Aus der Wörtersammlung: film

///

am viktoriasee

pic

lima : 5.18 — Am Vic­to­ria­see Men­schen, jun­ge Men­schen und alte Men­schen, wie sie sich durch modern­de Abfäl­le einer Fisch­fa­brik wüh­len. Gel­be Augen. Salz­wun­de Hän­de. Ver­ei­ter­te Füße. Bauch­bal­lo­ne. stop. Beob­ach­te­te zum fünf­ten Male den Doku­men­tar­film Dar­wins Alb­traum war­um? Kurz dar­auf notier­te ich: Licht fällt in klei­nen Pake­ten vom Him­mel. Und ich dach­te noch, das geht heu­te nicht, solch ein Satz doch nicht nach jenem Film in die­ser Nacht. Lan­ge Zeit schon ist von afri­ka­ni­schen Eis­fi­schen zu erzäh­len, von Luft­rei­sen­den in rus­si­schen Waren­trans­port­flug­zeu­gen gegen den Nor­den zu, von all dem Elend erzäh­len, das sie bewir­ken, vom Hun­ger, von dem ich mit eige­nen Ohren hör­te, von Nil­barsch­fi­lets, vom rasen-höl­zer­nen Fleisch auf kost­ba­ren Tel­lern euro­päi­scher Sand­ma­nu­fak­tu­ren. stop. Wie erzäh­len? stop. Wem erzäh­len? stop. Bald wie­der Däm­me­rung. stop. Licht fällt in klei­nen Pake­ten vom Him­mel. — stop

ping

///

jonglieren

pic

char­lie : 3.05 — Das Wort weicht nicht vor dem Wort, son­dern vor dem Text zurück. — Eine merk­wür­di­ge Erfah­rung. — Ich neh­me das Wort REGENKÄFER aus einem Text her­aus, lege es auf ein Blatt Papier und suche wei­te­re Wör­ter. Solan­ge Zeit suche ich, bis das WORT zufrie­den gewor­den ist. Dann mache ich eine Pau­se, beob­ach­te einen Film, der vom Vic­to­ria­see erzählt, schla­fe ein, wache auf, gehe zum Schreib­tisch zurück und neh­me das Wort ERINNERUNG aus einem Text her­aus, lege es auf ein Blatt Papier und suche so lan­ge Zeit wei­te­re Wör­ter, bis das WORT zufrie­den gewor­den ist. — Ich notie­re: Zwei Uhr und acht­zehn Minu­ten. Wie­der habe ich bemerkt, dass sich die Zeit rück­wärts nur in klei­nen oder gro­ßen Sprün­gen ein­neh­men lässt. Die Zeit mag sich nicht in die Ver­gan­gen­heit spu­len. — stop

