Aus der Wörtersammlung: wunder

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wegen unsichtbarkeit

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lima : 0.08 — Die klei­ne M. erzähl­te, sie habe mit ihrer Mut­ter fünf Jah­re im fünf­zehn­ten Stock eines Miets­hau­ses auf Roo­se­velt Island gelebt. Dort hat­ten sie zwei Nach­barn, eine Fami­lie links, puer­to-rica­ni­scher Her­kunft, Mut­ter, Vater, drei Kin­der, – sowie eine ver­mut­lich allein­ste­hen­de Frau in der Woh­nung rechts. Wäh­rend M. und ihre Mut­ter sehr herz­li­chen Kon­takt zu den Men­schen auf der lin­ken Sei­te ihrer Woh­nung pfleg­ten, man fei­er­te sogar gemein­sa­me Fes­te, grüß­te von Bal­kon zu Bal­kon, waren sie jener Frau, deren Stim­me häu­fig schrill durch die Wand zu ihnen in die Woh­nung drang, in all den Jah­ren räum­li­cher Nähe nie per­sön­lich begeg­net. Auch auf dem Bal­kon, berich­te­te M., hät­ten sie die Per­son, die zu der schril­len Stim­me gehör­te, nie gese­hen, nur das Licht, das von der Woh­nung her kam, Licht auch, das unter der Tür hin­durch auf den Flur leuch­te­te, ein schma­ler Strei­fen, fade. Das Schild­chen, das neben der Tür zur Woh­nung ange­bracht wor­den war, behaup­te­te hin­ter der Tür lebe Lucil­la Mil­ler, ein Brief­kas­ten, der zur Woh­nung gehör­te, exis­tier­te vor dem Haus, der Brief­kas­ten wur­de von irgend­je­man­dem regel­mä­ßig geleert. Manch­mal nachts war aus der Woh­nung Streit zu hören, Mrs. Mil­lers kei­fen­de Stim­me, dann wie­der Flüs­tern, von Zeit zu Zeit auch Geräu­sche, die mög­li­cher­wei­se aus einem Fern­seh­ge­rät kamen, Schrit­te wei­ter­hin, fer­ne Schrit­te. Mrs. Mil­ler tele­fo­nier­te häu­fig und jeweils lan­ge Zeit, wäh­rend die­ser Gesprä­che schien Mrs. Mil­ler her­um­zu­lau­fen, zwei oder drei­mal hat­ten ihre Nach­barn den Ver­dacht, sie sei viel­leicht ver­reist, ein­mal woll­te man das Jau­len einer Kat­ze ver­nom­men haben. Eigent­lich war alles in Ord­nung, eigent­lich gab es kei­nen Grund zur Beun­ru­hi­gung, wenn man doch Mrs. Lucil­la Mil­ler wenigs­tes ein­mal gese­hen hät­te, einen Schat­ten, oder eine Hand, die hin­ter den ver­git­ter­ten Fens­tern einer Auf­zugs­tü­re wink­te. Dar­um, wohl haupt­säch­lich, wegen Unsicht­bar­keit, wur­de an einem eisi­gen Win­ter­tag jene geheim­nis­vol­le Woh­nung von zwei Feu­er­wehr­män­nern geöff­net. Die Woh­nung war, von zwei Laut­spre­chern abge­se­hen, auf wel­chen eine schä­bi­ge Lam­pe thron­te, voll­stän­dig leer. Die klei­ne M. sag­te, wäh­rend sie an ihrem gro­ßen Zeh dreh­te wie an einem Radio­knopf, dass sie sich sehr gewun­dert habe. Auch alle ande­ren haben sich gewun­dert, wie natür­lich auch ich, der die­se Geschich­te auf­ge­schrie­ben hat. — stop

ping

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von blüten

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india : 5.08 — In einer expe­ri­men­tel­len Abtei­lung der Aka­de­mie bil­den­der Küns­te zu Man­aus wur­de ges­tern Abend gegen 18 Uhr eine Haut­zwerg­tul­pe auf die lin­ke Schul­ter einer jun­gen Künst­le­rin ver­pflanzt. Dort­hin wur­den bereits am Sonn­tag wäh­rend einer mehr­stün­di­gen Ope­ra­ti­on wei­te­re Haut­ge­wäch­se trans­por­tiert, ein Leber­blüm­chen, eine Nacht­schat­te­ni­ris, sowie zwei Sil­ber­dis­teln, die unver­züg­lich blüh­ten. Ein Wun­der, möch­te man mei­nen. — stop

