sierra : 22.08 UTC — Wong Kar-Wais Vögel ohne Füße, die niemals landen. Immer wieder eine wunderbare Vorstellung. Ein Bild auch in diesen Monaten, das mich berührt, da ich selbst nicht landen kann in Tagen von Sicherheit. Oder die Vorstellung der Zeppeline, die Jahrhunderte lang wie Wolken langsam um den Erdball schweben. Einmal vor Jahren zeichnete ich ein Rotkehlchen mit einem Bleistift auf ein Blatt Papier. Ich will erwähnen, dass die Zeichnung des kleinen Vogels, der von rechts her kommend über das Blatt nach links hin segelte, damals missglückte, es war das erste Rotkehlchen gewesen, das ich in meinem Leben zeichnete. Immerhin waren zwei Flügel zu erkennen gewesen und ein Körperchen in der Mitte, ein Schnabel und ein kleiner Kopf. Auch ein roter Fleck auf dem Körperchen in der Gegend des Halses war zu entdecken, weil ich nach einem roten Buntstift suchte, das dauerte recht lange, während der kleine Vogel geduldig wartete, dass ich mit wesentlicher Farbe zu ihm zurückkehren würde. — Weswegen ich ein Rotkehlchen gezeichnet habe? — Nun, ich habe diese Zeichnung angefertigt, weil ich mich fragte, ob irgendwann einmal fliegende Servermaschinen in der Gestalt der Singvögel denkbar sein werden, die in Schwärmen herumfliegen, indessen sie mittels unsichtbarer Wellen miteinander kommunizieren? Wie lange Zeit würden wir diese flüchtigen Schwarmobjekte noch als unsere Geschöpfe verstehen? Wären wir in der Lage, sie jemals wieder einzufangen? — stop
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Aus der Wörtersammlung: wunder
die fotografien meines vaters
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marimba : 14.12 UTC — Als ich noch ein Kind gewesen war, lernte ich bald das Geräusch der Fotografien kennen. Es war, zum Beispiel, an einem Samstag. Der Fotoapparat, der das Licht zu fangen vermochte, befand sich irgendwo außerhalb meines rollenden zu Hauses in den Händen meines Vaters, der die Linse auf mich richtete oder in den Himmel hinauf oder auf das lachende Gesicht meiner schönen Mutter, die den Kinderwangen schob und schaukelte. Dann, auch an jenem Samstag zum Beispiel, war bald ein wunderbares Geräusch zu hören, das ich noch immer in meinem Gehirn nachbilden kann, eine Sammlung heller trillernder, auch raschelnder Töne, ein Gleiten von einer Sekunde Dauer. Und noch einmal, ja, er lacht, sagte mein Vater, und dass ich tatsächlich lachte, würde ich einige Jahre später mit eigenen Augen sehen, vor einer Leinwand sitzend, auf die das Licht fiel, das mein Vater eingefangen hatte. Dieses Licht, das aus einem surrenden, hechelnden grauen Kasten strömte, war ein Licht, das den Staub der Luft zum Leuchten brachte, als würde es schneien in unserer kleinen Wohnung. Fotografieren war für mich zunächst ein Ton, nachdem sich auch die Vögel in den Wäldern und Parks herumdrehen wollten. — stop
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luftgang
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echo : 15.12 UTC — Einmal, abends, beginne ich Nathalie Sarrautes Kindheit zum zweiten Male zu lesen. Das Buch begleitet mich seit Jahren. Wundervoll, wie sich ihre Geschichten Lebewesen gleich von den Seiten lösen. Das Mädchen, das so lange kaut, bis alles in ihrem Mund befindliche zu Suppe geworden ist. Wie dasselbe Mädchen die Luft anhält, an einer Straßenkreuzung wartend, um dem Essiggeruch ihres Kindermädchens zu entgehen. Wie sie einen Telegrafenmast berührt, und glaubt zu sterben. Wie sie bemerkt, dass die Mutter sich nicht in sie hineinzusetzen vermochte. Wie sie der Mutter einen Löffel Staub reicht, um ein Geschwisterchen zu bekommen. — Auch ich habe heute mehrfach die Luft angehalten, um dem Atem passierender Menschen zu entgehen. — stop
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chicago
