Aus der Wörtersammlung: mich

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schnee

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romeo : 20.05 UTC — Es ist spä­ter Nach­mit­tag gewor­den eines Tages nach einer lan­gen Nacht. Wie­der, ich erin­ner­te mich, liegt ein Buch Julio Llama­zares’ vor mir auf dem Schreib­tisch. Ich habe das Buch geöff­net, um nach einem zärt­li­chen Satz zu sehen, ob er noch da ist. Er geht so: Für mei­ne Mut­ter, die schon Schnee ist. Die­ser Satz ist nun auch mein Satz. – stop

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schlafende mutter

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del­ta : 22.02 UTC — Wie vie­le Tage schon sit­ze ich an Dei­nem Bett, lie­be schla­fen­de Mut­ter, Stun­de um Stun­de. Immer wie­der den­ke ich, wie schwer es doch ist, zu einem Men­schen zu spre­chen, der schläft. Ob Du mich hören kannst? Hör zu, ich wer­de Dir eine Geschich­te vor­le­sen, die ich Dir schon ein­mal las vor über einem Jahr. Einen Win­ter und einen Früh­ling und einen Som­mer lang warst Du auf­ge­wacht, um nun wie­der zu schla­fen. Ich ahne, dass Du mei­ne Stim­me hören kannst, ich habe gelernt. Erin­nerst Du Dich an mei­ne Geschich­te, die von Dei­nen Bril­len erzählt: Es war noch dun­kel im Haus. Ich hör­te ein sir­ren­des Geräusch. Das Geräusch näher­te sich, es kam über die Trep­pe abwärts her­an. Zunächst war nichts zu sehen, dann aber eine Dei­ner drei Bril­len, lie­be Mut­ter, die über zar­te Roto­ren ver­fü­gen, wel­che in der Lage sind, Bril­len­kon­struk­tio­nen durch die Luft zu bewe­gen, durch Räu­me oder den Gar­ten. Dei­ne Bril­le kam näher, durch­quer­te das Wohn­zim­mer, kreis­te ein­mal um mei­nen Kopf, lan­de­te schließ­lich sanft auf dem Ess­ti­sch in der Nähe des Stuh­les, auf dem Du, wie ich ver­geb­lich hoff­te, ein­mal wie­der Platz neh­men wür­dest. Über drei Bril­len ver­fügtest Du, lie­be Mut­ter, und jede die­ser Bril­len konn­te flie­gen. Eine Bril­le sta­tio­nier­te im Dach­ge­schoss, eine wei­te­re Bril­le im Erd­ge­schoss, die drit­te Dei­ner Bril­len, lie­be Mut­ter, zu ebe­ner Erde. Wie sie blin­kten, Dioden in gel­ber Far­be, Zei­chen, dass sie sich mit­tels unhör­ba­rer Funk­si­gna­le ori­en­tie­rten. Jetzt lie­gen sie auf dem Tisch­chen reg­los neben Dei­nem Bett, als wür­den sie schla­fen wie Du, lie­be Mut­ter. – stop
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am telefon

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nord­pol : 15.15 UTC — Merk­wür­dig: Im Notie­ren kom­men Gedan­ken und Fra­gen wie Vogel­schwär­me her­an, zunächst kommt ein Gedan­ke allein und setzt sich und war­tet und schaut mich an. Dann kommt der nächs­te Gedan­ke, der schon zu zweit ist. — In der ver­gan­ge­nen Nacht träum­te ich von mir selbst. Ich saß in einem Roll­stuhl mit vie­len wei­te­ren alten Men­schen in einem Saal groß wie der War­te­saal eines Metro­po­len­bahn­ho­fes. Immer­zu woll­te ich tele­fo­nie­ren, ein klin­geln­des Tele­fon war zwar sicht­bar, aber nicht erreich­bar. Ich hör­te mei­ne Stim­me. Sie rief: Nun rufen Sie doch end­lich Mon­sieur Proust an, haben Sie denn sei­ne Num­mer nicht! Eine jun­ge, betö­rend schö­ne Frau beug­te sich zu mir hin­un­ter. Sie sag­te: Lou­is, bit­te, es ist jetzt wirk­lich genug, wir haben den Vor­mit­tag über ver­sucht Herrn Proust zu errei­chen, er nimmt den Hörer nicht ab. Aber der Bal­zac ruft andau­ernd an, wol­len sie nicht end­lich dran gehen! — Heut Regen, nas­se Vögel über­all. — stop

