Aus der Wörtersammlung: geste

///

luftschreiben

9

char­lie : 6.55 UTC — Beim Nach­barn im Kel­ler ruht auf einem klei­nen run­den Tisch, der von Wachs­fle­cken bedenkt ist, eine mecha­ni­sche Schreib­ma­schi­ne. Immer wie­der ein­mal den­ke ich an die­se Schreib­ma­schi­ne, wenn ich in den Kel­ler abstei­ge, um nach dem Strom­zäh­ler zu sehen. Ges­tern war sie noch immer dort in gelb­li­chen Licht auf dem Tisch zu sehen, bedeckt von etwas feuch­tem Staub und Mör­tel, der von der Decke fällt, sobald die Erde bebt unter der Stadt. Ich dach­te, ich soll­te mir eine mecha­ni­sche Schreib­ma­schi­ne in die Woh­nung holen, das Schrei­ben wie­der­ho­len wie frü­her noch ohne Mög­lich­keit einer Kor­rek­tur, auch mit der Kraft der Hän­de arbei­ten. Da sind Geräu­sche der Kin­der­zeit, sofort kann ich sie aus dem Gedächt­nis holen, wie ich mit jeder Tas­te einen Ton anschla­ge, manch­mal so sanft, so vor­sich­tig, dass ich das Papier, das über einer Wal­ze spannt, mit dem Druck­zei­chen nicht errei­che, dass ich, sagen wir, Zei­chen in die Luft set­ze, weich. — stop

ping

///

fingerschnecke

9

marim­ba : 2.28 UTC — Denk­bar ist, dass ich das Mus­kel­ge­dächt­nis mei­ner Spra­che bald ver­lo­ren haben wer­de, weil ich kaum noch mit Tin­ten- bezie­hungs­wei­se Gra­fit­werk­zeu­gen schrei­be, viel­mehr auf vor­ge­fun­de­ne Zei­chen tip­pe, die sich wie gestem­pel­te Bil­der auf Tas­ta­tu­ren befin­den. — stop
ping

///

k.a.i.r.o

picping

MELDUNG. Fünf mit Hand­feu­er bewaff­ne­te Beam­te [ Soko K.a.i.r.o ] haben nahe Pica­dil­ly Cir­cus [ Lon­don ] zwei Ägyp­ter in Ver­wah­rung genom­men, fili­gra­ne Mei­ßel wei­ter­hin [ 0.5 Zoll Kan­ten­län­ge ], sowie zwei Hand­täsch­chen [ tür­ki­se ]. Fol­gen­de kryp­ti­sche Signa­tur war dem Sockel­ge­stein eines städ­ti­schen Gebäu­des [ Regent Street 162 ] bei­gebracht : 5MAN8X6RTGMA88ZBFRI. Auch die­se Ägyp­ter [ Ägyp­ter No 6 und 7 der lau­fen­den Woche ], je 178 cm hoch, mitt­le­res Alter, ver­wei­gern jede Aus­sa­ge. – stop

ping

///

kabinenlicht

2

romeo : 6.08 UTC — Wenn ich schla­fe, wache ich immer wie­der ein­mal auf, wäh­rend mei­ne Hän­de wei­ter­schla­fen. Das ist selt­sam, mei­ne Hän­de wachen zur­zeit ein wenig spä­ter auf als ich selbst. Ich tre­te ans Fens­ter. Manch­mal ist frü­her Mor­gen. Es ist noch dun­kel. Stra­ßen­bah­nen que­ren den Platz weit da unten. In ihrem Kabi­nen­licht sit­zen Men­schen mit Mas­ken vor Mund und Nase. Es sind die­sel­ben Per­so­nen, wie mir scheint, die ich ges­tern am Abend bereits durch mein Opern­glas beob­ach­tet habe. Sie wer­den ver­mut­lich für das Umher­fah­ren bezahlt. Zwei Tau­ben sit­zen tief unter mir auf einer Stra­ßen­la­ter­ne, sie schla­fen wie mei­ne Hän­de, die nun lang­sam wach wer­den, weil ich mit ihnen schrei­be. Guten Mor­gen! — stop

