india : 15.03 UTC — Vor wenigen Stunden war ich im Stadtwald spazieren. Ich ging um einen Teich herum, in dem Schildkröten unter der Wasseroberfläche gegeneinander kämpften. Plötzlich hörte ich das Geräusch einer hellen, scheppernden Glocke, ein Klingeln oder metallenes Hupen. Ich dachte, jemand möchte Dich wecken. Und ich dachte, Du kennst diese Geschichte, das hast Du schon einmal geträumt. Du musst zunächst versuchen, wach zu werden, dachte ich. Also versuchte ich, wach zu werden. Ich wanderte zunächst in die Küche. Das Geräusch wanderte mit mir, und ich bemerkte, die Küche ist kein guter Ort, um wach werden zu können. Plötzlich erinnerte ich mich, woher ich das Geräusch kannte. Es war das Glöckchen, das am Weihnachtsabend hinter einer Tür von meinem Vater durch heftige Bewegung zum Klingen gebracht wurde, ein vertrautes, jährlich wiederkehrendes Geräusch. Einmal bekam ich ein Radio geschenkt. Das Radio war das erste Radio meines Lebens gewesen, ein Transistorempfänger, handlich und doch schwer. Ich weiß nicht weshalb, ich öffnete das Radio mithilfe eines Schraubenziehers, ich zerlegte die kleine Apparatur in ihre Einzelteile und wunderte mich. Ein Jahr darauf bekam ich einen Fotoapparat, den ich am darauffolgenden Tag wie zuvor das Radio öffnete und auf das genaueste untersuchte, im Frühling zählte ich Vögel, im Sommer durchsuchte ich das Unterholz nach Knochen von Hasen und Rehen, um sie in meinem Zimmer auf dem Schreibtisch so zu konfigurieren, dass ich sie mir vorstellen konnte. Es ist merkwürdig, wie Geräusche über große Zeiträume hinweg wiederkehren, als wären sie gerade erst in der Wirklichkeit abgespielt worden. Es lässt sich nicht überprüfen, aber sie scheinen sich tatsächlich nicht verändert zu haben, sind unteilbare Wesen. — stop
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Aus der Wörtersammlung: zeit
ai : KOLUMBIEN

MENSCHEN IN GEFAHR: „In Bojayá im Departamento Chocó befinden sich 7.000 Angehörige afro-kolumbianischer und indigener Gemeinschaften in Unión Baquiaza, Egoróquera, Unión Cuití, Playita, Mesopotamia und Carrillo im Kreuzfeuer der Kampfhandlungen zwischen bewaffneten Gruppen. Amnesty International betrachtet die Lage mit Sorge und ist der Ansicht, dass die Gefahr massenhafter Tötungen und Vertreibungen besteht. Im Departamento Chocó wurden in jüngster Zeit mehrere Gemeinde-sprecher_innen ermordet, und die Präsenz bewaffneter Gruppen stellt eine ständige Bedrohung für die dortigen Gemeinschaften dar. Die kolumbianischen Behörden haben bisher nichts unternommen, um diese Menschen zu schützen. / Die meisten der betroffenen Personen können sich bereits seit mehr als einem Jahr nicht mehr frei bewegen, da sie versuchen, sich vor den Aktivitäten der Guerillagruppe Ejército de Liberación Nacional (Nationale Befreiungsarmee) und der paramilitärischen Gruppe Autodefensas Gaitanistas de Colombia zu schützen. Diese haben im vergangenen Jahr Antipersonenminen in der Gegend gelegt, Kinder rekrutiert, Gemeinde-sprecher_innen getötet und ganze Gemeinschaften belagert. Es gab einige Fälle, in denen Angehörige der Gemeinschaften die Zusammenarbeit der bewaffneten Gruppen mit Angehörigen der kolumbianischen Armee angeprangert haben. / Amnesty International warnte in einem 2017 veröffentlichten Bericht, dass die kolumbianische Regierung in dieser Gegend von Chocó ein Klima der Ausgrenzung und Vernachlässigung geschaffen hat, was die Schutzbedürftigkeit der dortigen Gemeinschaften noch weiter verstärkt. Die Reaktion der Behörden auf die dortige Lage war bisher alles andere als umfassend und konzentriert sich lediglich auf militärische Maßnahmen.“ - Hintergrundinformationen sowie empfohlene schriftliche Aktionen bis spätestens zum 30. Mai 2019 unter > ai : urgent action

