Aus der Wörtersammlung: mich

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aleppo

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gink­go : 22.15 UTC — Ich erin­ne­re mich, wie ich als Kind an Geräu­schen der Luft zu unter­schei­den ver­moch­te, ob ich einer sin­gen­den Amsel lausch­te oder einer Mei­se, einer Ler­che, einem Rot­kehl­chen. Ich hör­te, Kin­der, die in Alep­po leben oder leb­ten, sol­len in der Lage sein, sehr genau zu unter­schei­den, um wel­che Art Muni­ti­on es sich han­delt, die nachts ihre Bet­ten, ihre Lager, erschüt­ter­te, wel­che Flug­zeug­gat­tun­gen sich am Him­mel befin­den, das Kali­ber deto­nie­ren­der Gra­na­ten zu erra­ten. Sofern sie über­leb­ten, haben sie die Vögel noch zu ler­nen oder wie­der­zu­fin­den, viel­leicht in Buchen­wäl­dern. — stop

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ponge

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alpha : 20.05 UTC — Die Gegen­stän­de eines Men­schen berüh­ren: Einen Stuhl, einen Schreib­tisch, einen Füll­fe­der­hal­ter, einen Löf­fel. Ich erin­ne­re mich, in Fran­cis Ponge’s Kie­fern­wald lagen weder bota­ni­sche noch geo­gra­fi­sche Bücher. Oder einen Schal, ein Fie­ber­ther­mo­me­ter, einen Hand­schuh, ein Salz­fäss­chen, ein Buch, eine Post­kar­te, einen Kamm, einen Herz­schritt­ma­cher, eine Tee­tas­se, eine Schreib­ma­schi­ne, einen Foto­ap­pa­rat. Ein Haar — stop
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von stühlen

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nord­pol : 7.58 UTC — Im Haus der alten Men­schen sit­zen Damen an einem Tisch von früh bis spät. Ein Fern­seh­ap­pa­rat, der an der Wand hängt, flach wie ein Schol­len­fisch, spult sich durch den Tag. Die alten Damen neh­men kaum Notiz von dem Licht, das auf sie fällt. Der Ton ist aus­ge­schal­tet, der Fisch ist stumm. So sit­zen sie zeit­los, wie mir scheint, sie erin­nern sich ver­mut­lich nicht, ob ich an die­sem Tag schon an ihnen vor­über gekom­men bin, aber sie ken­nen mich, den treu­en Besu­cher, ich habe doch einen Ein­druck hin­ter­las­sen. Wenn ich mich über einen lan­gen Flur spa­zie­rend dem Raum der alten Damen nähe­re, weiß ich prä­zi­se vor­her­zu­sa­gen, wel­che der Damen auf wel­chem der Stüh­le sit­zen wird, vor dem Tisch, der drei­mal am Tag sich füllt, mit Spei­sen, auch mit Kaf­fee oder gekühl­tem Him­beer­saft. Nur wenn das Wet­ter sich Hals über Kopf ver­än­dern wird, davon erzäh­len lee­re Stüh­le, die doch von den Abwe­sen­den besetzt sind, sie war­ten oder schla­fen nachts im Halb­dun­kel, schla­fen­de Stüh­le. — stop

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vom gehör

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romeo : 0.12 UTC — Ich stel­le fest, ich habe zwei Ohren. Mit zwei Ohren schon bin ich zur Welt gekom­men. Mei­ne Ohren hör­ten dem­zu­fol­ge von der Welt, noch ehe ich ange­kom­men war. Ich hör­te von der Welt da drau­ßen, und ich hör­te, so wur­de erzählt, das Herz mei­ner Mut­ter schla­gen, das war nicht fern. — Erstaun­lich. — stop

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herzwanderung

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char­lie : 0.01 UTC — Ent­deck­te ges­tern Nach­mit­tag ein Notiz­kärt­chen, auf dem ich ein­mal vor lan­ger Zeit das Wort Herz­wan­de­rung notier­te. Ich glau­be, ich habe von die­sem Kärt­chen bereits erzählt. Ich schrieb das Wort auf das Kärt­chen, kurz nach dem ich einen jun­gen Mann in einem Prä­pa­rier­saal beob­ach­tet hat­te, wie er mit einem klei­nen rosa­far­be­nen Her­zen, das er zuvor unter Anlei­tung eines Assis­ten­ten aus dem Brust­korb einer alten Frau ope­rier­te, durch den Saal eil­te, um es unter kal­tem Was­ser zu waschen. Unmit­tel­bar hin­ter ihm war­te­te ein Kol­le­ge. Auch er hielt ein Herz in Hän­den. Die­ses Herz schien ver­gleichs­wei­se das Herz eines Rie­sen gewe­sen zu sein, und es war dun­kel, fast schwarz. Als der jun­ge Mann mit der Waschung des klei­nen rosa­far­be­nen Her­zen fer­tig gewor­den war, dreh­te er sich um. Für eini­ge Sekun­den stan­den sich die zwei Män­ner gegen­über und betrach­te­ten je das Herz­prä­pa­rat des ande­ren. — stop

