MELDUNG. Brooklyn, 201 Columbia Heights, 7. Etage, steinernes Zimmer : Kirsche No 122 [ Marmor, Carrara : 2.11 Gramm ] vollendet. — stop
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Aus der Wörtersammlung: tage
taucher
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himalaya : 0.12 — Menschen, die telefonierend in U‑Bahnen sitzen, machen Geräusche, als funkten sie aus einer anderen Zeit herüber, als wären sie Konserve, als würde eine uralte Schallplatte abgespielt, als würden sie in einem U‑Boot langsam sinken, kreischende, knisternde, krachende Töne aus tonnenschwerer Tiefe, aus dem Inferno spielender Kraken Stimmen, die Fragmente flüstern, sodass man nur noch verdammte letzte Dinge antworten kann. Dann aber Stille. Ein weiteres Ende. Man steht herum, man weiß nichts zu tun, man öffnet die Tür, Salz stürzt die Treppe herauf, und Luft, eine Welle feuchter Luft, vom Wasser gehetzt, das bereits um die Ecke donnert. Kaum hat man einen Gedanken gefasst, ist alles geflutet, der Flur, das Bad, die Lunge. Jetzt treiben sie herein, schweben in der Küche herum, machen Zeichen und Sätze, berichten von kleinen Schreibtischkriegen, Kommandanten der Tage. — stop

schreibmaschine
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echo : 0.03 — Ein Mann. Der Mann sitzt auf einer Straßenkreuzung vor einer schweren Schreibmaschine. Langsam, Zeichen für Zeichen, notiert er einen Text, in dem er für jeden Buchstaben, den zu schreiben er sich vorgenommen hat, weit ausholt und seine Hand mit Kraft auf die Tastatur niedersausen lässt. Als ich näher komme, entdecke ich, dass der Mann eine Erzählung Herman Melvilles notiert. WAS! ruft der Mann, Sie haben von diesem Buch noch nie gehört! Na, dann kommen sie wieder in zwei Tagen und acht Minuten, dann wird alles fertig sein und sie können das Buch mitnehmen und lesen und weiterschreiben, sobald sie wach geworden sind. — stop
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yanuk : lichtmaschine
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~ : yanuk le
to : louis
subject : FROGS
date : june 1 08 8.15 p.m.
Lieber Mr. Louis, seit acht Tagen Regen. Verbrachte zuletzt sechs Stunden an den Stamm meines Baumes gefesselt, um nicht vom Sturm in die Tiefe gerissen zu werden. Gestern, sehr früh in der Morgendämmerung, dann auf Höhe 152 zurückgekehrt. Das Lager, ramponiert. Ein paar Affen, Tamarine, haben sich breit gemacht, musste kämpfen, ehe sie die Plattform räumten. Habe meine Vorräte zum Trocknen ausgebreitet, Nüsse, vorwiegend Nüsse, und ein paar Fleischkonserven sind da noch und etwas Brot, das hoffentlich nicht schimmeln wird. Bin jetzt ohne Lichtmaschine, der Sturm hat sie mit sich fortgerissen. Aber die Ameisen sind zurück, Du erinnerst Dich, träge Ameisentiere, die nach Langusten schmecken. Deshalb ohne Furcht, habe Trinkwasser im Überfluss. Werde morgen weiter zu den Fröschen sprechen. Wie seltsam, meine Stimme aus ihren Schallbeuteln zu vernehmen. So deutlich flüstern sie mir nach, als ob keine andere, als die menschliche Sprache, ihnen je zu Ohren gekommen wäre. Erstaunliche Entdeckung. Welchen Namen, frage ich Dich, soll ich ihrer Gattung geben? — Yanuk
eingefangen
20.57 UTC
1231 Zeichen

