Aus der Wörtersammlung: tage

///

roman opalka

pic

tan­go : 2.15 – Eines Tages im Jah­re 1965, viel­leicht an einem Sams­tag, viel­leicht an einem Sonn­tag, ich konn­te schon lau­fen und hat­te gelernt, mir die Schu­he zu bin­den, nahm Roman Opal­ka den kleins­ten sei­ner ver­füg­ba­ren Pin­sel in die rech­te Hand und mal­te mit titan­wei­ßer Far­be das Zei­chen 1 auf eine schwarz grun­dier­te Lein­wand­flä­che. Bevor er die­se ers­te Zif­fer mal­te, foto­gra­fier­te er sich selbst. Er war gera­de 34 Jah­re alt gewor­den, und als er etwas spä­ter sei­ne Arbeit unter­brach, — er hat­te wei­te­re Zif­fern, näm­lich eine 2 und eine 3 und eine 4 auf die Lein­wand gesetzt -, foto­gra­fier­te er sich erneut. Er war nun immer noch 34 Jah­re alt, aber doch um Stun­den, um Zif­fern geal­tert. Auch am nächs­ten und am über­nächs­ten Tag, Woche um Woche, Jahr um Jahr, wur­de er älter, indem er Zif­fern mal­te, die an mathe­ma­ti­scher Grö­ße gewan­nen. Wenn eine Lein­wand, ein Detail ( 196 x 135 cm ), zu einem Ende gekom­men war in einer letz­ten Zei­le unten rechts, setz­te er fort auf einer wei­te­ren Lein­wand oben links, die indes­sen eine Licht­spur hel­ler gewor­den war, als die Grun­die­rung des Bil­des zuvor. Bald sprach er Zahl für Zahl laut­hals in die Luft, um mit sei­ner Stim­me auf einem Ton­band die Spur sei­ner Zei­chen zu doku­men­tie­ren. — In unse­rer Zeit, heu­te, ja, sagen wir HEUTE, oder nein, sagen, wir mor­gen, ja, sagen wir MORGEN, wird Roman Opal­ka mit wei­ßer Far­be auf wei­ßen Unter­grund malen, Zif­fern, die nur noch sicht­bar sind durch die Erhe­bung des Mate­ri­als auf der Ober­flä­che des Details. Der Betrach­ter, stel­le ich mir vor, muss das Bild von der Sei­te her betrach­ten, um die Zei­chen in ihren Schat­ten erken­nen zu kön­nen. — stopping

///

wordpress

pic

echo : 7.15 – Habe ich schon erzählt, dass das Licht des Tages im Zim­mer, in dem ich schla­fe, als sanf­tes, schat­ti­ges Leuch­ten erscheint, oran­ge­far­ben zur Decke hin und in der Höhe mei­nes Bet­tes in einem tie­fen Blau? — Süd­li­ches Licht. — Das Licht ita­lie­ni­scher Mit­tags­stun­den. — Halb­wegs träu­mend immer wie­der durch die Woh­nung. Ein­mal fin­de ich mich in der Küche wie­der, wie ich um 10 Uhr zu nacht­schla­fen­der Zeit Kaf­fee zube­rei­te­te. Auch heu­te ist wie­der 10 Uhr gewor­den und viel­leicht schla­fe ich in die­sem Moment tief und fest oder hof­fe, bald tief und fest zu schla­fen, wäh­rend die­ser Text von mei­nem Word­Press-Pro­gramm frei­ge­las­sen wird. — stop
ping