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nacht wird um 8

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nord­pol : 0.05 UTC — Im Haus der alten Men­schen wird für sei­ne Bewoh­ner Nacht um 8, wenn für die Besu­cher gera­de eben­die­ses Hau­ses der Abend erst beginnt. Es war heu­te Gewit­ter­luft gewe­sen, wes­halb vie­le der alten Men­schen nicht auf­ste­hen woll­ten. Also blie­ben sie lie­gen und ver­irr­ten sich nicht. Es ist näm­lich so, dass man sich, wenn man im Haus der alten Men­schen ein Zim­mer genom­men hat, manch­mal nicht weiß, wer man ist, oder man weiß nicht, wo zu Hau­se sein könn­te, und bekommt, wenn man zu einer Schwes­ter sagt: Ich möch­te heim, zur Ant­wort: Mei­ne Lie­be, hier ist Daheim. Auf den Rücken der alten Men­schen, die nicht wis­sen, wo sie sind, steht zu lesen: Ich hei­ße so oder so, ich habe mich ver­lau­fen, ich woh­ne im Haus der alten Men­schen, bit­te brin­gen Sie mich nach Hau­se. Auf einem Tisch hier daheim steht ein Schall­plat­ten­spie­ler, der Musik macht, die ver­traut ist, auch wenn man nicht weiß, wer selbst man ist, es wird gesun­gen, es sind Lie­der der Kind­heit. Twit­ter kennt man hier nicht. — stop

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eine kurze pause

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lima : 0.08 UTC — Vor­ges­tern, am spä­ten Abend, führ­te ich ein inter­es­san­tes Twit­ter­ge­spräch. Eine Per­son, ein Herr oder eine Dame, erkun­dig­te sich auf direk­tem Kanal, ob es denn mög­lich sei, mei­nen eigent­li­chen Namen zu erfah­ren, weil er oder sie mich sehr ger­ne irgend­wann in naher Zukunft wegen Hoch­ver­rats an dem deut­schen Vol­ke ankla­gen wol­le. Ich hat­te mich kurz zuvor erkun­digt, ob er oder sie viel­leicht einen der „ver­siff­ten Neger“, die Euro­pa angeb­lich bedroh­ten, per­sön­lich ken­nen wür­de. Ich bat um etwas Geduld, ich wür­de mir Zeit neh­men, um ihre Anfra­ge zu ent­schei­den, müss­te zunächst dar­über nach­den­ken. Zeig Dich, Du Hund, schrie­ben der Mann oder die Frau. Ich ant­wor­te­te, ich, der Hund, befürch­te bei Offen­le­gung mei­nes wirk­li­chen Namens mög­li­cher­wei­se heu­te noch auf der Stra­ße vor mei­nem Haus wegen Hoch­ver­rats eli­mi­niert zu wer­den. Pau­se, fünf Minu­ten und 32 Sekun­den, dann ant­wor­te­te der Mann oder die Frau in groß­zü­gi­ger Wei­se, ich sol­le mich nicht auf­re­gen, ich kön­ne sicher sein, dass mir nichts gesche­hen wür­de. Wir kämp­fen für die Frei­heit der Mei­nung, gegen eine Dik­ta­tur, die Deutsch­land ver­nich­ten wol­le. Er oder sie frag­te sodann: Sind Dir Hans und Sophie Scholl bekannt? Es sei jetzt an der Zeit Wider­stand zu leis­ten, damit Deutsch­land nicht unter­ge­he, mutig und auf­recht. — stop

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nicht atmen

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nord­pol : 18.15 UTC — Heu­te ist ein glück­li­cher Tag. Der Wind rast ums Haus, nur noch weni­ge Stun­den Zeit, April­wind zu sein. Und die­se Blei­stif­te, die heu­te ange­kom­men sind, so spitz und hart, wie ich sie mir kaum vor­zu­stel­len trau­te. Um 17 Uhr und drei Minu­ten erreicht mich die Nach­richt der Biblio­thek, Robert Walsers Mikro­gram­me Aus dem Blei­stift­ge­biet sei­en ein­ge­trof­fen, ich könn­te sie abho­len bis 18 Uhr, also dann am Mitt­woch. Wie bin ich auf Robert Wal­ser gesto­ßen, nach lan­ger Zeit? Nun, weil ich vor weni­gen Tagen einen Mann in der Schnell­bahn beob­ach­te­te, der mit einer Lupe einen Zet­tel stu­dier­te, auf dem Schrift­zei­chen zu erken­nen waren, so klein, dass ich nicht vor­zu­stel­len wag­te, ein mensch­li­ches Wesen könn­te sie von Hand auf das Papier auf­ge­tra­gen haben. Der Mann schien sehr müde gewe­sen zu sein, und ich dach­te: Ein Mensch, der in die­ser Wei­se schreibt, schreibt lei­se, war­um? — stop
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verwandlung