ping

///

elefanten

pic

zou­lou : 8.30 — In der ver­gan­ge­nen Nacht träum­te ich eine lus­ti­ge Geschich­te, das heißt, ich träum­te mich in ein Bild, das mir bekannt zu sein schien, wes­halb ich ein Selbst­ge­spräch führ­te, in etwa so, als wür­de ich einen Film kom­men­tie­ren. Als ich wach gewor­den war, erin­ner­te ich mich, vor eini­ger Zeit eine Traum­ge­schich­te auf­ge­zeich­net zu haben, die von selt­sa­men Men­schen­oh­ren erzähl­te. Und tat­säch­lich habe ich die­se Geschich­te und mit ihr den Traum der ver­gan­ge­nen Nacht soeben wie­der­ge­fun­den, sodass heu­te Mor­gen nichts zu tun ist, als die Wie­der­ho­lung des Trau­mes von den selt­sa­men Ohren und sei­nen Zei­chen­schat­ten auch an die­ser Stel­le zu doku­men­tie­ren. Ich saß also vor län­ge­rer Zeit und noch vor weni­gen Stun­den > in einem Café nahe einem Meer unter Män­nern, die Go oder etwas ande­res spiel­ten mit klei­nen, run­den, bern­stein­far­be­nen Stei­nen. Die Luft an die­sem Ort war heiß und tro­cken, des­halb wun­der­te ich mich nicht, dass die Män­ner, die von hohem Alter gewe­sen waren, sich mit gewal­ti­gen Ohren Luft zufä­chel­ten in der Art und Wei­se der Ele­fan­ten. Selt­sa­me Geräu­sche waren zu hören, schwe­re, knar­zen­de Töne, als wür­de an höl­zer­nen Schrau­ben gedreht. Und doch war die Haut der Ohren so fein, dass man durch sie hin­durch sehen konn­te. Sobald sie hin­ter den ver­wit­ter­ten Köp­fen zusam­men­schlu­gen, wur­den die Augen der Her­ren zu Schlit­zen, beweg­ten sich die luf­ti­gen Häu­te zurück, öff­ne­ten sie sich. Hin­ter dem Tre­sen däm­mer­te ein wei­te­rer Mann, der hat­te sich mit sei­nem Per­ga­ment das Gesicht zuge­deckt. Ich betrach­te­te ihn eine Wei­le, und schon war ich, noch im Ste­hen, dem heu­ti­gen Tag zu ein­ge­schla­fen. – Guten Mor­gen! Heu­te ist Sonntag.

ping

///

mrs. callas zählt schneeflocken

pic

marim­ba : 0.01 — Wenn Mrs. Cal­las Schnee­flo­cken zählt, will sie jede Flo­cke mit ihren Zei­ge­fin­gern berüh­ren. Aus der Ent­fer­nung betrach­tet, könn­te man dann mei­nen, Mrs. Cal­las wür­de sich mit nicht sicht­ba­ren Engeln unter­hal­ten, oder mit Engeln, die so klein sind, dass sie für das Licht nicht ins Gewicht fal­len. Ja, wenn Mrs. Cal­las Schnee zu zäh­len wünscht, spricht sie mit ihren Hän­den mit der Luft. Sie ist sehr schnell in die­ser Bewe­gung des Spre­chens und sie ist glück­lich, habe ich den Ein­druck, ein Mäd­chen, wie sie am klei­nen See des Pal­men­gar­tens auf Zehen­spit­zen steht und so herz­lich lacht, dass die Rei­her ange­flo­gen kom­men, die eigent­lich längst schon nach Afri­ka abge­reist sein soll­ten. Ich glau­be, flüs­tert sie, jetzt habe ich den Über­blick ver­lo­ren. Wir sind dann noch her­um­spa­ziert zwei Stun­den und haben dis­ku­tiert, was Mrs. Cal­las an Bord der Sea­town gern tra­gen wür­de, etwas Leich­tes natür­lich, wegen der schwü­len Hit­ze, die zu erwar­ten sein wird, weil wir uns das so aus­ge­dacht haben von Zeit zu Zeit, das Inven­tar einer Welt, die eigent­lich nicht exis­tiert. — stop

ping

///

lichtspiel

pic

romeo : 0.08 — Ges­tern Abend gegen 22.00 Uhr ist etwas Merk­wür­di­ges gesche­hen. Ich hat­te drei Stun­den ver­tieft an einem Text gear­bei­tet, da wur­de ich von einer Sekun­de zur ande­ren Sekun­de von einem hef­ti­gen Glücks­ge­fühl ange­sprun­gen, von einem Kat­zen­tier, das viel­leicht schon eini­ge Wochen in nächs­ter Nähe gewar­tet hat­te, um sich nun, – geschmei­di­ges, schnur­ren­des Wesen -, wär­mend um mei­nen Hals zu legen. stop. Was frisst die­ses Tier, was trinkt es, kann es schrei­ben? stop. Gute Nacht. — stop.