licht und zeit
olimambo : 0.05 UTC — Wenn in dem Bauch eines fensterlosen Schiffes immerzu Tag ist in der Vorstellung der Menschen, könnte ebenso gut immerzu Nacht sein. — stop
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drummer man
bamako : 3.28 UTC – Wie wir auf den Schultern unseres Vaters durch die Welt schaukelten, als säßen wir auf dem Rücken eines Dromedars, das die menschliche Sprache sprechen konnte. Wie er uns das Licht erklärte, die Geschwindigkeit und die Zeit, die das Licht unterwegs gewesen war, um zu uns zu kommen. Seine großen Schuhe, in welchen wir durch den Garten segelten. Und Gene Kruppa, Drummer Man, dort, noch lange vor unserer Zeit, Vater, mit Schlips im Anzug als junger Mann. Heute Nacht erzählen wir uns Geschichten. Und schon ist es kurz nach zwei Uhr geworden. Ich habe ganz heimlich meine Schreibmaschine angeschaltet, um eine weitere kleine Geschichte aufzuschreiben, weil Geschichten auf Papier oder Geschichten, die man von einem Bildschirm lesen kann, wie alle anderen Geschichten als leise betende Stimmen zu vernehmen sind. Diese Geschichte nun geht so. Immer an Freitagen, ich war fünf oder sechs Jahre alt gewesen, brachte mein Vater aus dem Institut, in dem er als Physiker arbeitete, Karten mit nach Hause, die ich bemalen durfte, Computerlochkarten, kräftige, beige Papiere, in welchen sich seltsame Löcher befanden. Diese Löcher waren niemals an derselben Stelle zu finden, und ich erinnere mich, dass ich mich über ihr Verhalten heftig wunderte. Ich war zu jener Zeit ein begeisterter Maler, ich malte mit Wachskreide und ich malte in allen Farben, über die ich verfügen konnte, weil ich das Buntsein schon immer mochte. Ich malte blaue Kamele und schwarze Blumen und rote Monde. Einmal fragte ich meinen Vater, was jene Löcher bedeuteten, über deren Existenz ich mich freute, weil sie versteckte Bilder zeigten, die ich so lange suchte, bis ich sie gefunden hatte. Hör zu, sagte mein Vater. — stop
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geraldine
lima : 15.01 — Das Seinsverständnis hat umgeschlagen. Im Kontrast zum auf der empirischen Anschauung basierenden Entwurf der Neuzeit, wonach das Sein der Dinge von der Anschauung untrennbar ist (Kant), ja sogar mit dem Wahrgenommensein identisch ist „Their esse is percipi“ (Berkeley 1965, 62), gilt: jetzt: esse est computari. Die Welt ist alles, was digitalisierbar ist.“ – Rafael Capurro: Digitaler Weltentwurf. Ein Essay in Heideggerianischer Absicht. 1999.[2] — Darüber nachdenken. Leichter Regen. Es wird wärmer. Der Regen duftet nach Moos. Der Regen erzählt. — stop
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trillerpfeife
romeo : 15.42 UTC — Ich kann mich nicht erinnern, wann genau ich mit der Sammlung von Wörtern begann, die ich an dieser Stelle einmal verwendete, Wörter, die mich zu beobachten scheinen, als wären sie Lebewesen, fragende Persönlichkeiten: Bin ich an dieser Stelle richtig angekommen, kann ich mich entfalten, ist zu verstehen, was ich bedeute, was ich zu sagen wünsche? Wenn man in dieser Weise Wörter sammelt, als würde man Käferwesen fangen, kommt man aus dem Staunen nicht heraus, was alles so existiert in der Buchstabenwelt, wovon man Kenntnis zu haben meint, sagen wir Wörter wie diese: Windstille . Trillerpfeife . Trommelfell . Ameisenpanther . Lauchstange . Zungenkäfer . Staunen Sie doch mit mir, sobald Sie Zeit finden, Zapfenzungen sind HIER hinter in diesem geführten ZUGRIFF sofort zu finden. — Weiterhin Regen. Es regnet bereits so lange, dass man glauben möchte, dieser Aprilregen könnte reine Erfindung sein. — stop

going to sleep
nordpol : 0.18 UTC — Einmal, während ich einen Text über Hände und Finger notierte, beobachtete ich meine eigenen, arbeitenden Hände und Finger, wie sie die Tastatur der Maschine bedienten, ohne dass ich ihnen bewusst Anweisung erteilte. Bald konnte ich nicht weiter, deshalb machte ich eine kleine Pause und betrachtete zunächst meine linke, dann meine rechte Hand. Sie ruhten Seite an Seite auf der Tastatur der Maschine und warteten. Sie warteten darauf, dass eine Stimme in meinem Kopf diktieren würde, was aufzuschreiben ist. Ich könnte jetzt vielleicht sagen, dass meine Hände darauf warteten, mein Gedächtnis entlasten zu dürfen, weil ich alle Sätze, die ich mit meinen Händen in die Tastatur der Maschine schreibe, nie lernen, nie speichern muss, weil ich bereits vor der Niederschrift weiß, dass ich bald wiederkommen und lesen könnte, was ich notiere und notierte. Ich betrachtete also meine Hände, und weil ich sehr lange Zeit nicht weiterwusste in meinem Text, habe ich in Nathalie Sarraute’s wunderbarem Buch Kindheit gelesen. Nach einer Stunde schaltete sich mein Computer aus und ich konnte auf dem Bildschirm folgende Zeile lesen: no signal. going to sleep. — stop