mikroskop6

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von lilli

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tan­go : 1.02 — Es ist denk­bar, dass Lil­li Tam­pe­re eine Aus­nah­me ist. Sie scheint vom frü­hen Mor­gen an bis in den spä­ten Abend hin­ein, auch wäh­rend der Nacht noch, Twit­ter­nach­rich­ten zu notie­ren. 17558 Bot­schaf­ten will sie per­sön­lich in einem Zeit­raum von 15 Mona­ten in sie­ben Spra­chen ver­fasst haben. Ich dach­te selbst­ver­ständ­lich über Zah­len, Tage, Stun­den, Minu­ten, Anschlä­ge nach, ich wun­der­te mich, ich war begeis­tert, sofort habe ich Lil­li Tam­pe­re einen Brief gesen­det. Ich habe geschrie­ben: Lie­ber red_maki, wie hei­ßen Sie wirk­lich! Ich kann nicht glau­ben, dass Sie tat­säch­lich exis­tie­ren in der Art und Wei­se, dass Sie über ein ein­zel­nes, schla­gen­des Herz ver­fü­gen, ver­mut­lich sind Sie, in Betrach­tung der unge­heu­ren Zahl der Text­nach­rich­ten, die Sie bereits gesen­det haben, ent­we­der eine Per­son, die sich aus zahl­rei­chen Per­so­nen oder Her­zen fügt, oder aber Sie sind ein Com­pu­ter! — Red_maki ant­wor­te­te umge­hend: Lie­ber Herr Lou­is, ich bin sehr begabt, ich habe klei­ne, schnel­le Hän­de, ich muss nie­mals schla­fen, ich bin kein Com­pu­ter, ich hei­ße Lil­li Tam­pe­re. Guten Mor­gen! – Ich muss das wei­ter beob­ach­ten. — stop

ping

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zwitschern

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kili­man­dscha­ro : 2.02 — Beim Ohren­arzt tre­te ich durch eine schma­le Tür in einen Saal. Vögel flie­gen her­um, sie piep­sen und pfei­fen, dass es eine wah­re Freu­de ist. Da sind Rot­kehl­chen, Sper­lin­ge, Tiger­wald­sän­ger, Sei­den­schwän­ze, Ammern, Tanga­ren, Schwanz­mei­sen, woher ich nur die­se wun­der­ba­ren Namen habe? Zwei Fin­ken lan­den auf mei­nem Kopf, sie sin­gen nicht nur, sie spre­chen, sie sagen: Sie sind zu spät, haben Sie bit­te etwas Geduld! Im Saal lie­gen zwan­zig oder drei­ßig Men­schen in Bade­wan­nen, ande­re sit­zen auf Stüh­len, tra­gen irgend­wel­che blin­ken­den Käfi­ge über dem Kopf. Grad als ich mich hei­misch füh­le, bemer­ke ich einen Korb, in dem mensch­li­che Ohren lie­gen, das war nahe der Jor­al­e­mon Street. Ich sit­ze bald auf einer Bank mit Blick auf die Upper New York Bay. Es ist frü­her Abend. Wol­ken­lo­ser Him­mel. Noch immer kann ich nicht sagen, ob ich wirk­lich wach bin. — stop
propeller