///

google earth

ping
ping
ping

echo : 22.52 UTC — Ein­mal bemerk­te ich die Sil­hou­et­te eines Men­schen am Strand von Montauk, einen Strich, der einen Schat­ten warf. Ich dach­te: Das ist eine im Beson­de­ren berüh­ren­de Erschei­nung vom Welt­raum her gese­hen. Der Pla­net scheint belebt zu sein. — Ich ver­lie­re Wör­ter, wenn ich nicht lese, nicht schrei­be, nicht lang­sam spre­che. Tages­si­gnal­wör­ter sind Wör­ter, die von einem Tag gestem­pelt sind. Der heu­ti­ge Tag könn­te dem Wort Ohr­trom­pe­te ver­bun­den sein. — stop

///

ai : KASACHSTAN

aihead2

MENSCH IN GEFAHR: „Aigul Ute­po­va ist eine bekann­te Blog­ge­rin und Akti­vis­tin. Sie hat 8.000 Fol­lower auf Face­book und eine gro­ße Fan­ge­mein­de sieht die Bei­trä­ge auf ihrem You­Tube-Kanal. 2015 kan­di­dier­te sie bei den Prä­si­dent­schafts­wah­len, doch zog sie ihre Kan­di­da­tur spä­ter wie­der zurück. Sie wird beschul­digt, eine Anhän­ge­rin der Oppo­si­ti­ons­par­tei Demo­kra­ti­schen Wahl Kasach­stans zu sein. Am 13. März 2018 wur­de die Par­tei will­kür­lich zu einer “extre­mis­ti­schen” Orga­ni­sa­ti­on erklärt, weil sie “zur natio­na­len Zwie­tracht auf­sta­chel­te”. Grund­la­ge für die­se Ein­ord­nung sind die vage for­mu­lier­ten Anti-Extre­mis­mus-Geset­ze in Kasach­stan. / Nach der Zwangs­ein­wei­sung von Aigul Ute­po­va in die Psych­ia­trie fürch­tet ihr Rechts­bei­stand, dass eine will­kür­li­che psych­ia­tri­sche Dia­gno­se zum Vor­wand genom­men wird, um sie zwangs­wei­se “behan­deln” und lan­ge in der Anstalt fest­hal­ten zu kön­nen. Bei einem Ver­such, Aigul Ute­po­va am 23. Novem­ber zu besu­chen, wur­de dem Rechts­bei­stand und einer Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen mit­ge­teilt, dass die Jor­u­na­lis­tin kei­nen Kon­takt zur Außen­welt haben dür­fe. / Dass Per­so­nen, die die Regie­rung kri­ti­sie­ren oder sich gegen bestimm­te Inter­es­sen­grup­pen stel­len, zwangs­wei­se unter psych­ia­tri­sche Beob­ach­tung gestellt wer­den, ist in Kasach­stan nicht unge­wöhn­lich. 2019 ent­schied der UN-Men­schen­rechts­aus­schuss, dass Zina­idi Muk­hor­to­va will­kür­li­cher Inhaf­tie­rung, Fol­ter und ande­rer Miss­hand­lung aus­ge­setzt war. Die Anwäl­tin war fünf Mal gegen ihren Wil­len in eine psych­ia­tri­sche Ein­rich­tung ein­ge­wie­sen und dort “behan­delt” wor­den. / Aigul Ute­po­va hät­te nie­mals straf­recht­lich ver­folgt und unter Haus­ar­rest gestellt wer­den dür­fen. Die­se Maß­nah­me ver­stößt gegen kasa­chi­sches Recht, das Haus­ar­rest nur in Fäl­len vor­sieht, bei denen die Höchst­stra­fe fünf Jah­re oder mehr beträgt. Außer­dem muss sach­lich begrün­det wer­den, wes­halb weni­ger restrik­ti­ve Maß­nah­men nicht ange­wen­det wer­den kön­nen. Die Ver­fol­gung und der Haus­ar­rest von Aigul Ute­po­va sind als Ver­gel­tungs­maß­nah­men für ihre unver­blüm­te Kri­tik an der Regie­rung ein­zu­ord­nen.” - Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­le­ne schrift­li­che Aktio­nen bis spä­tes­tens zum 18.1.2021 unter > ai : urgent action

