kilimandscharo : 22.02 UTC — Ich dachte heute, in der Schweiz würden vielleicht Menschen existieren, die ich als Uhrenträger bezeichnen könnte. Uhrenträger, weil sie je 50 Uhren an Armen und Beinen dicht an ihren Körpern tragen. So, in dieser Weise von Uhrwerken geschmückt, geht man als Uhrenträger leise tickend vorsichtig spazieren, wandert in der schönen Natur herum, ohne selbstverständlich auch nur eine der Uhren je abzulegen. Auch im Schlaf werden alle Uhrwerke getragen, weshalb es in der nächtlichen Stille in den Zimmern leise rauscht. Nach ein oder zwei Wochen kehren Uhrenträger dann aus dem Leben in ihre Uhrenfabrik zurück. Dort sind sie nämlich angestellt, um vollständig neue Uhrgeschöpfe in bereits gebrauchte Ware zu verwandeln, warum? — stop

Aus der Wörtersammlung: zeit
vom spinnen
sierra : 15.42 UTC — Noch 3927 Wörter und ich werde an dieser Stelle eine halbe Million Wörter notiert haben. Das Zählen der Wörter wurde meiner Schreibmaschine überantwortet. Ich selbst zähle Herzschläge, Eichhörnchen, Hitzewellen, Zeiträume, Schritte, Briefmarken, Stunden und Tage, Lesezeiten, auch Springspinnen, die meinen Schreibtisch bewohnen. Springspinnen gebieten über 8 Augen. Sobald sie springen, ziehen sie einen kaum sichtbaren Faden durch die Luft. Ich selbst spinne Fäden von Gedanken. Auch Sätze sind möglicherweise als Fäden zu betrachten. Wenn ich erzähle, gehe ich auf die Jagd. Das ist denkbar. Heute ist Montag. — stop

reisende pinguine
nordpol : 20.01 UTC — Lese in Louis Kekkolas Eisbuch Jennifer.Five. Es ist jetzt kurz nach acht Uhr abends, Vögel pfeifen. In diesem Moment trage ich Handschuhe. Ich habe mein Tonbandgerät angeschaltet und spreche leise, indem ich das zerbrechliche Buchwesen in Händen halte. Kaum habe ich eine Seite abgetastet, schließe ich den Kühlschrank, gehe in der Wohnung spazieren und lasse mir alles durch den Kopf gehen. Dann kehre ich zurück und lese mit dampfendem Atem weiter. Höre in diesen Minuten das Ticken des Weckers, der mir 15 Sekunden Zeit erteilt, um das Buch ungestüm warmer Heizluft auszusetzen. Auf Seite 52 entdecke ich Louis Kekkola’s Notiz über 22 Pinguine, die nordwärts reisten in Flugzeugen in hölzernen Behältern, um auf Grönland weiterzuleben. Sie sollen dort das Nordlicht (Aurora borealis) studieren. — stop

logik
india : 18.08 UTC — Morgens im Pendlerzug skizzierte ich einen Flugdrachen, wie ich sie der Form nach von meiner Kinderzeit kenne. Neben mir hockte zufällig ein Mädchen, das meine Hände beobachtete, auch meinen kleinen Computer, auf dessen Glasscheibe ich zeichnete mit einem Stift, der für dieses digitale Zeichnen ausgedacht worden ist. Ich habe einen Drachen, sagte das Mädchen plötzlich, er ist viel größer als dieser da. Ich fragte, welche Farbe ihr Drache denn haben würde. Das Mädchen antwortete: Rot und Blau. Warum ist Deiner nicht bunt, fragte das Mädchen. Ich sagte: Weißt Du, ich überlege, ob man einen Drachen bauen könnte, der aus Eis gemacht ist, aus Schnee, ein Schneedrachen, der fliegen kann? — Bestimmt, sagte das Mädchen, das geht! Das Mädchen schwieg kurz, dann verdrehte es die Augen. Verrückt, sagte es, das ist schon verrückt, er kann aber nicht fliegen, weil wir im Winter keine Drachen steigen lassen. Da machen wir andere Sachen, aber weil es ohnehin nicht schneit, könnten wir doch mal einen Schneedrachen bauen. Claro! — stop
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vor langer zeit im dezember