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gelb

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nord­pol : 0.12 — Wie gut, dass digi­ta­le Such­ma­schi­nen exis­tie­ren, die in der Lage sind, die­sen Ort : par­tic­les : zu durch­su­chen, sobald ich eine Fra­ge an ihn rich­te, zum Bei­spiel, wie oft ich das Wort Blau ver­wen­det habe in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ( : 53 Mal ), oder das Wort Rot ( : 35 Mal ), das Wort Oran­ge ( : 10 Mal, eher sel­ten ), auch mit dem Wort Gelb war ich spar­sam gewe­sen ( : 18 Mal ). Als ich das Wort Gelb, die Häu­fig­keit sei­nes Vor­kom­mens prüf­te, erin­ner­te ich mich an einen wun­der­ba­ren Text, Uwe John­sons Brief aus New York, in dem das Wort Gelb eine her­vor­ra­gen­de Rol­le spielt. Der Text beginnt so: Über was hier anders ist / in New York im Staat New York / weißt du es ist eine von jenen Städ­ten in die die west­ber­li­ner Zei­tungs­ver­le­ger klei­ne Klin­geln aus Por­zel­lan schi­cken an Fami­li­en denen ein Ange­hö­ri­ger umge­bracht wur­de bei dem Ver­such Ange­hö­ri­ge ande­rer Fami­li­en umzu­brin­gen / in Viet­nam das ist noch hin­ter der Tür­kei / ein Brief über was hier anders ist über einen Unter­schied / Ende der Über­schrift // Gelb, zum Bei­spiel / Gelb ist hier anders­wo / ich mei­ne die gan­ze Far­ben­fa­mi­lie / was noch gelb ist oder so nahe an Gelb wie Ocker oder Kana­ri­en­vo­gel oder über­haupt alles im Bereich zwi­schen Rot und Grün / nicht nur any of the colors nor­mal­ly seen when the por­ti­on of the phy­si­cal spec­trum of wave lengths 571,5 to 578,5 mil­li­mi­crons employ­ed as a sti­mu­lus wie Webs­ter sagt / son­dern auch was mal gelb war / Gelb ist hier anders­wo / nicht nur im Ei in den Mon­go­len in der Gelb­sucht in Schwäm­men Schmet­ter­lin­gen But­ter­blu­men / nie so viel Gelb gese­hen wie hier … / — stop. Ich habe die­sen Text in dem Buch Eine Lite­ra­ri­sche Land­kar­te ent­deckt, das von Hans Magnus Enzens­ber­ger im Jahr 1999 her­aus­ge­ge­ben wur­de. Gleich werd ich mich an mei­nen Schreib­tisch set­zen und mit Blei­stift aus­ge­rüs­tet, das Wort Gelb zu zäh­len begin­nen. — stop
ping

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pinguin

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ulys­ses : 0.08 — Nachts bei geöff­ne­tem Fens­ter: Geräu­sche eines Regen­wal­des. Sie kamen um Sekun­den in der Zeit ver­zö­gert über das Inter­net zu mir ins Zim­mer. Ich glau­be, der wil­de Regen­wald war ein perua­ni­scher Regen­wald, wun­der­ba­re Klän­ge, Vogel- und Affen­stim­men, Regen und Wind in den Blät­tern der Bäu­me. Ich dach­te, wenn doch nur jemand auf der ande­ren Sei­te der Lei­tung wahr­neh­men könn­te, wel­che Geräu­sche in einer mit­tel­eu­ro­päi­schen Woh­nung unter dem Dach eines Hau­ses im Her­zen einer gro­ßen Stadt in einer Nacht wie die­ser Nacht zu hören sind. Ich prüf­te das Mikro­fon mei­ner Schreib­ma­schi­ne. Dann stand ich auf und spiel­te aus der Kon­ser­ve: Ben­ny Good­man. Ich stell­te mir vor, wie es für einen kur­zen Moment im Wald drü­ben in Peru still wer­den wür­de, wie man lauscht auf den Bäu­men, wie sich das Orches­ter der Wald­tie­re fröh­lich neu sor­tie­ren wür­de. Es reg­ne­te, kaum war die Stra­ße vor dem Haus noch zu sehen. Auf mei­nem Fens­ter­brett kau­er­ten fünf nas­se Spat­zen, ein Rot­kehl­chen, zwei Amseln und eine Tau­be, auch sie lausch­ten. Deut­lich konn­te ich auf dem Gie­bel eines nahen Hau­ses einen Pin­gu­in erken­nen, der sich gegen den Regen­wind stemm­te. — stop