ping

///

maschinengespräch

pic

india : 9.56 UTC — Mel­dung mei­ner Appli­ka­ti­on plötz­lich, ich sei 5 Male mit gerin­gem Risi­ko einem oder meh­re­ren Men­schen begeg­net, der oder die posi­tiv auf den SARS-CoV‑2 Erre­ger hin getes­tet wor­den sind. Ein Reflex sofort, der Blick zurück, ver­su­che zu iden­ti­fi­zie­ren, wer mein Kon­takt gewe­sen sein könn­te. Ein Radar, das wie von selbst immer wie­der ein­setzt, auch die Unter­su­chung der Zei­chen­ket­te: Gerin­ges Risi­ko. Über die­se Beob­ach­tung ein Gespräch mit M., der sich über­haupt wei­gert, die Exis­tenz der SARS-CoV-2-Viren anzu­er­ken­nen. Hast Du schon eines die­ser Viren gese­hen? fragt er, wel­che Far­be haben sie denn? Selt­sa­me Geschich­te. Ges­tern habe ich dar­über nach­ge­dacht, ob es viel­leicht mög­lich sein wird, einen Algo­rith­mus zu notie­ren, der argu­men­tie­rend in der Lage wäre, Per­so­nen wie M. zu über­zeu­gen, eine jah­re­lang gedul­dig zuhö­ren­de und eben­so gedul­dig spre­chen­de Maschi­ne. — stop
ping

///

jagende lichter

pic

echo : 23.58 UTC — Im Park am Abend in der Dun­kel­heit unter Regen­schir­men unsicht­ba­re Men­schen, paar­wei­se oder allein. Und da flit­zen Lich­ter her­um, grün, blau oder rot leuch­ten­de Rei­fen oder blin­ken­de Perl­ket­ten, die die Posi­ti­on spie­len­der Hun­de ver­mer­ken. Man möch­te mei­nen, dass sie fern­ge­steu­er­te Krea­tu­ren sind, die sich jagen nach dem Wil­len jener im Dun­keln ste­hen­den schwei­gen­den Men­schen. Ich dach­te noch, in Brook­lyn sol­len Feu­er ent­zün­det wor­den sein, um Mas­ken zu ver­bren­nen. Der Wahn­sinn bricht aus, jen­seits ruhi­gen, ver­nünf­ti­gen Han­dels, Men­schen dicht gedrängt wie Amei­sen. Kaum noch ein Gespräch ist mög­lich, ohne sich gefähr­lich nahe­zu­kom­men. Aber hier im Park am Abend unter Regen­schir­men sind die Räu­me weit, das Gespräch der ahnungs­lo­sen unsicht­ba­ren Tie­re, die ihren Licht­schmuck über die Wie­sen tra­gen. — stop
ping

///

regenhell

2

whis­key : 22.14 UTC — Ein­mal, vor Jah­ren, wach­te ich auf. Es war hell im Zim­mer. Ich bemerk­te, dass es über Nacht uner­war­tet hef­tig geschneit hat­te, all das Weiß vor den Fens­tern, und ich dach­te für einen Moment, ich soll­te das Bild kor­ri­gie­ren. Und ges­tern nun eine ähn­li­che Geschich­te, es hat­te gereg­net, die Bäu­me vor mei­nem Fens­ter tropf­ten, ein Knis­tern oder lei­ses Rau­schen. — stop

ping

///

laterne

2

echo : 0.18 UTC — Ges­tern bemerk­te ich eine Bewe­gung auf mei­nem Bild­schirm, die ich weder ver­ste­hen noch beein­flus­sen konn­te. Ich notier­te gera­de eine E‑Mail, als zwei Sät­ze die­ser E‑Mail Buch­sta­be für Buch­sta­be rück­wärts gelöscht wur­den. Nichts konn­te ich tun, als die­sen Vor­gang beob­ach­ten. Ich erin­ner­te mich an das Bild eines Pull­overs, wie er ver­lo­ren ging, ein Faden mei­nes Pull­overs war in die Fän­ge einer Kat­ze gera­ten, die wild spie­lend durch die Woh­nung ras­te. Ich saß still auf einem Stuhl und beob­ach­te­te, wie sich der Zusam­men­hang mei­nes Pull­overs auf­lös­te. Ich habe heu­te ver­stan­den, dass man Infor­ma­tio­nen, die inner­halb eines Licht­stroms über­mit­telt wer­den, mit­tels eines Pris­mas in zwei Licht­strö­me spal­ten kann. Auch dass es mög­lich ist, mit­tels eines Enzyms SARS-CoV-2-Viren zu beleuch­ten, das heißt Tei­le, Seg­men­te des Virus so zu codie­ren, dass Licht von ihnen aus­geht. Es ist ein win­zi­ges Licht, aber wenn man sehr nahe her­an­geht an das Licht mit­tels eines Mikro­skops, ist das Licht ein gro­ßes Licht, man könn­te dann von einer Later­ne spre­chen — stop
ping



ping

ping