delta : 8.02 UTC — Ich hörte im Radio heute Morgen, in Finnland soll einfach nur anwesend zu sein bereits als Kommunikation wahrgenommen werden. — Vor den Fenstern im Süden fällt Schnee. Im Haus der alten Menschen läuft ein Mädchen herum, das Gregorina heißt. Sie ist tatsächlich anwesend im Kopf einer alten Dame, sie läuft über die Flure von Zimmer zu Zimmer. Plötzlich ist Sommer geworden, in den Zimmern blühen Apfelbäume, und das kleine Mädchen, das 70 Jahre alt geworden sein muss, hüpft herum und singt, weshalb die alte Dame, die Gregorina wahrnehmen kann, und auch die Apfelbäume, voller Glück ist, weil Gregorina zu Besuch gekommen. Sie sagt: Schau, ist das nicht wunderbar, sie ist noch immer so wie damals, Gregorina. Gut, dass wir die Apfelbäume hereingeholt haben. Es ist kalt draußen, glaube ich. Komm, ich will aufstehen. — stop
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Aus der Wörtersammlung: wunder
tod in peking 7
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marimba : 0.48 UTC – Einmal, vor sechs Jahren im Winter, begegnete ich dem Fotografen und Programmierer Teddy in einem Supermarkt. Wir waren etwas verlegen gewesen, wussten in jenem Moment vor kühlen Milchflaschen stehend nicht, worüber wir sprechen sollten, weil wir wenige Tage zuvor noch ein besonders schwieriges Gespräch geführt hatten. Ich erinnere mich, von Hinrichtungsbussen erzählt zu haben, die durch China fahren sollen, von Gefängnis zu Gefängnis. Teddy sagte, er habe von diesen Bussen nichts gehört und nichts gelesen. Er war damals gerade aus Peking zurückgekommen, von einer Reise nach Tibet, präzise. Er sagte: Louis, warum erzählst Du mir diese Geschichte? Ich sagte: Nun, weil ich sie weiß! Was ich nicht ahnte zum Zeitpunkt unseres Gespräches, nun aus der zeitlichen Entfernung wie ein Ereignis für sich zu sehen, ich ahnte nicht, dass Teddy kurz darauf sterben würde. Vielleicht, wenn ich von seinem Tod gewusst hätte, hätte ich nicht von Hinrichtungsbussen erzählt, sondern eine ganz andere Geschichte, eine Geschichte, die von seinen wunderbaren Fotografien berichtet. — stop
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polarlicht
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nordpol : 0.01 — Irgendwann einmal würde ich gerne folgende Meldung notieren: Zoologischer Garten auf Grönland jenseits des Polarkreises eröffnet. Selbstverständlich wird es sich bei diesem arktischen Tierpark nicht um eine gewöhnliche Versammlung lebender Tiere handeln. Im Park dort, frei oder in Gehegen, werden vielmehr leuchtende Tiere wohnen, schimmernde, oder in allen wunderbaren Farben, die man sich auszudenken vermag, glühende Wesen, ihre Zellen nämlich werden glühen. So werden leuchtende Antilopen unter der Kuppel des Afrikahauses über künstliche Steppengräser springen, und leuchtende Menschenaffen durch das Geäst der Nachtbäume schwingen. Und da werden leuchtende Vögel sein und ebenso leuchtende Elefanten in ihren riesenhaften Volieren. Auch die Eisbären werden leuchten und die Seehunde und Robben und Schneefüchse. Es ist deshalb gut, dass in der Polarnacht immerzu Dunkel ist. Der zoologische Garten wird rund um die Uhr geöffnet sein, warum nicht! — stop

jui patel
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echo : 10.12 — Einmal erlebte ich einen älteren Herrn, den ich immer wieder erinnere, beinahe jedes Mal, sagen wir, wenn ich bewusst Fliegen beobachte. Dieser Herr nämlich nannte jede der zahlreichen Fliegen, die auf ihm selbst oder in seiner Nähe durch die Luft turnten, beim Namen. Ich hörte eine Weile zu, dann holte ich meinen Schreibblock aus der Tasche und begann die Namen der Fliegen zu notieren. Das waren wunderbare Namen, eine sehr lange Liste, Namen vermutlich, die in genau dem Moment, da sie an eine Fliege gerichtet würden, erfunden worden waren. Ich zitiere: Line Jacobsen . Nameer Burini . Jui Patel . Zollai Janos . Isabell Weber . Yvetta Cemohorsta . Alois Szeg . Bent Lauritzen . Katja Sally Innes . Vili Luksha . Abraham Vele . Magla Sellal . Sabiba Lu. — stop. Nichts weiter. — stop