ben­ny
goodman
lets dance

ping

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von den katzenschnecken

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alpha : 4.05 — Ich will, ehe es hell wer­den wird, noch schnell von einer beson­de­ren Schne­cken­gat­tung erzäh­len, von den Kat­zen­schne­cken näm­lich. Ich geste­he, ich habe kein Tier die­ser Art mit eige­nen Augen gese­hen, aber ich habe von ihnen gehört, man erzähl­te, nein, man ver­si­cher­te, sie wür­den tat­säch­lich bereits wirk­lich exis­tie­ren. Das Beson­de­re an die­sen Mol­lus­ken­tie­ren soll sein, dass sie mensch­li­cher Schöp­fung sind, jemand muss eine gewöhn­li­che Wein­berg­schne­cke mit­tels eines spe­zi­el­len gene­ti­schen Codes so ver­edelt haben, dass sie sich sehr schnell, in etwa so schnell und hek­tisch wie grö­ße­re Amei­sen bewe­gen. Aber war­um, frag­te ich mich, soll­te man Schne­cken, die doch von Natur aus eher gemüt­li­che Per­sön­lich­kei­ten sind, beschleu­ni­gen? Man erklär­te, man habe über­legt, dass Schne­cken, wenn man sie beschleu­ni­gen wür­de, für die Augen der gemei­nen Land­kat­zen sicht­bar wer­den wür­den und somit zur Beu­te. Kat­zen wür­den fort­an aller­hand Pro­ble­me lösen, die sich für Gar­ten­be­sit­zer im Früh­ling nach und nach ent­fal­ten. Ist das nicht wun­der­bar, rasen­de Sche­cken, ein paar Hun­dert von Ihnen sol­len sich bereits in den Ber­gen auf einer streng behü­te­ten Wie­se tum­meln? Von den Kat­zen, die man vor drei Tagen ins Schne­cken­frei­luft­ge­he­ge warf, soll noch kei­ne ein­zi­ge zurück­ge­kehrt sein. — stop
ping

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mrs sini reiss

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marim­ba : 0.08 — Vor eini­ger Zeit besuch­te ich Mrs. Sini Reiss, die im 22. Stock eines Wohn­hoch­hau­ses nahe der Clark Street wohnt. Ich hör­te, sie sei hoch­be­tagt und habe ihr Apart­ment seit über zehn Jah­ren nicht ver­las­sen. Die alte Dame lese viel und schaue gern vom Bal­kon aus zu den oran­ge­far­be­nen Schif­fen hin, die zwi­schen Man­hat­tan Süd und Sta­ten Island pen­deln. Ich erkun­dig­te mich, ob ich mich mit der alten Dame unter­hal­ten müs­se. Nein, nein, ich sol­le nur ein paar Geträn­ke vor­bei­brin­gen und viel­leicht ein wenig nach dem Müll schau­en, Mrs. Reiss habe noch nie einen deut­schen Mann ken­nen­ge­lernt, nur wel­che im Fern­se­hen gese­hen, sie wer­de sicher neu­gie­rig sein, sie spre­che aber nur sehr wenig, sie wer­de also neu­gie­rig vor allem mit ihren Augen sein. Über­haupt sol­le ich mich nicht wun­dern, ich wür­de das hören, sobald ich aus dem Auf­zug stei­ge, in ihrer Woh­nung sin­gen Vögel und brül­len Affen und zetern Zika­den unent­wegt. Wenn du die Augen schließt, dann meinst du dich im Urwald zu befin­den, das ist so, weil es in den Ohren der alten Dame seit vie­len Jah­ren hef­tig rauscht und pfeift, wes­halb sie jene frem­den Stim­men in ihre Woh­nung hol­te, damit sie das Geräusch, das sich in ihren Ohren befin­det, nicht als ihr eige­nes Geräusch wahr­neh­men müs­se. Mrs. Sini Reiss tra­ge ein Wölk­chen schloh­wei­ßen Haa­res auf dem Kopf, ihr Mund sei hell­rot geschminkt, ihre Wan­gen apri­ko­sen­far­ben bepu­dert, sie tra­ge ein dun­kel­blau­es Kos­tüm, und sie lese die New York Times von der ers­ten bis zur letz­ten Sei­te Tag für Tag, sie wis­se über die Welt gut Bescheid, aber sie wol­le eigent­lich nichts hören und nicht spre­chen, son­dern nur die Zei­tung lesen und den Vögeln und Zika­den lau­schen. Genau so ist es gewe­sen. Es war ein Diens­tag. — stop
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im museum