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marimba : 14.51 — t r ä n e n p ü n k t c h e n
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oe
marimba : 1.15 — Saß frühabends am See unter blühenden Akazienbäumen. Vielleicht deshalb, weil die Akazien blühn, niesen in diesen Tagen und Nächten die Schwäne und auch die Rotwangenschildkröten niesen und alle Enten. Hör sie noch aus großer Entfernung, feine, helle Luftgeräusche, während ich am Schreibtisch sitze und Kenzaburo Oe’s Roman Der Stolz der Toten beobachte, das geschlossen vor mir liegt. Gleich werde ich das Buch öffnen und seine Zeichen zählen.
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flaubert
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~ : louis
to : Mr. gustave flaubert
subject : MEMPHIS
Verehrter Mr. Flaubert, gestern, am späten Nachmittag, knisterte ein feiner Regen ans Dachfenster meines Zimmers und ich habe mich auf den Rücken gelegt und ihr ägyptisches Reisetagebuch geöffnet, eine sehr feine Arbeit, detailliert, das Abschiednehmen, ihre voraus reisenden Koffer. Während Sie gerade an Bord der Canja Memphis passierten, bin ich eingeschlafen, vielleicht weil ich müde war von einer viel zu kurzen Nacht. Als ich wieder wach wurde, knisterte der Regen noch immer gegen das Fenster, und ich erinnerte mich, ihnen erzählen zu wollen, dass ich seit vorgestern, 15 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit, Augenpaare sammle, die meine elektrische Seite besuchen. Vermutlich werden Sie mich für einen seltsamen Vogel halten, weil ich Augen paarweise zähle, ihre Existenz und woher sie kommen und welche Brillen sie tragen und die Zeit messe, die sie mit meinen Wörtern verbrachten. Gestern Abend um 22 Uhr 17 Minuten und 11 Sekunden hatte ich Besuch aus Shanghai. In großer Entfernung lurten also ein paar Augen, verweilten, kaum zu glauben, sechs Sekunden auf meinen Zeilen, dann waren sie wieder weg. Ich habe mir gedacht, dass diese hastigen Augen vielleicht meine Schriftzeichen nicht entziffern konnten, dass sie deshalb nur zwei oder drei Atemzüge lang bei mir verweilten. Ja, lieber Flaubert, das könnte sein, nein, ich hoffe, dass es so gewesen ist. Später Abend schon wieder. Werde jetzt weiter lesen in Ihrer ägyptischen Reise, während die Augenzählmaschine arbeitet, ohne dass ich mich auch nur einmal für sie bewegen müsste. Ihr Louis, mit allerbesten Grüßen.

doppelhelix
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echo : 0.01 — Eine Fotografie, die James Watson und Francis Crick vor ihrem Modell einer DNA-Doppelhelix zeigt. Der Eindruck, Watson würde einen an der Zimmerdecke lungernden Trompetenkäfer betrachten, dessen Gattung zum Zeitpunkt der Aufnahme sich bereits abzuzeichnen beginnt.
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Vielleicht sollte ich sagen, dass Trompetenkäfer rein pneumatische Arbeiter sind, während Posaunenkäfer sowohl pneumatische als auch mechanische Verfahren der Tonerzeugung in sich vereinigen. Drummer knallen elektrisch. Bassisten verfügen über einen Körper von ungewöhnlicher Länge, über ein Gehäuse, welches von feinsten Lamellenknochen ausgebildet sein wird. Gerade diese wohlklingenden Wesen werden eines Tages mit Zigarren leicht zu verwechseln sein. Das Erstaunliche an musizierenden Käferwesen ist, dass sie den Musiker sowohl als auch ein Instrument, das von Menschen erfunden wurde, mit sich führen, dass sie also symbiotische Wesen sind. — stop

sandor marai
sierra : 10.14 — Lange Zeit der Eindruck, dass in meinem Leben nur weit entfernte Wesen sterben, Wesen beispielsweise, die Madras bewohnen, Wesen ohne Nieren. Dann, von einem Tag zum anderen, endet meine Kindheit. Erinnerte mich an eine Notiz des 84-jährigen ungarischen Dichters Sandor Marai. “In der Nacht urplötzlich die Gewissheit, dass ich sterblich bin — nicht die Möglichkeit, sondern die Tatsache. Es war nicht beängstigend. — Und einige Tage später, am 31. Oktober desselben Jahres: Das Sterben beginnt damit, dass man es nicht mehr für unmöglich hält zu sterben. 84 Jahre lang habe ich es niemals für möglich gehalten, und ich hatte recht.” – Elf Uhr fünfundzwanzig in Suni, Westdarfur. — stop