///

zur welt kommen

pic

oli­mam­bo : 0.01 – Eine Foto­gra­fie, die zeigt, wie ich kurz nach mei­ner Geburt aus­ge­se­hen habe. Ich war schon geputzt, aber noch immer zer­furcht vom lan­gen War­ten unter Was­ser. Als ich mir vor weni­gen Minu­ten die­se ers­te Foto­gra­fie mei­nes Lebens in Erin­ne­rung rief, ist mir bewusst gewor­den, dass eines Tages ein­mal eine wei­te­re Foto­gra­fie exis­tie­ren wird, eine Foto­gra­fie, die die letz­te Auf­nah­me gewe­sen sein wird, mei­ner Per­son als einer leben­den Per­son. Auch ist mir bewusst gewor­den, dass das ZUR WELT KOMMEN mit Ent­fal­tung zu tun haben könn­te und von Natha­lie Sar­rau­te gleich­wohl eine ers­te Foto­gra­fie exis­tiert haben muss­te in schwar­zer und in wei­ßer Far­be, eine Foto­gra­fie, die viel­leicht noch immer exis­tiert. — M e i n ers­ter Schat­ten. — Ich wäre im Jahr mei­ner Geburt in Far­be bereits mög­lich gewe­sen. — stop
ping

///

tabucchi

2

3.18 — Neh­men wir ein­mal an, es wür­de ein Zeit­raum jen­seits des uns bekann­ten Lebens­zeit­rau­mes exis­tie­ren, ein Zeit­ort, an dem wir unbe­grenzt anwe­send sein dürf­ten, ein Ort wei­ter­hin, von dem aus wir in unse­re ver­gan­ge­nen Leben schau­en und zurück füh­len könn­ten, indem wir die Fil­me geleb­ter Tage betrach­te­ten, neh­men wir also an, die­ses Kino exis­tier­te, dann soll­te ich mich bemü­hen, Gedan­ken wie Erleb­nis­se zu ver­zeich­nen, sodass sie spä­ter gleich­wohl als Fil­me zu besich­ti­gen wären. — stop

ping

///

karpfenzungen

pic

18.15 — Ich hör­te, eine U‑Bahn-Linie soll ein­mal vor lan­ger Zeit Euro­pa mit dem nord­ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nent ver­bun­den haben. Sie folg­te dem 55. Brei­ten­grad unter atlan­ti­schen Gestei­nen, nahe Bryant Park, Man­hat­tan, stieg man zu. Dann fuhr man los. Man fuhr zwei Tage und drei Näch­te, Zeit, viel Zeit, Geschich­ten zu erzäh­len. Wenn Nacht gewor­den war unter dem Mee­res­bo­den, schlief man auf Hän­ge­mat­ten gebet­tet tief und fest, war wie­der Tag gewor­den, saß man plau­dernd vor den Fens­tern zu den Stei­nen. Am letz­ten Abend der Rei­se end­lich wur­de getanzt bis spät in die Nacht. Schon mit­tel­eu­ro­päi­scher Zeit, ser­vier­te man über offe­nen Feu­ern gebra­te­ne Täub­chen. Die waren prall gefüllt mit Karp­fen­zun­gen. Dann war’s fünf und Mor­gen über Buda­pest. Metro Vörös­mar­ty tér stieg man aus und jeder ging sei­ner Wege. – Zwei Uhr fünf­und­zwan­zig in Lha­sa, Tibet. — stop

ping

///

lumumba

pic

2.27 – Das Geräusch eines Blei­stifts auf Papier. Seit ich vor eini­gen Tagen bemerk­te, dass ich nach und nach die Fer­tig­keit des Schrei­bens mit der Hand ver­lie­re, notie­re ich wie­der mit dem Blei­stift in einem Heft. – Fol­gen­des, sagen wir. Sobald ich ein Wort Zei­chen für Zei­chen lese, sobald ich das Wort in ein Geräusch ver­wan­delt habe, ver­lie­re ich sei­ne Bedeu­tung. Das Wort LUMUMBA zum Bei­spiel, warm, tief, wohl­klin­gend, leer. Alle Wör­ter, die ich nach die­sem Wort LUMUMBA erfin­de, tra­gen ein – u — in sich. Zu die­sem Zeit­punkt kann ich sagen, dass ich gegen das inten­siv wir­ken­de — u — in dem Wort LUMUMBA am Bes­ten mit einem — i — ankom­men kann. — HIBISCILLI. — Das — i -, weiß der Him­mel war­um, hat in mei­nem Kopf mit Freu­de, mit Glück zu tun. Also wei­ter mit der Musik : begai­o­ku : lidabo­bi : basi­je­bu : pom­e­be­bu : bodi­ba­be : mitusubu : cawa­ri­ba : babu­na­be : nufu­me­tu. — stop