ping

///

mumbai — darjeeling

pic

echo : 8.55 — Das 8‑jährige Mäd­chen Puja in dem Doku­men­tar­film Gebo­ren im Bor­dell, von dem man berich­tet, dass es in sei­nem Leben noch nie Nein gesagt haben soll. Ein düs­te­rer Ort an dem Puja lebt, oran­ge­far­be­ne, von Flie­gen umschwirr­te, rußi­ge Glüh­bir­nen, eine voll­kom­men über­füll­te Woh­nung, Schmutz, der Lärm der Frei­er Tag und Nacht. Und doch gibt es etwas in Pujas Leben, das ihr Freu­de berei­tet. Sie besitzt einen Foto­ap­pa­rat. Sie geht mit ihm auf die Stra­ße und foto­gra­fiert Pas­san­ten. Das sind fei­ne Auf­nah­men, die Puja macht, kein foto­gra­fier­ter Mensch wird böse, sobald sich der merk­wür­di­ge Foto­ap­pa­rat Pujas auf sie rich­tet. Da steht ein klei­ner Mensch in einem roten Kleid, des­sen Kopf sich in eine Maschi­ne mit zwei Augen ver­wan­delt. — Mit­ter­nacht. stop. Wäh­rend ich arbei­te­te an einer klei­nen Geschich­te über Bil­ly, den Ken­taur, selt­sa­me Stil­le. Kein Laut von drau­ßen, drin­nen nur das sehr lang­sa­me Klap­pern der Tas­ta­tur. Jetzt sanf­te Gedan­ken pfle­gen, Musik hören, ins Café gehen, dann die Vor­be­rei­tung einer Rei­se nach Indi­en irgend­wann wie­der ein­mal auf­neh­men: Mum­bai – Dar­jee­ling in Zügen.

ping

 

///

anleitung zum glücklichsein

pic

gink­go : 18.25 — Am letz­ten Tag des Sep­tem­bers unterm Regen­schirm spa­ziert. Zunächst reg­ne­te es Regen­sand, dann Regen­reis, dann reg­ne­te es klei­ne Frö­sche. Für einen kur­zen Moment dach­te ich dar­an, in einem Film ange­kom­men zu sein, der von Loui­sia­na han­delt. Das war ein fei­nes Gefühl unterm klin­gen­den Schirm am Ufer des Mis­sis­sip­pi zu ste­hen und den Frö­schen zu lau­schen, die auf ihrer letz­ten Rei­se vom Him­mel erstaun­li­che, pfei­fen­de Geräu­sche von sich gaben. Als ich so im Frosch­re­gen am gro­ßen Fluss stand, erin­ner­te ich mich an einen klei­nen Text, den ich im ver­gan­ge­nen Jahr bereits geschrie­ben habe. Und sofort wuss­te ich, dass ich die­sen Text, sobald ich wie­der zu Hau­se ange­kom­men sein wür­de, noch ein­mal lesen soll­te. Es ist noch immer ein beru­hi­gen­der Text, ein Text, der mich berührt. Des­halb will ich die­sen klei­nen Text, eine Anlei­tung zum Glück­lich­sein, noch ein­mal für Sie wie­der­ho­len: „Man ver­las­se das Haus. Sorg­fäl­tig alle Bewe­gun­gen des Ver­kehrs beach­tend, gehe man so lan­ge durch die Stadt, bis man auf eine Buch­hand­lung trifft. Dort kau­fe man: Cor­ta­zar, Julio – Geschich­ten der Cro­nopi­en und Famen. Dann gehe man spa­zie­ren, tra­ge den schma­len Band durch die Stra­ßen, bis man einen Park erreicht, wenn Som­mer, oder ein Café, wenn Win­ter ist. Man neh­me Platz und lese. Über den Umgang mit Amei­sen bei­spiels­wei­se, oder wie wun­der­bar ange­nehm es ist, ein Spin­nen­bein pos­ta­lisch an einen Außen­mi­nis­ter auf­zu­ge­ben. Oder man las­se sich im Uhren­auf­zie­hen oder im Trep­pen­stei­gen unter­wei­sen. Jetzt bereits wird man eine leich­te Wär­me spü­ren, die aus der Gegend des Bau­ches nach oben und unten in Arme und Bei­ne aus­wan­dert. Also lese man wei­ter, lau­sche jenen ange­neh­men Geräu­schen im Kopf, – die­sem sagen wir: Jeder­mann wird schon ein­mal beob­ach­tet haben, dass sich der Boden häu­fig fal­tet, der­ge­stalt, dass ein Teil im rech­ten Win­kel zur Boden­ebe­ne ansteigt und der dar­auf­fol­gen­de Teil sich par­al­lel zu die­ser Ebe­ne befin­det, um einer neu­en Senk­rech­te Platz zu machen. Oder jenem: Trep­pen steigt man von vorn, da sie sich von hin­ten oder von der Sei­te her als außer­or­dent­lich unbe­quem erwei­sen. It works.”
ping

