter der Sternenhaut. — Nicht einmal ein Zittern der Luft. — Da und dort das blaue Glimmen der Osramlangusten. – Was hier, an dieser Stelle fehlt, das kleinste Schräubchen, gibt es nicht.