von sammlern
echo : 22.01 UTC — Weil ich mich nun für 12 Monate (oder längere Zeit) mit der Beobachtung von berühmten Käfersammlern beschäftigen werde, mit Ernst Jünger, zum Beispiel, oder Carl von Linné, nach ihrem Wesen, ihren Sammlermotiven, ihrer Leidenschaft fragen, erinnerte ich mich an einen Brief, den ich vor langer Zeit einmal an Jean-Henri Fabre in der Hoffnung sendete, er würde doch irgendwie in der Lage sein, ihn wahrzunehmen. Ich notierte: Mein lieber Monsieur Fabre, an diesem wunderschönen, eiskalten Dezembertag gegen Zehn, habe ich entlang Ihrer feinen Zeichenkette die Besteigung des Mont Ventoux in Angriff genommen. Nun bin ich wieder einmal begeistert von hinreißender Landschaft, von der dünner werdenden Luft, von Ihren geliebten Wespen, die ich noch nie in meinem Leben mit eigenen Augen wahrgenommen habe. Heute Morgen sehr früh, als ich vor dem Fenster saß und meine Polarspinne beobachtete, wie sie sich freute, nach einer sehr langen Zeit im Eisfach endlich unter der freien, kalten Luft die Sterne betrachten zu können, hatte ich die Genauigkeit Ihres Sehens erinnert, die Geduld Ihrer Augen, und sofort in Ihr kleines, bedeutendes Buch von der Poesie der Insekten geschaut. Man kann das Atmen vergessen. Wie lange Zeit werden Sie wohl eine grabende Sandwespe betrachtet haben, ehe Sie einen ersten Satz formulierten? Und was, zum Teufel, hatten Sie unter der Lupe, als Nadar Sie fotografierte? — Ihr Louis, mit besten Grüßen. — stop

ein millionstel gramm wort
echo : 16.25 UTC — Ich verfüge über eine weitere, über eine 5. Schreibmaschine. Das ist so, weil ich sie mir gekauft habe. Leicht ist sie und flach. Wenn meine neue Schreibmaschine in der Hitze der Tag- oder Abendluft atmet, um sich zu kühlen, ist von ihren Atemgeräuschen selbst dann, wenn ich ein Ohr an ihr Gehäuse lege, nichts zu hören. Ich könnte sie unter meinem Hemd verbergen, weil sie so flach ist, niemand würde sie bemerken. Einmal notierte ich: Wenn das so weiter geht mit dem Leichterwerden der Schreibmaschinen, werde ich bald Schreibwerke zur Verfügung haben, die von geringerer Schwere sind als die Papiere, die ich mit ihren Zeichen fülle. — Wie viel genau wiegt eigentlich dieses elektrische Wort, das gerade vor mir auf dem Bildschirm erscheint? S i e r r a. Wie viele Male wird das Wort S i e r r a heute oder morgen auf weiteren Bildschirmen aufgerufen werden, wie lange Zeit jeweils sichtbar sein? Es ist denkbar, dass das Wort S i e r r a , das in Europa vor wenigen Minuten verzeichnet wurde, schwerer wiegt, sobald es in Australien auf einem Bildschirm erscheint, als dasselbe Wort, wenn wir es in Europa lesen, 1 Millionstel Gramm schwerer, sagen wir, um 1 Millionstel Gramm Kohle schwerer und um den Bruchteil einer Sekunde. Samstag. — stop. 12° Celsius bei wolkenlosem Himmel. stop. Wer könnte nun beweisen, dass dieser Text nicht bereits von einer Maschine geschrieben wurde, die über künstliche Intelligenz verfügt? — stop / tags: machine learning . tensorflow . text mining . natural language processing . codepath . turing test.

m a r i m b o l o
whiskey : 2.42 UTC — Wenn ich die Stadt New York erfinde oder wiederfinde, gehe ich spazieren. Ich setze mich in meiner Vorstellung auf eine Bank im Tompkins Square Park und dann laufe ich irgendwann los mit den Wörtern, notiere, was ich erinnere, es ist Frühling, heute folgte ich der Avenue A nordwärts. Aber ich bin nicht weit gekommen, da war plötzlich eine Art Loch, ich konnte mich an den Namen eines Perückenladens nicht erinnern. Gestern war der Laden in meiner Erinnerung überhaupt nicht existent, deshalb konnte ich an ihm vorbeispazieren. Und heute blieb ich dort hängen. Das ist schon sehr seltsam. — stop