schlafende
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sierra : 15.02 — Ich hörte, sobald Menschen zu schlafen beginnen, sobald sie sich in Langzeitschläfer verwandeln, verschwinden schrittweise jene Menschen aus ihrem Leben jenseits der Träume, die nur selten schlafen, nur für Stunden nachts. Oder aber die Schlaflosen kehren an die Betten der Schlafenden zurück, weil sie hier in den Schläferzimmern sitzend zur Ruhe kommen. Manchmal schlafen selbst die Ruhelosen unter ihnen an den Betten der alten Menschen ein. Wie wunderbar die Herbstbaumlampen leuchten. — stop
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ein name fern und nah
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echo : 18.55 — Im Schnellzug saß eine junge Frau. Als der Zug längere Zeit halten musste, kamen wir ins Gespräch. Die junge Frau sagte, dass sie bewundere, wie schnell ich auf meiner Schreibmaschine mit den Fingern tippen könne. Sie erwähnte, dass sie in Sri Lanka geboren worden sei, aber schon lange in Europa lebe. Tatsächlich hörte ich kaum einen Akzent in ihrer Stimme. Ich fragte sie nach ihrem Namen. Welchen ihrer Namen ich wissen wolle, erkundigte sie sich, ihren europäischen, den Namen ihres Mannes, der sich mit einem Bruchteil ihres Geburtsnamens verbunden habe, oder eben den Namen ihrer Kindheit? Mit einer scheuen Handbewegung rief sie meine kleine flache Schreibmaschine zu sich herüber, nahm sie in ihre linke Hand und begann mit ihrer rechten Hand Zeichen um Zeichen zu tippen. Sie sagte: Ich schreibe ihnen, wie ich in Sri Lanka als unverheiratete Frau gerufen wurde. Vorsichtig berührte sie mit einer Fingerspitze die Tastatur auf dem Bildschirm, es dauerte lange Zeit, ehe sie fertig geworden war. Immer wieder schien sie ihren Namen zu prüfen, ob auch alles stimmte. Kurz darauf las sie mir ihren Namen vor, ein schönes Geräusch in meinen Ohren. Dann gab sie mir meine Schreibmaschine zurück und ich buchstabierte meinerseits Folgendes vorsichtig nach: Malvala Sri Brahmana Rinnayaka Tannkoan Mydiuanselage Langt Mahehika Tannkoan Sanatonga. Es war an einem Donnerstag gewesen, gegen 18 Uhr. — stop
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schaukel
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marimba : 20.16 — Ohrenkäfer, das sind Käfer, die ohne Ausnahme in den Kronen der Ohrenbäume leben, weswegen die Existenz der Ohrenbäume von diesem Moment an äußerst wahrscheinlich geworden ist. stop. Leichter Regen. stop. Was ist nun zu tun? — stop