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olimanbo : 0.02 UTC — Einmal kam ich von einem Besuch bei Freunden nach Hause zurück, und wie ich so in meine Wohnung stolperte, entdeckte ich Mrs. Callas, die damals in Gedanken bei mir wohnte, wie sie weinend vor einer Fotografie stand, vor einer Schwarz-Weiß-Fotografie, die ich seit vielen Jahren besitze und mir immer wieder sehr gerne ansehe. Natürlich wunderte ich mich, dass Mrs. Callas weinte, weil die Fotografie zwei alte Menschen zeigt, eine Frau und einen Mann, die friedvoll Seite an Seite in einer Küche an einem Tisch sitzen. Raissa Orlowa, liest ihrem alten Mann, Lew Kopelew, vielleicht aus einem Buch vor. Und ich fragte Mrs. Callas, warum sie denn weinen würde, das sei doch eine sehr beruhigende Fotografie. Ich glaube, setzte ich hinzu, sie sind glücklich. Mrs. Callas antwortete unverzüglich, Ernst in der Stimme, ja, das sind sie, glücklich, ganz sicher sind sie sehr glücklich. Ich wünsche mir für mich ein Ende wie dieses hier an der Wand, Mr. Louis. Sie müssen mir ein anderes Ende schreiben! – Und so sitze ich nun müde auf dem Sofa und notiere diese Geschichte, während Mrs. Callas mich hoffnungsvoll beobachtet. Wie nur könnte ich sie trösten, weil ich doch vor ihrem Schicksal ohnmächtig bin? Vielleicht könnte ich erzählen, dass ich Lew Kopelew in München einmal für wenige Sekunden begegnete. Ich könnte ihr beschreiben, wie er mir am Hauptbahnhof aus einer Menschenmenge heraus entgegenkommt, wie ich seine Erscheinung, seine stattliche Größe, seinen schlohweißen Bart bewundere. Und ich könnte Mrs. Callas berichten, wie Lew Kopelew meinen Blick bemerkt, wie er mich freundlich betrachtet und wie er meinen nickenden Gruß erwidert, weil er in meinem Blick gesehen haben wird, dass ich ihn für lange Zeit gelesen habe und immer wieder lesen werde. – Ja, vielleicht sollte ich Mrs. Callas von diesen Sekunden meines Lebens erzählen, und dass es erholsam sein könnte, sich zunächst einmal zur Ruhe zu legen für zwei oder drei Tage.
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am telefon
ulysses : 18.05 UTC — L. berichtet, er habe mit seiner Mutter telefoniert, die in Russland lebe nahe der Stadt Irkutsk. Das war an einem Sonntagnachmittag sibirischer Ortszeit. Die Stimme seiner Mutter sei gut zu vernehmen gewesen. Er habe zunächst drei Telefonnummern gewählt, eine Nummer nach der anderen Nummer, dann auf die Stimme seiner Mutter gewartet. Seine Mutter habe ihn gefragt, wie es ihm gehe. Dann habe sie ihm erzählt, dass es schon geschneit habe, und dass sein Päckchen angekommen sei, alles sei drin gewesen im Päckchen, genauso wie er es beschrieben hatte, Schuhe und Schokolade aus Belgien und Hartkäse aus Luxemburg. L. freute sich und lauschte der Stimme seiner Mutter, die vertraut war, weil er regelmäßig mit ihr sprechen kann, dann meinte er ein knisterndes Geräusch am Telefon vernommen zu haben, da erzählte ihm seine Mutter, dass es schon geschneit habe, und dass sein Päckchen angekommen sei, alles sei drin gewesen im Päckchen wie er es beschrieben hatte, Schuhe und Schokolade aus Belgien und Hartkäse aus Luxemburg. Und wieder knisterte es im Telefonhörer, und seine Mutter erzählte, dass es schon geschneit habe, und dass sein Päckchen angekommen sei, alles sei drin gewesen im Päckchen, wie er es beschrieben hatte, Schuhe und Schokolade aus Belgien und Hartkäse aus Luxemburg. Das war schon sehr merkwürdig gewesen und Sonntag. — stop

löffel
echo : 22.38 UTC — Etwas merkwürdiges ist geschehen. Ich beobachtete, wie sich eine künstliche Intelligenz (sie wird soeben in diesen Monaten entwickelt, in dem man über sie forscht, als existierte sie in Gedanken schon lange Zeit) mit Wörterbüchern der digitalen Welt in Verbindung setzte. Im Arbeitsspeicher des Zeichenwesens waren plötzlich unter anatomischen Bezeichnungen wissenschaftlicher Art, Begriffe unserer menschlichen Umgangssprache zu bemerken, Körperwörter, beispielsweise, sind nun für das Atoll der Ohren folgende verzeichnet: Trommelfell Ohr Lauschlappen Hörorgan Ohrwaschl Gehör Lauscher Löffel. Für das Atoll der Augen: Pupille Sehloch Glubscher Oculus Auge Sehorgan Sehwerkzeug Gucker. Großartige Sache. — stop