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tan­go : 2.12 — Auf der Suche nach Tex­ten, die das Wesen der Brief­mar­ken­samm­ler beschrei­ben, ent­deck­te ich eine wun­der­vol­le Beob­ach­tung der Schrift­stel­le­rin Dubrav­ka Ugre­sic. Sie notiert: Im Ber­li­ner Zoo­lo­gi­schen Gar­ten steht neben dem Bas­sin mit einem See­ele­fan­ten eine unge­wöhn­li­che Vitri­ne. Hier lie­gen unter Glas die im Magen des See-Ele­fan­ten Roland gefun­de­nen Gegen­stän­de, nach­dem die­ser am 21. August 1961 ver­en­det war, und zwar: Ein rosa Feu­er­zeug, vier Eis­stie­le (Holz), eine Metall­bro­sche in Gestalt eines Pudels, ein Fla­schen­öff­ner, ein Damen­arm­band (Sil­ber?), eine Haar­span­ge, ein Blei­stift, eine Was­ser­pis­to­le aus Plas­tik, ein Plas­tik­mes­ser, eine Son­nen­bril­le, ein Kett­chen, eine klei­ne­re Metall­fe­der, ein Gum­mi­rei­fen, ein Spiel­zeug­fal­schirm, eine Eisen­ket­te, (ca. 40 cm lang), vier lan­ge Nägel, ein grü­nes Plas­tik­au­to, ein Metall­kamm, ein Püpp­chen, eine Bier­do­se (Pil­se­ner, 0,33 l), eine Streich­holz­schach­tel, ein Kin­der­pan­tof­fel, ein Kompaß, ein Auto­schlüs­sel, vier Mün­zen, ein Taschen­mes­ser mit Holz­griff, ein Schnul­ler, ein Bund mit Schlüs­seln (5 St.), ein Vor­hän­ge­schloß, ein Plas­tik­etui mit Näh­zeug. / aus: Das Muse­um der bedin­gungs­lo­sen Kapi­tu­la­ti­on. — stop

muscheln2

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brighton beach ave

pic

nord­pol

~ : louis
to : mrs. valen­ti­na zeiler
brook­lyn trans­la­ti­on services
23 brigh­ton beach ave,
Brooklyn
sub­ject : BRYANT PARK

Sehr geehr­te Frau Zei­ler, ich dan­ke Ihnen herz­lich für Ihre rasche Ant­wort. Ich will nun abschlie­ßend den Auf­trag ertei­len, mein unten fol­gen­des Schrei­ben in die eng­li­sche Spra­che zu über­set­zen. Ich bit­te um sorg­fäl­tigs­te Arbeit, Sie wer­den erken­nen, in die­sem Text ist von einem Rei­se­tun­nel nach Ame­ri­ka die Rede, der in mei­ner Vor­stel­lung von äußers­ter Bedeu­tung ist, ein poe­ti­scher Ent­wurf, jedes Wort scheint mir für sei­ne Ver­wirk­li­chung von hoher Bedeu­tung zu sein. Mit ver­ein­bar­ter Ver­gü­tung bin ich ein­ver­stan­den, der Betrag von 82 Dol­lar wur­de bereits ange­wie­sen. Wei­te­re Auf­trä­ge wer­de ich mit Ihnen in Kür­ze bei einem Besuch in ihrem Büro per­sön­lich bespre­chen. Darf ich an die­ser Stel­le mei­ner Ver­wun­de­rung dar­über Aus­druck geben, dass die Über­set­zung des­sel­ben Tex­tes in die chi­ne­si­sche Spra­che 122 Dol­lar kos­ten wür­de? Ich fra­ge mich, wor­in die erheb­li­che Dif­fe­renz von 40 Dol­lar begrün­det sein könn­te. Mit aller­bes­ten Grü­ßen – Ihr Louis