ping

///

coco chanel

pic

1.18 — Ein­mal, in den Mona­ten der Vogel­grip­pe, kam mir bei klei­ne­ren Tur­bu­len­zen im Gang eines Flug­zeu­ges eine uralte Lady ent­ge­gen, deren Gesichts­zü­ge mich sofort an Coco Cha­nel erin­ner­ten. Sie war von zier­li­cher Gestalt, trug einen dunk­len Man­tel, sport­li­che Schu­he und mach­te Schrit­te wie ein Matro­se auf hoher See. Vor allem ihr schloh­wei­ßes Haar und ihr äußerst wil­lens­star­ker Blick sind nah geblie­ben, auch ihr hell­rot geschmink­ter Mund, der min­des­tens acht­zig Jah­re alt gewe­sen sein muss­te und doch bei­na­he wirk­te wie der Mund einer jun­gen Frau. Eines Abends, wäh­rend ich einer Nach­rich­ten­sen­dung folg­te, erin­ner­te ich mich an die­se selt­sa­me Frau, und ich stell­te mir vor, wie sie aus der drit­ten Eta­ge eines Miets­hau­ses in den Kel­ler steigt, um ein Roll­wä­gel­chen zu suchen, das sie dort — für immer — abge­stellt hat­te, nach­dem sie beim Ein­kau­fen um ein Haar gestürzt war. Es ist also frü­her Mor­gen, es ist Win­ter und noch dun­kel, als die alte Dame das Haus ver­lässt. Ich sehe sie mit vor­sich­ti­gen Schrit­ten in ihrem dunk­len Man­tel und Win­ter­stie­feln über die Stra­ße gehen. An der ers­ten Ampel biegt sie nach links ab, über­quert einen Platz, folgt einer wei­te­ren schma­len Stra­ße, jetzt ist sie vor einem Super­markt ange­kom­men. Sie stellt ihr Roll­wä­gel­chen in der Nähe der Kas­se ab, geht in die Geträn­ke­ab­tei­lung und nimmt eine Fla­sche Was­ser aus dem Regal. Sie trägt die Fla­sche zu ihrem Wägel­chen, kehrt zurück, nimmt sich die nächs­te Was­ser­fla­sche aus dem Regal und so geht das fort, bis das Wägel­chen gut gefüllt ist und ein wenig pfeift, wie es auf dem Heim­weg über die Stra­ße gezo­gen wird. — Jetzt ist die alte Frau vor der Tür ihres Hau­ses ange­kom­men. — Jetzt stellt sie das Wägel­chen neben die Trep­pe, die zur Haus­tü­re führt. — Jetzt ist sie mit einer der Fla­schen im Haus ver­schwun­den. — Zehn Minu­ten ver­ge­hen. Dann erscheint sie wie­der auf der Stra­ße. Sie hat ihren Man­tel aus­ge­zo­gen, trägt eine graue Jacke und Sport­schu­he. Kurz, für zwei oder drei Sekun­den, hält sie sich am Gelän­der der Trep­pe fest. — stop