echo : 15.12 UTC — Am Ende jeden Tages eine Aufgabe notieren, die sofort nach Schlafzeit zu tun ist, zum Beispiel: Nathalie Sarrautes Kindheit lesen. Oder: 1 Particles schreiben, welches? Oder eine Romansequenz studieren: Dave Eggers Zeitoun. Ein brütend heißer Tag. Ludwig rief an, ja, der Ludwig, dieser nervöse, freundliche Mann, der seit Jahren von einer kleinen Erbschaft lebt, die ihm seine Mutter hinterließ, etwas Geld also für bescheidenes Leben, sowie ein Kabinett voll grausamer Erinnerungen. Ludwig berichtet, er habe nun 580 Masken der Schutzklasse FFP2 zur Verfügung, ein Vorrat, geliefert von der Post nach un d nach, der für viele Jahre ausreichend sein könnte, wenn man bedenkt, dass Ludwig nur ein oder zwei Male in der Woche für kurze Zeit seine Wohnung verlässt. Er trägt wunderschöne Schuhe, ich würde Ludwig sofort anhand seiner Schuhe erkennen. Auch seine Schuhe liefert die Post. Im Grunde, das ist denkbar, wurde Ludwigs Leben durch die Pandemie nur unwesentlich verändert. Das Leben draußen war bereits sehr gefährlich, als das Virus noch nicht existierte, als das Virus nur eine Idee gewesen war. Ludwigs Geld könnte an Wert verlieren, darüber haben wir nicht gesprochen, aber über den Klang der Wassersprachen. — stop

radarpuls
alpha : 2.08 UTC — Stellte mir Menschen vor, die in einer Eiswelt leben. Uralte Menschen. Ihr Herz schlägt 1 Mal Tag für Tag. Von Zeit zu Zeit werden sie wach und denken und fühlen und unterhalten sich. — Wer an Wunder glaubt, vermag leichter zu schweigen. — Satz überprüfen! — stop
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von der wally nocheinmal
echo : 20.12 UTC — Meine Lieblingstante zum Beispiel, ein wunderbares Geschöpf, das an Sonntagen immer oder an Montagen von München aus zu Besuch gekommen war. Wir nannten sie Wally. Sie hatte sehr weiche, rosige Haut und immerzu kühle Hände und war von einem Ballon Lavendelluft umhüllt. Da war Moos, ein moosgrünes Kleid, und da war ein spinnseidiges Haarnetz (Warum?), und eine rußige Stirn zur Winterzeit, und das Rascheln der Papiertüten, und Lauchgemüse, das dort herausragte, und kleine Geschenke, die sie uns Kindern mitbrachte, — Matchboxautos, Füllfederhalter, Malbücher -, und ihre Schenkel, auf denen ich turnte, der nasse, bittere Kuss, der niemals abgewendet werden konnte. Eine Brille, nicht wahr, saß locker auf ihrer Nase, ein Gestell von Holz, darin runde Gläser, die ich gern mit meinen Fingern berührte. Irgendwann einmal erzählte mir jemand, die Wally sei 1919, als Räte ihre Heimatstadt verteidigten, im Kugelhagel über die Münchener Gollierstraße gerobbt. Deshalb die Pistole in ihrer Tasche, deshalb das Feuer in ihren Augen. Seit einigen Stunden versuche ich zu erinnern, ob die alte Tante Wally mir je von der spanischen Grippe erzählte, die sie zweifellos in München erlebt haben muss. — stop

am telefon abends
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delta : 0.25 UTC — Vor langer Zeit habe ich eine lustige Geschichte erlebt. In dieser Geschichte kommen ein Mädchen vor, die Mutter des Mädchens, die meine Schwester ist, ein Telefon, ein Fotoapparat, außerdem ein Fahrrad, das pink ist und ich. Die Geschichte ereignete sich abends. Das Mädchen rief mich an. Sie sagte ihren Namen und dann erzählte sie einfach darauf los, zum Beispiel, dass sie ein Fahrrad besitze, das pinkfarben ist, und dass sie mit dem Fahrrad schon alleine herumfahren könne, ohne umzufallen, und zwar durch den Wald. Plötzlich spricht sie nicht mehr, es ist still, aber ich höre sie atmen. Ich denke noch: Vor wenigen Monaten konnte sie nicht so gut erzählen, wie rasend schnell das geht, dass sich die Wörter formieren. Das Mädchen erzählte jetzt in ganzen Sätzen, es scheint so zu sein, dass sie nun, da sie über ganze Sätze verfügen kann, endlich alle ihre Geschichten sofort erzählen möchte. Eine helle, fröhliche Stimme. Aber dann doch diese seltsame Stille am Telefon, nur ihr Atem. Ich frage: Bist Du noch dran? Hallo! Kannst Du mich hören? Aber das Mädchen antwortet nicht. Immer noch ihr Atmen. Nach einer Minute plötzlich wieder ihre Stimme. Ich erfahre, dass ihre Mutter sie gerade fotografiert, wie sie mit mir telefoniert. Ich sage: Das freut mich. Wunderbar, wir werden fotografiert, Du und ich, ich bin in dem Telefon. Wieder Stille. Eine Pause. Eine sehr kurze Pause. Sagt das Mädchen: Quatsch mit Soße. — Gestern, es war Abend, als mich ein Freund anrief. Er sagte: Du klingst sehr nah an meinem Ohr. Trägst Du eine Maske? Wir sollten einen Schritt zurücktreten! — stop