BRYANT PARK — 570 WÖRTER > GO /// Es hat­te Stun­den lang gereg­net, jetzt dampf­te der Boden im süd­wärts vor­rü­cken­den Nord­licht, und das Laub, das alles bedeck­te, die stei­ner­nen Bän­ke, Brun­nen und Skulp­tu­ren, die Büsche und Som­mer­stüh­le der Cafés, beweg­te sich trock­nend wie eine abge­wor­fe­ne Haut, die nicht zur Ruhe kom­men konn­te. Boule­spie­ler waren vom Him­mel gefal­len, feg­ten ihr Spiel­feld, schon war das Kli­cken der Kugeln zu hören, Schrit­te, Rufe. Wie ich so zu den Spie­lern schlen­der­te, kreuz­te eine jun­ge Frau mei­nen Weg. Sie tas­te­te sich lang­sam vor­wärts an einem wei­ßen, sehr lan­gen Stock, den ich ein­ge­hend beob­ach­te­te, rasche, den Boden abklop­fen­de Bewe­gun­gen. Als sie in mei­ne Nähe gekom­men war, viel­leicht hat­te sie das Geräusch mei­ner Schrit­te gehört, sprach sie mich an, frag­te, ob es bald wie­der reg­nen wür­de. Ich erin­ne­re mich noch gut, zunächst sehr unsi­cher gewe­sen zu sein, aber dann ging ich ein Stück an ihrer Sei­te und berich­te­te vom Okto­ber­licht, das ich so lieb­te, von den Far­ben der Blät­ter, die unter unse­ren Füßen raschel­ten. Bald saßen wir auf einer nas­sen Bank, und die jun­ge Frau erzähl­te, dass sie ein klei­nes Pro­blem haben wür­de, dass sie einen Brief erhal­ten habe, einen lang erwar­te­ten, einen ersehn­ten Brief, und dass sie die­sen Brief nicht lesen kön­ne, ein Mann mit Augen­licht hät­te ihn geschrie­ben, ob ich ihr den Brief bit­te vor­le­sen wür­de, sie sei so sehr glück­lich, die­sen Brief end­lich in Hän­den zu hal­ten. Ich öff­ne­te also den Brief, einen Luft­post­brief, aber da stan­den nur weni­ge, sehr har­te Wor­te, ein Ende in sechs Zei­len, Druck­buch­sta­ben, eine schlam­pi­ge Arbeit, rasch hin­ge­wor­fen, und obwohl ich wuss­te, dass ich etwas tat, das ich nicht tun durf­te, erzähl­te mei­ne Stim­me, die vor­gab zu lesen, eine ganz ande­re Geschich­te. Liebs­te Mar­len, hör­te ich mich sagen, liebs­te Mar­len, wie sehr ich Dich doch ver­mis­se. Konn­te so lan­ge Zeit nicht schrei­ben, weil ich Dei­ne Adres­se ver­lo­ren hat­te, aber nun schrei­be ich Dir, schrei­be Dir aus unse­rem Café am Bryant Park. Es ist gera­de Abend gewor­den in New York und sicher wirst Du schon schla­fen. Erin­nerst Du Dich an die Nacht, als wir hier in unse­rem Café Dei­nen Geburts­tag fei­er­ten? Ich erzähl­te Dir von einer klei­nen, dunk­len Stel­le hin­ter der Tape­te, die so rot ist, dass ich Dir nicht erklä­ren konn­te, was das bedeu­tet, die­ses Rot für sehen­de Men­schen? Erin­nerst Du Dich, wie Du mit Dei­nen Hän­den nach jener Stel­le such­test, wie ich Dei­ne Fin­ger führ­te, wie ich Dir erzähl­te, dass dort hin­ter der Tape­te, ein Tun­nel endet, der Euro­pa mit Ame­ri­ka ver­bin­det? Und wie Du ein Ohr an die Wand leg­test, wie Du lausch­test, erin­nerst Du Dich? Lan­ge Zeit hast Du gelauscht. Ich höre etwas, sag­test Du, und woll­test wis­sen, wie lan­ge Zeit die Stim­men wohl unter dem atlan­ti­schen Boden reis­ten, bis sie Dich errei­chen konn­ten. – An die­ser Stel­le mei­ner klei­nen Erzäh­lung unter­brach mich die jun­ge Frau. Sie hat­te ihren Kopf zur Sei­te geneigt, lächel­te mich an und flüs­ter­te, dass das eine schö­ne Geschich­te gewe­sen sei, eine tröst­li­che Geschich­te, ich soll­te den Brief ruhig behal­ten und mit ihm machen, was immer ich woll­te. Und da war nun das aus dem Boden kom­men­de Nord­licht, das Knis­tern der Blät­ter, die Stim­men der spie­len­den Men­schen. Wir gin­gen noch eine klei­ne Stre­cke neben­ein­an­der her, ohne zu spre­chen. Ich sehe gera­de ihren über das Laub tas­ten­den Stock und ein Eich­hörn­chen mit einer Nuss im Maul, das an einem Baum­stamm kau­er­te. Bei­na­he kommt es mir in die­ser Sekun­de so vor, als hät­te ich die­ses Eich­hörn­chen und sei­ne Nuss nur erfun­den. /// END

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