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von birnen

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nord­pol : 15.01 UTC — In der chi­ne­si­schen Regi­on Sichu­an, einer hüge­li­gen Gegend, sol­len hun­der­te Men­schen auf Lei­tern in Bir­nen­bäu­me stei­gen, um sie mit­tels Enten­fe­der­bü­scheln mit Pol­len zu bestäu­ben. Das alles sei not­wen­dig gewor­den, weil weder Bie­nen noch Hum­meln exis­tie­ren, die von Pes­ti­zi­den getö­tet wor­den sei­en. Die­se Infor­ma­tio­nen habe ich einem Film ent­nom­men, des­sen Ein­zel­bil­der ich mit eige­nen Augen gese­hen habe. Ich woll­te ihn mei­ner Mut­ter zei­gen. Sie liegt seit lan­ger Zeit in einem Bett im Haus der alten Men­schen. Vor­sich­tig näher­te ich mich mit mei­ner fla­chen Bild­schirm­schreib­ma­schi­ne, aber sie woll­te ihre Augen nicht öff­nen. Des­halb erzähl­te ich ihr mei­ne Geschich­te von den mensch­li­chen Bie­nen, die in Birn­bäu­me stei­gen, und kann noch immer nicht sagen, ob sie in den Ohren mei­ner Mut­ter einen Platz fin­den konn­te. — stop

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erste fotografie

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tan­go : 15.00 UTC — Ich habe sie heu­te wie­der­ent­deckt in einer Schach­tel, die ich unter mei­nem Sofa ver­steck­te, eine Foto­grafie, die zeigt, wie ich kurz nach mei­ner Geburt ausge­sehen habe. Ich war schon geputzt, aber noch immer zer­furcht vom lan­gen War­ten unter Was­ser. Vor vie­len Jah­ren, als ich mich an die­se ers­te Foto­grafie mei­nes Lebens erin­nert hat­te, war mir bewusst gewor­den, dass eines Tages ein­mal eine wei­te­re Foto­grafie exis­tieren wird, eine Foto­grafie, die die letz­te Auf­nah­me gewe­sen sein wird, mei­ner Per­son als einer leben­den Per­son. Auch war mir bewusst gewor­den, dass das ZUR WELT KOMMEN mit Entfal­tung zu tun haben könn­te. Mein ers­ter Schat­ten. Ich wäre im Jahr mei­ner Geburt in Far­be bereits mög­lich gewe­sen. — stop

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regen

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nord­pol : 0.22 UTC — Seit 1271 Tagen bereits ver­su­che ich von einem Zim­mer zu träu­men, in dem es immer­fort reg­net. Ich mache das so, dass ich in den Minu­ten, da ich einzu­schlafen wün­sche, über­lege, wie es wäre, wenn in dem Zim­mer, in dem ich mich gera­de befin­de, Regen fal­len wür­de. Die­se Metho­de des Regen­den­kens ist lei­der bis­lang nicht sehr erfolg­reich gewe­sen. Immer wie­der schla­fe ich ein, ohne je vom Regen­zim­mer zu träu­men. Ein­mal, als ich erwach­te, hör­te ich wirk­li­chen Regen drau­ßen in den nächt­li­chen Bäu­men. Ich ging dann spa­zie­ren und dach­te dar­über nach, wie sich unse­re Menschen­welt verän­dern wür­de, wenn wir von einem Tag zum ande­ren Tag über arm­lan­ge Zun­gen der Geckos ver­füg­ten? In wel­cher Form kämen sie in einer voll besetz­ten Stra­ßen­bahn zum Ein­satz? Und wie bei der Lie­be? Und wie im Streit? Und was wür­den die­se Zun­gen wohl im Schlaf unter­nehmen? – stop