ping

///

karusell

pic

0.24 — Ein seit lan­ger Zeit arbeits­lo­ser Mann sei in einen Wald gefah­ren, habe sich auf einen Hoch­stand für Jäger gelegt und zu Tode gehun­gert. Sein lang­sa­mes Ster­ben, so schreibt man, habe der Mann in einem Schul­heft doku­men­tiert. Er habe notiert, wie sich sein Kör­per nach und nach auf­zu­lö­sen begann, wie sei­ne Orga­ne ver­sag­ten, wie der eige­ne Tod näher rück­te. Er wünsch­te in einer letz­ten Notiz, dass sei­ne Auf­zeich­nun­gen sei­ner Toch­ter über­ge­ben wer­den. Wie ver­zwei­felt muss die­ser Mensch gewe­sen sein, um sich wie ein tod­kran­kes Tier zurück­zu­zie­hen und nach 24 Tagen zu ster­ben, wie ver­bit­tert, um die­se furcht­ba­re Gewalt sei­ner Toch­ter anzu­tun! Oder aber die­ser Mann ahn­te, dass auf dem Markt sel­te­ner Papie­re ein hoher Preis für sein fürch­ter­li­ches Doku­ment erzielt wer­den könn­te. — Eine Wert­stei­ge­rung. — Was ist gesche­hen? — stop

ping

///

rote handtasche tot

pic

20.50 — Die alte Frau mit der roten Hand­ta­sche ist tot. Wäh­rend des Tages irgend­wann muss sie im Hos­pi­tal gestor­ben sein. Jetzt, es ist ohne sie wie­der Abend gewor­den, ver­lässt ihr Fern­seh­ge­rät das Haus. Ein Hin und Her auf der Stra­ße, noch nie gese­he­ne, tief­flie­gen­de Vögel. Im Haus, vom Flur her, Kampf­ge­räu­sche, Geze­ter, Ver­wün­schun­gen, Emp­feh­lun­gen, hei­se­re Stim­men. Der Sohn ist da und der Sohn des Soh­nes, betrun­ken steht der blut­jun­ge Gei­er auf der Stra­ße her­um und regelt den Ver­kehr. Woh­nungs­auf­lö­sung. Nun, zu vor­ge­rück­ter Stun­de, hat sich mir das Wort erschlos­sen. Ein Pro­zess der Entro­pie, der Ver­wer­tung, des Ver­schwin­dens. Ich sehe die Ver­schwun­de­ne wie im Traum, eine 89-jäh­ri­ge Frau in bun­ter Klei­dung, Steh­lam­pe in der Hand, das Haus ver­las­sen. Unlängst noch war sie unter­wegs gewe­sen. Sie hat­te bereits den Gang der Hoch­see­ma­tro­sen. Manch­mal ras­te­te sie im Schat­ten der Bäu­me. Sie ging spa­zie­ren, als mel­de sie sich, Tag für Tag, bin noch am Leben. Nie­mand weiß genau, wie lan­ge sie in der Gegend, die­sem Haus, die­ser Woh­nung leb­te, sie war schon hier, als Bom­ben fie­len, und noch immer, bis ges­tern, stolz und ein­sam und zu lang­sam für die rasen­de Stadt. Jawohl, sie war stolz gewe­sen, ließ sich nicht hel­fen, nie­mand durf­te ihr Milch oder den Sand für ihre Tie­re durch das Trep­pen­haus in die Woh­nung tra­gen. Manch­mal heul­te das Fern­seh­ge­rät durch die Wand. Jetzt ist es vor­bei, jetzt wer­den Mon­teu­re und Maler kom­men. Es ist vor­bei, auch für die Kat­zen. — stop

ping

///

bratflügel

pic

17.46 — Ich ver­mag heut­zu­ta­ge, moder­ne Zei­ten, ohne wei­te­re Vor­be­rei­tung, — der Füt­te­rung, des Jagens, der Schlach­tung bei­spiels­wei­se -, eine hal­be Stun­de auf einem Fahr­rad durch die Stadt fah­ren, und wäh­rend ich so fah­re und pfei­fe und mit Kno­chen wer­fe, vor­weg­ge­bra­te­ne Flü­gel ver­zeh­ren. 10 Cent das Stück. 15 Schwin­gen. 15 Vögel. — stop
ping



ping

ping