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vorletztes telefon
viktory : 15.02 UTC — D. rief an. Sie habe, sagte sie, eben noch einmal unsere gemeinsame Freundin B. besucht, die im Sterben liege. Es war spät am Abend und ich dachte, ich könne nicht anrufen am Bett einer Sterbenden um diese Uhrzeit. Ich wartete also und schlief, dann war die Nacht vorüber. B. meldete sich mit kaum noch hörbarer Stimme. Ihre Tochter sitze neben ihr und würde das Telefon halten, ja, es wird langsam Zeit, sagte sie, 94 Jahre, nein, ins Krankenhaus mag sie nicht mehr gehen, sie möchte jetzt aufhören, sie sei dankbar, es gehe ihr gut, ich solle an sie denken und wünschen, dass es nicht lang dauern möge, ja, sie könne schlafen. Schöne Gespräche, sagte sie, haben wir geführt in diesem Sommer, Walter Kempowski, ja, den kenne ich persönlich. Ich antwortete, dass ich ihr dankbar sei für ihre Geschichten von der Geschichte, von Rostock, und diesen Dingen, wie sie den Krieg gerade so überlebte. Und ich hörte, dass sie immer müder wurde, und ich frage noch, ob ich sie vielleicht morgen noch einmal anrufen dürfe. Du kannst es versuchen, sagte sie. — stop
vom radieren
romeo : 22.41 UTC — Zur Gattung der Radierkäfer ist Folgendes zu sagen: Sie wurde unlängst an einem Sonntag auf Position 50°06’54.7“N 8°38’47.5“E in 160 Meter Höhe gegen 20 Uhr und 12 Minuten entdeckt. Es handelt sich um Lebewesen, die ihrer Erscheinung nach Klopf- oder Nagekäfern ( Ptinidae) ähnlich sind, von dunkelroter Körperfarbe und blauem Augenlicht. Radierkäfer tragen ihre Namen deshalb, weil sie sehr gerne radieren. Sobald man nämlich ein Blatt Papier vor einen Radierkäfer hin oder in seiner Nähe ablegt, wird sich der Käfer darauf zubewegen, um sofort damit zu beginnen, Schrift oder andere Zeichen, gleich ob sie nun mit Bleistift oder Tinte aufgetragen wurden, zu vertilgen, indem das Material raspelnd von der Oberfläche der Papiere abgetragen wird. Indessen scheinen sich Käferwesen jener Gattung tatsächlich ausschließlich an Zeichenmaterialien zu orientieren, an Auftrag oder Eintrag, unbeschriftete Papiere werden zwar untersucht, aber nicht weiter in die Tiefe gehend behandelt. Ein oder zweimal täglich hinterlässt der Käfer kleine, zylinderförmige Körper, die von hoher Dichte zu sein scheinen. Weitere Beobachtungszeit wurde avisiert. — stop
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ki
romeo : 15.05 UTC — Vor einigen Wochen habe ich ein Buch, sagen wir genauer, ich habe einen Text mit dem Titel CIMBEL 8 auf meinem Paperwhite-Lesergerät entdeckt. Es ist merkwürdig, ich kann mich zu diesem Zeitpunkt nicht erinnern, wie und wann und woher dieser Text auf mein Lesegerät gereist sein könnte. Er scheint vom Vergessen und von Wörtern zu erzählen, von Entdeckungen und auch vom Erinnern. Der Text wurde von Helen KI. Liebermann notiert, die mir vollkommen unbekannt. Auch will der Text nicht enden, er setzt sich immer weiter fort, obgleich mir die Fortschrittsanzeige den Eindruck vermittelt, ich würde bereits 98 Prozent des Textes studiert haben. Ich lese nun bereits seit zwei Wochen täglich mehrere Stunden. Manchmal habe ich den Eindruck, mich in einem mir bekannten Garten von Wörtern aufzuhalten. Heute las ich Folgendes: Überlegte, was wäre, wenn ich einmal meine Sprache verloren haben würde, wenn eine Ameise vor einer nunmehr sprachlosen Person über einen Tisch spazierte? Was würde ich noch denken, wenn ich dieses Tier sehen, aber kein Wort für seine Erscheinung in meinem Kopf entdecken könnte? Ich müsste vielleicht ein Wort erfinden in diesem Moment, um das Ameisentier wahrnehmen, das heißt, über das Tier nachdenken zu können. Vielleicht würde ich mich an das Wort Eisenbahn erinnern. Vielleicht würde ich sagen, das ist eine winzige Eisenbahn, die über den Himmel laufen kann. — stop
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