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von herzohren

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oli­mam­bo : 2.22 UTC — Ein­mal stu­dier­te ich das Wesen der Schmeck­knospen, außer­dem eine anato­mi­sche Geschich­te, die sich mit dem Wort Schmeck­knospen ver­bin­det. Der Him­mel blitz­te, ohne Don­ner, kaum Regen. Ich atme­te mit Vor­sicht, die Luft duf­te­te nach Schwe­fel. Wäh­rend ich las, bemerk­te ich, dass ich auch im Lesen sehr lang­sam gewor­den bin. Manch­mal lese ich so lang­sam, dass ich nicht Satz für Satz, son­dern Wort für Wort vor­wärts lese, jedes Wort, sagen wir, wahr­nehme, wie es ist. Wäh­rend ich insge­samt lang­samer wer­de, schei­nen vie­le Men­schen um mich her schnel­ler zu wer­den, sie lesen immer schnel­ler, und sie lie­ben immer schnel­ler, und sie schrei­ben immer schnel­ler, und ihre Schu­he fal­len ihnen vom rasen­den Gehen immer schnel­ler von den Füßen. Und Ihre Woh­nun­gen wech­seln Stadt­men­schen so rasant wie frü­her ande­re Per­so­nen ihre Zim­mer in Hotels. Ich kann nicht sagen, ob ich nicht viel­leicht schon viel zu lang­sam gewor­den bin für das moder­ne Leben. Sicher ist, ich spre­che noch immer viel zu schnell, auch für sehr schnel­le Men­schen spre­che ich viel zu schnell. Wenn ich von Herz­ohren sehr schnell erzäh­le, fällt nie­man­dem auf, dass ich von Herz­ohren erzähl­te, man glaubt, ich erzähl­te von Her­zen und ande­rer­seits von Ohren. Ein­mal wan­der­te ich sehr lang­sam von einem Zim­mer in ein ande­res. Ich beob­ach­tete mit gro­ßer Freu­de, dass ich in mei­ner Haut alles das, was not­wen­dig für das Leben sein wür­de, von dem einen Zim­mer, in dem ich aus dem Fens­ter geschaut hat­te, in das ande­re Zim­mer, in dem ich ein wei­te­res Buch lesen woll­te, mit mir genom­men hat­te, nichts blieb zurück. – stop

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satellit

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sier­ra : 15.08 UTC — Ich erzähl­te ges­tern wie­der ein­mal, dass ich mir ger­ne vor­stel­le, wie es wäre, wenn ich über ein beson­de­res Auge ver­füg­te, ein Auge näm­lich, das ich mei­nem Kopf ent­neh­men und vor mich hin auf den Tisch able­gen könn­te, ein leben­des Auge, ein Auge, mit­tels dem ich einer­seits von mei­nem Kopf aus fröh­lich in die Welt hin­aus­schau­en wür­de, ande­rer­seits ihm Frei­heit des Rau­mes gewäh­ren, ohne dass es sofort Scha­den neh­men soll­te, ein Augen­we­sen dem­zu­fol­ge, ein Augen­tier, mit einem selbst­stän­di­gen Gehirn, mit einem Magen, Blut­ge­fä­ßen, Ohren (ich bin mir nicht sicher), einem Mund und einem Ver­dau­ungs­ap­pa­rat, alles sehr klein und feinst gewirkt, eine Per­sön­lich­keit von 7.5 Gramm Gewicht, die mich ger­ne von einem Tisch her betrach­ten wür­de, die­sen Mann mit feh­len­dem Auge, was nicht wirk­lich der Fall ist, weil das Auge, das fehlt, eigent­lich anwe­send ist, aber nicht dort, wo man es erwar­tet unweit der Nase, son­dern längst auf dem Tisch. Stellt sich nun die Fra­ge, was solch ein Auge zu sich neh­men woll­te, wie man es füt­tert, was und wie viel an einem der Lebens­ta­ge eines unab­hän­gi­gen Augen­ge­schöp­fes getrun­ken wer­den soll­te, und was in etwa gesche­hen wür­de, wenn sich das Auge in ein wei­te­res Auge ver­narrt? — stop