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echo : 0.52 UTC — Vor weni­gen Tagen führ­te ein Gedan­ken­aus­tausch mit einer Per­son, die mir in der digi­ta­len Sphä­re begeg­ne­te, zu einer selt­sa­men Situa­ti­on. Spä­ter Abend. Ich stand in der Küche und schau­te aus dem Fens­ter und über­leg­te, ob es sein kann, dass ein Mensch, der mei­nen tat­säch­li­chen Namen nicht kennt, weil ich mit ihm unter einem Deck­na­men dis­ku­tier­te, in der Lage sein könn­te, her­aus­zu­fin­den, wer ich tat­säch­lich bin, in wel­cher Stadt ich woh­ne, in wel­cher Stra­ße noch dazu. Er hat­te mich näm­lich als Tier bezeich­net, nach­dem ich ihn gefragt hat­te, ob er denn jemals mit einem Men­schen, der in Afri­ka gebo­ren wor­den war, per­sön­lich gespro­chen habe. Er schrieb: Du Zecke, so kön­nen nur Schma­rot­zer fra­gen. Ich ant­wor­te­te, ich müs­se doch anneh­men, dass er sehr vie­le afri­ka­ni­sche Men­schen ken­ne, weil er doch andau­ernd über sie schrei­ben wür­de, dass man oder gar er per­sön­lich inzwi­schen dar­an gewöhnt sei, dass Afri­ka­ner Babys Köp­fe abschnei­den. Und schon woll­te er mich besu­chen, nicht sofort, in ein paar Tagen, viel­leicht in der kom­men­den Woche, er wür­de mir dann das Licht aus­knip­sen. Des­halb stand ich in der Küche und über­leg­te. Es war kurz nach Mit­ter­nacht. — stop

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brooklyn : february house

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nord­pol : 23.56 UTC — Weni­ge Wochen vor einer Rei­se nach New York brach ich mir den rech­ten Arm. Das ist jetzt bereits eini­ge Jah­re her, der kom­pli­zier­te Bruch ist gut ver­heilt, ich kann ohne Beschwer­den wie­der mit der Hand notie­ren. Damals aber waren mei­ne Bewe­gun­gen unge­lenk, ich schrieb wie ein Kind mit gro­ßen Buch­sta­ben. Eini­ge die­ser Zei­chen ent­deck­te ich am spä­ten Abend in Carson McCul­lers selt­sa­mer Erzäh­lung Die Bal­la­de vom trau­ri­gen Café. Auf der Sei­te 52 des Buches hat­te ich zwei Wör­ter ver­merkt: Febru­ary House. Ich erin­ner­te mich, dass ich damals den Ent­schluss fass­te, einer Spur der Dich­te­rin in New York zu fol­gen. Ich schrieb um Wochen ver­zö­gert und noch immer unter Schmer­zen: Weil ich nur sehr schwer­fäl­lig mit der Hand in mein Notiz­buch schrei­ben kann, notie­re ich wäh­rend des Lesens, indem ich in Gedan­ken wie­der­ho­le, was zu tun ist in den kom­men­den Stun­den. Nach­for­schen in der digi­ta­len Sphä­re. Wo genau, in wel­cher Stra­ße, in wel­chem Haus wohn­te Carson McCul­lers in Brook­lyn? Ist denk­bar, dass die jun­ge Dich­te­rin tat­säch­lich drei Wochen benö­tig­te, um das Sub­way-Sys­tem der Stadt New York ver­las­sen zu kön­nen? Oder such­te sie in eben­die­sem Raum der Zeit nach ihrer Woh­nung, die sie nicht wie­der fin­den konn­te, weil sie mit­tel­los und ohne genaue­re Orts­kennt­nis in einem U‑Bahnwagon zurück­ge­las­sen wor­den war. Wie vie­le Dol­lar kos­te­te eine Fla­sche Whis­key im Jahr 1934? Wie viel ein Taxi? – Wenn ich in Gedan­ken notie­re, wie­der­ho­le ich drei­fach, was ich mir zu mer­ken wün­sche. Ver­lo­re­nes, das könn­te sein, bemer­ke ich nicht. Oder nur einen Schat­ten ohne Wör­ter. — stop

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