///

von den verkäufern der nachtbücher

pic

ulys­ses : 17.25 — Heu­te Nach­mit­tag woll­te ich ein Nacht­buch kau­fen. Ich spa­zier­te des­halb über die Zen­tral­sta­ti­on gegen 16 Uhr im Zitro­nen­licht mit mei­ner Film­ka­me­ra. Ich ging sehr lang­sam, schau­te über schat­ti­ge Bahn­stei­ge, schau­te genau dort­hin, wo die Ver­käu­fer der Nacht­bü­cher manch­mal sicht­bar wer­den. Man kann die Ver­käu­fer der Nacht­bü­cher immer nur dann erken­nen, wenn man an eine eige­ne Geschich­te denkt, an eine Geschich­te, die man einem ande­ren Men­schen erzäh­len könn­te, zum Bei­spiel, um die­sen Men­schen glück­lich zu machen oder um ihm die Zeit­not zu ver­trei­ben, wenn er nicht sofort glück­lich wer­den kann. Also dach­te ich an Bil­ly, den Ken­taur, wie er sich freu­te, weil er auf einem Raub­zug im Gebir­ge ein Tele­fon­ver­zeich­nis der Stadt Chi­ca­go fand, nahe eines rau­chen­den Jagd­fi­scher­la­gers. Ich muss­te dann nicht lan­ge wei­ter­ge­hen. Auf Bahn­steig 15 war gera­de ein Zug aus Ams­ter­dam ein­ge­trof­fen, dort saß auf einer Bank ein Nacht­buch­händ­ler und lach­te, als ich mich neben ihn setz­te. Bil­ly, sag­te er, Du denkst wie­der an Bil­ly. Das ist gut, mein Lie­ber, das wird eine fei­ne Geschich­te wer­den. Haben wir einen Wunsch? Und schon war er wie­der ver­schwun­den und ich spa­zier­te wei­ter und jetzt ist frü­her Abend und ich sit­ze auf mei­nem Sofa, ein Buch für die Nacht liegt neben mir, und war­te, dass es dun­kel wird, um die Geschich­te eines fer­nen Men­schen zu lesen, die mir die Zeit­not ver­trei­ben wird. Ich weiß jetzt, dass die Händ­ler der Nacht­bü­cher weder für eine Foto­gra­fie noch für einen Film zur Auf­zeich­nung geeig­net sind. Sie haben ihr ganz beson­de­res Licht.

ping

///

hibiscilli

pic

marim­ba : 3.02 — An einem stür­mi­schen Abend den wun­der­ba­ren Film Augen­lied beob­ach­tet. Ein Mann, der blind gewor­den ist, sitzt in einem bei­na­he dunk­len Zim­mer. Das spär­li­che Licht, ein Licht nur für uns. Das Zim­mer war das dun­kels­te Zim­mer mit Licht, das ich je gese­hen habe. Etwas spä­ter erzählt ein wei­te­rer Mann, sei­ne Frau habe zu ihm gesagt, das Schlimms­te sei, dass sie, nach­dem er blind gewor­den war, unsicht­bar gewor­den sei für alle Zeit. — 3 Uhr und eine Minu­te. — stop

ping



ping

ping