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notiz

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nord­pol : 15.08 UTC — Neh­men wir ein­mal an, es wäre mög­lich, die Geschwin­dig­keit mei­nes Den­kens für einen Tag mei­nes Lebens zu bestim­men, etwa so, als wür­de ich die Dreh­ge­schwin­dig­keit einer Schall­platte durch das Umle­gen eines Hebels vari­ieren. Wür­de ich mich beschleu­nigen oder wür­de ich mich brem­sen? Ein Wort soll­te denk­bar sein und aus­sprech­bar. War­um? — stop

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rose No 2

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india : 22.58 UTC — In einem schat­ti­gen Laden nahe der Roo­se­velt Island Tram­way Basis­sta­ti­on West war­te­te ein­mal ein alter Mann hin­ter einem Tre­sen. Er war ver­mut­lich ame­ri­ka­ni­scher Staats­bür­ger chi­ne­si­schen Ursprungs. Als ich von dem klei­nen Park her, des­sen Lin­den­bäu­me Küh­le spen­de­ten, in den Laden trat, ver­beug­te sich der Mann, grüß­te, er kann­te mich bereits, wuss­te, dass ich mich für Schne­cken inter­es­sie­re, für Was­ser­schne­cken prä­zi­se, auch für wan­dern­de See­ane­mo­nen­bäu­me, und für Pra­li­nen, die unter der Was­ser­ober­flä­che, also im Was­ser, hübsch anzu­se­hen sind, schwe­ben­de Ver­su­chun­gen, ohne sich je von selbst auf­zu­lö­sen. An die­sem hei­ßen Som­mer­abend kamen wir sofort ins Gespräch. Ich erzähl­te dem alten Mann, ich wür­de nach einem beson­de­ren Geschenk suchen für ein Kie­men­mäd­chen namens Rose. Sie sei zehn Jah­re alt und nicht sehr glück­lich, da sie schon lan­ge Zeit den Wunsch ver­spür­te, wie ande­re Kin­der ihres Alters zur Schu­le zu gehen, leib­haf­tig am Unter­richt teil­zu­neh­men, nicht über einen Bild­schirm mit einem fer­nen Klas­sen­raum ver­bun­den. Ich glau­be, ich war genau zu dem rich­ti­gen Zeit­punkt in den Laden gekom­men, denn der alte, chi­ne­sisch wir­ken­de Mann, freu­te sich. Er mach­te einen hel­len, pfei­fen­den Ton, ver­schwand in sei­nen Maga­zi­nen, um kurz dar­auf eine Rei­he von Spiel­do­sen auf dem Tre­sen abzu­stel­len. Das waren Wal­zen- und Loch­plat­ten­spiel­do­sen mit Kur­bel­wer­ken, die der Ladung einer Feder­span­nung dien­ten. Vor einer Stun­de gelie­fert, sag­te der alte Mann, sie machen schau­er­lich schö­ne Geräu­sche im Was­ser! Man kön­ne, setz­te er hin­zu, sofern man sich in dem­sel­ben Was­ser der Spiel­do­sen befän­de, die fei­nen Stö­ße ihrer mecha­ni­schen Wer­ke über­all auf dem Kör­per spü­ren. Bald leg­te er eine der Dosen in ein Aqua­ri­um ab, in wel­chem Zwerg­see­ro­sen sie­del­ten. Kurz dar­auf fuhr ich mit der Tram nach Roo­se­velt Island rüber. Das Musik­werk, Ben­ny Good­man, das ich für Rose erstan­den hat­te, war in das Gehäu­se einer Jakobs­mu­schel ver­senkt. Die Schne­cke leb­te, wes­we­gen ich tropf­te, weil der Beu­tel, in dem ich Roses Geschenk trans­por­tier­te, über eine undich­te Stel­le ver­füg­te. Gegen Mit­ter­nacht, ich war gera­de ein­ge­schla­fen, öff­ne­te tief in mei­nem rech­ten Ohr knis­ternd eine Zwerg­see­ro­se ihre Blü­te. — stop
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