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eine uhr


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tango : 0.58 UTC — Dachte an Mutter, wie sie noch vor zwei Jahren reglos in einem Bett lag, nicht sprechen, nur schauen konnte. Im nahen Wohnzimmer, zwei Straßenzüge weit nur um die Ecke, ihre Standuhr, die schon Großmutter Abend für Abend aufgezogen haben musste. Wie Mutter, als sie noch gehen konnte, kleiner und immer kleiner wurde, stellte sie einen Schemel vor die Uhr. Und als sie noch kleiner wurde, stand sie dort auf dem Schemel, wiederum auf den Spitzen ihrer Zehen, um mit ihrem rechten Zeigefinger behutsam den Minutenzeiger einer wunderschönen, geräuschvoll tickenden Uhr zu berühren, deren Zeit mit Mutters Sturz endete. Ich erinnere mich, Abend für Abend stand die alte Frau vor ihrer Uhr, um sie zur Schlafzeit anzuhalten. Und morgens stand die alte Frau vor ihrer Uhr, um sie wieder in Bewegung zu versetzen bis zuletzt. Einmal erzählte ich Mutter, die mich indessen im Bett liegend unverwandt betrachtete, von Kiemenmenschen. Gegen Mitternacht kehrte ich ins Haus zurück. Stille. Es war Winter. Schnee lag im Garten. — stop

giraffe
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ulysses : 6.28 UTC — Ich träumte, meine Mutter würde von einer Straßenbahn überrollt worden sein. Sie hatte den schweren Unfall im Traum überlebt, aber ihr Hals war nun lang wie der Hals einer Giraffe. Weil ihr dort, wo Giraffen am Hals über erhebliche Muskelpakete verfügen, jede Stützung fehlt, wurde ein Gerüst von feinem Kirschbaumholz gezimmert, eine Röhre, durch welche zur Säuberung Wasser eingeleitet werden könnte. Getragen wird die Konstruktion von einem fahrbaren elektrischen Stuhl, den meine Mutter bewohnt, in welchem sie sitzen, aber auch zum Spazieren fahren kann. In einem weiteren Traumsegment hatte sich der Kopf meiner Mutter tatsächlich in den Kopf einer Giraffe verwandelt. Sie lebte an einem Ort weiterer Giraffenmenschen. Ich sah diese wunderbaren Wesen majestätisch durch die Parks der Umgebung streifen. Da und dort führten Leitern in die Kronen der Kastanienbäume. — stop
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vor abend zeit
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sierra : 16.08 UTC — Ehe ich meine Wohnung verließ, telefonierte ich mit K. K. sagte, er würde zurzeit sehr viel lieber zu Hause bleiben, als auf die Straße zu treten. Du bist jung, Du kannst ruhig spazieren gehen, ich bin bald neunzig, ich warte ab. K. erzählte, er habe einen großen Balkon, das sei jetzt seine Straße, mal laufe er dort oben, 5. Stock, langsam auf und ab, dann wieder beobachte er Menschen weit unten auf der Straße. Sie tragen fast alle Maske, das sei doch beruhigend, trotzdem wolle er lieber hier oben bleiben, noch genug Zeit, um später einmal unten bei den Passanten spazieren zu gehen. So wie ich auf- und abgehe oder hin und her, sagte K., könnte man mich doch ernsthaft für eine Spindel halten, die etwas webt. In den Bäumen sitzen Vögel. Die Vögel wundern sich. Wenn Du das Haus verlässt, sagte K., solltest Du eine dieser sehr dichten Masken tragen. Du musst das üben, Louis! Du solltest erst einmal sechs Stunden eine dieser speziellen Segeltaschen vor Mund und Nase spannen, probieren, ob Du das gut aushalten kannst. Geh herum, steige ein paar Treppen, probiere, ob Du ausreichend Luft bekommst. Seit zwei Stunden also trage ich eine dieser Masken, die so dicht sein sollen, dass sie Aerosole, kleinste fliegende Teilchen einzufangen vermögen. Ich höre meinem Atem zu. Ich habe den Eindruck, als hörte ich mit meiner Nase. Auch habe ich den Eindruck, dass ich vielleicht mit meinen Ohren atme, als ob unbekannte Wege der Luftzirkulation in meinem Kopf existierten. Ich muss das beobachten. Noch vier Stunden, dann gehe ich aus. — stop
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