von kevin und liesl im zug
tango : 22.52 UTC — Ich hörte, er heiße Kevin. Er sagte, er sei ohne Dach über dem Kopf. Auch im Sommer oder im Herbst sei das Leben nicht leicht, im Sommer habe er viel Durst, im Herbst fürchte er sich vor dem Winter. Er würde gern seine Geschichte erzählen, warum er so arm geworden sei, dass er keine Wohnung habe und nichts zu essen. Wenn Kevin spricht, ist seine Stimme wunderschön anzuhören. Es ist eine Stimme, die gut singen könnte, ein Tenor vielleicht. Nur das mit Kevins Geschichte ist so eine Sache, ich höre Kevins Lebensgeschichte seit Anfang des Jahres im Morgenschnellzug zum Flughafen immer wieder. Ich sollte sagen, Kevin erzählt täglich eine andere Geschichte, er ist im Grunde ein guter Erzähler, und auch ein guter Erfinder. Im Winter erzählt er Wintergeschichten, im Sommer Sommergeschichten. Gestern wurde Kevin von einer jungen, mageren Frau begleitet. Sie war sehr schmutzig. Kevin erzählte ihr, dass ich ihm manchmal etwas Geld geben würde oder eine Brezel, auch dass ich aufschreiben würde, was er berichte. Sie setzten sich neben mich. Die junge Frau sagte: Wenn man träumt, ist man im Inneren wach und warm. Am Flughafen stiegen beide mit mir aus. Wir sprachen eine halbe Stunde. Der Bahnhof war wieder einmal undicht. Regen kam von der Decke. Das Licht war teilweise ausgefallen, an den Wänden saßen ein paar dicke Kröten. Sie schnappten mit armlangen Zungen nach Tauben, die über den Bahnsteig segelten. Ich hörte, das Knochengespenst an Kevins Seite soll Lieselotte heißen, sehr seltsam dieser Name für eine recht junge Person. Ich erfuhr, dass sie Literaturwissenschaften in London studierte, sie mag gern lesen, aber sie komme nicht dazu, weil sie das Bild ihres Vaters in sich trage, der immerzu betrunken war, ein schmerzendes Bild, das hell vor ihr leuchte. Ich weiß jetzt, Bilder eines betrunkenen Vaters zu verdunkeln, erfordert ungeheure Kraft und Ausdauer. Lieselotte kann deshalb seit einem Jahrzehnt nicht schlafen. Sie mag Kevin, der so schöne Geschichten erzählt, dass sie beide von seinen Geschichten ein wenig weiterleben können. Es ist jetzt Abend. — stop

max
charlie : 20.45 UTC — Ich habe meinen Freund Max besucht, der in München wohnt in der Briennerstraße unter dem Dach in einem Loft, das derart weiträumig ist, dass man darin Hallenfußball spielen könnte. Seine Vögel, zwei Kakadus, fliegen dort gern frei herum, sie sollen, so Max, niemals bislang irgendeinen Schaden an seinen Möbeln angerichtet haben. Das liegt vielleicht auch daran, dass Max’ Vögel möglicherweise nicht ganz echt sind, ich meine, dass sie kühle Tiere von äußerst leichtem Metall sein könnten unter dichtem Federkleid verborgen, dass sie also nur vorgeben, Vögel zu sein, während sie vielmehr Drohnen sind, die sich von Max’ Computer gesteuert durch die Wohnung bewegen, als wären sie natürliche Wesen. Ich habe beide Tiere immer nur im Flug beobachtet, nie aus nächster Nähe, denn wenn sie einmal nicht fliegen, sitzen sie in einem Käfig, der dicht unter der Decke des Raumes unerreichbar weit entfernt montiert wurde. Wunderbare Algorithmen steuern den Flug der Kakadus, auch ihre Gespräche, die sie beständig führen. Es ist spät geworden, eigentlich wollte ich eine ganz andere Geschichte erzählen, von Max’ Computer, der über eine Taste für Cappuccino verfügen soll. Diese Geschichte werde ich im nächsten Jahr erzählen. — stop

nasengeschichte
echo : 22.56 UTC — Auf meiner Nase wurde zufällig ein Haar entdeckt, ein Haar für sich, ein einzelnes Haar, kein Bewuchs in dem Sinne von Wald, aber doch eben ein Haar wie ein Baum. Kurz nachdem ich die Meldung von der Entdeckung des Haares entgegengenommen hatte, habe ich das Haar entfernt, kein Schmerz, aber Verwunderung, weil ich doch sehr lange Zeit ohne Haar auf meiner Nase lebte. Ich fragte mich, wie ich dieses Haar übersehen konnte, es soll sich um ein durchaus gut sichtbares Haar gehandelt haben, ein silbergraues Gewächs. Nun also morgens fortan der kontrollierende Blick zu meiner Nasenspitze hin. Eigentlich wollte ich eine ganz andere Geschichte erzählen an einem Tag, da die Börsenkurse stürzen, weil sich der 49. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika in einer Weise äußerte, dass man für möglich hält, er könnte Atomwaffen zünden. — stop



